*radio kultur              

Journal-Aktuell vom 12.12.2000

Redaktion:    Ina Beyer

Moderation:  Britta Bürger                         Manuskript: Annette Wilmes

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Neuer Trabant von Planet Tegel im Internet

 

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Für die Moderation:                    Seit zwei Jahren können sich Besucher in der Justizvollzugsanstalt Tegel per Mausklick umsehen: unter der Adresse www.planet-tegel.de verbergen sich Texte von Gefangenen, Fotos von Mauern, Stacheldraht, vergitterten Fenstern. Aber auch Zellen und Gefängnisflure können besichtigt werden. In 6 Teilanstalten sind etwa 1600 Gefangene untergebracht, ausschließlich Männer, 960 Beamte versehen hier ihren Dienst, darunter auch Frauen. Besonders wichtig für die Gefangenen, die ihre website mit Hilfe von Computerfachleuten und web-Designern selbst erstellt haben, ist der Kontakt nach draußen. Im Sommer  wurde die Leitung freigeschaltet, einmal in der Woche können die Gefangenen der Computer-Gruppe per e-mail direkt mit der Außenwelt kommunizieren. Gestern Abend wurde ein weiterer Trabant in die Umlaufbahn geschickt.

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Regie:                                                  Take: Atmo, Schlüssel, Schritte, dröhnende Musik     unter den Text ziehen

 

 

Autorin:                                                 Etwa 100 Gefangene durften gestern im Kultursaal bei der Präsentation der erweiterten webpage dabei sein, entsprechend hoch war der Geräuschpegel. Das Bild des neuen Trabanten wurde auf eine Leinwand geworfen. Ist auf dem zwei Jahre alten Planeten vor allem abgebildet, wie das Leben hinter Mauern funktioniert, geht es auf dem Trabanten auch um Innenansichten; ganz persönliche Texte von Gefangenen sind hier zu finden. „Visionen“ oder  „Bibliot(h)egel“ heißen zum Beispiel zwei Kapitelüberschriften, unter der Überschrift „Schlagseite“ wird gleich in drei Texten über Suizid nachgedacht, ein ständiges Thema im größten Männerknast Deutschlands.

Um an die Texte heranzukommen, muss sich der Besucher des Trabanten  jedoch erst durchklicken, einen sogenannten Vormelder ausfüllen, sich einen Stempel vom Vollzugsdienstleiter abholen - „ausnahmsweise genehmigt“ - und schließlich eine Passierkarte aushändigen lassen, ganz wie im richtigen Knast.

Der Planet-Besucher kennt solche Prozeduren schon, was aber ist das neue auf dem Trabanten? Der Gefangene Hans M., seit einigen Monaten in der Internet-Gruppe aktiv, gibt Auskunft:

 

Regie:                                                   Take 1

Die Seite ist interaktiv geworden, wir können sofort drauf reagieren. Der Planet-Tegel, der war bislang zwei Jahre jetzt ohne große Änderung im Netz gewesen, wir haben das auch an den einzelnen e-mails gesehen, wir hoffen jetzt natürlich auch für die Präsentation heute abend, weiterzukommen, und das world-wide-web ist jetzt gefragt und die consumer, um drauf Bezug zu nehmen.

 

 

Autorin:                                                 Interaktiv heißt, dass der Besucher im Internet direkte Kommentare zu einzelnen Texten abgeben kann. Die werden von den freien Mitarbeitern draußen bearbeitet und den Gefangenen per e-mail zugänglich gemacht. Die haben dann einmal wöchentlich die Möglichkeit, direkt - wieder per e-mail - zu antworten. Von einer Internetznutzung, wie sie die user draußen kennen, sind die Gefangenen in Tegel also noch weit entfernt. Die Gruppe hat es mit ihrer sehr interessanten webpage jedoch geschafft, ein Fenster nach draußen zu öffnen. Dieses Bild gebrauchte gestern abend Albert Eckert von der Initiative „Kunst und Knast“, die neben der Theatergruppe „Aufbruch“ und der Designer-Gruppe „Garderobe 23“ den Planeten Tegel unterstützt.

 

Regie:                                                   Take 2

Ein Fenster, das in die eine wie in die andere Richtung aber durchlässig sein sollte. Es sind Gitterstäbe dazwischen, und dieses Gitter zu durchbrechen auf die eine oder andere Art, und damit meine ich keine gewalttätige Art, damit meine ich eine künstlerische Art, diese Gitter auf diese Weise zu durchbrechen, sie zu überwinden, sie künstlerisch zu überwinden, dazu kann auch eine solche website, denke ich, beitragen, sie ist ein Fenster in eine andere Welt im besten Fall.

 

 

Autorin:                                                 Ein Fenster nach draußen, das war bisher zum Beispiel die Gefangenenzeitung „Der Lichtblick“, die seit mehr als 30 Jahren von der Anstaltsleitung unzensiert erscheint.  Eine Form der Öffentlichkeitsarbeit, die sich überlebt habe, meint Computerfachmann Jörg Heger, der die Internetgruppe als Freier Mitarbeiter betreut.

 

Regie:                                                   Take 3

Gefangenenzeitschriften richten sich an einen Adressatenkreis, der sowieso schon interessiert ist am Thema Strafvollzug. Aber die Möglichkeit er Öffentlichkeitsarbeit über eine website überrascht Leute, trifft Leute, die sich vorher überhaupt nicht mit dem Thema befasst haben oder zufällig  darein stolpern und löst Aha-Effekte aus, bei Leuten, die sich auf anderem Wege nie damit befasst hätten.

 

 

Autorin:                                                 Auch der Anstaltsleiter, der sich noch sehr skeptisch zeigte, als der Planet Tegel vor zwei Jahren auf die Umlaufbahn geschickt wurde, ist inzwischen von dem Projekt überzeugt. Klaus Lange-Lehngut:

 

Regie:                                                   Take 4

In der Tat finde ich das Projekt schon sehr, sehr wichtig und ganz interessant, weil es den Knast öffnet, neue Möglichkeiten darstellt, nicht nur für die Freizeitbeschäftigung der Gefangenen, sondern sie an das heranzuführen, was das 21. Jahrhundert bestimmen wird, nämlich virtuelle Technik, Dienstleistung, Design, weg vom Handwerk, also ich finde, das ist schon eine ganz wichtige Geschichte.

 

 

Autorin:                                                 Wichtig auch gerade vor dem Hintergrund des Gesetzes: Das Strafvollzugsgesetz setzt auf Resozialisierung der Gefangenen. Wer aber lernen soll, „künftig in sozialer Verantwortung ein Leben ohne Straftaten zu führen“ - so steht es im Gesetz -, der muss sich auch erproben können.

Deshalb denkt Anstaltsleiter Klaus Lange-Lehngut über Neuerungen in der Berufsausbildung nach. Darüber wird der Planet-Tegel mit seinem neuen Trabanten zu gegebener Zeit im Internet informieren. Auch vorher schon empfiehlt der Gefangene Hans M. den virtuellen Besuch hinter Tegeler Knastmauern:

 

Regie:                                                   Take 5

 

Genau. Unter www Punkt Planet Bindestrich Tegel Punkt de, und reinschauen lohnt sich immer.

 

Regie:                                                   Schlüsselklappern, Türknall.

 

 

 

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