„Cyber Weiber“

Louise Michel  für Bad Women Kalender 2001                  von Annette Wilmes

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Schon als Kind schickte Louise Michel ihre Gedichte an den berühmten Dichter Victor Hugo, den sie sehr verehrte.  „Ich bin die weiße Taube aus dem schwarzen Gewölbe.“ Ihre Verse seien so zart, wie ihr Alter, schrieb der Meister zurück.

Die Gedichte, die sie ihm später aus Paris ins Exil schickte, rochen nach Pulver. „Hört ihr den Donner der Kanonen? Zurück, wer schwankt!“

Louise Michel , 1830 geboren und  aufgewachsen in einem schlossartigen aber halb verfallenen Haus ihrer Großeltern in Vroncourt, Haute-Marne, liest schon als 6jährige Corneille, Molière und Hugo, spielt Klavier, schreibt Gedichte und Geschichten. Nach dem Tod der Großeltern lebt sie mit ihrer  Mutter zusammen und wird Lehrerin. In den 50er Jahren geht sie nach Paris und unterrichtet als Aushilfslehrerin. Obwohl sie sehr viel arbeitet und nur sehr wenig verdient, findet sie Zeit für die Armen und Kranken. In den 60er Jahren fängt sie an, sich für das „Frauenrecht“ (Droits des Femmes) einzusetzen. Sie geht immer häufiger auf Versammlungen der Internationale und entwickelt sich zu einer radikalen Gegnerin des Kaisers, schreibt Gedichte gegen den „Tyrannen“ Bonaparte und für die Republik.

Im Juli 1870 hat Napoleon III. Preußen den Krieg erklärt, am 2. September nach der Niederlage bei Sedan gerät er in Gefangenschaft. Das Kaiserreich bricht zusammen. Paris kapituliert Ende Januar 1871. Es kommt zum Aufstand der Pariser Nationalgarde gegen die Regierung Thiers. Der Zentralrat der Nationalgarden hält Wahlen ab, das ist der Beginn der Pariser Kommune: ein Stadtparlament, das demokratisch-egalitäre und sozialistische Ideen vertritt. Die Regierungstruppen dringen in Paris ein, nach harten Kämpfen unterliegt die Kommune. Während der „blutigen Woche“ Ende Mai 1871 sterben etwa 20.000 Menschen.

Louise Michel ist mit auf den Barrikaden und in den Schützengräben. Sie hat sich bewaffnet und trägt die Uniform der Nationalgardisten. Überall wo gekämpft wird, ist sie dabei, meistens vorn. „Ja, barbarisch wie ich bin, liebe ich den Geruch des Pulvers, Geschosse in der Luft, aber vor allem liebe ich die Revolution.“

Für die Revolution ist sie auch bereit, zu sterben. Wie durch ein Wunder wird sie nicht verletzt und entkommt, in Frauenkleidung, den Soldaten der Regierungstruppen. Ihre Mutter wird jedoch abgeholt und soll an Stelle der Tochter hingerichtet werden. Louise stellt sich und wird im Dezember 1871 von einem Kriegsgericht zur Deportation nach Neukaledonien verurteilt. Im August 1873 werden etwa 20 Frauen auf einer Segelfregatte in einem Käfig untergebracht, unter ihnen Louise Michel. Gegenüber befindet sich der Käfig mit den gefangenen Männern.

Vier Monate dauert die Schifffahrt, 7 Jahre die Gefangenschaft auf der Halbinsel Ducos. Louise Michel lernt die Sprache  der Kanaken und nimmt im Gegensatz zu den meisten anderen Deportierten Anteil an ihren Sitten und ihrer Kultur und stellt sich bei einem Aufstand der Eingeborenen auf deren Seite. Sie arbeitet als Krankenschwester und Lehrerin für die Kinder der Deportierten. Mehrere Fluchtversuche scheitern.

Im Juli 1880, als auch die letzten Deportierten amnestiert werden, kehrt sie nach Frankreich zurück. Auf dem Bahnhof erwarten sie mehrere Tausend Menschen. Sie ist glücklich, dass ihre alte Mutter noch lebt.

Louise Michel, die sich seit ihrer Deportation als Anarchistin fühlt, hält Vorträge und setzt auf diese Weise ihren Kampf für soziale Gerechtigkeit fort. „Wir wollen nicht mehr, dass Mütter wahnsinnig werden vor Schmerz, wir wollen nicht mehr, dass die Kinder sterben. Und wenn die Stunde kommt, werde ich die erste sein, die verlangt, dass zugeschlagen wird.“

Mehrmals wird sie festgenommen und im Juni 1883 wird sie nach einer Kundgebung und Demonstration, während der sich Arbeitslose in einer Bäckerei „selbst bedient“ haben, zu 6 Jahren Zuchthaus verurteilt. Sie verbringt ein Jahr in Einzelhaft, wird fast wahnsinnig, als ihre Mutter stirbt. Im Gefängnis lernt sie englisch und russisch. 1886 wird sie entlassen.

Anfang der 90er Jahre verüben verschiedenen Anarchisten Bombenanschläge. Louise Michel distanziert sich nicht von der Gewalt. „Als ob friedliche Mittel gegen die Dummheit oder die Schlechtigkeit der Bürger möglich wären.“

Von 1886 bis Anfang des neuen Jahrhunderts lebt sie in London, hält weiter Vorträge, plant, ein Asyl für vertriebene Revolutionäre zu gründen. Sie erkrankt mehrmals schwer an Lungenentzündung, unternimmt 1904 aber noch eine Reise nach Russland. „Im Lande Gorkis und Kropotkins werden großartige Dinge geschehen. Ich fühle sie aufsteigen, wachsen, die Revolution, die den Zar hinwegfegen wird.“

Am 9. Januar 1905 stirbt sie in Marseille im Alter von fast 75 Jahren. Als sie in Paris begraben wird, folgen dem Sarg mehr als 100.000 Menschen – Sozialisten, Syndikalisten, Anarchisten, Bäcker, Blumenhändler.

Louise Michel veröffentlichte ihre Memoiren 1886. Im Vorwort schrieb der Verleger, die meisten Leute in der Provinz sähen in ihr eine Art Vogelscheuche, ein unbarmherziges Mannweib.

„Wie unterschiedlich davon ist die Realität: Diejenigen, die sich ihr zum ersten Mal nähern, sind ganz überrascht, eine sympathische Frau vorzufinden die eine weiche Stimme und intelligent funkelnde Augen hat und viel Güte ausstrahlt. Sobald man sich mit ihr eine Viertelstunde unterhalten hat, entschwindet jede Vorsicht und jedes Vorurteil: man fühlt sich bezwungen, bezaubert, fasziniert, erobert.“

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