*radio kultur              

Journal-Aktuell vom 12.10.2000

Redaktion:    Anne Quirin

Moderation:  Gisela Lerch                         Manuskript: Annette Wilmes

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Wilfried Rasch

Nestor der forensischen Psychiatrie

Ein Nachruf

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Für die Moderation:                   Wilfried Rasch war ein großer Wissenschaftler, 150 Veröffentlichungen tragen seinen Namen. Im vergangenen Jahr erschien die 2. Auflage seines Handbuchs „Forensische Psychiatrie“. Er wurde durch eine Festschrift geehrt: „Die Sprache des Verbrechens, Wege zu einer klinischen Kriminologie“. In der allgemeinen Öffentlichkeit wurde er durch seine Gerichtsgutachten bekannt, Jürgen Bartsch, der Kinder mordete,  sowie Andreas Baader und die Mitangeklagten der RAF waren prominente Beispiele.

Am 23. September ist Wilfried Rasch, emeritierter Professor für Forensische Psychiatrie an der Freien Universität Berlin, im Alter von 75 Jahren gestorben. Am 20. Oktober wird die „Akademische Trauerfeier“ stattfinden.

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Autorin:                                    Wenn Wilfried Rasch den Gerichtssaal betrat, begegnete einem ein Wissenschaftler von hohem Rang. Wer ihn noch nicht erlebt hatte, war überrascht, wie bescheiden der Gutachter auftrat. Er erläuterte in verständlicher Sprache, ob er einen Angeklagten für schuldunfähig hielt.

Psychisch kranke Straftäter sind nicht voll zurechnungs- und auch nicht schuldfähig, weil sie aufgrund schwerer Persönlichkeitsstörungen nicht frei in ihren Entscheidungen sind. Diese Erkenntnis ist noch nicht alt. Sie setzte sich erst allmählich durch, nachdem Wilfried Rasch Jürgen Bartsch begutachtet hatte. Jürgen Bartsch, der im Alter von 15 bis 19 Jahren fünf Jungen bestialisch ermordet hatte, wurde in erster Instanz zu fünf mal lebenslanger Freiheitsstrafe verurteilt. Nach Raschs Gutachten erhielt er eine Jugendstrafe von 10 Jahren mit anschließender Einweisung in eine Heil- und Pflegeanstalt. Das Gutachten war bahnbrechend. Die Erkenntnis, dass es für kranke Straftäter keine „gerechte“ Strafe gibt, setzte sich durch. Sie sollten angemessen untergebracht und vor allem behandelt, nicht mehr, wie bisher, einfach hinter Gitter gesperrt werden.

Wilfried Rasch hat kritische Selbstreflexion und ein offenes Ohr für die Kritik von außen immer für unentbehrlich gehalten. Im September 1993, kurz bevor er die Universität verließ, sagte er in einer Colloquiumsveranstaltung am Institut für forensische Psychiatrie, das er seit 22 Jahren als Direktor leitete:

 

Regie:                                      Take 1

Als ich hierher kam, 1971, da erschien das Buch von Tilman Moser „Repressive Kriminalpsychiatrie. Es ist ein Buch, was sich heute auch noch zu lesen lohnt, wenn es auch eine schreckliche Zitatensammlung ist aus der deutschen forensisch-psychiatrischen Literatur. Moser war in den Jahren zuvor als Korrespondent der FAZ an dem Bartsch-Prozess beteiligt gewesen und hatte da eigentlich mit Entsetzen festgestellt, was so läuft und dann sich mal mit unserer Literatur beschäftigt.  (0’34)

 

 

Autorin:                                    Und dann zitierte Rasch aus dem eigenen Haus das Beispiel eines Gutachtens, das noch unter seinem Vor- Vorgänger entstanden war und das er für völlig verfehlt hielt. Es ging um die Tötung eines Neugeborenen, sogenannte Kindstötung.

 

Regie:                                      Take 2

Wo eigentlich jeder sich bemüht, mit den Frauen mitzuempfinden, dafür hat ja auch Goethe gesorgt, dass wir da andere Perspektiven haben.

Und da heißt es nun also über die Frau, keine Geisteskrankheit, keine Bewusstseinsstörung, es geht dann weiter, bei Frau V. handelt es sich vielmehr um eine gemütlose und willensschwache, leicht schwach begabte Psychopathin ohne Mitleid, Scham, Reue, Gewissen, im Wesen kalt und mürrisch, in ihren Handlungen meist triebhaft und brutal. Ihr kennzeichnender Lebenszug sei von Kindheit an die Unverbesserlichkeit. Ihr strafbares Handeln wird als Ergebnis angeborener Veranlagung und ihrer Erziehung betrachtet. Die Frage, ob aufgrund dieser Persönlichkeitsmängel ihre Fähigkeit der Unrechtseinsicht vollständig oder erheblich gemindert gewesen sein könnte, wird mit unbedingter Sicherheit verneint, als dringend erforderliche Situation wird eine Freiheitsstrafe angesehen, durch die vielleicht eine Resozialisierung erreicht und ein späterer Rückfall vermieden wird.  (1’08)

 

 

Autorin:                                    In den gut zwanzig Jahren, in denen Wilfried Rasch das Institut für forensische Psychiatrie als Direktor leitete, wandelte sich die Art der Gutachten grundsätzlich:  Psychisch kranken Menschen wurde immer häufiger Schuldunfähigkeit zugestanden. 

Rasch ging es um eine enge Zusammenarbeit mit den Fachleuten, die mit kranken Straftätern zu tun haben: Juristen, Psychologen, Psychiater und Sozialpädagogen. Noch heute trifft sich ein derart zusammengesetzter Arbeitskreis, den er einst angeregt hatte, regelmäßig.

In Wilfried Rasch waren der Praktiker und der Wissenschaftler vereint.

Vor allem Strafverteidiger, die mit ihm zu tun hatten, hoben immer wieder hervor, dass er einer der wenigen war, der den Tätern mit ihrer schrecklichen Schuld zuhören konnte, oft stundenlang, hinter Gittern. Die Angeklagten hatten sich bei Rasch vielleicht zum ersten Mal in ihrem Leben wirklich gehört und mitunter sogar verstanden gefühlt.

Vielleicht hat Raschs Verständnis für den Verbrecher als Menschen auch etwas mit Erfahrungen aus seiner Kindheit zu tun: er war im alten Polizeipräsidium am Berliner Alexanderplatz aufgewachsen, wo sein Vater eine Jugendhilfsstelle  leitete. Jeden Tag, auf dem  Weg zu Schule, musste er über den Gefängnishof laufen, wo er den Jugendlichen, die mit dem Gesetz in Konflikt geraten waren, begegnete.

Die Angeklagten, die er später begutachtete, waren ihm für sein Engagement dankbar.

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