WDR

Kritisches Tagebuch    

7. April 2000

 

Der Staatsrechtler Carl Schmitt starb vor 15 Jahren in Plettenberg

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Redaktion: Wolfgang Stenke                             Manuskript: Annette Wilmes

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Der Staatsrechtler Carl Schmitt, berühmt geworden in der Weimarer Zeit, wohl eher berüchtigt in der Nazi-Ära, starb heute vor 15 Jahren im  hohen Alter von fast 97 im sauerländischen Plettenberg, seiner Heimatstadt.

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Autorin:                    „Totengräber der Weimarer Republik“

                     „Kronjurist der Nazis“

Das war Carl Schmitt in den Augen seiner Feinde.

                    „Erlauchter Geist“ mit „großer Leuchtkraft“

                    „Scharfer Denker mit brillanten Formulierungen“

Das war Carl Schmitt in den Augen seiner Freunde.

Berühmt wurde Carl Schmitt Ende der 20er Jahre mit seiner Schrift „Der Begriff des Politischen“, mit der „Unterscheidung von Freund und Feind.“

Carl Schmitt, 1888 im sauerländischen Plettenberg als Sohn eines katholischen Kaufmanns geboren, genoss eine humanistische Bildung, auf die er Zeit seines Lebens großen Wert legte.

Er studierte Jura in Berlin, München, Straßburg, wurde Professor zunächst in Greifswald, dann in Bonn, später in Berlin. Ende der zwanziger Jahre war er bereits einer der führenden antirepublikanischen Staatsrechtler.

Als Reichskanzler von Papen im Juli 1932 die preußische Regierung stürzte, bestätigte Schmitt die Rechtmäßigkeit des Putsches in einem Gutachten. Mehr noch: Seine Schriften trugen während der ganzen Weimarer Zeit dazu bei, die demokratische Verfassung zu untergraben. Carl Schmitt wurde zu einem der wichtigsten ideologischen Vordenker der Nazi-Zeit. Mit seinen Notstandsdefinitionen lieferte er den Nazis die Munition, um die Weimarer Verfassung zu beseitigen. „Souverän ist, wer über den Ausnahmezustand entscheidet“ – der erste Satz in seiner „Politischen Theologie“, die 1922 in erster und 1934 in zweiter Auflage erschien, wird auch heute noch gern von autoritär denkenden Politikern zitiert.

Anfang 1933 war Carl Schmitt noch Berater des Generals Kurt von Schleicher, dem letzten Reichskanzler vor Hitler. 

Anderthalb Jahre später scheute sich Carl Schmitt nicht, die Mordtaten nach dem sogenannten Röhmputsch gutzuheißen, denen auch sein Freund Kurt von Schleicher und dessen Frau zum Opfer fielen. Den von Hitler angezettelten Akt gesetzloser Blutjustiz rechtfertigte er mit seinem vielbeachteten Aufsatz „Der Führer schützt das Recht“.

Schmitt hetzte auch offen gegen die Juden. Im Oktober 1936 organisierte er eine Fachkonferenz über „Das Judentum in Rechts- und Wirtschaftswissenschaft“.

In seinem Referat sagte er wörtlich: „Der Jude hat zu unserer geistigen Arbeit eine parasitäre, eine taktische und eine händlerische Beziehung.“

Seine antisemitischen Ausfälle werden von seinen Freunden und Bewunderern als „Sündenfall“ bezeichnet und damit erklärt, dass er sich selbst habe schützen müssen. Tatsächlich wurde er Anfang 1937 seiner Parteiämter enthoben. Er blieb aber – als Günstling Hermann Görings - Staatsrat und behielt seine Professur an der Berliner Universität. Von einer wirklichen Gefährdung kann kaum die Rede sein.

Nach dem Krieg wurde Carl Schmitt zunächst von den Russen, dann von den Amerikanern verhaftet, aber nicht angeklagt. 1947, aus der Zeugenhaft in Nürnberg entlassen, zog er sich in seine Geburtsstadt Plettenberg zurück. Sein Haus nannte er sein „San Casciano“ – so hieß auch das Exil von Machiavelli. Mit den Klassikern autoritären Staatsdenkens identifizierte er sich gern. Bis  zu seinem Tod am 7. April 1985 empfing Schmitt in seinem San Casciano Freunde und Bewunderer. Plettenberg wurde für bestimmte Intellektuelle zu einem Wallfahrtsort.

Ernst Jünger war sein Freund.  Aber auch Johannes Gross, der Philosoph Jacob Taubes und der spätere Bundesverfassungsrichter Ernst-Wolfgang Böckenförde, SPD, standen mit ihm in Kontakt. 

Selbst von radikalen Linken wurde Schmitt entdeckt. Vor allem seine Schrift „Die Theorie des Partisanen“ hatte es ihnen wohl angetan. Hansjörg Viesel, Anarchist und antiquarischer Buchhändler in Berlin, gab 1988 ein Bändchen mit „10 Briefen aus Plettenberg“  heraus, die Schmitt an ihn geschrieben hatte.  Wer mit ihm zu tun hatte, veröffentlichte das dann, wohl mit dem Zweck, auch etwas von dem Glanz des berühmten, aber umstrittenen Staatsrechtlers abzubekommen.

Zum Glück wird der Kreis derartiger Verehrer in letzter Zeit kleiner.

„Recht war für ihn primär ein Instrument von Macht, das er kalt analysierte und für Machtzwecke funktionalisierte,“ schrieb Kurt Sontheimer  aus Anlass von Schmitts Tod vor 15 Jahren und resümierte:

„Wem die liberale, das heißt, die freiheitliche Demokratie am Herzen liegt, der braucht Carl Schmitt nicht.“

 

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