WDR 4          „Recht So!“

8.2001

 

Redaktion: Rüdiger Sommerling                            Manuskript: Annette Wilmes

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Stiefkinder

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Für die Moderation:                  Wer kennt nicht die böse Stiefmutter aus den Märchen der Brüder Grimm? Die Situation der Stiefkinder, im Märchen als Ausnahmesituation beschrieben, ist inzwischen fast Normalität geworden. Jedenfalls gehören die Stieffamilien längst zur sozialen Wirklichkeit, denn jede dritte Ehe wird geschieden, und viele Mütter oder Väter suchen sich neue Partner. Der Stiefvater ist glücklicherweise genauso wenig wie die Stiefmutter zwangsläufig böse, anders als im Märchen. Aber die rechtliche Situation der Stiefkinder und –eltern ist alles andere als befriedigend geregelt.

 

Autorin:                                      Simon ist 8 Jahre alt und lebt seit 5 Jahren mit seiner Mutter Annemarie und seinem Vater Peter in einer schönen Altbauwohnung. Vater Peter geht mit zum Elternabend in der Schule, bringt den Jungen zum Sport und gibt ihm jeden Abend einen Gute-Nacht-Kuss. Mutter Annemarie natürlich auch. Eine ganz normale Familie mit nur einer Besonderheit: Sohn Simon und Vater Peter sind nicht verwandt.

Stieffamilien unterscheiden sich im Alltag recht wenig von anderen Familien. Dieser sozialen Wirklichkeit wird das deutsche Familienrecht nicht gerecht. Es fängt damit an, dass die Regeln für Stieffamilien nur schwer auffindbar sind, berichtet Hans-Heinrich Thormeyer, Fachanwalt für Familienrecht:

 

Regie:                                     Take 1

Diese Regelungen sind verstreut an verschiedenen Stellen des Bürgerlichen Gesetzbuchs. Und das ist deswegen besonders merkwürdig, weil ja ganz viele Familien in dieser Stiefkind- Stiefelternsituation leben.

 

 

Autorin:                                    Es sollen etwa 10 Millionen Familien mit Stiefkindern in Deutschland leben, die prominenteste ist sicher die des Bundeskanzlers. Aber wenden wir uns wieder Simon und seiner Familie zu. Es ist ein Geschwisterchen angekommen, ein kleines Mädchen. Vera heißt wie die Eltern Meyer, nur Simon, der große Halbbruder, heißt noch Müller, wie der leibliche Vater, mit dem er so gut wie nichts zu tun hat. Kann das nicht geändert werden?

 

Regie:                                     Take 2

Möglich ist das nur dann, wenn derjenige Elternteil, der diese Namenserteilung machen will, das alleinige Sorgerecht hat. Auch dann ist es aber notwendig, dass der  nicht sorgeberechtigte Elternteil zustimmt, allerdings ist es möglich, dass das Familiengericht dessen Zustimmung ersetzt, wenn das dem Kindeswohl dient.

 

 

Autorin:                                    Das „Wohl des Kindes“ ist im Familienrecht das A und O. So könnte es wichtig sein, dass Stiefeltern, die zusammen mit dem Kind leben, auch das Sorgerecht erhalten.

 

Regie:                                     Take 3

Das ist gesetzlich nicht vorgesehen, aber es gibt Bestrebungen, ein sogenanntes kleines Sorgerecht für die Alltagsentscheidungen für die Stiefelternteile gesetzlich festzuschreiben.

 

 

Autorin:                                    Aber was ist, wenn Stiefeltern sich trennen? Seit der letzten Kindschaftsrechtsreform, sagt Familienrechtsanwalt Thormeyer, habe sich einiges getan.

 

Regie:                                     Take 4

Seit dieser Reform vom 1.7.1998 ist es so, dass auch die Stiefeltern ein Umgangs- bzw. Besuchsrecht mit den Stiefkindern haben und das auch durchsetzen können, wenn das dem Kindeswohl dient.

 

 

Autorin:                                    Nicht so gut sieht es beim Erben und Vererben aus. Gesetzlichen Anspruch haben nach wie vor nur die blutsverwandten oder adoptierten Kinder. Eine Adoption könnte bei allen Problemen helfen. Denn im Gegensatz zum Stiefkind ist das adoptierte Kind dem leiblichen gleichgestellt.

 

Regie:                                     Take 5

Aber es ist ein bisschen künstlich, zu sagen, es soll die Verwandtschaft zum leiblichen Elternteil gekappt werden, das wird sie ja durch die Adoption, nur weil der Gesetzgeber sich nicht in der Lage sieht, tatsächlich vernünftige Regelungen für Stieffamilien zu schaffen.

 

 

Autorin:                                    Der Gesetzgeber ist also gefordert. Kinderschutz- und Juristenverbände sollten die Sache vorantreiben, damit die rechtliche Situation nicht länger der sozialen Wirklichkeit hinterherhinkt.

 

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