„Cyber Weiber“

 Boxcar Bertha  für Bad Women Kalender 2000                  von Annette Wilmes

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„Die Reichen können Globetrotter werden, aber wer kein Geld hat, wird Hobo.“ Bertha Thompson war eine Hobo-Frau. Hobos fahren auf Güterzügen quer durch das krisengeschüttelte Amerika der 20er und 30er Jahre. Sie leben in Camps, suchen Arbeit, gehen stehlen, rauchen und trinken, auch die Frauen. Sie gehen aber auch auf Vortragsveranstaltungen von Kriegsgegnern und Gewerkschaften, lesen Bücher von Tolstoi und Proudhon,  besuchen spezielle „Hobo-Colleges“.

Bertha wurde Anfang des Jahrhunderts geboren. Ihre Mutter war Anarchistin und eine Anhängerin der freien Liebe, die nur solange mit einem Mann zusammen blieb, wie er ihr gefiel. Berthas erstes Spielzimmer war ein Güterwagen, ein „boxcar“, Boxcar Bertha wurde sie fortan genannt. Ihren Vater, der einen kleinen radikalen Buchladen in New York betrieb, lernte sie erst als Erwachsene kennen. Warum hatte er nie Kontakt zu seiner Tochter aufgenommen? Warum war er nie ein Vater für sie gewesen? „Alle Männer sind deine Väter und deine Brüder“, war seine Antwort, „und alle Kinder werden deine Söhne und Töchter sein.“ Mit solchen „Jesusworten“ wollte sich Bertha nicht zufrieden geben. „Wenn ich nun keine so wunderbare Mutter gehabt hätte, die mich versorgte? Man hätte mich vielleicht mit Tausenden anderer hilfloser Kinder in ein Waisenhaus gesteckt. Gibt es in deinem Glauben denn keine Verantwortung und keine Familienloyalität?“

Boxcar Bertha zog weiter. Sie landete im Obdachlosenasyl, in einer Absteige für Hobos und Kriminelle, lernte Diebe und Huren kennen, arbeitete selbst als Hure. Sie war schwanger und an Syphilis erkrankt, brachte trotzdem ein gesundes Baby zur Welt. Wer der Vater ist? „Die Väter des Kindes waren 1500 Männer, 1500 einsame Männer.“

Kurz vor der Niederkunft hatte Bertha einen anderen Mann als den Vater ihres Kindes angegeben: ihren ehemaligen Liebhaber „Big Otto“. Sie hatte ihn zwar eine ganze Weile auf seiner kriminellen Laufbahn begleitet, war mit den ständigen Stehlereien, Hehlereien und Heimlichkeiten aber nie klar gekommen und hatte ihn schließlich verlassen. Als sie erfuhr, daß er nach einem Raubmord  in die Todeszelle geraten war,  in der ihn nur nahe Verwandte besuchen durften, sagte sie kurzerhand, das Baby in ihrem Bauch sei von ihm. Sie schaute sogar seiner Hinrichtung zu. Vorher hatte sie ihm den Auftrag mit auf den Weg gegeben, den lieben Gott zu fragen, „ob Er sich nicht etwas einfallen lassen kann, was die Menschen davon abhält, sich gegenseitig umzubringen. Frag Ihn, ob Er es nicht so einrichten kann, daß das ehrliche Leben weniger schwer ist als das Ganovenleben.“

Nach der Geburt ihrer Tochter, die sie „Baby Dear“ nennt, führt Boxcar Bertha eine ganze Weile ein fast bürgerliches Leben. Sie arbeitet im Labor einer Poliklinik und wohnt im Wohnheim des Krankenhauses. Aber als ihr Kind, ein kleines Mädchen, ein halbes Jahr alt ist, soll es endlich seine Großmutter kennenlernen. Seine erste Fahrt soll das Kind im Lieblingsgefährt seiner Mutter unternehmen - in einem Güterwagen.

Ruhelos wie eh und je macht sich Boxcar Bertha wieder auf und läßt ihre kleine Tochter  in einer „Home Colony“ zurück, wo sie sie gut aufgehoben weiß. In New York findet sie Arbeit als Sozialarbeiterin in einem Heim für mittellose Frauen, wird schließlich Leiterin eines Heims für Nichtseßhafte, hält Reden auf Konferenzen und in Kirchen. Dann wird sie von ihrer Vergangenheit eingeholt, als ehemals Vorbestrafte verliert sie die Stellung. Zusammen mit ihrem Geliebten fährt Boxcar Bertha  im Güterzug nach Kalifornien. Die Fahrt endet schrecklich: Auf der Flucht vor der Bahnpolizei gerät der Mann unter die Räder der Waggons und stirbt.

Aber wie immer rappelt sich die junge Frau wieder hoch. Sie arbeitet erfolgreich als Sozialarbeiterin, wenn sie auch nie ganz von ihren Reisen lassen kann. „Du bist eine Mystikerin“, sagt ein alter Freund zu ihr, „eine christliche Anarchistin, die Gott im Güterwagen sucht.“

Wie lange Boxcar Bertha auf der Suche blieb, ist nicht bekannt. Denn ihr Lebensbericht endet, als sie etwa 30 Jahre alt ist, eine strahlende Frau, die wieder mit ihrer inzwischen acht Jahre alten Tochter in New York zusammenlebt.

 

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Berlin, den 17.4.1999

66 Zeilen

662 Wörter