Annette Wilmes für Elefantenpress, Bad Women 1999

über Emily Kempin-Spyri, die erste Juristin im deutschsprachigen Raum

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Die Tante hatte es geschafft. Johanna Spyri war eine erfolgreiche Schriftstellerin, ihr Buch „Heidi“ wurde ein Welterfolg. Ihre Nichte Emily wollte auch Bücher schreiben. Oder Jura studieren wie ihr Cousin. Auf keinen Fall werden wie die Mutter: Sieben Kinder, nur für den Haushalt leben und das Leben verpassen, damit andere leben können.

Aber Emily Spyri lebt im vorigen Jahrhundert. Selbst die berühmte Tante ist der Meinung: „Der Hausstand ist der einzige würdige Wirkungskreis der Frau.“

In Zürich jedoch hat sich die Universität den Frauen geöffnet. Es sind allerdings nur Ausländerinnen, die dort studieren, meist Russinnen, einige Deutsche. In ihrer Heimat ist ihnen die akademische Laufbahn nach wie vor verschlossen. Und für Emily scheint der Zug auch längst abgefahren zu sein: kein Latein, keine Reifeprüfung, keine Immatrikulation. Sie heiratet einen sozial engagierten Pfarrer gegen den Willen des Vaters, der sich eine bessere Partie vorgestellt hatte. Sie bekommt  drei Kinder, zwei Töchter, einen Sohn.  Die Familie hat wenig Geld, kaum genug zum Leben. Das soll sich ändern. Emily lernt zusammen mit dem Sohn Latein, legt als Externe am Gymnasium die Reifeprüfung ab und studiert Jura. Als sie im Jahre 1887 promoviert, ist sie 34 Jahre alt.  Es ist alles mühselig, sie schafft es nur, weil ihr Mann sie unterstützt. Deswegen wird er angefeindet, verspottet, verliert seine Anstellung. Auch die Kinder bekommen zu spüren, was man von ihrer Mutter hält: Sie sei ein Blaustrumpf, ein Mannweib. Die eigenen Eltern haben sich von ihr distanziert.

Tatsächlich hat sich Emily Kempin, geborene Spyri, auf eine streng abgeschottete Männerdomäne gewagt. Studieren durfte sie; aber als Juristin arbeiten? Undenkbar! Obwohl sie das Zeug dazu hätte,  ob als Anwältin oder Hochschullehrerin. Ihr Traum, die Familie mit dem Erlernten ernähren zu können, bewahrheitet sich erst in Amerika. Dorthin wandern die Kempins aus, nach den vielen vergeblichen Versuchen, sich beruflich in der Schweiz zu etablieren. In New York erlebt Emily  ihren Höhenflug: Sie wird Dozentin und  zur maßgeblichen Mitbegründerin der Woman’s Law Class an der Universität. Ihre Antrittsvorlesung wird begeistert aufgenommen. Sie doziert auch vor männlichen Studenten. Aber wollte sie zu hoch hinaus? Wie Ikarus stürtzt sie schließlich aus den höchsten Höhen ihrer Karriere ab. „Die Wachsflügelfrau“ hat die Schweizer Schriftstellerin Eveline Hasler ihren anrührenden Roman über das Leben der ersten Juristin genannt.

Zerrieben zwischen den Pflichten der Mutter und den Verpflichtungen als engagierte Juristin bricht sie schließlich ihre Zelte in Amerika ab. In der Schweiz darf sie zwar endlich als Privatdozentin arbeiten, das Geld reicht jedoch wieder hinten und vorne nicht. Sie kämpft erneut darum, als Anwältin zugelassen zu werden und beißt immer noch auf Granit.  Die Ehe zerbricht. Sie ist als Rednerin auf Veranstaltungen der Frauenbewegung in Berlin, Leizpig, Dresden und anderswo zwar begehrt, finanziell hilft ihr das jedoch nur wenig. Sie zieht nach Berlin. Die Kinder stehen inzwischen in der Ausbildung. Die ständigen Sorgen um deren Finanzierung verzehren ihre Kräfte. Sie erleidet einen Nervenzusammenbruch, 1897 wird sie in eine Irrenanstalt eingeliefert. 1898 schließlich wird sie entmündigt. Im selben Jahr wird das Schweizer Gesetz geändert und erlaubt Frauen, den Anwaltsberuf auszuüben. Zu spät für Emily Kempin-Spyri. Zweimal gelingt es ihr, aus der Anstalt zu fliehen, einmal in Berlin, einmal in der Schweiz, wohin sie verlegt worden ist. Sie wird jedoch immer wieder eingefangen.

1901, im Alter von 48 Jahren, stirbt die brillante Juristin in der Irrenanstalt in Basel an Krebs. Hätte sie später gelebt, wäre sie vielleicht Bundesverfassungsgerichtspräsidentin geworden.

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Berlin, den 14.3.1998  

(56 Zeilen, 583 Wörter)