Deutschland Radio Berlin

Kalenderblatt

17.10.1999

Vor 100 Jahren:

Robert M. W. Kempner wird geboren

Redaktion: Winfried Sträter                          Manuskript: Annette Wilmes

 

 

Regie:                                      Take 1 (Richard von Weizsäcker)

Robert Kempner war, wie man weiß, preußischer Beamter und mußte dann im Zusammenhang mit der Machtergreifung der Nazis sein Amt räumen und ist dann später ausgewandert.

 

 

Autorin:                                    Altbundespräsident Richard von Weizsäcker über Robert Kempner, den er bei den Nürnberger Prozessen kennenlernte: als Kempner die Anklage gegen seinen Vater Ernst von Weizsäcker im sogenannten Wilhelmstraßenprozeß vertrat.

 

Regie:                                      Take 2 (Weizsäcker)

Er kannte sich im ganzen deutschen Beamtenwesen sehr gut aus und hat nun mit Hilfe der Möglichkeiten, die das amerikanische Prozeßrecht bietet, eine sehr planmäßige und konzentrierte Verfolgung der, wie Kempner fand, korrumpierbaren Mentalität des deutschen Beamten betrieben.

 

 

Autorin:                                      Kempner, Anklagevertreter der Amerikaner bei den Nürnberger Prozessen, kannte die deutschen Beamten, weil er in seinem ersten Leben selbst eine Karriere im preußisch-deutschen Staatsdienst gemacht hatte. Robert Maximilian Wasilii Kempner hieß er mit vollem Namen - Robert wie sein Taufpate, der berühmte Mediziner Robert Koch. Seine Eltern waren Bakteriologen in der Charité am Institut von Robert Koch. Kempners Mutter, Lydia Rabinowitsch-Kempner, wurde als erste Frau in Preußen im Jahre 1912 vom König zur Professorin ernannt. 

Robert Kempner nahm nach dem Abitur am 1. Weltkrieg teil, studierte Rechtswissenschaften in Freiburg, Berlin, Breslau und Pennsylvania und trat nach seinem Assessorexamen in den preußischen Staatsdienst ein. Er wurde Justitiar der Polizeiabteilung im preußischen Innenministerium - und bewies in dieser Funktion Courage: 1931 verlangte er, Hitler wegen Vorbereitung zum Hochverrat und Meineid unter Anklage zu stellen, die NSDAP aufzulösen und Hitler auszuweisen.

 

Als Hitler an die Macht kam, wurde Kempner gleich 1933 aus dem Amt gejagt. Ein „Rausschmiß“, wie er in seinen Memoiren schreibt, „wegen politischer Unzuverlässigkeit in Tateinheit mit fort gesetztem Judentum“.  Bis 1935 arbeitete er als Auswanderungsberater und floh dann nach kurzer Gestapo-Haft nach Italien und 1939  in die USA. Hier wurde er schon bald politischer und juristischer Berater im Kriegs- und im Justizministerium.

Kempner, der 1938 von Hitler ausgebürgert worden war, erhielt die  US-amerikanische Staatsbürgerschaft. So kehrte er 1945 als Amerikaner nach Deutschland zurück - er gehörte zum Stab von Robert H. Jackson, dem amerikanischen Hauptankläger am Nürnberger Militär-Tribunal. Robert Kempner zog 30 Jahre nach dem Beginn der Prozesse eine positive Bilanz:

 

Regie:                                      Take 3

Also Nürnberg wurde zu einem Rechtsbegriff und einem politischen Begriff und ist eigentlich bis zum heutigen Tage auch nicht vergessen worden und immer wieder erwähnt worden. Und Nürnberger Grundsätze sind aufgenommen worden, das dürfen wir auch nicht vergessen, in das Bonner Grundgesetz, in das deutsche Strafgesetzbuch. Die Vorschrift, daß Völkermord eine strafbare Handlung ist, ist besonders aufgenommen worden, daß die Menschenwürde geachtet werden soll, daß die Menschenrechte geachtet werden sollen, das steht schon in den allgemeinen Artikeln des Bonner Grundgesetzes. Also wenn auch keine weltweiten Ziele erreicht worden sind, so ist man doch ein paar Schritte wenigstens vorwärts gekommen.

 

 

Autorin:                                    Die Nürnberger Prozesse spielten in Robert Kempners Leben eine zentrale Rolle. Seine Erinnerungen, 1983 im Ullstein-Verlag erschienen, nannte er unbescheiden „Ankläger einer Epoche“. Wichtig für Kempner war jedoch nicht nur, dass die Haupttäter damals zur Verantwortung gezogen wurden; noch wichtiger war für ihn, dass die Nürnberger Prozesse Folgen haben sollten für den Umgang mit Terrorregimen in aller Welt. 1975 sagte er in einem Rundfunkgespräch:

 

Regie:                                      Take 4

Die Konsequenzen, die sollten doch eben einmal in der Welt gezogen werden, dadurch, dass ein internationaler Strafgerichtshof gegründet wird, damit in allen Fällen, derer man habhaft werden kann, ein internationales gerichtliches Gremium auch wegen der Mordtaten vorgehen kann, die von verschiedener Regierungsseite in den letzten 30 Jahren anderwärts vorgenommen worden sind.

 

 

Autorin:                                    Errichtet ist ein internationaler Strafgerichtshof noch immer nicht, obwohl er inzwischen von vielen Staaten gewünscht wird. Über einzelne Kriegsverbrecher urteilt bisher das internationale Kriegsverbrecher-Tribunal, in völkerrechtlichen Verfahren entscheidet der internationale Gerichtshof in Den Haag, dessen Entscheidungen jedoch sanktionslos bleiben.

Robert M. W. Kempner hatte seit 1951 seinen Lebensmittelpunkt in Frankfurt am Main und arbeitete dort als Rechtsanwalt und Publizist. Er setzte sich dafür ein, dass nunmehr deutsche Gerichte gegen NS-Verbrecher vorgingen, vor allem gegen die Juristen von damals - leider nur mit mäßigem Erfolg. Ein einziger Richter, Freislers Beisitzer Hans-Joachim Rehse, wurde vor Gericht gestellt, zunächst verurteilt, dann im Wiederholungsprozess am 6. Dezember 1968 jedoch freigesprochen.

 

Regie:                                      Take 5

Die größte Niederlage der deutschen Justiz seit 1945.

 

 

Autorin:                                    So kommentierte Robert Kempner den höchst umstrittenen Freispruch. Kempner, der am 17. Oktober 1899 geboren wurde, hat fast das ganze 20. Jahrhundert erlebt: Er starb 1993 im Alter von 93 Jahren.

Auf der Trauerfeier in Berlin-Lichterfelde hieß es:

 

Zitator:                                     Seine Arbeit als Anwalt des Rechts und der Gerechtigkeit hinterläßt Spuren, die nicht getilgt werden können.

 

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