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* radio kultur

   Gulliver

Sätze und Gegensätze

 

 

 

 

 

 

Erlaubt, aber weiterhin sittenwidrig

Prostitution in Berlin

 

 

 

 

 

 

 

                   

                    Manuskript: Annette Wilmes

                    Redaktion:  Johannes Wendt

                    Sendetag:   16. Oktober 1999

                    Sendezeit:  17.05 Uhr

                                       92,4 MHz

 

 

 

Mitwirkende:

 

Zitator

Autorin

 

 

 

 

 

 

Regie:                    Take 0 - Gulliver Spot, direkt daran

 

                    Take A (Atmo)

Straßengeräusche, Autos, Stimmen im Hintegrund

Regie:                    unter den Text blenden

 

Autorin:                    Gulliver auf dem Straßenstrich  Oranienburger Straße. Frauen in weißen oder schwarzen Lacklederstiefeln bis zum Oberschenkel warten auf Freier.

 

Regie:                    Atmo wieder hoch dann unter Take 1 blenden

 

Regie:                    Take 1

Straßengeräusch, dann Aut.: Hallo, ich mache ‘ne Reportage, kann ich mal kurz was fragen?  Frau: Nee, nee,  Aut.: Über die veränderte gesetzliche Lage?  Frau nee, nee

 

Regie:                    Take B (unter den Text blenden)

Straßengeräusche, Kneipenmusik an der Straße,

 

Autorin:                    Die Frauen lehnen jedes Gespräch ab. Am Ende, Ecke Auguststraße, trifft Gulliver auf Antonio. Er stammt aus Venedig und verkauft Würstchen. Antonio steht nachts in seinem Zelt und beobachtet durch das Verkaufsfenster das Treiben auf der Straße.

 

Regie:                    Take 2

Kommen Sie Moment ‘rein. Das ist eine Fenster, hier kommen verschiedene Leute, arrogante, elegante,

Aut.: Wie ist es denn mit den Frauen, die hier arbeiten, kommen die auch zu Ihnen

Ant.: Natürlich, ich kenne alle, das sind Frauen, sie machen einen besonderen Beruf, sagen wir, aber sie kommen jede Nacht.  (reißt)

 

 

Autorin:                    Das älteste Gewerbe der Welt - immer noch eine umstrittene Tätigkeit. Regine Laaser von „Hydra“, dem Berliner Treffpunkt für Prostitutierte:

 

 

Regie:                    Take 3

Also der rechtliche Stand zur Gleichstellung der Prostituierten ist im Augenblick, dass sie nicht gleichgestellt sind, das heißt, Prostitution ist nach wie vor als Tätigkeit nicht anerkannt, es ist zwar erlaubt, aber gilt als sittenwidrig. Und das ist ja der Kampf, den die Hurenbewegung seit 20 Jahren führt, dass sie sagt, man kann nicht etwas erlauben und gleichzeitig als sittenwidrig erklären, das ist für die Menschen, denen man das erlaubt, diskriminierend.

 

 

Autorin:                    Hydra ist die erste autonome Hurenorganisation in Deutschland. Sie wurde 1980 von Sozialarbeiterinnen und Feministinnen gegründet. Seit 15 Jahren wird Hydra über zwei Senatsstellen finanziert, der Senatsverwaltung a. für Gesundheit und b. für Frauen und Arbeit.

 

 

Regie:                    Take 4 (Laaser)

In unseren Beratungsgesprächen, besonders bei der Ausstiegsberatung, aber auch bei der Einstiegsberatung, die wir auch machen, geht es immer darum, teile ich das meinen Kindern mit, teile ich es meiner Familie mit, dass ich in der Prostitution arbeite, wie ist das, wenn ich einen anderen Job ergreife, sage ich, dass ich als Prostituierte gearbeitet habe, und wie ist es überhaupt mit meiner eigenen Vergangenheit, würde ich die am liebsten weghaben, oder ist es etwas wertvolles in meinem Leben. Das heißt, Doppelleben, Heimlichkeit, das sind immer Themen in fast jeder Beratung.

 

 

Autorin:                    Themen, die Molly Luft längst hinter sich hat. Ihre beiden Kinder sind erwachsen, der Sohn, Anfang 30, will schon lange nichts mehr von seiner Mutter wissen, er hat jeden Kontakt abgebrochen. Die Tochter hingegen arbeitet inzwischen selbst wie die Mutter als Prostituierte.

Molly Luft, die einen sogenannten Club in Schöneberg betreibt, tritt in Talkshows auf, gibt Interviews, bezeichnet sich selbst als die „dickste Hure Deutschlands“ und läßt sich neuerdings sogar auf einer CD besingen.

 

Regie:                    Take C

Musik, .. ich liebe jedes Kilo an ihr, nur bei ihr werd’ ich zum Tier, im Puff bei Molly Luft, im Puff bei Molly Luft.

 

 

Autorin:                    Um Punkt 10 Uhr vormittags beginnt für  Molly Luft und ihre Mitarbeiterinnen der Arbeitstag, um 19 Uhr ist Schluss.  Um 10 Uhr öffnet sich auch für Gulliver die Tür zu der großen Wohnung. Tageslicht dringt hier nicht ein, vor den Fenstern hängen schwere Samtvorhänge.  Die Palmen sind aus Plastik. In den Zimmern stehen französische Betten, aber auch Sofas, Sessel, Schrankwände. In Mollys Zimmer hängt eine Preisliste. Für 30 Mark schon können ihre Dienste in Anspruch genommen werden. Niedrigstpreise im Rotlichtmilieu. 

 

Regie:                    Take 5   (Molly Luft)

Ich bin seit 25 Jahren im Gewerbe, und für mich persönlich, ich habe damit keine Schwierigkeiten, für mich persönlich ist es auch nicht irgendwie sittenwidrig, auch von den Behörden her habe ich keinerlei Schwierigkeiten bisher bekommen, ich bin Steuerzahlerin sowieso seit eh und je und selbst versichert, ich habe mich selbst versorgt in allem, also habe auch für meine Altersvorsorge alles getan, für mich eigentlich rundherum ein positives Ergebnis meiner Tätigkeit und habe damit auch gar keine Probleme. Aber für andere Leute, das heißt für Prostituierte oder auch für die männlichen Sexarbetier sozusagen, ist es sicherlich ein bisschen anders.

 

A: Wie ist das überhaupt hier so mit der Nachbarschaft, wissen die Leute, was sich hier in diesen Räumen abspielt?

 

M: Ja, also ich bin hier seit 16 Jahren an diesem Hause, und schon alleine das sollte die Antwort sein auf Ihre Frage, denn ich würde sonst hier nicht mehr wohnen, wenn es also für die Leute ganz fürchterlich wäre, dass sie ein Bordell im Hause haben. Ich muss aber dazu sagen, dass anfänglich natürlich kleine Schwierigkeiten aufgetreten sind, also von den Leuten mir gegenüber, denn sie fühlten sich schon ein bisschen belästigt, aber wie gesagt, ein reiner Tagesbetrieb, wir lassen ja auch keine alkoholisierten Männer hinein, oder anders auffällige, ich sehe zu, dass Ruhe und Ordnung ist, die Polizei ist hier noch nie tätig geworden sozusagen. Ich regele meine kleinen Problemchen, die man hier vielleicht mal mit irgendwelchen Gästen hätte, immer alleine, scheinbar durch meine Statur, ist das vielleicht auch ganz alleine möglich, wenn ich das regele.

 

A: Also Sie sind ‘ne Respektsperson?

 

M: Ja, vielleicht durch meine Größe und die Ausmaße, ja.

 

A: Die Bedingungen, unter denen Prostituierte arbeiten oder zum Teil auch arbeiten müssen, sind ja sehr unterschiedlich. Hier Sie haben eine ganz angenehme Atmosphäre, war das immer so?

 

M: Also die angenehme Atmosphäre rührt sicherlich daher, dass ich auch in meiner Wohnung hier wohne. Dass die Bedingungen manchmal für andere Prostituierte woanders schlechter sind, das höre ich von Gästen häufig, auch von Frauen, die dann vielleicht hier arbeiten, aber im großen und ganzen eigentlich würde ich fast sagen, die Prostituierten, die können ja im Allgemeinen arbeiten, wo sie wollen, wenn es den einen dort nicht gefällt, dann gehen sie woanders hin und sie haben ja auch das Recht dazu.

A: Und mit dem Straßenstrich? Kommen hier auch Frauen zu Ihnen, die jetzt bei Ihnen arbeiten wollen, die vorher auf der Strasse waren?

 

M: Also ich hatte auch schon Frauen, die von der Straße  her kamen, im Sommer stehen sie gerne auf der Straße, und im Winter, dann verirren sie sich schon mal in ein Bordell, wo sie dann am warmem Ofen sitzen können, sozusagen.

Hatte ich auch, aber das sind freiheitsliebende, extrem freiheitsliebende Frauen, die also doch ein anderes Arbeitsbedürfnis haben, und damit bin ich zum Teil auch schon nicht klar gekommen. Sie sind schwer integrierbar, was ja doch eigentlich sein muss, wenn mehrere Personen zusammen arbeiten.

 

A: Wieviele sind sie ungefähr?

M: Bei mir sind meistens vier bis fünf Damen beschäftigt.

 

 

 

Autorin:                    Gulliver verläßt Molly und den Tagesclub und macht sich erst spät Abends wieder auf den Weg in eine Wilmersdorfer Bar in der Brandenburgischen Straße.

„Pssst“ steht an der Tür, drin befindet sich eine scheinbar ganz normale kleine Kneipe.

 

 

Regie:                    Take D  (unter den Text blenden bis 60 Mark...)

Kneipen-Atmo, Musik, Stimmen

 

Autorin:                   Hier trifft Gulliver auf einige Männer und mehrere Frauen, die meisten leicht bekleidet,  nicht unbedingt nuttig, aber man merkt, sie gehören hierher. Die Männer an diesem Abend: Jung und alt - Fehlanzeige,  etwa 40 Jahre einer, Mitte vierzig ein paar, Endvierziger mehrere. Mit Hemd und Krawatte, aber ohne Jacket, auch mit Hemd und Pullover, die meisten ganz gediegen, keine Penner, keine Besoffenen. Irgendwann kommt ein langer, dunkler Mann, mit fettigen langen schwarzen Locken und Nickelbrille, im Anzug,  arroganter Blick, in Begleitung eines kleineren unscheinbaren Mannes. Sie holen sich am Tresen ein Getränk. Irgendwann  spricht eine der Frauen mit ihnen. Die Männer suchen Gespielinnen für eine Feier mit Rauschgift, Kokain. Die Frau lehnt ab, Drogen sind in der Pssst Bar unerwünscht.

Nach und nach zeigen sich die Frauen gesprächsbereit, wenn auch nicht vor dem Mikrophon.

Etwa 20 haben dort ihre feste Arbeitsstelle.  Sie kommen in der kleinen Bar mit den Männern ins Gespräch. Die Bedingungen sind immer die selben: 200 Mark für eine Stunde, darin enthalten eine halbe Stunde Sex in allen möglichen Varianten. Davon gehen dann 60 Mark für die Zimmermiete ab.  

Regie:                     Atmo-Band ausblenden

 

 

Autorin:                    Die Zimmer befinden sich im Gartenhaus.

 

Regie:                    Take E (unter den Text blenden)

Leisere Atmo, Schritte auf dem Hof, im Treppenhaus, A: Man verlässt dann die Bar, geht ‘raus, auf den Bürgersteig, und hier durch einen Durchgang in den Hinterhof, ein schöner Hof mit Bäumen, Schritte, hier geht’s in den ersten Stock, 1. Wohnung, Schließanlage, wegen der Anwohner sollte die Tür nicht knallen, sonst gibt’s Ärger, Whirlpool, großes Bad, sieht ganz nett aus, und ein nett eingerichtetes Schlafzimmer, mit Palmen, Musikanlage und Parkett.

Der Vorhang wird zugezogen, die Musik wird angestellt, das Rote Licht ist an, und dann kanns losgehen.

 

 

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Autorin:                    Zimmervermieterin und Barbesitzerin ist Felicitas Weigmann.

 

 

Regie:                              Take 6

Ich habe früher erst mal selbst angeschafft, und dann hatte ich aber auch, zum Beispiel wenn ich eine Freundschaft hatte, oder wenig Zeit, darum mich gekümmert, dass auch andere davon was haben, wenn viele Anrufe kamen, dachte ich, warum sollen andere nicht daran verdienen. Und dann habe ich so einen Freundeskreis um mich aufgebaut, wo wir dann irgendwann festgestellt haben, wir sollten eine Wohnung haben, wo man sich trifft, wo man die Gäste empfangen kann, und die wollten auch gerne was trinken und vorher so’n bisschen gesellig sein und sich nicht sofort für eine Frau entscheiden müssen, dann wird man auch ausgesucht als Frau, für die Frauen ist das nicht so schön. Und dann haben wir eben das Café aufgemacht im gleichen Haus, wo die Wohnung vorher auch schon war.

A: Und Sie haben das jetzt aber schon eine ganze Weile, und Sie haben neuerdings Ärger bekommen, oder schon länger?

 

W: Das Café betreibe ich seit zwei Jahren, und seit einem Jahr habe ich die Korrespondenz  mit dem Bezirksamt, und die werfen mir halt vor, dass ich der Unsittlichkeit Vorschub leiste, weil bei mir im Laden Anbahnungsgespräche stattfinden.

 

 

Autorin:                    Felicitas Weigmann soll die Lizenz für ihr Café „Pssst“ entzogen werden. Hingegen unterhält  Molly Luft  ein Bordell und hat keinerlei Schwierigkeiten,

Was ist nun eigentlich erlaubt, was ist verboten? Gulliver fragte Rechtsanwältin Margarete von Galen:

 

Regie:                    Take 7

Zur Prostitution selbst gibt es eigentlich so gut wie gar keine Bestimmung, alles was sich an Recht und Prostitution rankt, ist entweder von der Rechtsprechung entwickelt worden oder aber es gibt Vorschriften, die betreffen das Management von Prostitution, aber nicht die Prostitution selbst.

 

A: Wie sieht es überhaupt mit Bordellen aus, also das Bordell als Arbeitsplatz, was für Probleme tauchen da auf?

 

G: Da ist es auch so, dass eben Arbeitsverträge zwischen Prostituierten und den Managern nicht abgeschlossen werden können. Der Leiter oder die Leiterin eines Bordells macht sich strafbar. Das hat zur Folge, dass die Frauen, die da als Prostituierte arbeiten, automatisch immer im kriminellen Milieu arbeiten müssen, was sicherlich auch zu atmosphärischen Problemen führt. Ich denke, man kann sich vorstellen, wenn der Arbeitgeber täglich mit einem Bein im Gefängnis steht, dann ist die Arbeitsatmosphäre einfach anders, als wenn alles legalisiert wäre.

 

 

Autorin:                    Rechtsanwältin Margarethe von Galen.

„Förderung der Prostitution“ heißt der entsprechende Paragraph im Strafgesetzbuch. Steht also auch Felicitas Weigmann mit einem Bein im Gefängnis? Wird auch ihr Förderung der Prostitution vorgeworfen?

 

Regie:                    Take 8

Das hat man mir allerdings vorgeworfen, jedoch beim Nachprüfen über die Kriminalpolizei habe ich festgestellt, dass es nie ein Ermittlungssverfahren gegen mich gab wegen Förderung der Prostitution, und es wird auch keins geben, wenn ich weiter so arbeite wie bisher, weil ich nicht die Straftatbestände dafür erfülle.

 

A: Wie würde man denn diese Straftatbestände erfüllen, das ist ja alles so’n bisschen schwammig auf diesem Gebiet.

 

W: Auf alle Fälle gehört bei Förderung der Prostitution auch so’n gewisser Zwang gegenüber den Frauen dazu und dass ist bei mir überhaupt nicht der Fall.

 

A: Also bei Ihnen verkehren Frauen, die in diesem Beruf arbeiten, aber auch andere Gäste?

 

W: Ja, mein Publikum ist ganz gemischt, die Tür ist immer offen und jeder kann ‘reinkommen und kommen und gehen wie er möchte, das ist alles ganz zwanglos.

 

A: Wenn ich die Gesetzeslage richtig verstehe, würden Sie sich diesen ganzen Ärger ersparen, wenn Sie jemand anderen zum Beispiel als Kneipeninhaber vorschieben würden oder als Zimmervermieter, und das nicht in einer Person machen würden, ist das richtig?

 

W: Das wird seit vielen Jahren so praktiziert, dass man so ‘ne Augenwischerei betreibt, einer hat die Barkonzession, der andere die Konzession für die Zimmervermietung oder den Beherbergungsbetrieb. Und da tut das Bezirksamt so, als wüßte es von nichts, und bei mir ist es eben offensichtlich, weil das in einer Person ist, das werfen die mir vor, da müssen sie nun aktiv werden.

 

 

Autorin:                    Vor dem Gulliver Mikrophon wollte die Wilmersdorfer Stadträtin für Wirtschaft, die für die Vergabe von Lizenzen zuständig ist, nicht Stellung beziehen, weil es sich um ein laufendes Verwaltungsverfahren handele. Die Anhörung sei demnächst abgeschlossen.

Die Stadträtin ließ aber durchblicken, dass ihr nach dem Gaststättengesetz gar keine andere Möglichkeit bleibe, als das Café zu schließen. Der Bezirk als Ordnungsbehörde müsse immer dann die Lizenz entziehen, wenn „der Unsittlichkeit Vorschub“ geleistet werde. 

In dem Zusammenhang verwies sie auf die höchstrichterliche Rechtsprechung. Tatsächlich hat das Bundesverwaltungsgericht im Fall eines Gastwirtes, dessen Frau ein “Dirnenwohnheim“ im selben Haus betrieb, einen entsprechenden Beschluss gefasst. Die Richter des ersten Senats schrieben am 14. November 1990:

 

Zitator:                    ... geklärt ist in der Rechtsprechung des Senats, dass die Prostitution nach der in der Rechtsgemeinschaft vorherrschenden Überzeugung den guten Sitten widerspricht. Daraus folgt ohne weiteres, dass ein Gastwirt, der seine Gaststätte so anlegt und führt, dass sie günstige Bedingungen für die Anbahnung von geschlechtlichen Beziehungen zwischen Prostituierten und ihren Freiern bietet, der Unsittlichkeit im Sinne des § 4 Abs. 1 Nr. 1 Gaststätten Gesetz Vorschub leistet.

 

Autorin:                    Eine Entscheidung, die zum  Fall der Pssst-Bar zu passen scheint. Felicitas Weigmann bestreitet auch gar nicht, dass in ihrem Lokal „Anbahnungsgespräche laufen“.

 

Regie:                    Take 9

Also wenn es nur um die Hoffnung ginge, dass ich aus der Situation gut herauskomme, dann hätte ich einfach jemand anderen das Gewerbe betreiben lassen, eins von beiden. Das ist nicht mein Wunsch, mein Wunsch ist, dass für alle, die solche Läden betreiben wollen, bessere Verhältnisse geschaffen werden, dass man eben offiziell so was betreiben kann, und das geht nur, wenn erst mal diese Ansichtssache von den Gerichten mit der Sittenwidrigkeit abgeschafft wird. Das ist ja kein Gesetz, Sittenwidrigkeit, das ist ja nur eine Ansichts- und eine Auslegungssache wohlgemerkt. Und dass dann vielleicht auch Prostitution als nächster Schritt eben auch als Tätigkeit anerkannt wird, und dann kann ich irgendwann offiziell das so betreiben, wie ich es jetzt schon tue, ohne dass ich Angst haben muss, dass mir jemand da die Konzession wegnimmt, einfach aus Gutdünken, weil er vielleicht was gegen mich hat. Ich will einfach nicht der Willkür der Behörden ausgesetzt sein.

 

A: Sie sind ja schon relativ lange in diesem Beruf, haben Sie auch in Ihrem Bekanntenkreis oder in Politikerkreisen, vielleicht auch in Polizeikreisen, Verständnis gefunden für Ihre Ansicht?

 

W: Ja sicherlich, jeder, der meinen Laden kennt und sieht, wie es da abläuft, und jeder auch im privaten Bereich, mit dem ich mich über dieses Thema unterhalte, der ärgert sich dumm und dusselig, dass die Situation überhaupt so ist. Viele wissen es ja gar nicht, die Freier, die ins Bordell kommen, die denken, das ist alles legal, das ist alles o.k., die wissen gar nicht um diese gesetzliche Situation, und da muss ganz dringend was dran geändert werden. Das sind Gesetze von zum Teil 1901. Und das war vielleicht irgendwann mal sinnvoll, aber die Zeiten ändern sich, und die Betrachtungsweisen der Menschen ändern sich auch, und was früher als unsittlich galt, das muss heute schon lange nicht mehr unsittlich sein.

 

A: Und haben Sie auch schon mal Kontakt zur Polizei gehabt?

 

W: Ja, durch meine liebe Nachbarin, ich bin ihr heute noch dankbar dafür, wurde mal eine Razzia durchgeführt in meinem Laden, wo natürlich nichts bei ‘rauskam von dem, was sie mir vorgeworfen hatte, und mit den Polizeibehörden bin ich jetzt seitdem im innigsten Kontakt,  und ich halte es ja auch für wichtig, dass man als Gast darauf achtet, dass keine Drogen in einem Laden konsumiert werden. Ich bin ein ganz großer Drogenfeind, muss ich da nebenbei noch mal bemerken. In jeder Disko, in jeder Kneipe wird heute so was konsumiert, und ich arbeite ganz stark dagegen an, dass bei mir so was passiert, ...

 

A: Und die Polizei, Sie sagen, Sie haben jetzt einen innigen Kontakt?

 

W: Ja, und wenn ich jetzt Rechtsfragen habe, horche ich da immer mal nach, wie es aussieht, weil ich mich ja korrekt verhalten will.

 

Bei meinen Gesprächen mit der Kripo habe ich auch immer wieder herausgehört, dass die Kripo eigentlich ja froh ist, dass es solche Läden gibt. Also ich meine, ich will nicht sagen, dass die froh sind, dass es mich gibt, aber umgekehrt sind die natürlich ganz scharf auf Läden, wo Frauen unter Zwang arbeiten und wo auch viel drum herum passiert mit Drogen und Menschenhandel, und die sagen, mein Laden ist für diese Branche geradezu vorbildlich. Und deswegen finde ich, müsste ein Laden wie meiner als positives Beispiel,  wie’s auch gehen kann, auch erhalten bleiben, weil daran können sich auch andere orientieren.

 

A: Sie haben ja jetzt ganz gut erklärt,  wie eben Geschäfte mit mehr Transparenz dem Staat im Grunde mehr bringen würden als sonst. Haben Sie ‘ne Einschätzung darüber, wie die Tendenz ist, haben Sie Kolleginnen oder Kollegen von Ihnen, die auch gerne so arbeiten würden?

W: Natürlich, das möchte jeder, erst mal würden viele vielleicht auch Bestechungsgelder sparen und auch die regelmäßigen Zahlungen an die Strohmänner. Es gibt viele Kollegen aus der Branche, also Ladenbetreiber, die mich voll unterstützen. Leider reden die nicht gerne öffentlich darüber, weil immerhin arbeiten die schon teilweise seit 20 Jahren, die haben ihr Auskommen mit einem Laden und möchten natürlich nicht schlafende Hunde wecken. Die arbeiten genau mit Strohmännern und mit Bestechung, wie alle anderen auch.

 

Autorin:                    Die Polizei wollte sich nicht zu dem Thema äußern, weder zu dem speziellen Fall Felicitas Weigmann, noch zu anderen, ähnlich gelagerten Fällen.

 

Zitator:                    Zu politischen und sozialen Fragen nimmt die Polizei grundsätzlich keine Stellung. Zu Fragen des taktischen Vorgehens und der Polizeieinsätze, etwa zu der Frage, welche Einrichtungen kontrolliert werden und welche nicht, wird ebenfalls nichts gesagt.

 

Autorin:                    Diese Auskunft - sinngemäß - erhielt Gulliver bei der Pressestelle der Polizei.

Selbst für diejenigen, die seit Jahren mit dem Thema befasst sind, ist es schwer zu durchschauen, nach welchen Kriterien die Polizei eingreift oder eben nicht.

Regine Laaser, Mitarbeiterin von „Hydra“:

 

Regie:                    Take 10

Also in den Einrichtungen haben wir den Eindruck, dass es immer so, wie soll man sagen, so sporadisch werden sie dann durchgekämmt, aber auch nicht alle, es gibt Puffs, die werden nie aufgesucht, die müssen vielleicht einen Kontakt zur Polizei haben oder ich weiß nicht, jedenfalls das passiert nie was, und es hängt nicht von der Qualität des Ladens ab, wie oft ein Laden Razzia hat, überhaupt nicht. Also findet so sporadisch immer wieder in den Clubs statt. Auf der Straße kann es sein, in Tiergarten, da ist ja auch die Drogenvermischung, das heißt, die kontrollieren nicht nur wegen der Prostitution, sondern auch wegen den Drogen. Da kann das manchmal in Schikane ausarten, das heißt, es kann passieren, dass eine Frau sieben mal am Tag kontrolliert wird von der Polizei, das ist möglich. Also da findet schon ‘ne ganze Menge statt.

A: Was ist mit denen, die auf der Straße arbeiten?

 

L: Der Straßenstrich ist so, es gibt eigentlich zwei Hauptstellen hier in Berlin, das eine ist der Drogenstrich in Tiergarten, der wird von uns nicht abgedeckt, weil es gibt das Café Olga, die sich um diese Frauen kümmern, wenn die Frauen aussteigen wollen, dann kommen die vereinzelt auch zu uns. Oder wenn paar Polizeiaktionen zu drastisch sind, dann gehen wir da auch mal hin. Der andere Strich ist in der Oranienburger Straße, die Frauen haben alle Zuhälter im Hintergrund, die sind etwas unzugänglich, das heißt, die dürfen oder wollen nicht mit uns sprechen, insofern haben wir da nicht so viel Kontakt, die kommen aber vereinzelt aber auch in die Beratung. Wir versuchen, sie zu erreichen, aber das ist nicht so einfach, die Straßenfrauen zu erreichen.

 

 

 

 

Regie                    Take F

Straßengeräusch, Aut.: Hallo, ich mach’ ne Reportage, kann ich was fragen?

Frauen: weg, weg, weg, ganz schnell, Kleene, Mutti,

hast Du so’ne Riesenfotze oder was ..

Straßengeräusche, Aut.: Kann ich mal was fragen,   Frau: e,e,   m, m, m

 

 

Autorin:                    Weder mit noch noch ohne Mikrophon war es möglich, mit den Frauen auf der Oranienburger Straße ins Gespräch zu kommen.

Ihr Geschäft jedenfalls ist erlaubt, sie stehen ja einfach nur auf der Straße und bieten sich an, eine Förderung der Prostitution im Sinne des Strafgesetzbuches kann man ihnen nicht vorwerfen.

Wahrscheinlich haben ihnen die Zuhälter, die sich im Hintergrund halten, streng untersagt, mit Presse oder Funk in Kontakt zu treten. Denn Zuhälterei wird bestraft, mit Freiheitsstrafen von sechs Monaten bis zu fünf Jahren.

Bordelle, in denen zum Teil sehr viel günstigere und vor allem sicherere Arbeitsverhältnisse herrschen, sind ebenfalls verboten.

Rechtsanwältin Margarethe von Galen:

 

Regie:                    Take 11

Das einzige, was erlaubt ist, ist  die reine Zimmervermietung, die findet statt in sogenannten Eros-Centern,  da werden Zimmer an die Prostituierten vermietet zu überhöhten Mietpreisen. Und der Manager einer solchen Vermittungseinheit macht sich nicht strafbar. Alles, was darüber hinaus geht, wenn man eine  Bar unterhält, wo es auch Getränke gibt, wenn man Kondome zur Verfügung stellt, und wenn man bestimmte Arbeitszeiten vorgibt. Alles, was in die Richtung eines normalen Arbeitsbetriebes geht, in dem dann Prostitution stattfindet, führt dazu, dass der Manager sich strafbar macht.

 

 

Autorin:                    Prostitution ist erlaubt und dennoch verboten. Alles hängt am Verdikt der Sittenwidrigkeit.

Was heißt eigentlich „sittenwidrig“? Creifelds Rechtswörterbuch gibt folgende Auskunft:

 

Zitator:                    Die guten Sitten sind verletzt, wenn das Rechtsgeschäft nach seinem Inhalt, Beweggrund oder Zweck gegen das Anstandsgefühl aller billig und gerecht Denkenden verstößt; entscheidend ist also das billigenswerte Durchschnittsempfinden der jeweils infrage kommenden beteiligten Kreise.

 

Autorin:                    Rechtsanwältin von Galen:

 

Regie:                    Take 12

Es gibt  seit langem Bestrebungen aus der Hurenbewegung, es gibt auch seit langem Bestrebungen auf Seiten der Grünen, die schon 1990 den ersten Gesetzesentwurf hatten, in dem also die Abschaffung der Sittenwidrigkeit vorgesehen war, die auch in der letzten Legislaturperiode einen Gesetzesentwurf eingebracht haben. Dann gibt es Bestrebungen bei der SPD, die auch in der letzten Legislaturperiode schon einen Gesetzesentwurf eingebracht hatten, und jetzt findet sich ein Satz zu dem Thema im Koalitionsvertrag, wo es heißt, die Stellung der Prostituierten soll verbessert werden, oder es sollen Regelungen geschaffen werden zur Verbesserung der rechtlichen und sozialen Situation von

Prostituierten, so dass also zu hoffen ist, dass wenn die Regierung weiter durchhält, wir also in dieser Legislaturperiode möglicherweise ein Gesetz haben werden, was mit dieser Sittenwidrigkeitsproblematik jedenfalls aufräumt.

 

 

Autorin:                    Eine realistische Hoffnung. Denn im Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend wird ebenfalls darüber nachgedacht, die Prostitution vom Vorwurf der Sittenwidrigkeit zu befreien.

Die Parlamentarische Staatssekretärin Edith Niehuis - SPD -über das älteste Gewerbe:

 

Regie:                    Take 13

Ja es gilt als sittenwidrig, weil unsere Gerichte so entscheiden. Wir haben im Bürgerlichen Gesetzbuch einen Paragraphen, dass Verträge, die sittenwidrig sind, nichtig sind. Und solange Gerichte diesen Paragraphen so auslegen, dass auch Prostitution unter Sittenwidrigkeit fällt, sind alle Verträge, die Prostituierte schließen, sittenwidrig. Und da denke ich, müssen wir dann doch sagen, das kann so nicht sein, wir haben etwa 400.000 Prostituierte mit etwa 1,2 Millionen Dienstleistungen am Tag, da zu sagen, dass sei alles sittenwidrig, da brauchen sich glaube die 400.000 Prostitutierte nicht an die Nase fassen, sondern allenfalls die 1,2 Millionen Freier, die es dazu gibt. Also denke ich, hier ist eine Fadenscheinigkeit in unserer Gesellschaft, die wir beseitigen müssen.

 

A: Sie sagten, die Rechtsprechung ist so, dass Verträge dieser Art als sittenwidrig angesehen werden, aber kann man denn auch noch einen anderen Weg gehen, denn die Rechtsprechung zu beeinflussen, ist ja nicht so einfach und dauert lange. Gibt es einen anderen Weg, das Verdikt der Sittenwidrigkeit wegzubekommen?

 

N: Ja, natürlich, da sind wir dann als Gesetzgeberin und Gesetzgeber gefordert, wenn wir nicht damit einverstanden sind, wie ein bestimmter Paragraph ausgelegt wird in der Rechtsprechung, dann müssen wir uns Mühe geben, hier für Klarheit zu sorgen in der Gesetzgebung, und das kann man auch, man muss eine Formulierung finden, dass diese Sittenwidrigkeit eben für diese professionellen freiwilligen sexuellen Dienstleistungen nicht gilt, und dann müsste auch die Rechtsprechung sich dran halten, und das werden wir auch demnächst vorlegen.

 

 

 

Autorin:                    Schon im August hatte sich die Bundesfamilienministerin Christine Bergmann zu dem Thema in einem Zeitungsinterview geäußert. Auch sie hatte von einem Gesetzesvorhaben gesprochen, das Prostitution nicht mehr länger als sittenwidriges Gewerbe bewerte.

Es gab Zustimmung, aber auch Empörung. In der Presse wurde kolportiert, Prostitution solle als ganz normaler Beruf anerkannt werden.

Prostituierte, Politikerinnen, Kirchenleute wurden in Talkrunden eingeladen. Das ZDF veranstaltete eine Sendung direkt aus dem Bordell von Molly Luft in Schöneberg. Neben der „dicksten Hure Deutschlands“ saßen unter anderen Pater Vincens, Gefängnisseelsorger in der Tegeler Justizvollzugsanstalt für Männer, Staatssekretärin Edith Niehuis und die CDU-Politikerin Hanna-Renate Laurien, die in den 80er Jahren in Berlin Jugend- und Schulsenatorin und später Präsidentin des Abgeordnetenhauses war.

Was sagt sie zu Berichten, die Ministerin wolle Prostitution als Beruf anerkennen?

 

Regie:                    Take 14

Das ist eine falsche Aussage, das hat die Bundesregierung niemals verlangt, das hat die Presse ‘reingebracht. Denn ein Beruf verlangt eine Ausbildungsordnung, Fortbildung und so weiter, ich war sehr erfreut, dass es geklärt worden ist, und das es nicht um die Entwicklung eines Berufes geht, das wäre in sich lächerlich, sondern dass es darum geht, soziale Problempunkte zu erkennen und sich um deren Lösung zu bemühen.

 

A: Wo sehen Sie soziale Brennpunkte?

 

La: Also ich habe viele Jahre in Köln und in Mainz in Gefangenenbeiräten gearbeitet und das waren dann Frauen bis zu zwei Jahren Haftstrafen. Das waren fast immer ältere Prostituierte, die nicht mehr für vorhandene Kinder zahlten, sehr bewusst, weil sie hofften, dann ins Kittchen zu kommen, die im Kittchen angstfreie Nächte hatten und den Bauch und die Zähne gemacht bekommen. Und das bezahlte dann die Sozialhilfe. Wenn diese Frauen sich hätten versichern können mit dem, was sie vorher verdient haben, dann würde nicht der Steuerzahler eintreten, sondern dann wären sie einzahlende Mitglieder in der Gemeinschaft der Versicherten. Und da man ihnen Steuern abverlangt, finde ich es unerträglich, dass man ihnen die Möglichkeit verweigert, in die Sozialversicherung einzutreten.

Ich sag mal, im Vergleich etwas schief, aber wenn ein Geschäftsmann von dubiosen Geschäften lebt, dem verweigert keiner die Aufnahme in einer Versicherung. Insofern kann hier nicht die Moral einer Tätigkeit der Maßstab sein, sondern es muss die soziale Verantwortung für mich in einem System kanalisierender Röhren zu sehen sein, wer Steuern zahlt, muss andererseits auch die Berechtigung haben, im System sozialer Sicherung seinen Platz zu haben.

 

A: Es wird ja der Weg beschrieben, dass man dieses sittenwidrig herauskriegen müsste, diese Einschätzung als sittenwidrig, aber wäre das in Ihren Augen der richtige Weg?

 

La: Also man kann wie immer im Leben verschiedene Wege gehen, man kann das sittenwidrig streichen, und man kann es drin lassen und es trotzdem erlauben, es gibt also immer wieder Möglichkeiten. Entscheidend ist für mich deshalb auch die zweite Forderung, dass es möglich sein muss, dass Prostituierte mit ihrem Zuhälter einen Arbeitsvertrag schließen. Sie werden in dieser Szene niemals die kriminelle Seite wegkriegen, Sie werden niemals die Beschaffungs-Kriminalität bei süchtigen Frauen auslöschen können, Sie werden niemals die Ketten von Mafia-Handel etc. unterbinden können, aber Sie können sie mindern. Sie können einige sozusagen ins arbeitsrechtliche Licht rücken.

Es geht darum, dass die Bedingungen dieses Lebens menschenwürdiger gestaltet werden. Für mich hängen damit allerdings noch zwei Komplexe untrennbar zusammen. Ich will beide jetzt erst mal nur ganz kurz nennen, das eine, ich muss, was ich nur tun kann, tun, um den Einstieg in dieses Gewerbe zu verringern, und auf der anderen Seite muss ich alles tun, um den Ausstieg aus diesem Gewerbe zu ermöglichen. Und auch, wenn ich diese Pole nenne, ist der Arbeitsvertrag kein Anlass zum Spott, sondern ein Anlass, das unsittliche zu versittlichen.

 

A: Nun gibt es ja eine Organisation, die heißt Hydra, die macht Ausstiegsberatung, die machen aber auch Einstiegsberatung, was halten Sie von diesem Verein?

 

La: Also zu Hydra kann ich ganz vergnügt antworten, wir kamen nach Berlin, 1981, mit Herrn von Weizsäcker, und wir waren vielleicht 10, 14 Tage im Amt, Sie übernehmen dann einen fertigen Haushalt einer Regierung und können Ihren Nachtragshaushalt frühestens ein Vierteljahr später einbringen. Und in dieser Situation, ich war unter anderem auch Jugendsenatorin, legte man mir von Hydra auf den Tisch, dass, weiß ich nicht mehr, 20 oder 30tausend Mark fehlten, und Hydra sonst platzte, scheiterte. Man hatte sicher dabei die Überlegung, der ach so sittlichen CDU-Regierung ein Probekörnchen zu stellen. Aber die wussten nicht, dass ich viele Jahre Gefangenenarbeit hinter mir hatte, und da habe ich überlegt, normaler Weg, das geht schief. Du machst eine Tischvorlage in der nächsten Senatssitzung, machte die, ließ die verteilen, die Herren guckten überrascht, und dann habe ich gesagt, ich brauche Hilfe, Zustimmung, dass ich diese 20 oder 30tausend Mark kriege, wenn wir etwas länger im Amt wären, käme ich mit so ’nem Quatsch nicht. Denn das kann man, wie das in der Fachsprache heißt, im Haushaltsvollzug erwirtschaften. Das konnte ich aber noch nicht überblicken nach 10 Tagen. War also betretenes Schweigen. Und dann habe ich gesagt, ich weiß nicht, diesen Satz hat mir der liebe Gott sicher einfallen lassen, meine Herren, es ist doch sehr viel besser, ich engagiere mich für Hydra, als Sie gehen dort hin. Und so habe ich das bekommen. Und so blieb Hydra bestehen. Das ist glaube ich eine deutliche Antwort.

 

 

Autorin:                    Hanna-Renate Laurien.

Längst ist die Finanzierung von „Hydra“ gesichert. Neben der Beratungstätigkeit mischen sich die Mitarbeiterinnen selbstverständlich in die Politik ein, veranstalten Kongresse, Demonstrationen, treten im Fernsehen auf und veröffentlichen Bücher. Der Blick geht über den Stadtrand Berlins und sogar über die Landesgrenzen hinaus. Regine Laaser von Hydra:

 

 

Regie:                    Take 15

In Holland ist es so, dass die schon seit Jahren viel lockerer mit dem ganzen Thema umgehen, und jetzt ab nächstes Jahr Januar Prostitution dort legalisiert sein soll, das soll dann durchgekommen sein, das heißt, die dürfen dann einstellen in den Clubs, die dürfen dort arbeitsrechtlich Regelungen treffen, wie das dann läuft, das wissen wir noch nicht genau. Aber dort sind zum Beispiel Dinge möglich,  haben wir vor zwei Jahren gehört, dass aus einer Psychiatrie-Einrichtung die Leiterin eine Polizeidienststelle anruft und fragt, ob sie nicht ein gutes Bordell kennen, sie möchte mit ihren Patienten in ein Bordell gehen, weil die ansonsten Übergriffe auf die Mitpatientinnen oder auf die Angestellten Frauen in dem Betrieb leisten, und der Polizist dann sagt, ja, gar kein Problem, es gibt hier Clubs, und da können sie hingehen, und mit denen können Sie irgendwelche Abmachungen treffen, also solche Dinge sind in Holland möglich. Oder auch für Behinderte, zum Beispiel behinderten Männern wird teilweise die Prostitution von der Gemeinde mit bezahlt, also die haben sich da schon andere Gedanken gemacht zu diesem Thema. Da ist schon mehr möglich.

 

 

Autorin:                    Viele Frauen, die in der Prostitution arbeiten, wollten das schnelle Geld machen. Manche haben es geschafft, für die meisten jedoch blieb es  ein Traum. Sie werden ausgebeutet, werden zum Objekt. Vor allem um diese Frauen geht es Hanna-Renate Laurien, nicht um die Selbstbewußten, die in der Prostitution nichts anderes sehen als einen lukrativen Job.

 

Regie:                    Take 16

Ja, die gibt es, aber von ihnen träumen natürlich die armen Weiber, die kaputt gehen. Und diese, die sie eben beschrieben haben, erleben dies sicher auch als eine gewisse Macht über Männer. Und was mich am meisten betroffen macht, das sind nicht die Frauen, die in militanter Kleidung auf der Sowieso Straße stehen, die Bezirke streng abgegrenzt, wo die Schrippenmutter nachts die Brötchen ausfährt, die übrigens eine sehr sympathische Frau ist, diese Schrippenmutter, sondern das sind die, die eine Wohlstandsprostitution vollziehen in hoch eleganten Räumen und höchstens zum Wochenende oder an bestimmten Tagen, die Studentinnen sind oder anderes, die das als einen Zuverdienst betrachten. Das, muss ich sagen, lässt einen Zusammenbruch des Menschenverständnisses erkennen. Diese Frauen benutzen auch die Männer als Sache. Da wird beides in eine totale Objektbeziehung gebracht. Und das ist eigentlich schrecklich, wenn die mir dann sagen, was wollen Sie denn, der, der auf dem Bau betrügt und anschließend gut lebt, über den reden sie nicht so. Ich mache hier mein Geschäft, ich verdiene gut, anschließend etabliere ich mich heirate anständig, habe sogar noch Kinder. Tja, hmm.

Es fällt ja folgendes auf, dass es in diesem Gewerbe auch Frauen gibt, die eine feste Bindung haben und außerdem das Gewerbe ausüben. Kürzlich bei einer Sendung hat dann eine gesagt, ja, ich hatte eine feste Bindung, aber dem wurde das dann zu viel, dass ich viele hatte.

Aber es gibt das, und das ist ja eine überraschende Geschichte, das heißt, da wird der HWG, wie das früher in der Fürsorgersprache hieß, der häufig wechselnde Geschlechtsverkehr wird dann zu einem Gewerbe wie jedes andere, ich verkaufe Brötchen, ich verkaufe Würstchen, ich verkaufe mich. Das ist schon etwas erschreckendes.

 

 

Autorin:                    Sagt die Katholikin Hanna-Renate Laurien. Gar kein Verständnis für die Situation und die Anliegen der Prostituierten hat ein evangelischer Kirchenmann, Ulrich Woronowicz, Superintendent im Ruhestand, Vorsitzender der „Konferenz  Bekennender Gemeinschaften“.

Schon gar nicht will er, dass Prostituierten die Möglichkeit gegeben wird, ganz normal am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen und zum Beispiel Mitglied einer gesetzlichen Krankenkasse werden. Und zum Vorhaben der Familienministerin, das Verdikt der Sittenwidrigkeit von der Prostitution zu nehmen, sagt Woronowicz:

 

Regie:                    17

Ich sehe darin nur einen Teil einer sehr viel größeren Kampagne. Diese Kampagne wäre zu bezeichnen als ein Antikulturunternehmen oder, etwas schärfer gesagt, als den Versuch, die christliche Kultur zu zerstören. Dazu gehört es, dass man auch all die Dinge, die zum 6. Gebot gehören, du sollst nicht ehebrechen, so darstellt, als handele es sich hier gar nicht um Übertretungen von Geboten oder um Sittenwidrigkeit, sondern es wird geradezu umgedreht, das was wir bisher für Verfehlungen gehalten haben, wird als das Positive, das Normale dargestellt, wohingegen das, was wir bisher vertreten haben, als verwerflich aufgezeigt wird. Und man benutzt dazu die Gefühle der Menschen, Mitleid zu entwickeln mit angeblich unterprivilegierten Randgruppen, und dazu sollen nun die Prostituierten gehören. Das aber kann von uns, von der Kirche, nicht vertreten werden, denn es werden damit Dinge eröffnet, die sehr viele negative Folgen haben.

Das alles würde die Anerkennung der Prostitution bedeuten. Das aber würde bedeuten, dass man die normalen sexuellen Beziehungen zerstört. Das würde vor allen Dingen bedeuten, dass man die Ehe und die Familie zerstört. Wenn die Prostitution anzusehen wäre wie ein Handwerk, dann können sich Männer und Frauen jeweils Prostituierte bestellen und halten, und das würde bedeuten, dass man dann die Ehe zerstört hätte, zunächst zumindest einmal abgewertet, und das würde bedeuten, dass die gesamte Gesellschaft zerstört würde.

 

 

Autorin:                    Ulrich Woronowicz von der evangelischen Sammlung.                     Gulliver - Sätze und Gegensätze.

Gerade die Anerkennung der Prostitution als einer normalen Tätigkeit, nicht als Beruf wohlgemerkt, aber als einer Tätigkeit, die nicht als sittenwidrig stigmatisiert ist, hält Staatssekretärin Edith Niehuis für wichtig:

 

 

Regie:                    Take 18

Und all die, die dagegen sind dass wir diese Tätigkeit anerkennen, die müssten sich wirklich mal fragen, ob sie es wirklich wollen, dass die Frauen, die das dann nicht mehr freiwillig machen wollen, auch nur darum in diesem Beruf oder in dieser Tätigkeit bleiben, weil sie gar keine andere Chance haben. Sie sind dann hochverschuldet, weil das alles in diesem halb illegalen Milieu stattfand, oder sie hängen ander Sozialhilfe, und insofern denke ich, sollten wir den Schritt schon gehen.

 

A: Oder sie hängen an einem Zuhälter?

 

N: Oder sie hängen an einem Zuhälter und sind dort abhängig.

Es gibt ja mittlerweile glaube ich noch ein anderes Argument, hier tätig zu werden. Ich rede ja immer von der freiwilligen professionellen Postituierten. Aber mittlerweile ist diese Markt ja durch das, was man Frauenhandel nennt, auch mit anderen Frauen bestückt worden, die in vollkommener Abhängigkeit und auch nicht freiwillig bei uns unter größter Ausbeutung und auch unter kriminellen Machenschaften zur Prostitution gezwungen werden. Und wir müssen dringend als Gesetzgeber dafür sorgen, dass wir sagen, da gibt’s die legale Seite, das ist diejenige, die das wirklich freiwillig macht und professionell, und dann gibt’s eine vollkommen illegale Seite, die was mit organisierter Kriminalität zu tun hat, mit Nötigung zu tun hat, und diese beiden müssen wir glaube ich unterscheiden.

Sie müssen dann nach unserem System dann auch die gesellschaftliche Ächtung, sprich Sittenwidrigkeit, wegnehmen für diese Tätigkeit, dann können Sie auch das soziale tun. Hinter dieser Vorstellung, es muss sittenwidrig bleiben, steckt glaube ich die falsche Einschätzung unserer Gesellschaft. Da steckt hinter, wenn wir den Frauen das Arbeitsfeld schwer machen, schlecht machen, dann werden sie ‘rausgehen aus diesem Arbeitsfeld. Aber das ist überhaupt nie der Fall gewesen, weder in diesem Jahrhundert, noch im letzten Jahrhundert, es ist nie der Fall gewesen, also stimmt diese Version nicht, insofern sage ich, wenn wir  das Arbeitsfeld ordentlich bestellen, dann werden Frauen auch am ehesten ‘rausgehen können. Genau umgekehrt ist die Wahrheit.

 

 

Autorin:                    Als seriöse Geschäftsfrau, die Prostituierten ein angenehmes Arbeitsklima verschaffen will, versteht sich Club-Inhaberin Felicitas Weigmann.

 

Regie:                    Take 19

Für sehr viele Frauen, die in dem Gewerbe tätig sind, ist es natürlich immens wichtig, dass sie irgendwo abgesichert sind. Und die sind oft auch labile Charaktere, so dass sie also auch nicht in der Lage sind, für später vorzusorgen. Und so habe ich dann zum Beispiel als Arbeitgeber die Möglichkeit, für diese Frauen Vorsorge zu treffen in Form von Sozialabgaben und Krankenversicherung und ähnlichem. So, wie es sich für eine ordentlichen Betrieb gehört.

 

 

Autorin:                    Aber genau dieses bleibt Felicitas Weigmann nach der bisherigen Rechts- und Gesetzeslage verwehrt.

 

 

Regie:                    Take 20

Irgendwann hat der Gesetzgeber sich mal gedacht, dass wenn er verhindert, dass Prostitution gefördert wird, dass es dann eben weniger Prostituierte gibt. Das ist ein Fehlgedanke. Jede Frau, die in der Prostitution arbeiten will, die macht das auch sogar unter widrigsten Umständen, weil sie es eben des Geldes wegen macht. Die nimmt dann auch schlimme Umstände in Kauf. Und man hat mal gedacht, ja, wenn man das so wie ich als Arbeitgeber in der Zimmervermietung oder ähnliches den Frauen schön gestaltet, also dass die Räume sauber und gepflegt sind, oder dass man womöglich auch Präservative hinlegt, dass die sich auch gut schützen können, dann fördert man es, dann würden ja mehr Frauen in der Prostitution arbeiten. Das ist natürlich totaler Quatsch, die Frauen arbeiten so auch in der Prostitution, ich selbst habe auch in dem Job gearbeitet als Jugendliche, als Teenager, wo ich nur mit ekligen Männern zu tun hatte, wo es wirklich ziemlich schlimm für mich war, und ich habe es trotzdem gemacht, einfach des Geldes wegen. Also man schafft als Staat nicht, dass es weniger Prostituierte gibt, wenn man die Förderung verbietet, also müsste man eigentlich nur Sorge dafür tragen, dass die, die sowieso in dem Job arbeiten, auch gute Umstände haben können. Und das ist möglich, wenn man Leuten wie mir, also sagen wir mal, ich nenne mich mal seriöse Geschäftsfrau oder einem seriösen Geschäftsmann, die Möglichkeit gibt, einen Laden aufzuziehen, wo alles durchscheinend ist auch für die Behörden, wo alles recht korrekt für die Frauen abläuft, dass die ohne Zwang arbeiten können. Dann kann man eben Prostitution gut kontrollieren, und es gibt nicht so viele Frauen, die gezwungen sind im Milieu, vielleicht im kriminellen Milieu, zu arbeiten und sich dann vielleicht Menschenhandel und Drogenkonsum und vielleicht übermäßigen Alkoholkonsum aussetzen müssen. Die werden natürlich später dann auch oft wieder Sozialhilfefälle, und das wollen wir ja vermeiden.

 

 

Autorin:                    Anfang des nächsten Jahres wollen SPD und Bündnisgrüne den Gesetzentwurf vorlegen. Schon vorher hat Ingrid Lottenburger, noch Abgeordnete der Grünen im Berliner Landesparlament, einen „Runden Tisch“ eröffnet. Prostituierte, Polizistinnen und Polizisten, Politikerinnen und Politiker, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus der Verwaltung, Kirchenleute, kurz, alle, die Zuhälter ausgenommen, alle, die mit dem Thema Prostitution zu tun haben, sollen sich zusammensetzen und ihre Ansichten und Erfahrungen  austauschen. Ingrid Lottenburger meint nämlich zu Recht, dass Berlin einen reichen Erfahrungsschatz bietet. Deshalb sollen die Bundestagsabgeordneten, die mit dem Thema befaßt sind, an dem Runden Tisch teilnehmen. Anfang November soll die erste Runde sein.

 

Bei den parlamentarischen Beratungen über das neue Gesetz wird  auch zu überlegen sein, welche Strafvorschriften bleiben und welche gestrichen werden sollen.

Staatssekretärin Edith Niehuis:

 

Regie:                    21

Na ja, wir haben in 180a unseres Strafgesetzes eine Passage, das heißt Förderung der Prostitution ist eben strafbewehrt. Das klingt ja zunächst ganz vernünftig. Aber es führt dazu, und so ist es auch gerichtlich wieder ausgelegt worden, wenn Sie etwas mehr tun als nur karge Unterkunft geben, sondern versuchen, auch gesundheitlich und sonstwie einen guten Arbeitsplatz für die Prostituierte zu machen, kommen Sie mit diesem Paragraphen, Förderung der Prostitution in Konflikt. Und das ist widersinnig. Man muss schon dafür sorgen, dass dieser Paragraph nicht verhindert, dass die Arbeitsbedingungen ordentlich sind. Und darum müssen Förderung der Prostitution, also diesen Artikel im Strafgesetzbuch, auch verändern.

 

A: Oder sogar streichen?

 

N: Streichen ist insofern schwierig, als im zweitenTeil von 180a auch Jugendschutz behandelt wird, also unter 18jährige, und da möchte ich schon drauf bestehen, dass die auch weiter geschützt werden, insofern ein bisschen verändern.

 

A: Das gleiche würde vielleicht zutreffen für Zuhälter?

 

N: Ja, das ist alles in diesem 180 ff Strafgesetzbuch, auch da muss man sich überlegen, wie weit man das verändert, und dann immer versucht, das legale so zu definieren, dass es in unserem Sinne ist, aber auch Kriminelle nicht zu schützen.

 

 

Autorin:                    Zum Beispiel Menschenhändler. Margarethe von Galen:

 

Regie:                    Take 22

Menschenhandel muss man differenzieren, es gibt den schweren Menschenhandel, wo Gewalt im Spiel ist, aber es ist auch heutzutage als Menschenhandel strafbar, wenn man eine Frau versucht, zur Prostitution zu bestimmen, also sie sozusagen dazu anzuregen, dazu zu verführen. Und da muss man meines Erachtens auch differenzieren. Wenn man Prostitution als normalen, legalen Beruf ansieht, muss es meines Erachtens auch möglich sein, ungestraft einer Frau vorzuschlagen, doch dieser Tätigkeit nachzugehen. Insofern müsste man meines Erachtens den einfachen Menschenhandel modifizieren, wenn man diesen ganzen Bereich legalisieren will.

 

 

Autorin:                    Frühestens Anfang des nächsten Jahres wie gesagt soll ein Gesetzentwurf über  Prostitution und Sittenwidrigkeit vorliegen, der auch den sozialen Status der etwa 7000 Frauen ändern wird, die in Berlin dem ältesten Gewerbe dieser Welt nachgehen - jetzt und im nächsten Jahrtausend.

 

Regie:                    Take 23

Sie machen das für Beruf. Sind ganz normal, sie machen für Beruf, ich respektiere alle, ich habe auch Respekt für diese Frauen.

 

Autorin:                    Sagt Antonio aus Venedig, der heute in der Oranienburger Straße Würstchen verkauft.

 

 

Regie:                    Take G

Straßengeräusche, Musik vor eine Kneipe in der Oranienburger Sraße

 

 

Autorin:                    Erlaubt, aber immer noch sittenwidrig? Gulliver machte sich heute Gedanken über die gesellschaftliche Stellung der Prostituierten in der Bundeshauptstadt.

Die Redaktion der Sendung hatte Johannes Wendt

Produktion:       Michael Meyer und Meinhard Weiler

Am Mikrophon verabschiedet sich Annette Wilmes

 

In der nächsten Woche berichtet Gulliver von einem Streifzug durch die Nachtclubs in der Berliner  Mitte: Zwischen Underground und Mainstream.

 

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