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* radio kultur

Termin nach 7

Menschen und Paragraphen

 

 

 

 

 

 

 

 

Das Recht des Kindes auf gewaltfreie Eziehung

Die geplanten Veränderungen im Bürgerlichen Gesetzbuch.

Eine Sendung von Annette Wilmes

 

 

 

 

 

 

 

 

                                                                               Redaktion:      Jürgen Petzinger

                                                                               Sendetag:       8. Mai 2000

                                                                               Sendezeit:      19.05 Uhr

                                                                                                        92,4 MHz

 

 

 

Mitwirkende:

 

Zitator

Autorin

 

 

Regie:                                      Take 1

Wir sehen immer wieder ein erschreckendes Bild. In den Familien in Deutschland wird zu viel geschlagen. Das Niveau familiärer Gewalt insgesamt ist erschreckend hoch. Die Kinder sind in diese Gewalt zunächst als Opfer und dann auch in der Auseinandersetzung mit anderen, mit Kleineren, sehr deutlich eingebunden.

 

 

Autorin:                  Bundesministerin der Justiz, Herta Däubler-Gmelin, SPD. Auf einer Tagung der Friedrich-Ebert-Stiftung stellte sie unlängst den Gesetzentwurf vor, den die Regierungsfraktionen von SPD und Bündnis 90/Grüne im vergangenen Jahr im Bundestag eingebracht hatten. Untersuchungen hätten ergeben, sagte die Ministerin, dass drei Viertel bis vier Fünftel der Eltern körperliche Gewalt in der Erziehung als Erziehungsmittel anwenden. Das soll nun nicht mehr erlaubt sein.

 

Zitator:                                     Kinder haben ein Recht auf gewaltfreie Erziehung. Körperliche Bestrafungen, seelische Verletzungen und andere entwürdigende Maßnahmen sind unzulässig.

 

Autorin:                                    So soll § 1631 Abs. 2 im Bürgerlichen Gesetzbuch zukünftig lauten. Bis 1997 – der letzten Änderung des Kindschaftsrechts - waren ausschließlich Misshandlungen verboten. Das wurde dann geändert: „Entwürdigende Erziehungsmaßnahmen“ sind seitdem verboten, insbesondere „seelische und körperliche Misshandlungen“. Geschlagen, getreten und geprügelt wird jedoch nach wie vor in vielen Familien – und das ist nicht einmal in jedem Fall verboten, weil eine Ohrfeige oder eine Tracht Prügel juristisch gesehen nicht unbedingt eine Misshandlung ist.

Gerade deshalb will die Ministerin jetzt Klarheit schaffen: „Körperliche Bestrafungen“ -  gleichgültig, ob Ohrfeige oder Prügel – „sind unzulässig“.

 

Regie:                                      Take 2

Wenn man 100 Jahre zurückgeht und dann in die Enzyklopädie des gesamten Erziehungs- und Unterrichtswesens schaut, kann man dort lesen: „Die körperliche Züchtigung hat eine tief im Wesen des sündigen Menschen liegende Berechtigung. Sie wurzelt in der göttlichen Erziehung, die das Übel als natürliche Folge an die Sünde geheftet hat und immer noch heftet.“ Da ist schon ziemlich viel an Begründung drin, die Leute dann auch dazu bringt, gar nicht nachzudenken, ob das eigentlich richtig ist, was sie tun, wenn ihnen irgend etwas nicht passt. 70 Jahre später, also bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts hinein, bis in die Bundesrepublik Deutschland hinein, war auch das Bürgerliche Gesetzbuch prinzipiell dieser Meinung; jedenfalls haben die Normen, die dort standen, das ganz ausdrücklich widergespiegelt: Der Vater, so war dort klar zu lesen, dürfe kraft des Erziehungsrechtes angemessene Zuchtmittel gegen das Kind anwenden.

 

 

Zitator:                                     „Der Vater kann kraft des Erziehungsrechts angemessene Zuchtmittel gegen das Kind anwenden“ 

 

Autorin:                                    So stand es im Bürgerlichen Gesetzbuch von 1896, verordnet von Kaiser Wilhelm im Namen des Reichs. Auch die  Rechtsprechung hatte kein Problem damit, dass die Väter ihr Erziehungsrecht mitunter nicht gerade zimperlich ausübten. Herta Däubler-Gmelin:

 

Regie:                                      Take 3

Das können wir aus den Urteilen auch der Obergerichte erkennen. Ich will nur ein besonders deutliches und besonders signifikantes des Bundesgerichtshofes aus dem Jahr 1952 zitieren; jedes Mal, wenn ich das zitiere, sagen die Leute: Mein Gott, ist das Mittelalter so nahe? Aber es trifft zu. Die Situation war völlig klar. Ein Vater mochte den Umgang seiner 16-jährigen Tochter nicht und hat gesagt: Mit diesem Freund kommst Du mir nicht zusammen. - Die Tochter hat gesagt, das sehe sie ganz anders. Und dann muss sich ein richtiges Familiendrama, das sich über Monate hingezogen hat, abgespielt haben. Jedenfalls kam es dann, weil auch jemand eingegriffen hat, zum Prozess, der bis zum Bundesgerichtshof ging. Was war vorgefallen? Der Vater hat nicht nur verboten, vielleicht auch überzeugt?, vielleicht hat er das nicht?, auf jeden Fall hat er die 16-jährige Tochter an einem Stuhl festgebunden, die Tür zugeschlossen und als das alles nichts half, weil die Tochter ganz offensichtlich in der Lage war, sowohl die zugeschlossene Tür wie auch das Festbinden mit Stricken an einem Stuhl in irgendeiner Weise zu umgehen. Dann hat er ihr sogar die Haare geschoren - mit der klaren Erkenntnis, dass, wenn sie so aussehe, dann würde sie sich wohl nicht in die Gemeinschaft mit ihren Freunden begeben; und das sollte dann das Mittel sein, dass er seinen Willen durchsetzt. Das Interessante ist, dass der Bundesgerichtshof gesagt hat: Jawohl, dieses alles sei Teil des väterlichen - ich betone: des väterlichen - Erziehungs- und Züchtigungsrechts. Wie gesagt: Das Mittelalter ist noch nicht so lange her.

 

 

Autorin:                                    Erst nach Inkrafttreten des Gleichberechtigungsgesetzes im Juni 1957 wurde die Erziehungsgewalt auch auf die Mutter ausgedehnt. Das Recht auf körperliche Züchtigung blieb bestehen, wenn auch in etwas abgemilderter Form. Die Eltern mussten die Gesundheit und die seelische Verfassung des Kindes berücksichtigen, wenn sie es mit Schlägen bestraften.

Professor Christian Pfeiffer, Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen, hat in seiner jüngsten Untersuchung 16000 Jugendliche befragt, wie sie in ihrer Kindheit zuhause behandelt wurden.

 

Regie:                                      Take 4

Sie sehen, dass 43,3% der Jugendlichen überhaupt nie irgendwelche Schläge abbekommen haben, weder Ohrfeigen noch massivere Prügeleien, dass 29,7% geohrfeigt worden sind, 17% sind schwer gezüchtigt worden - aber noch im legalen Rahmen. Der Bundesgerichtshofrechtsprechung folgend, haben wir das definiert, dass ein Vater, 1984 so entschieden, der seine Tochter mit einem Wasserschlauch auf den nackten Hintern prügelt, freigesprochen wurde, das sei keine Körperverletzung. Das könnte man gerade bei einer ungeheuer ungehorsamen Achtjährigen, die den Vater fürchterlich gereizt hatte, noch zulassen. Erst jetzt, hier, beginnen die Misshandlungen. Fausthiebe aufwärts: 4,5%, die das getan haben, und 5,3%, die es häufig getan haben. Also 4,5% der Kinder sind selten misshandelt worden, Fausthiebe aufwärts bis hin zu Zigarette anzünden, kräftig ziehen und dann auf dem nackten Hintern ausdrücken; die Treppe runterschmeißen, gegen die Heizung werfen, mit Gegenständen so prügeln, dass massive Verletzungen entstehen. Das alles bewerten wir als Misshandlungen. 4,5% haben das selben erlebt, 5,3% häufig, insgesamt also etwa 10%, die so etwas erfahren mussten.

 

 

Autorin:                                    Die Definition, was zulässiges Erziehungsmittel, was unzulässige Misshandlung war, richtete Pfeiffer also streng nach der Auslegung der Gerichte.

Die Auswirkungen von Gewalt, die im Elternhaus erlitten wurde, sind fatal, auch das hat Christian Pfeiffer mit seinen Untersuchungen belegt.

 

Regie:                                      Take 5

Es sinkt die Konfliktkompetenz und es steigt die Aggressivität. Oder: Es sinkt drastisch das Selbstwertgefühl, es sinkt das Gefühl, mächtig zu sein; man fühlt sich häufiger ohnmächtig, wenn man ein massiv geschlagener Mensch ist. Und es sinkt die Fähigkeit, soziale Anerkennung als solche zu erfahren. Also man unterstellt: Ich bin nichts wert. Leute nehmen mich als wertlos wahr oder als ein Nichtskönner usw. Das verstärkt sich, je mehr man geschlagen wird. Und umgekehrt: Es erhöht sich drastisch die Gewaltbefürwortung, es erhöht sich auch etwas, das nennen wir die Feindseligkeitszuschreibung. Da rempelt jemand einen auf der Treppe an. Der normale Mensch fragt erst mal oder guckt genauer, ob das absichtlich geschehen ist und unterstellt dem nichts Böses. Jeder kann ja mal in der Eile einen anrempeln. - Aber Kinder, die eine Sozialisationsgeschichte mit massiven Schlägen haben, das haben wir festgestellt, die tendieren eher dazu, dem anderen zu unterstellen, dass etwas böse gemeint ist und von daher reagieren sie natürlich auch entsprechend und schon haben wir höhere Konflikte.

 

 

Autorin:                                    Wer als Kind geschlagen wurde, der neigt später selbst zur Gewalt, das ist inzwischen eine Binsenweisheit.

Die Idee, die Gesetze dieser Wirklichkeit anzupassen, ist nicht neu. Bereits in den 70er Jahren haben Juristinnen- und Kinderschutzbund gefordert, eine Bestimmung in das Bürgerliche Gesetzbuch aufzunehmen, die lautet:

 

Zitator:                                     In der Erziehung ist die Menschenwürde zu achten. Gewalt darf nicht angewendet werden.

 

Autorin:                                    Lore-Maria Peschel-Gutzeit, damals wie heute im Juristinnenbund aktiv, heute Justizsenatorin in Hamburg, erinnert sich:

 

Regie:                                      Take 6

Das habe ich selbst so in Mitte der 70er Jahre vorm Bundestag vertreten. Und es war denkwürdig zu hören, wie darauf reagiert wurde. Es war eine Welle der Ablehnung. Interessanterweise war bei dieser Anhörung, es waren 13 Institutionen geladen, zunächst keine einzige Frau dabei. Die Männer waren unter sich bei der Regelung der Frage, wie Kinder zu erziehen sind. Wir haben dann als Frauenverband, nämlich als Juristinnenbund, einen eigenen Gesetzentwurf herausgebracht, vorgestellt in Bonn und haben darauf hingewiesen, dass man meint, ohne den weiblichen Rat auskommen zu können. Darauf sind wir dann - damals macht man das noch - per Telegramm in der Nacht dazu geladen worden. So war das in den 70er Jahren.

 

 

Autorin:                                    Lore-Maria Peschel-Gutzeit hat sich in ihrer Juristinnenlaufbahn, sie war jahrelang Richterin am Oberlandesgericht und aktiv im Juristinnenbund, sehr verdient gemacht um Verbesserungen im Familien- und Kindschaftsrecht. Professor Christian Pfeiffer bezeichnete sie als „politische Marathonläuferin“, der wir zu verdanken hätten, dass wir uns jetzt endlich in der Stadionrunde befänden.  Nur leider komme der Beifall in der Stadionrunde bisher nur spärlich.

Tatsächlich sind die Zweifel gegen den Gesetzentwurf groß. Sind Verbote im Bürgerlichen Gesetzbuch überhaupt durchzusetzen? Wie und wo soll sich das geschlagene Kind auf sein „Recht auf gewaltfreie Erziehung“ berufen? Soll der Staat sich nicht aus dem Familienleben heraushalten? Und warum überhaupt schon wieder ein neues Gesetz, die letzte Änderung erfolgte doch erst 1997?

Christian Pfeiffer:

 

Regie:                                      Take 7

Na, das war überhaupt keine Änderung des Rechts, denn das, was die alte Regierung an neuem Kindschaftsrecht gebracht hat, hat hier lediglich wiederholt, was der Bundesgerichtshof schon immer gesagt hat: misshandeln darf man nicht. Das war ein sehr kleinmütiger gesetzgeberischer Akt. Den hätte man besser streichen können, weil es war der Anschein von Reform, obwohl überhaupt in Wirklichkeit nichts reformiert worden ist. Jetzt erst kommt die wirkliche Änderung, indem man die Bevölkerung aufruft, sich darüber Gedanken zu machen. Und dann kann ich nur hoffen, dass wir ähnlich intelligent sind wie die Schweden, die auf ihre Milchflaschen das draufgedruckt haben. Irgendwie muss es ja in die Köpfe reinkommen.

 

 

Autorin:                                    Christian Pfeiffer spielt hier auf eine Kampagne der schwedischen Regierung an. In Schweden wurde bereits im Juli 1979 im Elterngesetz jede Form von degradierendem Verhalten verboten, also auch die körperliche Bestrafung. Wie jetzt hierzulande, stieß das Gesetz auch damals in Schweden  auf Ablehnung, oder es wurde zumindest als wirkungslos belächelt. Trotzdem sei es in kurzer Zeit von der Bevölkerung akzeptiert worden und es habe hervorragende Wirkungen gezeigt, sagt Ake Edfeldt, emeritierter Professor  für Pädagogik an der Universität Stockholm, der seit Anfang der 70er Jahre die Vorbereitung des schwedischen Prügel-Verbots verfolgte und die Auswirkungen des Gesetzes  umfassend untersuchte.

 

Regie:                                      Take 8

In Sweden ...

Regie:                                      engl. Text unter die folgende Übersetzung ziehen:

 

Zitator:                                     In Schweden hat das Justizministerium eine erweiterte Kampagne geführt mit einer 16-seitigem Broschüre, die das Gesetz erklärte und auch Alternativen zur Prügelstrafe anbot. Diese Pamphlete wurden an jeden Haushalt mit Kleinkindern verteilt und auch in allen Tageszentren und Praxen. Es wurde auch in alle Sprachen der Emigranten übersetzt. Ein neues Medium, das wir auch benutzt haben, ist, das Familien mit Kindern ständig vor sich haben, und das ist eine hervorragende Werbefläche: das ist das Milch-Tetrapack. Die Ergebnisse zeigten sich dann im Jahre 1981, als wir überprüft haben, wie bekannt das Gesetz ist: 99% der Bevölkerung kannten es. Da nicht nur Eltern, sondern auch Kinder informiert wurden, zeigte sich, dass das Gesetz eine hervorragende präventive Kraft hatte.

Regie:                                      engl. Text ca. 5’’ wieder hochziehen.

 

Autorin:                                    Eine präventive Wirkung des Gewaltverbots versprechen sich auch die Initiatoren des Gesetzentwurfs hierzulande. Die  Änderung soll im Bürgerlichen Gesetzbuch stattfinden und nicht etwa im Strafgesetzbuch. Denn eine Ohrfeige oder ein Klaps auf den Po soll zwar verboten sein, aber auch in Zukunft nicht strafrechtlich verfolgt werden.

Bundesjustizministerin Herta Däubler-Gmelin:

 

Regie:                                      Take 9

Bei dieser Frage: Wo setzen wir mit der Norm an? Wo wollen wir sie regeln?, haben wir das ganz bewusst im Zivilrecht getan, das heißt im Verhältnis zwischen Eltern und Kindern, weil es uns darum geht, das Bewusstsein der Eltern und das Bewusstsein der Erwachsenen, das Bewusstsein unserer Gesellschaft anzusprechen. Wir wollen erreichen, dass sich im Kopf was ändert, nämlich, dass Eltern, von denen wir ausgehen können, dass sie das Beste für ihre Kinder wollen, sich überlegen: Was ist Erziehung und was ist nicht Erziehung? Das heißt, wir zielen ausdrücklich nicht auf den Staatsanwalt. Wir zielen ausdrücklich nicht auf die Polizei. Wir lassen es bei den strafrechtlichen Verboten der Misshandlung von Kindern bewenden. Wir wollen mehr. Wir wollen, wie gesagt, etwas anderes. Das Bewusstsein der Eltern ist es; sie sollen bemerken, und da wollen wir helfen, was Erziehung ist; was ihre Aufgabe ist und wie man das macht.

 

Autorin:                                    Das neue Gesetz soll nicht sanktionieren, sondern in erster Linie helfen. In der Begründung des Entwurfes heißt es:

 

Zitator:                                     Hilfe statt Strafe

Ziel des Gesetzentwurfs ist die Ächtung der Gewalt in der Erziehung ohne Kriminalisierung der Familie. Nicht die Strafverfolgung oder der Entzug der elterlichen Sorge dürfen deshalb in Konfliktlagen im Vordergrund stehen, sondern Hilfen für die betroffenen Kinder, Jugendlichen und Eltern.  (...)

Maßnahmen der Hilfe zur Erziehung sind zum Beispiel Erziehungsberatung, Erziehungsbeistandschaft, Vollzeitpflege oder Heimerziehung. Damit steht ein differenziertes Instrumentarium zur Verfügung, um in Not- und Konfliktlagen ohne Repression unterstützend tätig werden zu können.

 

Autorin:                                    Das Instrumentarium gibt es schon, nur wird es nicht besonders gut genutzt. Von 1000 misshandelten Kindern haben nicht einmal 100 den Weg zu den Helfern gefunden, die der Staat finanziert, in Gestalt des Kinderschutzbundes, oder die er in den Jugendämtern direkt anstellt. Christian Pfeiffer:

 

Regie:                                      Take 10

Und woran liegt das? Ich habe das Schulklassen gefragt. Na, die haben sofort eine Antwort parat, wenn ich Ihnen dieses erschreckende Datum sage. Sie sagen: Kann man denn da sicher sein, wenn man zum Jugendamt geht, dass die dann nicht gleich zum Hörer greifen und die Eltern anrufen, sagen: Was machen Sie denn mit Ihrem Kind? - Und weil sie da unsicher sind - und mit Recht unsicher sind -, gehen sie erst gar nicht hin. Das Wichtigste als Grundregel, das wird bei uns nicht beherzigt, dass man den Kindern als erstes signalisiert: Wenn Du zu mir als Helfer kommst, dann kannst Du absolut sicher sein: von mir erfährt niemand etwas. Ich bin unter striktem Schweigegebot Dir gegenüber, und das darf ich erst ändern, wenn Du mir die Erlaubnis dazu gibst. Dann erst darf ich mit Deinen Eltern sprechen oder gar mit einem Jugendamtsmenschen sprechen oder gar der Polizei - wem immer Du möchtest. Diese Grundregel ist in Deutschland nicht sicher. Und das ist eine der Hauptursachen.

Die zweite ist in meinen Augen, dass wir keine aufsuchende Hilfe anbieten, sondern eine, die man sich holen muss. Dass wir Telefonnummern anbieten, statt Menschen, die in die Schulklassen kommen und sagen: Hier stehe ich als Helfer. Ihr könnt mir vertrauen; Ihr kommt kostenlos zu mir; Ihr könnt sogar anonym zu mir kommen und ich helfe Euch trotzdem, und die Kosten übernimmt der Staat. Solche Signale werden bei uns zu wenig gesendet.

Wir sind ein sehr gutes Tierschutzland, denke ich, aber ein Kinderschutzland sind wir nicht.

 

Autorin:                                    Ohne  Hilfsangebote, die auch angenommen werden, nützt die ganze Gesetzgebung nichts. 

Hilfsangebote sind nötig, die den Jugendlichen persönlich überbracht werden durch engagierte Menschen. Christian Pfeiffer:

 

Regie:                                      Take 11

Beispiel: ein Mädchen, die hat auf ihren Fragebogen drauf geschrieben: Ich habe Angst vor dem Leben. Ich habe Angst davor, nach Hause zu gehen. Tschüss. Das klang fast wie eine Selbstmordankündigung. Der ganze Fragebogen war so depressiv, ohne Selbstwertgefühle. Ein unglückliches Wesen - und warum? 50 Mal von ihrem Vater im letzten Jahr vergewaltigt worden und massiv geschlagen worden. Auf die Frage: Befürchtest Du eine der Gewalttaten, die wir gerade abgefragt haben, dass sie Dir auch im nächsten Jahr häufig passieren? Ja. Nur bei der Vergewaltigung und den Schlägen durch den Vater. - Wir können nicht zur Polizei gehen, obwohl wir die Schule wissen, den Ort, die Klasse, die Handschrift, den gesamten sozialen Kontext des Kindes. Wir haben ja ihren Fragebogen. Das haben wir nicht getan. Aber wir sind in die Klasse gegangen. Ich bin dort hingegangen, in diese Schulklasse, mit dem Vorwand: Wir wollen mal Feedback kriegen von Schülern und habe die Story erzählt, abstrakt. Neben mir stand eine Frau vom Kinderschutzbund und hat sich präsentiert, war eine herzliche, tolle Person. Dann hat dieses junge Mädchen, die aussah wie ein Strich, weil sie auch noch abgemagert war, aus begreiflichen Gründen, Gott sei Dank auch wenig später den Kontakt gesucht. Aber wie es weitergegangen, weiß ich nicht, weil wiederum die Kinderschutzfrau mir gegenüber zu Schweigsamkeit verpflichtet ist. - Das ist nur ein symbolisches Beispiel, das ich Ihnen zeigen will. Wir brauchen aufsuchende Hilfe in den Schulen, dort, wo wir alle Kinder erreichen, und nicht irgendwelche Rettungstelefonnummern. Die sind auch gut, aber die ergänzen das Angebot nur. Primär muss es aufsuchende Hilfe sein, die so angeboten wird, wie ich es vorher geschildert habe.

 

 

Autorin:                                    Hilfe aber nicht nur für die Kinder und Jugendlichen, die Opfer und Leidtragende sind, wird gebraucht, sondern Hilfe gerade auch für die Eltern, denn Erziehung ist kein leichtes Geschäft. Kurt Hahlweg, Professor für Psychologie an der Technischen Universität Braunschweig:

 

Regie:                                      Take 12

Es gibt Kinderkrankheiten, Kindergartenprobleme; dann keinen Bock auf die Schule, keine Hausarbeiten. Dann kommt der Numerus clausus. Dann gibt es keinen Job und außerdem hängen sie bei Mama bis 30 Jahre rum. Und das schlechte Gewissen, das die Kinder machen... Man ist entweder Glucke oder Rabenmutter. Das mag einigen von Ihnen hier bekannt vorkommen. Man ist zu viel daheim oder berufstätig. Kinder machen unfrei, Arbeitgeber, Freunde und Liebhaber kann man wechseln - Kinder nicht. Sie belasten die Partnerschaft, Stilleinlagen statt Wonderbra, Müdigkeit, Übergewicht und das Kind im Ehebett. Und: Kinder machen arm. Mütter mit Hochschulabschluß machen etwa 800.000 DM im Jahr weniger, auf zehn Jahre bezogen. Diese Erziehungsleistung wird dann mit 27,- DM Rentenanspruch pro Kind und Monat honoriert. Last but not least: Kinder sind sowieso undankbar. Eltern sind immer reaktionär. Die Jahre der Aufopferung werden abgetan: Ich habe doch keine Schuld dran, wenn ihr mich hier in diese beschissene Welt gesetzt habt.

 

Autorin:                                    Um Gewaltsituationen gar nicht erst entstehen zu lassen, gibt es Tipps, die nicht in irgendwelchen Erziehungsberatern stehen, sondern wissenschaftlich erforscht und in der Praxis erprobt wurden. Kurt Hahlweg:

 

Regie:                                      Take 13

Last but not least, was wir mit den Eltern auch üben, ist: ihre Überlebenstipps. Arbeiten Sie zusammen; streiten Sie sich nicht aggressiv vor dem Kind. Haben Sie Auseinandersetzungen, möglichst mit einer Lösung, wenn es geht mit Kompromissen - wie auch immer -, aber streiten Sie sich nicht aggressiv, vor allem nicht körperlich aggressiv vor den Kindern. Holen Sie sich Unterstützung. Und, wenn alles nicht funktioniert: gönnen Sie sich eine Pause oder insgesamt gönnen Sie sich eine Pause. Das heißt, es ist nicht Kennzeichen einer guten Mutter oder eines guten Vaters, nur noch mit dem Kind zusammenzusein.

Wir haben die Eltern gefragt in unserer Studie: Wann war es das letzte Mal, dass sie beide miteinander ausgegangen sind? - Raten Sie mal, was der Durchschnitt gesagt hat, wie viel Wochen? Vor wie viel Wochen waren die zusammen alleine, ohne Kinder, weg? Vier Monate. - Sie können sich unmittelbar klar machen, dass das schwierig ist und dass das die Familie, die Partnerschaft auch kaputt machen kann.

Natürlich, alles - ich hoffe, Sie erinnern sich noch: Es sind Teufelskreise, die sich abspielen in solchen Interaktionen. Es ist also nicht jemand schuld, sondern das, was da passiert, sind Aufschaukelungsprozesse, die am Besten in den Griff zu kriegen sind, wenn die beiden Eltern zusammenarbeiten und im Fall - und das möchte ich extra noch mal betonen - bei allein erziehenden Müttern müssen wir soziale Netzwerke schaffen, wie die das nicht haben, weil die haben keinen Partner.

 

 

Autorin:                                    Hilfsangebote sind also dringend nötig, aber sie kosten Geld. In den Zeiten des Rotstifts wird der Bund sie nicht in ausreichendem Maße finanzieren können. Christian Pfeiffer hat darüber hinaus eine Privatinitiative entwickelt und gründete die „Bürgerstiftung Hannover“. Inzwischen, berichtet er, gibt es auch eine Bürgerstiftung in Berlin, die nach demselben Modell entstanden ist:

 

Regie:                                      Take 14

Ein Versuch, die Zeitreichen in der Gesellschaft, die, die sich ehrenamtlich engagieren wollen, die Ideenreichen, die tolle Konzepte im Kopf hätten und nur keine Geldgeber finden, und die Geldreichen zusammenzuführen unter einem Dach. Das alles überparteilich, und das funktioniert. Berlin, als es begonnen hat, hat in der ersten Woche, nachdem sie in der Presse standen, gleich einen Menschen gehabt, der beim Börsenspiel, bei unseren modernen Monopolyspielen, 350.000 DM gewonnen hatte, und die hat er brav zu der Bürgerstiftung getragen, hat gesagt: Eigentlich brauche ich es für meine Familie gar nicht. Das war so Spielgeld; das hat so geklappt, hat so unglaublich mich bereichert, aber eigentlich gehört es in diesen Topf. Und schon hat die Bürgerstiftung einen tollen Start gehabt.

 

 

Autorin:                                    Auch die Hilfsangebote für geschlagene Kinder und zermürbte Eltern, ohne die ein neues Gesetz für Gewaltfreie Erziehung wirkungslos bleiben würde, könnte so eine Bürgerstiftung mit auf die Beine stellen.

 

Regie:                                      Take 15

Diese Probleme, die wir heute hier diskutiert haben, sind auch zu beantworten durch Geschichten, die wir Bürger selber organisieren können - durchaus in Partnerschaft mit dem Staat. Die starken Bürgerstiftungen in den USA, die machen es so: Die finanzieren ihre Modellversuche, wenn’s klappt, wissenschaftlich begleitet, dann gehen sie zum Staat, zur Stadt New York, wo auch immer, und sagen: Hier haben wir 1 Million für eine neue Konzeption, wenn Ihr 1 Million dazu tut.

 

 

Zitator:                                     Kinder haben ein Recht auf gewaltfreie Erziehung. Körperliche Bestrafungen, seelische Verletzungen und andere entwürdigende Maßnahmen sind unzulässig.

 

Autorin:                                    So lautet § 1631 Abs. 2, wenn das Bürgerliche Gesetzbuch geändert ist. Der Gesetzentwurf wird zur Zeit im Rechtsausschuss und im Familienausschuss des Bundestages beraten. Danach folgt die zweite und die dritte Lesung im Deutschen Bundestag. Der Bundesrat muss nicht zustimmen. Das Gesetz könnte schon im Sommer in Kraft treten.

 

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