WDR 4          „Recht So!“

 

Redaktion: Rüdiger Sommerling               Manuskript: Annette Wilmes

 

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Zwangspsychiatrie: Sind die Betroffenen rechtlos?

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Autorin:                                    Jeder Mensch hat ein Recht auf körperliche Unversehrtheit und auf Selbstbestimmung. Für psychisch kranke Menschen, die in die Psychiatrie eingewiesen wurden, gilt das jedoch nach wie vor in vielen Fällen nur auf dem Papier.

Wenn jemand ausrastet, nicht mehr zu beruhigen ist, um sich schlägt oder sich möglicherweise umbringen will, wenden sich meist Familienmitglieder oder Nachbarn direkt an eine Klinik, sagt Rechtsanwältin Helga Wullweber, Redaktionsmitglied der Vierteljahreszeitschrift Recht &Psychiatrie. Dann kommt ein Arzt des sozialpsychiatrischen Dienstes, der den Betreffenden untersucht.

 

Regie:                                      Take 1

Und wenn er meint, der Betreffende müsse in die Klinik, entweder weil er sich selbst oder andere gefährdet, dann gibt es einen Einweisungsbeschluss, so einen vorläufigen, ähnlich wie so’n vorläufigen Haftbefehl, und dann wird der Betreffende binnen spätestens einer Woche dem Richter vorgeführt werden, der darüber beschließt, ob er in der Klinik zu bleiben hat.

 

 

Autorin:                                    Statt Beruhigungsmitteln werden dem Patienten meist Psychopharmaka mit schlimmen Nebenwirkungen verabreicht. Entstellte Gesichtszüge, verdrehte Augen oder Speichel, der unkontrolliert aus dem Mund fließt, lassen ihn bei der richterlichen Vorführung erst richtig „verrückt“ erscheinen. Ein Fall für die geschlossene Anstalt.

Dem Untergebrachten wird vom Vormundschaftsgericht ein Betreuer bestellt. 

Von jetzt an ist er mehr oder weniger rechtlos. Der Betreuer darf auch gegen den Willen des Patienten bestimmen, dass er zu behandeln ist. 

 

Regie:                                      Take 2

Es gibt natürlich sicherlich viele Ärzte, die sich dem Gespräch mit dem Patienten stellen, die die Medikation wechseln, wenn die Patienten darüber klagen, dass sie ihnen nicht bekommt, aber es ist wirklich abhängig vom goodwill in der Regel.

 

 

Autorin:                                    Vor allem Selbsthilfegruppen, zum Beispiel die „Irrenoffensive“, haben immer wieder darauf hingewiesen, dass Psychopharmaka nicht heilen, sondern nur ruhig stellen. Inzwischen gibt es Kliniken, die auch aus diesem Grund eine Behandlungsvereinbarung mit dem Patienten treffen.

Seit Anfang der 90er Jahre ist es möglich, eine Vertrauensperson als Betreuer zu bevollmächtigen, solange man noch selbst für sich sorgen kann. Wenn dann eine Krise eintritt, darf von Amts wegen kein Betreuer mehr bestellt werden. Selbsthilfegruppen haben diese sogenannte Vorsorgevollmacht mit  bestimmten Vorgaben gefüllt.

 

Regie:                                      Take 3

Ähnlich wie bei organisch Kranken, die sagen, ich will in einer bestimmten Situation nicht mit lebensverlängernden Maßnahmen bedacht werden und ähnliches, und die psychisch Kranken Selbsthilfegruppen, die schreiben dann darein, ich will auf keinen Fall mit Psychopharmaka behandelt werden.

 

 

Autorin:                                    Die Gerichte reagieren unterschiedlich auf solche Vollmachten, einige sagen, sie seien nicht wirksam, weil der Betreffende nicht geschäftsfähig war, andere erkennen sie an.

Jedenfalls ist die zwangsweise Behandlung psychisch Kranker, die sich nicht darauf beschränkt, eine akute Notlage zu beheben, inzwischen  umstritten. Ein kleiner Schritt, um die zwangsweise Untergebrachten aus ihrer Rechtlosigkeit zu befreien.

 

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