Das Jahr der Sphinx

Ito Noe   für den Bad-Women-Kalender 2002                       von Annette Wilmes

 

Ito Noe nannte sich selbst „Wilde Blume“. Tatsächlich lebte sie Anfang des 20. Jahrhunderts in Japan wild und gefährlich, für Konventionen war kein Platz. „Wir führen kein Leben, bei dem man im Bett sterben kann“, sagte Ito zu Ihrer Tante, womit sie Recht behielt. 1923 wurde sie, zusammen mit ihrem Lebensgefährten, dem bekannten Anarchisten Osugi Sakae, von Militärs ermordet.

Ito Noe wurde nur 28 Jahre alt.

Die ersten Jahre ihres Lebens verbrachte sie in einer völlig verarmten Kaufmannsfamilie in einem kleinen Dorf auf der südlichen Insel Kyữshữ.

Als Ito  im Alter von 10 Jahren von ihrem Onkel in die Stadt Nagasaki geholt wurde, damit sie dort die Mittelschule besuchen konnte, war das für sie einerseits eine Chance, die anderen Mädchen verarmter Familien vorenthalten blieb. Andererseits litt sie unter der strengen Weiblichkeitserziehung jener Jahre. Ito Noe, die schon früher im Dorf ihre ruhigeren Brüder verteidigt hatte, wollte sich kein Korsett anlegen lassen. Sie hatte das Glück, nach der Mittelschule an einem Mädchengymnasium in Tokio weiterlernen zu dürfen. Ein Freund ihres Onkels, ein bekannter Schriftsteller, beeindruckt durch Itos literarisches Talent, hatte dafür gesorgt. Trotz  der guten Schulbildung sollte Ito das Schicksal anderer Mädchen ereilen: die Familie verhandelte noch während der Schulzeit über ihre Heirat mit einem Bauernsohn, den sie gar nicht kannte. Sie versuchte zu fliehen – vergeblich. Sie war gerade  17, als die erzwungene Verlobungsfeier stattfand. Aber Ito war zäh, sie gab nicht auf und floh zurück nach Tokio. Ihr Englischlehrer nahm sie auf und verlor seine Stellung, weil er mit der Schülerin ein Verhältnis anfing. Die beiden heirateten und bekamen zwei Kinder. Ihr Mann wurde depressiv und teilweise arbeitsunfähig.  Seine junge Frau, noch nicht 20 Jahre alt, sorgte für den Unterhalt der Familie. Sie band das Baby auf den Rücken und suchte Arbeit in Redaktionen und Arbeitskreisen, sie hielt Vorträge und schrieb Artikel. Mit ihrem Mann wollte sie nicht mehr zusammenleben, da sie erkannte, dass sie zwei „völlig verschiedene Menschen“ waren. Sie trennte sich von ihm und nahm ihr Schicksal und das ihrer Kinder in die eigene Hand.

Sie übersetzte die Schriften der amerikanischen Anarchistin Emma Goldman und übernahm die Redaktion einer Frauenzeitschrift, die sie aber schließlich wegen der schärfer werdenden Repression aufgeben musste.

Anarchisten und Sozialisten wurden zu dieser Zeit in Japan von der Polizei verfolgt und waren strengsten Repressalien ausgesetzt. 1911 hatte die Regierung zwölf Sozialisten hingerichtet, weil sie angeblich ein Attentat auf den Kaiser geplant hatten.

Der bekannte Anarchist Osugi Sakae versuchte gegen die Repression anzukämpfen. Als er Ito kennen und lieben lernte, war er bereits verheiratet. Er blieb mit seiner Ehefrau zusammen, lebte mit Ito und begann auch noch eine Beziehung mit einer dritten Frau. Das Experiment unter der Überschrift „Freie Liebe“ endete jäh, als die dritte Frau versuchte, aus Eifersucht den Mann umzubringen. Osugi überlebte den Dolchstich in die Kehle.

Nach dem Mordversuch war es vor allem Ito, die in der Öffentlichkeit, aber auch im Bekanntenkreis, angefeindet wurde. Eine ehemalige Schulfreundin schrieb in einem Leserbrief: „Ich hätte nicht im Traum daran gedacht, dass die liebe Noe von damals so wie heute werden könnte.“ Sie nannte Ito eine „höherstehende Hure“.

Das wird Ito jedoch kaum verletzt haben. Sie suchte nämlich den Kontakt zu den wirklichen Prostituierten, um über ihre grauenvollen Lebensverhältnisse zu berichten.  In ihren Texten warb sie um Verständnis für diese Frauen. „Eine Bekannte, die auch dieses ‚Gewerbe’ ausübte, erzählte mir, dass ihr betagter Vater krank wurde und ihre Mutter starb, als sie siebzehn Jahre alt war, sie mit zwei kleinen Brüdern von drei und fünf Jahren übrig blieb, sie weder aus noch ein wusste und deshalb in diese schmachvollen Lebensumstände herabsank.“

Ito Noe lebte weiter mit Osugi zusammen und bekam mit ihm 5 Kinder, das erste hieß Mako, Teufelskind, die anderen wurden nach berühmten Anarchisten benannt: nach Emma Goldmann, Louise Michel, Nestor Machno. Auch neben den familiären Bindungen war Itos Geschichte mit der Osugis eng verbunden. Sie gaben gemeinsam eine Zeitschrift heraus und verfassten Artikel und Bücher. Ein bürgerliches Familienleben führten sie jedoch nicht. Immer wieder waren sie getrennt, weil Osugi zu Kongressen ins Ausland reiste, oder weil er verhaftet wurde.

Ito liebte Osugi, behielt aber ihre Unabhängigkeit. Sie schrieb viel über diese ganz besondere Art der Beziehung zwischen Frau und Mann, die vielleicht ein Leben lang Bestand gehabt hätte, wenn sie nicht ermordet worden wären.  Ihnen blieben nur sechs Jahre.

Nach dem großen Erdbeben am 1. September 1923  in der Umgebung von Tokio wurde die Bevölkerung in Katastrophenstimmung versetzt, die Stimmung gegen Koreaner und Chinesen geschürt, Aggressionen entluden sich in Pogromen. Kritische Zeitungsartikel wurden verboten, Sozialisten verhaftet.

Osugi Sakae und Ito Noe wurden am 16. September 1923 festgenommen und am gleichen Abend in einer Polizeiwache ermordet. Ihre Leichen wurden in einen Brunnen geworfen und erst am 19. September wieder hervorgeholt.

Im Dezember fand trotz der Repressalien eine Trauerfeier statt, an der etwa 700 Personen teilnahmen.

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