Annette Wilmes über Charlotte Corday,        Berlin, den 25.4.1996

Für Elefantenpress-Kalender, “Bad Women” 1997

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Als die Mörderin zu ihrem Opfer ging, trug sie das Messer zwischen ihren Brüsten.   Sie kam bereits zum zweiten Mal, beim ersten Mal hatte man ihr den Zutritt verwehrt. Sie hatte jetzt neben dem Messer die Waffen einer Frau angelegt,  sich nach allen Regeln der Kunst zurechtgemacht, ihre natürliche Schönheit  dadurch noch mehr hervorgehoben. Eine Frau, die für die Liebe gemacht zu sein schien. Es war aber keine Liebe, die sie zu diesem Mord trieb, wohl eher Haß, Abscheu und Ekel vor diesem Mann, der verantwortlich war für den Tod so vieler Menschen.

Jean Paul Marat, Präsident des Jakobinerclubs während der französichen Revolution, hatte den Satz geschrieben, man werde nichts ausrichten, wenn man nicht zuvor ein paar tausend Aristokratenköpfe abschlüge. Nicht nur Adelige, auch die bürgerlichen Girondisten bekämpfte er, genauso den Klerus. Er hatte vor allen anderen dafür gesorgt, daß die Todesmaschinerie in Gang kam. Die Erfindung der Guillotine durch den Arzt Louis im Jahre 1792 sorgte dafür, daß die Maschinerie schnell und produktiv arbeitete.

Charlotte Corday war selbst adliger Herkunft, das war jedoch kein Motiv für sie, Marat umzubringen. Für “Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit “ hätte auch sie sich gern stark gemacht. Als verarmtes Edelfräulein vom Land blieben ihr jedoch nicht viele Möglichkeiten.

Als sie nach Paris aufbrach, hatte sie nur noch einen Gedanken: “Frieden”. Den wollte sie erreichen, indem sie Marat umbrachte. “Der Tod eines einzigen wird das Leben aller bedeuten.”

Unter einem Vorwand gelang es ihr, ins Haus zu gelangen. Sie hatte an Marat geschrieben, sie werde ihm die Teilnehmer eines Komplotts nennen, der sich draußen auf dem Land zusammenbraute. Er empfing sie im Bad, in der Wanne sitzend. Vor sich ein Brett, schrieb er die genannten Namen auf. Sie alle wollte er innerhalb von wenigen Tagen auf die Guillotine bringen.

Charlotte Corday stach zu.  Sie traf Marat ins Herz. Er starb innerhalb weniger Sekunden - in der Badewanne.

Charlotte Corday lebte nicht viel länger als ihr Opfer. Sie wurde zum Tode verurteilt. Auf dem Bild ist sie nicht mehr weit von der Hinrichtung entfernt. Sie brachte es fertig, sich noch wenige Stunden vor ihrem Tod in der Zelle malen zu lassen.  Der Maler war Vizekommandant eines Bataillons. Schon im Gerichtssaal hatte er sich in den Bann der Angeklagten schlagen lassen.  Sie hatte bemerkt, daß er während der Verhandlung Skizzen anfertigte. Sie bat ihn, sie in der Zelle zu vervollständigen. So entstand das Ölgemälde von Charlotte Corday: das Portrait einer noch Lebenden.

Die ungewöhnliche Begegnung des Malers mit seinem Modell ist zu einem Roman verarbeitet worden, geschrieben hat ihn  Sibylle Knauss.  Sie schlägt den Bogen von der Kindheit Charlottes, die früh die Mutter verlor und als ältestes von vier Kindern große Verantwortung tragen mußte, bis zum Abschied in der Todeszelle: Charlotte Corday nimmt dem Henker die Schere aus der Hand, schneidet sich eine Locke ab und gibt sie dem Maler: “Ich möchte Ihnen danken, sagte sie. Vergessen Sie mich nicht.” Dann wurden ihre wunderbaren Haare geschoren, in einen roten Umhang gehüllt mußte sie den Karren besteigen, der sie durch die tobende Menge zum “Place de la République” bringen sollte. In dieser entwürdigenden Situation, in der selbst die standhaftesten unter den Verurteilten versuchten, sich durch das Singen patriotischer Lieder aufrecht zu erhalten, manche stießen auch furchtbare Flüche aus, schaffte es Charlotte Corday, ruhig zu bleiben. Nicht nur das, sie strahlte eine feierliche und schlichte Heiterkeit aus. Sie traf nicht nur den Maler, der mit ihr die letzten Stunden verbracht hatte, mitten ins Herz.

“Er und das Volk von Paris, wie es la voilà rief, la voilà,  wenn sie vorbeifuhr, sie begrüßend: Willkommen, willkommen Mörderin, willkommen heimliche Heldin, schöne Täterin, schreckliches Mannweib. Willkommen, Engel des Mordes, zu deinem eigenen Tod. La voilà. La voilà.”

                                                                                                                 

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