WDR 4          „Recht So!“

23.12.2002

 

Redaktion: Rüdiger Sommerling                            Manuskript: Annette Wilmes

 

Justitia - was wägt sie?

 

Moderation:                  Justitia, die altrömische Göttin, ist die Personifikation der Gerechtigkeit. Aber nicht alles, was in Ihrem Namen geschieht, ist gerecht. So gibt es Fehlurteile in den Gerichten und auch die Justizbehörden sind mitunter alles andere als gerecht in ihren Entscheidungen. Davon zeugen auch die Berichte in unserer Reihe: von Justizopfern ist die Rede, von Sozialhilfe, von Partnertrennung, von Zwangspsychiatrie – überall fühlen sich Menschen ungerecht behandelt oder es geschieht ihnen tatsächlich Unrecht – in Justitias Namen.

 

 

Autorin:                                      Justitia – die Göttin der Gerechtigkeit – trägt über den Augen eine Binde, in der einen Hand hält sie ein Schwert, in der anderen eine Waage.  Beide Waagschalen sind leer.

Justitia - die Göttin der Gerechtigkeit - was hat sie wohl zu wägen?

Im Strafprozess wirft der Staatsanwalt seine Argumente in die eine Waag­schale. Sie senkt sich merklich. Der Angeklagte soll eine Eisenstange auf ein Poli­zeifahrzeug geworfen haben, nur wenige Zentimeter am Kopf des Beifah­rers entfernt soll sie steckengeblieben sein. Die Beweise, die Zeugenaussa­gen der Polizisten, all das kommt in die Waagschale. Der Angeklagte hat aber auch einen Verteidiger, auch der hat einiges zu bieten. Seine Argu­mente werden gewogen. Die Belastungszeugen verwickeln sich in immer schlimmere Wider­sprüche. Letztlich gelingt es dem Verteidiger, das Gericht davon zu über­zeugen, dass der Angeklagte die Eisenstange gar nicht gewor­fen haben kann. Er wird freigesprochen. Ihm ist Gerechtigkeit widerfahren. Die Waagschalen sind im Gleichgewicht.

Das ist nicht immer so. Ungerecht behandelt fühlte sich jedenfalls schon so mancher Angeklagte. Zum Beispiel der Dieb, der als Wiederhol­ungstäter hinter Gitter muss, obwohl er nur ein paar Flaschen Schnaps ge­klaut hat. Im Knast trifft er einen Wirtschaftskriminellen, dessen Beute ein paar Hunderttausend Mark mehr wert war. Der wird jedoch aus der Untersuchungshaft entlassen. Ein fester Wohnsitz und eine Million Mark Kaution haben es möglich gemacht. Der Dieb indes muss weiter brummen. Ist das etwa gerecht?

Justitia wägt ohne Ansehen der Person, deshalb trägt sie ja die Binde. Sie prüft, vergleicht, überlegt, bedenkt und findet schließlich das Urteil. Sie soll dasselbe Recht für alle gelten lassen, egal, welche gesellschaftliche Stel­lung die Angeklagten einnehmen, egal, ob sie Frauen oder Männer sind. Manchmal allerdings könnte man auch vermuten, dass die Binde einen ganz anderen Effekt hat, dass sie Justitia blind macht, blind für die Umstände, aus denen heraus manche Taten entstehen. Wenn eine jahrelang misshandelte Frau ihren Mann, den eigentlichen Übeltäter, schließlich umbringt, ist das doch etwas anderes als ein kaltblütig geplanter Raubmord. Für Justitia gibt es da leider nicht immer einen Unterschied.

1929 hat Kurt Tucholsky eine Geschichte geschrieben, die sich nachts im Treppenhaus des Berliner Kriminalgerichts abspielt. „Justitia, die tagsüber in Stein gehauen dasteht, löst sich von der Wand und tappt, mit verbun­denen Augen, einige Schritte vorwärts."

Dann reißt sie die Binde ab, wirft die Waage weg und auch das Schwert. Der Staatsanwalt kommt. Justitia ist sein braves Mädchen. "Streiker und Revo­luzzer und Demokraten und Spartakisten und Unabhängige und Pennbrüder und Pazifisten und Schriftsteller und Kommunisten und all das Pack - Wo­hin?" Für Justitia ein klarer Fall: Ins Kittchen. "Und die Offiziere? Und die feinen Leute? Wohin?"

Runter von der Anklagebank natürlich.

Wenn Justitia sagt: "Wir haben die Unabhängigkeit der Justiz!" , dann lachen bei Tucholsky die Hühner. Und die Waage hängt schief, die Binde hat Guck­löcher, das Schwert ist zweischneidig.

Das war 1929. Irgendwie immer noch aktuell.

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