WDR 4          „Recht So!“

12.2001

 

Redaktion: Rüdiger Sommerling                            Manuskript: Annette Wilmes

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Kriminalitätsopfer

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Für die Moderation:                    Opfer einer kriminellen Tat erleiden körperliche und seelische Schmerzen, Demütigungen und Verluste materieller Art. Sie freuen sich, wenn der Täter gefasst und vor Gericht gestellt wird, denn sie hoffen, nun endlich die Tat aus ihrer Sicht schildern zu können, Gehör zu finden, so etwas wie Gerechtigkeit zu erfahren. Das Leid, das ihnen angetan wurde, soll gesühnt werden, in  der  Bestrafung des Täters wollen sie auch eine Art Genugtuung finden.

 

 

 

Autorin:                    Jan Philipp Reemtsma, selbst Opfer einer Entführung, in einem Keller gefangen, 33 Tage in Todesangst, wollte die Täter vor Gericht sehen. Er kennt den Wunsch nach Genugtuung, den wohl die meisten Opfer hegen, auch wenn er es besser weiß.

 

Regie:                    Take 1

Das Strafverfahren ist ja nicht dazu gemacht, Opfer zu therapieren. Dazu ist es nicht da. Und man sollte auch nicht meinen, man könnte es zu einem Ort machen, wo so etwas gelingt. Umso mehr ist natürlich darauf zu achten, dass Opfer vor Gericht nicht erneut verletzt werden. Was vor Gericht frustriert werden muss, ist der Wunsch nach Vergeltung. Ich halte den Wunsch als Wunsch für legitim, ihn hegen zu können, gehört zur kreatürlichen Ausstattung eines Menschen, der verletzt worden ist, nicht jeder will das, aber viele wollen das, wollen zurückverletzten. Der Wunsch ist legitim, ihn zu hegen ist legitim, ihn zu verwirklichen nicht.

 

 

Autorin:                     Und tatsächlich ist die Situation im Gerichtssaal ganz anders, als die Opfer es sich vorgestellt hatten. Sie werden kaum als Leidtragende, sondern als Zeugen wahrgenommen. Mitleid erfahren sie selten, stattdessen werden sie hart befragt, von der Verteidigung in die Zange genommen und manchmal sogar als Lügner hingestellt.

Viele Opfer erleben, dass der Täter wieder der stärkere ist, in der Lage, das Opfer erneut zu demütigen.

Die Stellung des Angeklagten im Strafverfahren ist günstiger als die des Opfers. Der Strafrechtsprofessor Winfried Hassemer, Richter am Bundesverfassungsgericht:

 

Regie:                    Take 2

Das Strafverfahren ist Täter zentriert, und das Opfer spielt nur eine Rolle am Rande. Es steht unter Zwang, es steht sogar unter Strafzwang, es muss erscheinen, es muss aussagen, es muss vollständig aussagen, es muss wahrheitsgemäß aussagen. Das Opfer hat von bestimmten Situationen abgesehen auch keine Chancen. auf das Strafverfahren folgenreich Einfluss zu nehmen. Das Strafverfahren wird vom Staat geführt und nicht vom Opfer.

 

 

Autorin:                     Das rechtsstaatliche Strafverfahren hat das Faustrecht abgelöst. Der Beschuldigte ist auch nicht mehr hilflos einer Übermacht ausgeliefert, wie etwa in den Hexenprozessen des Mittelalters, er genießt Rechte und gilt bis  zur Rechtskraft des Urteils als unschuldig.

Aber muss das Opfer deswegen in die Ecke  gedrängt und vor Gericht nur in seiner Rolle als wichtiger Belastungszeuge wahrgenommen werden? Vor allem der Frauenbewegung, aber auch den Opferverbänden ist es zu verdanken, dass sich das – zum Teil – geändert hat. So kann das Opfer als Nebenkläger mit Hilfe eines Anwalts seine eigenen Interessen verfolgen und gegen ein Urteil oder einen Freispruch Rechtsmittel einlegen.

Aber auch außerhalb des Gerichtssaal liegt noch vieles im Argen. Das Opferentschädigungsgesetz, das materielle Hilfen sichert, lässt sich in der Praxis nicht immer durchsetzen, oft sind zahlreiche bürokratische Hürden und zivilrechtliche Hindernisse zu überwinden.

Immerhin ist bei den Politikern angekommen, dass noch viel getan werden muss, um Verbrechensopfern aus dem Abseits herauszuhelfen. Bundesjustizministerin Herta Däubler Gmelin:

 

Regie:                    Take 3

Es muss darum gehen, diese rechtsstaatlichen Verfahren, die wir heute haben, um den Blickwinkel auf die Opfer und durch den Blick, mit dem die Opfer auf Kriminalität sehen, zu ergänzen.

 

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