*radio kultur              

Journal-Aktuell vom 11.12.1998

Redaktion:    Steffen Brück

Moderation:   Britta Bürger                                      Manuskript: Annette Wilmes

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Ausbruch ins Internet

Die erste web-site von Gefangenen wird heute ins world wide web gestellt

http://www.planet-tegel.de

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Regie:                    Take 1  (bitte unter den Text ziehen)

Lautes Türschließen, laute Atmo,

 

 

Autorin:                    Die Pforte zum Knast hat sich geöffnet, wir befinden uns hinter den Mauern von Tegel, in Deutschlands größtem Gefängnis. 1600 Gefangene leben hier, 960 Beamte arbeiten in sechs Teilanstalten. Der Besucher kann sich einweisen lassen und dieselbe Prozedur mitmachen wie ein Gefangener. Die meisten Wege per Mausklick sind jedoch ohne Ton, auch die Gerüche fehlen. Der virtuelle Rundgang ersetzt nicht den wirklichen Knastbesuch. Dennoch sind die sechs Gefangenen, die seit Monaten am Projekt Planet Tegel arbeiten, glücklich über das neue Medium. Fred F.

 

Regie:                    Take 2

Dadurch wird Gefangenen hier in der JVA-Tegel die Möglichkeit gegeben, sich selber darzustellen, was man hier fühlt, was man hier denkt, und da ist man eben nicht mehr nur ‘ne Nummer, die auf dem Papier besteht, oder ein Straftäter, der in der Statistik untergeht.

 

 

Autorin:                    Und der Gefangene Dittmar G. : 

 

Regie:                    Take 3

Das betrifft eigentlich die ganze Palette des Lebens hier in Tegel. Das spiegelt sich wider im täglichen Tagesablauf, die Wiedergabe des Tagesablaufes, geht dann weiter über feste Regeln, die hier verankert sind, und persönliche Erlebnisse werden reflektiert, dann werden Sachen beschrieben, die für das Leben in Tegel wichtig sind, wie zum Beispiel telefonieren, Besuch, Einkauf, etcetera.

 

 

Autorin:                    Gedichte, Aufsätze, viel Lesestoff im Planeten Tegel. Auch historisches wird verbreitet, schließlich ist die Anstalt gerade 100 Jahre alt geworden, und immer wieder der Gefängnisalltag. Fred F.:

 

Regie:                    Take 4

Da sind auch Bilder, wir haben auch Tongeräusche aufnehmen lassen hier, von der JVA Tegel, das heißt, Einschlußgeräusche, dann das Rufzeichen, womit hier bestimmte Sachen klar gemacht werden, Freistunden-Ende, in die Zellen zurückkehren, zum Arbeiten ausrücken. Da sind dann Laufschriften. Dann haben wir ein Memory-Spiel entwickelt, was da reingestellt wurde, es wurde ein Lexikon entwickelt, um da auch den eigenen Wortschatz, der hier in der JVA-Tegel herrscht, darzustellen, das ist ja eine Subkultur, die auch ihre eigene Sprache entwickelt hat.

 

 

Autorin:                    Die Gefangenen haben die webSite zwar selbst erstellt; ohne professionelle Hilfe von draußen hätten sie das jedoch nicht geschafft, schließlich ist keiner von ihnen ein Computer-Fachmann. Der Internet-Designer Michael Henning hat das ganze Projekt initiiert. Mit Unterstützung der Theater-Gruppe Aufbruch und des Vereins „Kunst & Knast e.V.“ ist es verwirklicht worden. Und natürlich mit der Erlaubnis des Anstaltsleiters, Klaus Lange-Lehngut:

 

Regie:                    Take 5

Skeptisch und vorsichtig, wie ich nun mal bin, habe ich nun allerdings dafür gesorgt, daß die Gefangenen keinen Zugang zum Internet bekommen, also das wird alles offline gemacht und dann nur draußen ins Internet gegeben, weil natürlich Mißbrauchsgefahr ansonsten vorhanden wäre.

 

 

Autorin:                    Die Befürchtungen resultierten vermutlich aus der Unkenntnis des Anstaltsleiters, meint Computer-Fachmann Jörg Heger, der als Freier Mitarbeiter die Projektgruppe betreut.

 

Regie:                    Take 6

Wir gehen einen Schritt und zeigen, es geht, und der Anstaltsleiter wird das nachvollziehen, er wird möglicherweise unter Konkurrenzdruck dann seine eigene WebSite entwickeln lassen, und dann in der eigenen WebSite Erfahrungen sammeln, seine Mitarbeiter werden ihm zeigen, das ist so und so möglich, und in spätestens 12 Monaten verhandeln wir über eine online-Anbindung neu.

 

 

Autorin:                    Mit zeitlicher Verzögerung ist die direkte Kommunikation mit den Gefangenen per e-mail auch jetzt schon möglich. Die Briefe werden auf  Disketten abgespeichert und zwischen drinnen und draußen hin und her transportiert.

Jetzt darf man nur noch gespannt darauf sein, ob die webSite wirklich eine neugierige Öffentlichkeit findet. Anstaltsleiter Klaus Lange-Lehngut:

 

Regie:                    Take 7

Das finde ich auch mal interessant, wenn dann eine web-site von Tegel als Projekt vorhanden ist, und man, was ja auch ein riesiges Bedürfnis sein wird wahrscheinlich, wenn man in Sydney am Strand liegt, dann was über die Anstalt in Tegel und seine Probleme erfahren will.

 

 

Autorin:                    Noch sind die Texte ausschließlich in deutscher Sprache ins Internet gestellt, Besuche aus Sydney dürften daher vorerst selten sein. Aber ob aus Kalifornien oder Brandenburg, jeder Besucher wird erleichtert sein, daß er draußen ist, wenn sich das Gefängnistor schließt. Genauso wie im richtigen Leben.

 

Regie:                    Take 8

Türenschließen, Knall.

 

 

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