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„Die große Mehrheit hat versagt“

Berliner Rechtsanwälte im Nationalsozialismus

Eine Sendung von Annette Wilmes

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

                               Redaktion:  Anne Quirin

                               Sendetag:   27.1.2003

                               Sendezeit:  19.05 – 19.30 Uhr

 

 

 

 

Mitwirkende      Autorin:    Annette Wilmes

                       Zitator:     Immo Kroneberg

                                              

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Regie:                                     Take 1

In verschiedenen deutschen Städten wurden jüdische Juristen bedroht, drangsaliert und öffentlich gedemütigt. So kam es bereits am 11. März in Breslau zu physischer Gewalt durch die SA gegen Richter und Rechtsanwälte.

 

Autorin:                                    Bundestagspräsident Wolfgang Thierse zur Eröffnung der Wanderausstellung „Anwalt ohne Recht“.

 

Regie:                                     Take 2 (Thierse)

In Oels, Gleiwitz, Görlitz und Königsberg wurden Gerichtsgebäude besetzt. In Köln – man muss sich das einmal bildhaft vorstellen – wurden am 31. März jüdische Rechtsanwälte in Müllwagen durch die Stadt gefahren. Ein bedrückendes Foto aus diesen Tagen zeigt einen Münchener Anwalt, der sich über die unrechtmäßige Inhaftierung eines Mandanten beschwert hatte. Er wurde barfuß und mit abgeschnittenen Hosen durch die Straßen geführt, um den Hals ein Schild gehängt, auf dem zu lesen war: „Ich werde mich nie mehr bei der Polizei beschweren.“

Anwälte ohne Recht – in der Tat!

 

 

Autorin:                                   Die jüdischen Rechtsanwälte gehörten zu den ersten, die den Rassenwahn der Nationalsozialisten zu spüren bekamen. Anfang 1933 gab es fast 20.000 Rechtsanwälte in Deutschland, darunter sehr viel Juristen jüdischer Herkunft. In Berlin waren es fast 60 Prozent. Bis die Nazis an die Macht kamen, bestimmten prominente jüdische Juristen das Anwaltsbild vor allem in Berlin. Ingo Müller, Strafrechtslehrer und Autor des Buches „Furchtbare Juristen“, hebt besonders den berühmten Strafverteidiger Max Alsberg hervor, einen der erfolgreichsten Anwälte der Weimarer Republik:

 

Regie:                                     Take 3

Er galt als glänzender Redner, seine Plädoyers waren berühmt für die Einbeziehung sozialer und psychologischer Hintergründe. Bis heute unübertroffen sind seine drei Miniaturen, Charakterstudien, „Das Weltbild des Strafrichters“, „Die Philosophie der Verteidigung“ und „Das Plaidoyer“. Sein Theaterstück „Voruntersuchung“ wurde 1931 von Robert Siodmak verfilmt und sein Schauspiel „Konflikt“ hatte am 9. März 1933 noch Premiere hier in Berlin am Schauspielhaus mit Albert Bassermann und Tilla Durieux in den Hauptrollen.

 

Autorin:                                   Auch Alfred Apfel, Martin Beradt, Erich Eyck, Rudolf Olden und Kurt Tucholsky waren Juristen und außerdem Schriftsteller, Publizisten und Journalisten.

Sie alle wurden von den neuen Machthabern nicht verschont.

 

Regie:                                     Take 4 (Angelika Königseder)

Gerade die prominenten Anwälte wurden nicht verschont, weil sie ja diesem Klischee der Nationalsozialisten vom umtriebigen jüdischen Anwalt, der immer versucht, das Beste für seine Klienten herauszuschlagen, entsprachen. Gerade die Prominenten sehr viel mehr als der kleine Wald und Wiesenanwalt, den man wahrscheinlich schwierig als Beispiel für dieses Klischee verwenden konnte.

 

 

Autorin:                                   Angelika Königseder, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Zentrum für Antisemitismusforschung an der Technischen Universität Berlin, hat sich im Forschungsprojekt des Berliner Anwaltsvereins über „Recht und nationalsozialistische Herrschaft“ mit dem Schicksal der Berliner Anwälte von 1933 bis 1945 befasst.  

 

Regie:                                     Take 5

Max Alsberg hat sich ja selbst nie als jüdischer, linker Anwalt, also nie diesem nationalsozialistischem Klischee entsprechend verstanden. Er hat in der Weimarer Republik zahlreiche, sehr berühmte Strafprozesse geführt, im Prinzip hat er eher immer sozusagen rechte Republikgegner auch oft verteidigt. Max Alsberg war ein Verfechter eines wirklich vollkommen freien Anwaltsberufes, der seine Mandanten übernommen hat, ohne nach deren politischer Richtung, politischer Einstellung zu fragen. Ihm ging es um einen freien Prozess, nicht um eine politische Links- oder Rechtslastigkeit. Also man könnte ihm auch keine Rechtslastigkeit in seiner Mandantenauswahl unterstellen, weil ich denke, das spielte für ihn wirklich eine untergeordnete Rolle, ihm ging es um einen Prozess, um eine freie Anwaltskultur, um eine freie Justiz.

 

Autorin:                                   Für den 1. April 1933 ordnete die NSDAP den Boykott jüdischer Geschäfte, jüdischer Warenhäuser, jüdischer Ärzte und jüdischer Rechtsanwälte an. Hanns Kerrl, Reichskommissar für die Preußische Justizverwaltung, schickte die Anordnung per Fernschreiben und Polizeifunk an die Gerichte. Wenige Tage später, am 7. April,  traten die ersten Ausgrenzungs-Gesetze in Kraft: Das “Gesetz über die Zulassung zur Rechtsanwaltschaft” und das  “Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums”.

Max Alsberg traf es ganz besonders hart, als ihm die Nationalsozialisten verboten, seinen Beruf weiter auszuüben. Er beantragte auch nicht, wie zahlreiche seiner jüdischen Anwaltskollegen, die Wiederzulassung.

 

Regie:                                     Take 6   (Königseder)

Max Alsberg war damit aber ins Mark getroffen. Für ihn kam überhaupt nicht in Frage, der jahrzehntelang, seit 1906 war er ja Anwalt in Berlin gewesen, für eine freie Anwaltskultur gekämpft hatte, nun sich dieser erniedrigenden Prozedur einer Wiederzulassung zu unterziehen. Er flüchtete noch im März 1933 in die Schweiz und nahm sich im September 33 dort das Leben, zermürbt, zerknirscht, verzweifelt über die Situation. Alsberg hätte sich retten können, er hatte zahlreiche Angebote aus dem Ausland, aber diese Ausgrenzung, Vertreibung durch die Nationalsozialisten hatte ihn regelrecht zerbrochen.

 

 

Autorin:                                   Zu den ersten Rechtsanwälten, die von den Nationalsozialisten in sogenannte Schutzhaft genommen wurden, gehörte Hans Litten. Unmittelbar nach dem Reichstagsbrand am 28. Februar 1933 wurde er morgens um vier Uhr aus dem Bett geholt.

Hans Litten hatte sich den ganz besonderen Hass Hitlers zugezogen. Er hatte den Führer der NSDAP im Mai 1931 im „Eden-Palast-Prozess“ als Zeugen vernommen.  Litten ging es darum, zu beweisen, dass die Überfälle der Nazis zur planmäßigen Taktik ihrer Parteiführung gehörten.  Er stellte Hitler bloß und  trieb ihn in die Enge.  Rudolf Olden, der auf der Flucht ins Exil umkam, kommentierte:

 

Zitator:                                    Litten hatte nicht wenige Zitate aus der nationalsozialistischen Literatur zu Hand -, „die Gegner zu Brei zerstampfen“, „von der Revolution des Worts zur Revolution der Tat übergehen“ und anderes mehr, - er vernahm den prominenten Zeugen mit der ihm eigenen beharrlichen Ruhe, machte ihn ein paar Mal wütend und ließ ihn zwei Stunden lang beträchtlich schwitzen. Ob damals irgend jemand im Saal eine Ahnung hatte, dass er sich selbst das Urteil des qualvollen Todes gesprochen hatte? Ich glaube, keiner von uns vermochte so weit zu blicken.

 

Autorin:                                   Hans Litten wurde in der Nacht des Reichstagsbrandes festgenommen und kam nie wieder frei. Er durchlitt grauenvolle Jahre mit schweren Folterungen in den Lagern Sonnenburg, Esterwegen, Lichtenburg, Buchenwald und Dachau. 1938 nahm sich Hans Litten im KZ Dachau das Leben.

Am 30. November 1938 wurde allen Rechtsanwälten jüdischer Herkunft die Zulassung endgültig entzogen. Sie waren ihrer bürgerlichen Existenz beraubt. Einige Jahre später wurden die zurückgebliebenen, die nicht fliehen oder sich verstecken konnten, deportiert und ermordet.

 

Zitator:                                    1933-1945 fand Terror gegen die jüdischen Mitbürger statt. Die Vertreter der zivilisierten Welt, unter anderen die Anwaltschaft, waren danach aufgerufen – schon aufgrund der berufsethischen Ausrichtung – Mitbürger, Kollegen, Partner, Konkurrenten vor diesem Terror zu schützen, solidarisch zu sein. Damals hat die große Mehrheit der Anwaltschaft versagt.

 

Autorin:                                   ... schreibt Uwe Kärgel, 1. Vorsitzender des Berliner Anwaltsvereins, im Vorwort des Buches von Angelika Königseder, das die Zeit der Ausgrenzung und Anpassung unmittelbar nach 1933, die Vorkriegsjahre und schließlich die Kriegsjahre dokumentiert.

 

Regie:                                     Take 7  (Königseder)

Es gab sehr schnell einige Rechtsanwälte, die sich als Stellvertreter der nicht mehr zugelassenen jüdischen Anwälte anboten. Etwa Schreiben an das Ministerium, man wüsste, ein jüdischer Anwalt hätte für diese oder jene Verwaltung gearbeitet, der sei ja jetzt nun nicht mehr zugelassen, und man könnte doch, wäre bereit, diese Stelle zu übernehmen. Man muss dazu wissen, dass die wirtschaftliche Lage der Berliner Anwaltschaft schon seit Ende des ersten Weltkrieges extrem schlecht war, und es sehr, sehr viele Anwälte gab, die am Existenzminimum oder teilweise auch darunter lebten. Und diese schlechte wirtschaftliche Situation war der entscheidende Motor und auch der Grund, weshalb es den Nationalsozialisten relativ leicht fiel, die Anwaltschaft gleichzuschalten, anzupassen. Es war weniger ein sehr stark vertretender, vehementer Antisemitismus, der die nicht jüdischen Anwälte die nationalsozialistische Linie einschlagen ließ, im Gegenteil, der Radauantisemitismus, der sich in den ersten Wochen nach der nationalsozialistischen Machtübernahme auf Berlins Straßen abspielte, fand sicherlich nicht die Zustimmung der meisten Anwälte.

 

 

Autorin:                                  Zum Widerstand - oder wenigstens zu Solidaritätsbekundungen - kam es jedoch nur sehr selten.

 

Regie:                                     Take 8 (Königseder)

Und ich denke, diese Situation ist ganz bezeichnend, dass die Solidarität von den kurze Zeit später selbst Verfolgten kommt, und in der Regel nicht von nicht jüdischen Anwälten. Es gibt Ausnahmen. Etwa hat sich Rechtsanwalt Graf von der Golz für Frontkämpfer im ersten Weltkrieg eingesetzt. Diese Art von Solidarität taucht an der einen oder anderen Stelle auf, dass man sich vor allen Dingen eben für die dekorierten Weltkriegsteilnehmer einsetzt. Zu einer großen Solidaritätsgeste seitens der nicht jüdischen Anwälte kam es aber nicht.

 

 

Autorin:                                   Die exponiertesten Vertreter der Anwaltschaft waren die Strafverteidiger, ihre jüdischen Vertreter wurden entsprechend verfolgt. Und die Rolle der nicht-jüdischen Verteidiger änderte sich grundlegend. Denn die Nationalsozialisten hatten ihre ganz eigene Theorie, wem der Anwalt in erster Linie verpflichtet ist -  nicht mehr – wie bisher - dem Mandanten, sondern der Volksgemeinschaft. Ob ein Anwalt etwas vor Gericht erreichte, hing weniger von seinem Können ab als vom Richter, der die Paragraphen biegen konnte, wie er es brauchte. Die Strafverteidiger verkamen zu Marionetten, viele zogen sich zurück.

 

Regie:                                     Take 9  (Königseder)

Andere passten sich an. Etwa berühmt geworden sind die Strafverfahren vor dem Volksgerichtshof gegen die Widerstandskämpfer des 20. Juli, als bei diesen Verfahren einige Strafverteidiger eher ein staatsanwaltschaftliches Plädoyer hielten als wirkliches Verteidigerverhalten für ihre Mandanten an den Tag legten.

 

 

Autorin:                                   Zu den umstrittenen Rechtsanwälten, die vor dem Volksgerichtshof als Pflichtverteidiger – also vom Gericht ausgesucht - auftraten, gehörte Arno Weimann, seit 1924 als Rechtsanwalt in Berlin zugelassen.  1933 trat er in die NSDAP ein und schon 1934 wurde er Verteidiger vor dem Volksgerichtshof. Einige seiner Mandanten lobten seinen Einsatz, andere beklagten sich über seine brutale und kaltschnäuzige Art. Seine Staatsnähe stellte Weimann in den Prozessen gegen die Attentäter des 20. Juli augenscheinlich unter Beweis. Er wurde zum Pflichtverteidiger von Generalfeldmarschall Erwin von Witzleben und Carl Goerdeler bestellt.

Am 8. August 1944 rechtfertigte Arno Weimann sein Plädoyer im Prozess gegen Generalfeldmarschall Erwin von Witzleben.

 

Regie:                                     Take 10 (Weimann)

Ich habe gestern bei meinem Plädoyer bewusstermaßen das Risiko auf mich genommen, reichsanwaltschaftlicher als die Reichsanwaltschaft selbst zu wirken, so dass beim unkundigen Betrachter, Zuhörer der Eindruck aufkommen konnte, als ob ich den Angeklagten belasten wollte. Nichts lag mir ferner. Ich wollte gerade mit meinen Ausführungen den Versuch unternehmen, dem Hohen Senat für die Entscheidung der schweren Fragen in diesem Prozess jetzt, wo der Antrag der Reichsanwaltschaft entstanden ist, notwendige Grundlagen zu geben.

 

 

Autorin:                                   Tatsächlich entsprachen seine Worte eher der Demagogie Roland Freislers als einem Vortrag zur Verteidigung:

 

Zitator:                                    Herr Vorsitzender: Das Urteil über diese Angeklagten wurde durch die Ereignisse und durch das lebendige Leben bereits am 20. Juli 1944 gefällt. Das Urteil sprach das göttliche Schicksal in der Form des Wunders der Errettung, als es dem deutschen Volk den Führer vor der Vernichtung bewahrte. ...

Keinerlei Sympathien wurden jemals im ganzen deutschen Volk für einen dieser Angeklagten oder auch nur für einen der Beteiligten laut. Kann es ein besseres Urteil geben? ... Der Volksgerichtshof hat infolgedessen nur die Aufgabe, nach dem Buchstaben des Gesetzes das Urteil zu bestätigen und zu vollziehen. Sie werden fragen: Wozu noch eine Verteidigung? Diese Verteidigung ist nach dem Gesetz notwendig und die Verteidigung hat in der heutigen Zeit nach unserer Anschauung die Aufgabe, dem Gericht bei der Urteilsfindung zu helfen. ... Es gibt in diesem Fall nichts zu rechtfertigen, es gibt nichts zu mildern. Die Tat des Angeklagten steht und der schuldige Täter fällt mit ihr. Das weiß der Angeklagte von Witzleben auch genau, er weiß, welches Urteil ihn erwartet. ... Eines steht fest, dieser Attentatsversuch und dieser Attentatsplan war in der Person des Führers nicht nur gegen diesen, sondern gegen das ganz deutsche Volk gerichtet, gegen uns alle, gegen die Soldaten, die an der Front kämpfen, gegen unsere Frauen und gegen unsere Kinder, gegen alle die 85 Millionen anständiger Deutscher, die seit fünf Jahren im Lebenskampf um ihres Volkes Zukunft stehen. ...

 

Autorin:                                   Weimann verwies zusätzlich auf den schlechten Gesundheitszustand von Witzlebens und versuchte, dessen Rolle beim Attentat herunter zu spielen, um seinem Mandanten die Vollstreckung des Todesurteils durch den Strang zu ersparen:

 

Regie:                                     Take 11 (Weimann)

Wenn Sie das alles berücksichtigen, dann werden Sie zwar vielleicht sich dazu  neigen, dass ein Mann, der Generalfeldmarschall im deutschen Heere war, schwerste Schuld auf sich geladen hat, die wir als Deutsche überhaupt kennen, dass aber andererseits dieser schlimmste und furchtbarste Gang zum Tode, zum Strang erspart bleiben kann. Ich bin gewiss, dass Sie auch in dieser Hinsicht das gerechte und richtige Urteil finden.

 

 

Autorin:                                   Generalfeldmarschall Erwin von Witzleben wurde gemeinsam mit sieben Mitangeklagten zwei Stunden  nach der Urteilsverkündung am 8. August 1944 in Berlin-Plötzensee gehängt.

 

Regie:                                     Take 12   (Königseder)

Dass Arno Weimann sicherlich kein ganz Unschuldiger oder gar Oppositioneller war, unterstreicht seine Rolle im Verfahren gegen Herschel Grynszpan. Vor dem Volksgerichtshof sollte 1942 ein Prozess, ein sehr publikums-, öffentlichkeitswirksamer Prozess gegen Herschel Grynszpan, der ja mit seiner Ermordung des Ernst vom Rath im November 1938 den Vorwand für die Pogromnacht geliefert hatte, geführt werden. Dieser Prozess vor dem Volksgerichtshof wurde von den Nationalsozialisten minutiös

ganz detailliert geplant. Und Arno Weimann war die Rolle des Verteidigers von Grynszpan zugedacht. Zu dem Verfahren kam es schließlich nicht, weil man befürchtet hat, dass Grynszpan die homosexuellen Neigungen des Ernst vom Rath zum Thema machen könnte, und  das wollten die Nationalsozialisten unter allen Umständen vermeiden. Die Tatsache, dass Weimann aber zum Offizialverteidiger von Grynszpan benannt wurde, zeigt, dass man ihn sicherlich für einen im System eingebundenen, sehr zuverlässigen Anwalt hielt.

 

 

Autorin:                                   1949 erhielt Arno Weimann seine Wiederzulassung als Anwalt. Bis zu seinem Tod war er einer der best angesehenen Strafverteidiger in Berlin. Als er im April 1964 starb, schrieben die  Zeitungen vom „Anwalt der Verlorenen“ und „vom Anwalt des Rechts“. Welch fragwürdige Rolle er in der Zeit des Nationalsozialismus spielte, wurde mit keinem Wort erwähnt.

 

In ihrer Studie widmet sich Angelika Königseder auch den Berliner Rechtsanwälten, die als Angeklagte vor dem Volksgerichtshof standen. Einer von ihnen war Joseph Wirmer, Katholik, vor 1933 Vorstandsmitglied der Vereinigung der Rechtsanwälte und Notare der Zentrumspartei. Er unterhielt enge Kontakte zu Carl Goerdeler und wurde selbst in der Widerstandsbewegung aktiv. Nach Gelingen des Attentats sollte er das Amt des Reichsjustizministers übernehmen.

Gemeinsam mit Goerdeler stand er vor dem Volksgerichtshof. Der Gerichtspräsident Roland Freisler ergreift das Wort:

 

Regie:                                     Take 13    (Freisler)

Joseph Wirmer, ja Sie gehören zur schwarzen Fraktion, ja, das sieht man Ihnen an, das kann ja nicht anders sein. Ist ja ulkig. Wie wichtig wohl das Amt als Zivilanwalt gewesen sein muss, dass Sie da gehabt haben, dass Sie nicht einmal Soldat geworden sind in dem Alter. Und von da ab sind Sie dienstverpflichtet worden, spricht ja auch für Ihre Haltung, dass Sie erst warten, bis man Sie dienstverpflichtet. Feines Früchtchen! (brüllt laut) Ja, ja, ja, feines Früchtchen!

 

 

Autorin:                                   Wie sehr Joseph Wirmer, obwohl er sich in einer aussichtslosen Situation befand, den Suaden und Brüllarien Freislers standhielt, beschreibt der Berliner Strafverteidiger und Historiker Stefan König in seinem Buch „Vom Dienst am Recht“:

 

Zitator:                                    Wirmer hielt Freisler die berühmt gewordenen Worte entgegen:  „Wenn ich hänge, habe nicht ich Angst, sondern Sie“, und, als Freisler entgegnete, er werde bald zur Hölle fahren: „Es wird mir ein Vergnügen sein, wenn Sie bald nachkommen, Herr Präsident“.

 

Autorin:                                   Die Studie, die der Berliner Anwaltsverein beim Zentrum für Antisemitismusforschung in Auftrag gab, erzählt von Opfern, Tätern, Nutznießern und Gleichgültigen - entstanden ist eine kollektive Biographie der Berliner Anwaltschaft.

In einem Vortrag vor dem Deutschen Anwaltstag 1995 hat Rechtsanwalt Lutz von Pufendorf, ehemaliger Staatssekretär in der Berliner Kulturverwaltung, die Studie angeregt:

 

Regie:                                     Take 14 (Pufendorf)

Angeregt war sie von einer ergreifenden Ansprache des Urheberrechtlers Jerry Meyer, wie wir ihn in Berlin nannten, der als erster Brückenbauer zwischen New York und Berlin wieder zu richtigen Rechtskontakten unter den Anwälten verholfen hat. Das war so ergreifend, dass wir gesagt haben, bei einer solchen Geste des Verzeihens und des Verständnisses und des Wiederaufnehmens, vielleicht vergleichbar der Geste Menuhins, als er unter Furtwängler hier 47 wieder musizierte, das kann man in der Qualität durchaus vergleichen, dass wir alle damals gesagt haben, wir müssen, das sind wir allein ihm schuldig, etwas tun, unsere eigene Vergangenheit aus eigenem Vermögen, aus eigenem Wollen aufzuarbeiten. Das gab dann den Anstoß beim Deutschen Anwaltstag 1995, einen Vortrag zu halten, das war der Auslöser.

 

 

Autorin:                                   Hinter Jerry Meyer verbirgt sich Prof. Gerald Meyer. Sein Vater, der Berliner Strafverteidiger Dr. Julius Meyer, wurde mit seiner Frau in Auschwitz umgebracht.

Das Forschungsprojekt sollte sich jedoch nicht ausschließlich mit dem Schicksal der verfolgten jüdischen Berliner Rechtsanwälte befassen, sagt von Pufendorf.

 

Regie:                                     Take 15  (Pufendorf)

Nein, mir ging’s darum, nicht nur auf die jüdischen Anwälte es zu beziehen. Es gab ja auch katholische Anwälte, die dezidiert im katholischen Raum agierten. Zum Teil ja auch im Widerstand mit waren, und hier gab es natürlich kommunistische Anwälte, die aus ganz tiefen Überzeugungen heraus versuchten, die Rechtsstaatlichkeit der Weimarer Zeit zu verteidigen, obwohl auf tragische Weise sie selbst eben auch mitgewirkt  haben, dass das ganze zusammenbrach. Aber mir ging es darum, es nicht einseitig zu betrachten, sondern eben die gesamte Anwaltschaft in den Blick zu nehmen, mit den Verwerfungen, aber auch mit ihren vorzeigbaren Beispielen des Widerstandes, der großen Menschlichkeit. Versagen und Menschlichkeit in einem darzustellen, die ganze tragische Situation der damaligen Zeit aufzeigen zu können und es auch als mahnendes Beispiel für uns und unsere eigene Zeit zu nehmen war für mich die große Motivation. Denn sicher haben wir nicht Rahmenbedingungen wie vor 70 Jahren und in jüngerer Zeit. Aber wir haben eben auch Verkürzungen von Rechtsstaatlichkeit. Und dann ist es sehr, sehr wichtig, sich an ungute Beispiele zu erinnern.   

 

 

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