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Menschen und Paragraphen

 

 

"Vom Beruf unserer Zeit für Gesetzgebung und Rechtswissenschaft"

Friedrich Carl von Savigny, Begründer der historischen Rechtsschule

Eine Sendung von Annette Wilmes

 

 

 

 

Redaktion: Jürgen Petzinger

Sendetag: 30. Oktober 2000

Sendezeit: 19.05 Uhr

92,4 MHz

 

 

 

 

Mitwirkende:

Autorin

Sprecher

 

Sprecher: Seine Vorträge waren von einer bewunderungswürdigen Klarheit und Sicherheit des Ausdrucks, in der Form so schön durchgebildet, dass man die Rede unbedenklich wortgetreu drucken konnte, und doch so frei, dass der Vortrag den Eindruck der unmittelbaren, frischen Geistesarbeit machte. Die Zuhörer sahen auf ihn als das vollkommene Vorbild des juristischen Denkens.

Autorin: Das schrieb Johann Kaspar Bluntschli über seinen Lehrer Friedrich Carl von Savigny, der 1810 von Wilhelm von Humboldt an die neu gegründete Universität in Berlin geholt worden war. Savigny galt als die unbestrittene Autorität der deutschen Rechtswissenschaft. Savigny war aber auch eine Name, der "viel Böses Blut machte", wie Uwe Wesel in seiner "Juristischen Weltkunde" schrieb, wobei er Heinrich Heine zitierte:

Sprecher: Denk ich an Berlin, auch vor mir steht

Sogleich die Universität.

Dort reiten die roten Husaren,

Mit klingendem Spiel, Trompetenfanfaren –

Es dringen die soldatesken Töne

Bis in die Aula der Musensöhne

Wie geht es dort den Professoren

Mit mehr oder minder langen Ohren?

Wie geht es dem elegant geleckten,

Süßlichen Troubadour der Pandekten,

Dem Savigny? Die holde Person,

Vielleicht ist sie längst gestorben schon –

Ich weiß es nicht – ihr dürfts mir entdecken,

Ich werde nicht zu sehr erschrecken.

Autorin: "Troubadour der Pandekten" – eine Anspielung auf das Arbeitsgebiet Savignys, das Pandektenrecht des 19. Jahrhunderts. Pandekten, das ist der griechische Name der Digesten, des wichtigsten Teils des Corpus Iuris Civilis, einer Sammlung des römischen Rechts, die Kaiser Justinian im 6. Jahrhundert nach Christus zusammenstellen ließ, und die mit Gesetzeskraft ausgestattet war. Das Corpus Iuris Civilis galt, neben dem Allgemeinen Landrecht und in den französisch besetzten Gebieten dem code civil, auch in Deutschland – bis zum Inkrafttreten des Bürgerlichen Gesetzbuches im Jahre 1900.

Wie Friedrich Carl von Savigny in seiner Zeit gesehen wurde, das hing vom Blickpunkt des Betrachters ab. Seine Schüler bewunderten sein selbstsicheres Auftreten, die Klarheit seiner Sprache und seine enorme Bildung. Seine Kritiker indes sahen in ihm den erzkonservativen Juristen, der dem Hofe diente. Manche bezeichneten ihn, vor allem in späteren Jahren, als "eitlen Pfau", "engherzig", "schmeichlerisch" oder "von gleißnerischer Frömmigkeit".

Seine wissenschaftliche Karriere begann Friedrich Carl von Savigny vor 200 Jahren mit seiner Promotion in Marburg, für die er ein strafrechtliches Thema gewählt hatte: "De concursu delictorum formali", die Konkurrenzprobleme bei Verletzung mehrerer Strafgesetze durch dieselbe Tat. Unmittelbar nach seiner Promotion begann der Privatdozent Savigny seine Lehrtätigkeit. Noch zwei Semester hielt er Vorlesungen zum Kriminalrecht und wechselte dann endgültig zum römischen Recht über.

Die Promotion Savignys vor 200 Jahren nahm der Verlag Auvermann & Keip jetzt zum Anlass, eine Broschüre über seine "Werke, seine Schüler und seine Gegner" zu veröffentlichen. Der Verlag gibt im wesentlichen Reprints juristischer Bücher aus dem 18. und 19. Jahrhundert heraus. Über Savigny heißt es:

Sprecher: Der deutschen Rechtswissenschaft des 19. Jahrhunderts galt Savigny weitgehend als Begründer der modernen Rechtswissenschaft schlechthin, sowohl im Privatrecht, dessen Methode aber auch im öffentlichen Recht als vorbildlich galt, wie in der Rechtsgeschichte. Seine Bedeutung blieb keineswegs auf Deutschland beschränkt. Das Pandektensystem des 19. Jahrhunderts, das sogenannte heutige Römische Recht, hielt Einzug in ganz Europa und verhalf der deutschen Privatrechtswissenschaft zu weltweiter Anerkennung.

Autorin: Als Friedrich Carl von Savigny promovierte, war er 21 Jahre alt. Er stammte aus einer reichsadligen Familie in Oberlothringen, die wegen ihres protestantischen Glaubens Frankreich bereits 1630 verlassen hatte. Die Familie war begütert, Savigny blieb sein Leben lang ohne materielle Sorgen. Aber seine Kindheit war vom Tod überschattet. Von den 12 Geschwistern überlebte nur ein Bruder, der 1790 starb. Ein Jahr darauf starb der Vater, wiederum ein Jahr später die Mutter. Mit 12 Jahren war Savigny Vollwaise, ein langjähriger Freund seines Vaters nahm ihn zu sich. Mit 16 Jahren begann der junge Adlige sein Jura-Studium in Marburg.

1799, ein Jahr vor seiner Promotion, reiste er quer durch Sachsen, vor allem nach Weimar und Jena, damals Universitätsstädte mit bedeutendem Ruf. Es war eine Art Pilgerreise zu den alten Quellen und Buchbeständen in den großen Archiven und Bibliotheken seiner Zeit.

Während der Reise schloss Savigny Freundschaften, die ihn ein Leben lang begleiteten: Friedrich Creuzer, Clemens Brentano, dessen Schwestern Bettina und Gunda, die er später heiratete. Achim von Arnim sowie die Brüder Jakob und Wilhelm Grimm gehörten bald auch zu dem Freundeskreis. Die Grimms hatten schon in Marburg bei dem jungen Savigny studiert.

Bereits im Sommersemester 1801, als er sich auf die Vorlesung über die zehn letzten Bücher der Pandekten vorbereitete, reifte in Savigny die Idee zu seiner ersten großen Monographie.

Sprecher: Indem ich diese Vorlesung unmittelbar aus den Quellen ausarbeitete, zog am meisten der Besitz meine Aufmerksamkeit auf sich, indem es mir schien, als könnten gerade hier die herrschenden Begriffe und Meinungen aus den Quellen sehr berichtigt werden.

Autorin: 1803 erschien sein erstes großes Werk: "Das Recht des Besitzes".

Sprecher: Die berühmte Monographie erfuhr sofort unter allen Rechtsgelehrten enorme Beachtung, beispiellose Verbreitung und wurde in fast alle europäischen Sprachen übersetzt. (...) Ein ganz besonderes Signal setzte Savigny durch seinen eleganten Sprachstil, der in einer der ersten deutschsprachigen Monographien im Zivilrecht überhaupt von meisterhafter Intensität war, die auch heute noch unerreicht scheint.

Autorin: Diesen in rechtsphilosophischen Abhandlungen völlig neuen Stil hatte Savigny an der Literatur geschult, die ihn seit seiner Jugend begeisterte. Er las Jean Paul, Wieland und vor allem Goethe.

Nach der Hochzeit mit Gunda Brentano 1804 begann Friedrich Carl von Savigny seine Studienreise, er besuchte 26 Bibliotheken in ganz Europa. Höhepunkt seiner Quellenforschung sollte der Besuch der Bibliothèque Nationale in Paris werden. Dort wurde ihm jedoch kurz nach seiner Ankunft der Koffer mit all seinen Exzerpten und Manuskripten von der Kutsche gestohlen; ein herber Verlust für den jungen Wissenschaftler. Er klagte einem Freund gegenüber:

Sprecher: Es ist nichts Geringes, in einer Arbeit, die auf Jahre berechnet war, so völlig unterbrochen zu werden. Du kennst die Art von Sammlerfleiß, die ich hatte; sie gab mir ein Gefühl von Sicherheit, Gewissheit und Progression, welches sie selbst wechselseitig lebendig erhielt. Jener Verlust hat mir im Gegenteil ein Gefühl von Unsicherheit und Unvollständigkeit gegeben, das mir vielleicht lange anhängen wird. Tausend Notizen, zufällig gefunden oder componiert, waren mir wichtig, weil sich in meinen Gedanken eine Menge unaufgelöster Fragen daran knüpften. Und das alles ist fort.

Autorin: Savigny holte sich tatkräftige Unterstützung von Jakob Grimm, und der Verlust der Aufzeichnungen war bald behoben. Grimm selbst erhielt durch seine Studien an der Pariser Bibliothek entscheidende Impulse. Er stieß auf altphilologische Texte, die ihn vom juristischen Fach entfernten und germanistische Studien beginnen ließen.

In jenen Jahren Anfang des 19. Jahrhunderts lernte Friedrich Carl von Savigny durch seine Schwägerin Bettina Brentano Goethe persönlich kennen. Nach einer Begegnung mit dem Dichter schrieb er geradezu begeistert:

Sprecher: wie kräftig, groß, mild, überall ganz er selbst, in allem was er tut und denkt und spricht sein ganzes Gemüt gegenwärtig. Er hat mich recht von neuem mit Liebe und Ehrfurcht erfüllt. Ich weiß nichts, was so mit Lust und Freude am Leben erfüllen und so auf dem rechten Wege befestigen kann als solch ein Anblick.

Autorin: Savigny machte später die Bekanntschaft anderer berühmter Zeitgenossen: Ludwig van Beethoven, Heinrich von Kleist, Johann Gottlieb Fichte, Wilhelm von Humboldt, Friedrich Ernst Schleiermacher.

In Marburg hielt Savigny, inzwischen zum außerordentlichen Professor ernannt, keine Vorlesungen mehr. Seine Hoffnungen auf eine ordentliche Professur in Heidelberg zerschlugen sich. Das traf ihn, denn so entging ihm nicht nur einer der angesehensten Universitätsposten jener Zeit, er blieb auch von seinen Freunden getrennt. Achim von Arnim und Clemens Brentano gaben nämlich in Heidelberg die "Zeitschrift für Einsiedler" heraus. Friedrich Creuzer hatte dort das philosophisch-pädagogische Seminar gegründet.

Savigny nahm schließlich den Ruf nach Landshut an, wo er bis zu seiner Abreise nach Berlin Vorlesungen hielt. Die Studenten verehrten ihn. Er hätte jedoch lieber mehr Schüler aus dem gebildeten Mittelstand gehabt, keine Söhne von Bauern und Handwerkern, über die er sich eher herablassend äußerte.

Sprecher: Sehr brave, fleißige, unschuldige Menschen.

Autorin: Im Januar 1810 wurde Friedrich Carl von Savigny nach Berlin gerufen, im Gründungsjahr der Universität. Nach der Konzeption von Wilhelm von Humboldt wurde ihr der Titel "Mutter aller modernen Universitäten" verliehen.

Sprecher: Danach sollte eine "Universitas litterarum" entstehen, in der die Einheit von Lehre und Forschung verwirklicht und eine allseitige humanistische Bildung der Studierenden ermöglicht wird. Dieser Gedanke verbreitete sich weltweit und ließ in den folgenden anderthalb Jahrhunderten Universitäten gleichen Typs entstehen.

Autorin: Das erste Semester begann mit 256 Studenten und 52 Lehrenden in den vier klassischen Fakultäten:

Jura, Medizin, Philosophie, Theologie.

Georg Friedrich Wilhelm Hegel lehrte Philosophie, August Boekh klassische Philologie, Christoph Wilhelm Hufeland Medizin und Friedrich Carl von Savigny Jura.

Ende Oktober begann er mit seinen Vorlesungen, mit zunächst nur knapp 50 Hörern. 1812, nach der Entlassung Johann Gottlieb Fichtes, wurde Savigny Rektor der Universität, aus "besonderem Königlichen Vertrauen".

Es war die Zeit der Befreiungskriege gegen die napoleonische Herrschaft. Im Februar 1813 wurde die allgemeine Wehrpflicht eingeführt. Savigny saß im Landwehrausschuss und wurde Landwehrschütze. Am 16. Oktober fand die siegreiche Schlacht bei Leipzig statt. Savigny kehrte heil aus den Kriegswirren zurück.

Im Wintersemester 1814/15 hatte er nur 11 Hörer.

Friedrich Carl von Savigny wurde als Begründer der Historischen Schule bekannt.

Sprecher: Geschichte ist der einzige Weg zur wahren Erkenntnis unseres Zustandes

Autorin: So lautete sein Grundsatz. Das Recht wurde in der Historischen Schule nicht aus der Natur oder der Vernunft des Menschen abgeleitet, sondern es wurde als ein historisches Produkt, ein Produkt des Volksgeistes, angesehen.

Professor Hans-Peter Benöhr lehrt an der Humboldt-Universität unter anderem Rechtsgeschichte der Antike und Privatrechtsgeschichte der Neuzeit. Er sagt, die historische Schule habe sich vor allem gegen das Vernunft- und Naturrecht des 18. Jahrhunderts gewandt, insbesondere auch in der Form, die es im Code Napoléon in der französischen Revolution erhalten habe.

Regie: Take 1

Savigny selbst hat in seiner Programmschrift von 1814, vom Beruf unserer Zeit für Gesetzgebung und Rechtswissenschaft, da hat er gesagt, man muss die Entwicklung des Rechts zurückverfolgen. Irgendjemand, Hegel oder Heine, hat ihm dann vorgeworfen, er mute dem Schiffer zu, gegen den Strom bis zur Quelle zu fahren. Das war’s. Also Savigny behauptete, man müsste eben dem Recht und den heutigen Rechtssätzen, wie wir sie haben, so nachgehen, bis man sieht, wie sie sich entwickeln, bis hin zur Quelle, wie sie entstanden sind. Und hat damit auch bewirkt, dass tatsächlich im 19. Jahrhundert die Rechtsgeschichte einen neuen Fortgang nahm, bis hin zur Neuausgabe der römischen Quellen, zur Neuausgabe der alten deutschen und germanischen Quellen, bis hin dann zu den Forschungen, die ganz differenziert im römischen Recht suchen, was ist altrömisches Recht, was ist klassisch-römisches Recht, was ist byzantinisches Recht, was ist Vulgarrecht und dergleichen.

 

Autorin: Die berühmte Programmschrift Savignys mit dem Titel "Vom Beruf unserer Zeit für Gesetzgebung und Rechtswissenschaft" war eine Entgegnung auf den Heidelberger Professor Anton Friedrich Justus Thibaut, der, ebenfalls 1814, ein Buch "Über die Notwendigkeit eines allgemeinen bürgerlichen Rechts für Deutschland" geschrieben hatte.

Hans-Peter Benöhr erläutert den Hintergrund des Buches und den daraus resultierenden Streit zwischen Thibaut und Savigny:

Regie: Take 2

Die Gründe, die Thibaut anführte für ein gemeinsames deutsches Gesetzbuch liegen ja völlig auf der Hand. Es ist nicht nur der politische Grund, ein einheitliches Gesetzbuch für ganz Deutschland zu haben, man denkt dabei an die heutigen Diskussionen über einheitliche Gesetze oder ein einheitliches Gesetzbuch für die ganze europäische Union, sondern auch ganz einfach rechtspolitisch im einfachen Sinne. Das Recht war ganz zersplittert, das bedeutet große Rechtsunsicherheit, wie man heute sagen würde, große Transaktionskosten. Das Recht war großenteils niedergelegt im Corpus Iuris Civilis, und wer kann schon so fließend Latein und griechisch lesen, dass er das einfach so gebrauchen kann. Außerdem war es natürlich völlig veraltet, das Corpus juris stammt von 533 nach Christi und darüber sind eben 1300 Jahre hinweggegangen, aus einer völlig anderen Kultur- und Wirtschafts- und Sozialepoche, so dass man also auch ein modernes Recht haben musste, ein einheitliches Recht, ein modernes Recht, ein Recht in moderner Sprache, so dass aus diesen Gründen alles für ein Nationalgesetzbuch sprechen musste.

Insofern ergab sich gewissermaßen eine wissenschaftliche Gegnerschaft von Savigny und Thibaut. Darüber vergisst man, dass die beiden eigentlich Freunde gewesen sind. Und Thibaut im übrigen auch ein sehr angesehener Rechtslehrer war, der jetzt zu Unrecht jetzt eben im Schatten des großen Savigny steht, und nur noch bekannt ist, weil er Savigny gewissermaßen das Stichwort geliefert hat.

 

Autorin: Savignys Entscheidung für die Wissenschaft und gegen die Gesetzgebung setzte sich letztlich durch. Dank seiner Stellung und Persönlichkeit wurde das römische Recht aufgewertet, die Kodifikation verhindert. Savigny hatte gewissermaßen den Sieg davongetragen.

Regie: Take 3 (Prof. Benöhr)

Tatsächlich ist ja die Kodifikation dann nicht zustande gekommen, aber sicher nicht aus Savignys Gründen, sondern weil der deutsche Partikularismus, und da muss man wirklich sagen, der Partikularismus insbesondere der Fürsten und vor allem der kleinen Fürsten viel zu groß war. Die wollten natürlich nicht ein einheitliches Gesetzbuch, weil das eben ihnen einen großen Teil ihrer Souveränität genommen hätte.

 

Autorin: Die Begründung der Historischen Schule wurde vor allem durch Savignys großes, sechsbändiges Werk über die "Geschichte des Römischen Rechts im Mittelalter" weiter gefestigt. Die Bände erschienen in der Zeit von 1815 bis 1831.

Savigny hatte aber nicht nur begeisterte Anhänger unter den Studenten und Professoren, er hatte auch Gegner, sagt Hans-Peter Benöhr:

Regie: Take 4

Sein berühmtester ist Eduard Gans. Ein Jurist jüdischer Herkunft, das spielte eine große Rolle, deswegen konnte Gans etwa in Berlin gar nicht promoviert werden, sondern ging deswegen nach Heidelberg, so ähnlich wie viel später auch der große Handelsrechtler Levin Goldschmidt. Er wurde dann aber Extraordinarius, außerordentlicher Professor, in Berlin, ließ sich auch zu diesem Zweck taufen, und auch er konnte der Konstruktionsjurisprudenz nichts abgewinnen. Seine Bedeutung bestand darin, dass er eben in weltgeschichtlicher Entwicklung den Rechtssätzen nachgehen wollte. Er hat auch ein Buch geschrieben, das Erbrecht in weltgeschichtlicher Bedeutung. Er muss sehr, sehr großen Anhang bei den Hörern gehabt haben. Während Savigny seine Hörer wohl mehr beeindruckte durch die Glätte oder Klarheit oder Eleganz der Sprache und der Darstellung, muss Ganz seine Hörer mitgerissen haben, weil er eben vor Ideen sprühte und eben auch ganz offen Stellung bezog, das hat natürlich die jungen Leute mehr begeistert als der strenge und unnahbare und insofern auch kalte Savigny.

 

Autorin: Die Kompetenz des Hegelianers und Thibaut-Schülers Eduard Gans wurde nicht nur von seinen jungen Hörern, sondern auch von einigen berühmten Zeitgenossen sehr hoch geschätzt. So hielten ihn Alexander von Humboldt, aber auch Johann Wolfgang von Goethe für einen bedeutenden Juristen. Der Diplomat und Schriftsteller Karl August Varnhagen von Ense bezeichnete ihn sogar als "siegreichen Bezwinger" der Historischen Schule, und Heinrich Heine schrieb:

Sprecher: Wie wimmert unter seinen Fußtritten die arme Seele des Herrn von Savigny!

Autorin: Eduard Gans, der sich bei Hegel das theoretische Rüstzeug verschafft hatte, spürte immer wieder wunde Punkte heraus und kritisierte Savigny in einer Weise, die es bis dahin nicht gegeben hatte.

Die Geschichte des Zerwürfnisses der beiden Juristen beschreibt Johann Braun anschaulich in einem Aufsatz in der "Juristenzeitung" vom 14. Dezember 1974:

Sprecher: Nichts war Gans heilig, kein Tabu blieb geschont: weder Savignys "Recht des Besitzes" noch dessen "Geschichte des Römischen Rechts im Mittelalter", weder die quietistische Abkehr von allem "gegenwärtigen Inhalt", durch die sich die historische Schule damals auszeichnete, noch der Kult um die Person Savignys. Am beißendsten aber war die Kritik von Gans dort, wo er gegen die mangelnde theoretische Fundierung der historischen Schule herzog, gegen deren "schmachvolle Gedankenlosigkeit" und "die Ausstoßung alles Philosophischen und Substantiellen, so dass nur noch die Hilfe des Einzelnen und Positiven übrig bleibt".

Autorin: Eine gewisse Rolle in dem Streit spielte sicher auch die ablehnende Haltung des Protestanten Savigny gegenüber den Angehörigen der jüdischen Konfession; der Antisemitismus war damals im wesentlichen noch konfessionell begründet. So hatte Savigny sich offen gegen die Emanzipation der Juden bekannt ...

Sprecher: ... die uns ihrem inneren Wesen nach Fremdlinge bleiben, was zu verkennen uns nur die unglückseligste Verwirrung politischer Begriffe verleiten konnte.

Autorin: Und Gans hielt er, das schrieb er in einem Brief, für einen "unnützen Menschen".

Um zum außerordentlichen Professor ernannt werden zu können, musste der Jude Eduard Gans sich erst taufen lassen.

Der Konflikt zwischen Savigny und Gans brach offen aus, als der Thibautschüler nach Berlin kam. Unter dem Einfluss Hegelscher Philosophie trat Eduard Gans als Verfechter des Fortschritts im preußischen Staat auf.

Karl Friedrich von Stein zum Altenstein, preußischer Kultus-Minister, wurde zum Gönner von Gans und sorgte dafür, dass er vom König zum ordentlichen Professor ernannt wurde, gegen den Willen des Kronprinzen, der auf Savignys Seite stand.

Eduard Gans, der in dem Streit gewöhnlich als der Agressor dargestellt wird, hat dreimal versucht, sich Savigny zu nähern und sich mit ihm auszusöhnen, darauf weist Johann Braun in seinem Aufsatz ausdrücklich hin. Alle Versuche scheiterten jedoch.

Das Zerwürfnis endete erst mit dem plötzlichen Tod von Eduard Gans am 5. Mai 1839.

Sprecher: Das wissenschaftliche Nachgeplänkel, das bald darauf unter den Anhängern von Gans und Savigny noch einmal aufkam, war bald vorüber. Für Hegel und seinen Kreis war zu dieser Zeit an der Berliner Universität kein Platz mehr. Genehm waren nur noch die Anhänger der historischen Schule, die, wenn vielleicht auch gegen ihre Absicht, so doch nicht immer ohne ihre Schuld, für die politische Reaktion vereinnahmt wurden.

Autorin: Die Ironie der Geschichte wollte es, dass Friedrich Carl von Savigny, der sich immer gegen die Kodifikation gewandt hatte, 1840 Gesetzgebungsminister wurde und dies bis zu den Märzereignissen 1848 blieb.

Sein Gesetzentwurf zum Eherecht trug die Zeichen einer konservativen, frauenfeindlichen Politik. Auch am Zensurgesetz von 1843 war Savigny maßgeblich beteiligt. Arnold Ruge, der die hallischen Jahrbücher herausgab, später in Paris zusammen mit Karl Marx die Deutsch-Französischen Jahrbücher, schrieb:

Sprecher: Er ist einer ältesten Feinde der Freiheit und des neuen Geistes. Er komm im Grunde zu spät auf seinen Posten: er, der Gegner aller Gesetzgebung – Gesetzgebungsminister!

Autorin: Für Friedrich Carl von Savigny bedeuteten die Tage der Revolution im März 1848 das Ende seiner öffentlichen Tätigkeit. Im Alter von 70 Jahren war er wieder Privatperson. Und noch einmal schrieb er Rechtsgeschichte. In den Jahren 1840 bis 49 erschienen 8 Bände unter dem Titel:

System des heutigen Römischen Rechts

Hans-Peter Benöhr, Professor an der Humboldt-Universität, erläutert das letzte große Werk Savignys:

Regie: Take 5

Wo er sich anscheinend von den Quellen und von der Entwicklung des römischen Rechts in gewisser Weise abkoppelte und eben durch Nachdenken, wenn auch mit dem Material des römischen Rechts, anderes hatte man ja praktisch nicht, eben ein System, ein für damals modernes Recht konstruierte und diese 8 Bände des Systems des heutigen römischen Rechts sind in Wirklichkeit eine allgemeine Rechtslehre und ein allgemeiner Teil des bürgerlichen Rechts. Und das gab dann den Anstoß zu dem Systemdenken und den Konstruktionen des römischen Rechts im 19. Jahrhundert, so dass man dann hinterher diese Leute verspottet hat und gesagt hat, das ist pure Begriffsjurisprudenz. Aber in Wirklichkeit war das dann die Basis, auf der man dann in Ruhe, und ich würde sagen, mit Erfolg das BGB schaffen konnte, 1896, das dann 1900 in Kraft getreten ist.

 

Autorin: 1861 starb Friedrich Carl von Savigny im Alter von 82 Jahren.

Noch heute gilt er als der bedeutendste deutsche Jurist. Die Zeit der unmittelbaren Wirkung seines wissenschaftlichen Werks ist im wesentlichen Vergangenheit.

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