*radio kultur              

Journal-Aktuell vom 15. Juni 2000

Redaktion:    Heike Kalnbach

Moderation:  Claudia Henne                      Manuskript: Annette Wilmes

-------------------------------------------------------------------------------------------------------------

Erfolgreiche Unternehmer in Ostdeutschland

Podiumsdiskussion im Konferenzsaal der

Friedrich-Ebert-Stiftung

-------------------------------------------------------------------------------------------------------------

 

Für die Moderation:           In Ostdeutschland stand nur Schrott herum, den man am besten schnell wegräumen sollte. So wurde über den wirtschaftlichen Standort in den neuen Bundesländern geredet. Das Urteil über die Menschen fiel oft ähnlich aus. Die Diskussion gestern Abend sollte mit Vorurteilen aufräumen und zeigen, dass trotz allem etwas heranwächst, das zur Kenntnis genommen werden soll, das ermutigt und auch profitabel ist.

Die Teilnehmer vertreten eher kleinere und mittlere Firmen. Alle schreiben schwarze Zahlen.

 

 

Autorin:                                    Da ist zum Beispiel die Rotkäppchen Sektkellerei, zu DDR-Zeiten mit dem Etikett versehen „25 Jahre Betrieb der ausgezeichneten Qualitätsarbeit“. Nach der Wende sah es ganz schlecht aus, statt 14 Millionen wurden nur noch 3 Millionen Flaschen umgesetzt, im Westen kaum eine. Die Firma wollte keiner haben, die Privatisierung schlug fehl. Da sprang die Treuhand-Gesellschaft ein, der Betrieb bekam eine Chance, nahm sie wahr und die Betriebsleitung konnte die Sektkellerei nach einiger Zeit selbst kaufen, heute hat Rotkäppchen wieder einen Namen auf dem Markt. Das hört sich nicht nach Ausverkauf, Kahlschlag oder Plattmachen an, sondern eher wie ein Märchen.

Der aus Frankfurt am Main stammende Bernd F. Lunkewitz, der den renommmierten Aufbau-Verlag kaufte, kann die positiven Erfahrungen mit der Treuhand nicht teilen:

 

Regie:                                      Take 1

Beim Aufbau Verlag war es so, dass der wesentliche Vermögenswert des Verlages, nämlich das Grundstück in der französischen Straße vom Aufbau-Verlag mit 8 Millionen herausgekauft wurde, das waren zufällig die Schulden, die der Verlag bei der Treuhand hatte, und dann für über 30 Millionen weiter verkauft wurde, ds heißt, die Treuhandanstalt hat hier ein Vermögen von  22 Mio aus dem Verlag herausgenommen mit diesem Trick, das haben sie bei anderen Verlagen genauso gemacht, z.B.  bei Volk und Welt, großes Grundstück in der Glinka-Str, dort hat man das Unternehmen aufgespalten in eine Verlags-GmbH, und Grundstücks gmbh bhaltn, so wurde aus dem reicheren der etwas ärmere, es hat nicht nur Käufer gegeben, die Unternehmen ausgeplündet haben, sondern es hat auch die Treuhandanstalt gegeben, die das systematisch und gründlich leider Gottes gemacht hat. (0,57)

 

 

Autorin:                                      Dass der Aufbau-Verlag heute ein florierendesUnternehmen ist, liegt vor allem daran, dass der westdeutsche Lunkewitz, lange vor der Wende schwer reich geworden durch Immobiliengeschäfte, selbst genug Geld  hatte, um den  Verlag wieder in Schwung zu bringen. Allerdings hätte er es nicht geschafft ohne die hervorragende Arbeit der Lektoren und Autoren. 

 

Der einzige wirkliche selfmade-man ist der KFZ-Schlosser und Finanzkaufmann Ingolf Ritsch, der als ehemaliger Brandschutzbeauftragter eine Marktlücke für Bohr-und Schneidetechnik entdeckt hat. Aber ganz allein hat auch er es nicht zum erfolgreichen Unternehmer  gebracht:

 

Regie:                                      Take 2

Da ich aus der Feuerwehr komme habe ich selbstverständlich viele Kontakte unter den Kameraden, einer hilft dem anderen, ehemalige Mitarbeiter heute meine Angestellten, meine ehemalige Chefin meine gute Seele des Geschäfts, Buchhalterin, ehemalige Berufsoffiziere in Strausberg, ist ja kein Geheimnis, 90 Prozent war ja von der Armee, die selbstverständlich Disziplin und Ordnung haben, und im Unternehmen haben wir 60 prozent Hoch- und Fachschulkader, das schweißt zusammen, gleiche Bildung, gleiche Qualifikationen, gleiche Identitäten, Erfahrung.   (0,44)

 

 

Autorin:                                    Also auch im Neuen noch im Alten verhaftet? Hansjürgen Nelde von der Berlin-Chemie sieht das für sich und seine Firma ganz anders:

 

Regie:                                      Take 4

Sie dürfen nicht denken, dass es heute genauso ist, wie es damals war, es ist ganz anders. Warum soll es schlechter sein? Arbeitskräfte: der einzige Unterschied, dass die Westler um 9 kommen und um 6 gehen, die ostler um 7 und gehen und vier, .. aber sie arbeiten acht Stunden, Stimmung ganz anders, nicht mehr das  sozialistische Kollektiv, das war schön, trotzdem Bier trinken.

 

 

Autorin:                                    Bernd Lunkewitz trinkt lieber Rotwein, auch zum Thema sozialistisches Kollektiv kann er keine Erfahrungen beisteuern. 

 

Regie:                                      Take 4

Die Chance der Wende war für mich ganz persönlich,d ass ich so einen wunderbaren Verlag kauen konnte, mit so wunderbaren Dichtern, Seghers, Strittmatter, Christa Wolf, Brecht, bin den Ostdeutschen ewig dankbar für, zurückzahlen, dass ich gutmachen werde, die Dichter und Autoren, die hier groß geworden sind, auch weiter in unserem Programm pflegen werde.

 

 

Autorin:                                    Wie werde ich erfolgreicher Unternehmer in  Ostdeutschland? Wer sich eine Antwort oder gar ein Patentrezept auf diese Frage erhofft hatte, wurde gestern abend enttäuscht. Die Diskussion erweckte den Eindruck, dass die, die schon damals erfolgreich waren, auch heute am ehesten in der Lage sind, sich zu helfen. Ohne Eigeninitiative und eine große Portion Glück hätten aber auch sie es nicht geschafft.

 

***