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KulturTermin

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Präsidentin zum ersten, zum zweiten - auch zum dritten?

Jutta Limbach am Ende ihrer Amtszeit als Bundesverfassungsgerichtspräsidentin

 

 

Eine Sendung von Annette Wilmes

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

                    Redaktion:  Birgit Ludwig

                    Sendetag:   2. April 2002

                    Sendezeit:  19.05 – 19.30 Uhr

 

 

 

 

 

                                       

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Regie:                    Take 1

Richterinnen und Richter sind keine frei schwebenden Intelligenzen. Sie unterscheiden sich durch ihre Herkunft, ihre berufliche Erfahrung, ihre politische Weltsicht und nicht zuletzt durch ihr Geschlecht.

 

 

Autorin:                    Jutta Limbach in ihrer Antrittsrede in Karlsruhe am 17. November 1994. Sie selbst hat einmal gesagt, es sei das Traumziel eines jeden Juristen, Richter am Bundesverfassungsgericht zu werden. Sie hat mehr als das erreicht, sie ist die erste Frau an der Spitze des höchsten deutschen Gerichts. Jetzt geht ihre Amtszeit zu Ende, am 10. April erhält sie ihre Entlassungsurkunde. Waren die vergangenen acht Jahre eine Traumzeit für Jutta Limbach?

 

 

Regie:                    Take 2

Man sagt nicht gerne Traumzeit, weil natürlich die Beurteilung dieser acht Jahre besser anderen überlassen bleibt. Aber lassen Sie mich so viel sagen, dass ich nicht enttäuscht worden bin, sondern mich die acht Jahre lang tatsächlich immer wieder von Neuem darüber gefreut habe, dass ich dieses Traumziel eines jeden Juristen erreicht habe.

 

 

Autorin:                    Eigentlich wollte Jutta Limbach Journalistin werden. Rechtswissenschaften studierte sie aus „reinen Zweckmäßigkeitsüberlegungen“, weil sie meinte, wer politische Redakteurin werden will, muss auch etwas vom Staatsrecht verstehen.

Die gebürtige Berlinerin  fand Gefallen an Jura und blieb dabei: 1958 legte sie das erste, 1962 das zweite juristische Staatsexamen ab. An der Freien Universität Berlin promovierte sie in den 60er Jahren über das Thema: „Theorie und Wirklichkeit der GmbH: Die empirischen Normaltypen der Gesellschaft mit beschränkter Haftung und ihr Verhältnis zum Postulat von Herrschaft und Haftung“. Das Thema ihrer Habilitation war schon nicht mehr ganz so sperrig: „Das gesellschaftliche Handeln, Denken und Wissen im Richterspruch“. Sie wurde Professorin an der Freien Universität. Seit Beginn der 60er Jahre Mitglied der SPD, mischte sie auch in der Politik mit: sie widmete sich vor allem Familienfragen. Jutta Limbach, verheiratet und Mutter von drei inzwischen erwachsenen Kindern, wurde dann selbst Politikerin: von 1989 bis 1994 verschaffte sie sich als Berliner Justizsenatorin Respekt. In Karlsruhe warteten dann wieder neue Herausforderungen auf sie.

 

Regie:                    Take 3

Das war die aller erste Entscheidung, wo es um den Einsatz der Bundeswehr im Rahmen von Friedensmissionen unter UN-Mandant, aber außerhalb des Nato-Gebietes ging. Da kam ich mit einer bestimmten Auffassung hinein und habe da sozusagen während der Beratung erfahren, wie man miteinander lernt und auch sich von einer anderen Meinung überzeugen lassen kann. Ein weiteres Verfahren, das mich gewissermaßen in Karlsruhe ereilt hat, ereilt, weil es mich einfach schon hier als Politikerin beschäftigt hat, war die Reform des Asylrechts; sofern man das überhaupt den Artikel 16 a des Grundgesetzes als eine Reform bezeichnen kann. Ich hatte mich damals noch als Berliner Justizsenatorin sehr gegen diese Neuformulierung der Voraussetzung des Asylrechts gewandt und hatte nun also mit den sieben Kollegen und Kolleginnen des Zweiten Senats über die Verfassungsmäßigkeit dieser damals gefundenen Lösung auseinander zu setzen. Und das war eine ganz andere Frage. Wogegen man sich als Politikerin wenden konnte, konnte man sich, da jetzt der Maßstab des Grundgesetzes galt, nicht wenden. Das, denke ich, waren so zwei Verfahren von großer Wichtigkeit, die mich aber auch sehr beschäftigt haben.

 

A: Sie haben an manchem Festakt teilgenommen, manche Rede gehalten. Sprachlicher Witz und luzide Formulierungen, das sind die Worte eines ihrer ehemaligen Kollegen am Bundesverfassungsgericht, das sind Ihre Markenzeichen. Ist es Ihnen eigentlich schwer gefallen, in Ihren Jahren als Präsidentin auch weiterhin Reden zu halten, aber doch die einer Richterin gebotene Zurückhaltung zu üben?

 

L: Oh ja, das ist mir schwer gefallen. Ich habe mich zu Anfang durchaus in das eine oder andere Fettnäpfchen gesetzt, als ich nämlich zum Ehrendoktorjubiläum einer Kollegin mich zur nichtehelichen Lebensgemeinschaft äußerte, haben sich sofort einige süddeutsche Ministerpräsidenten gemeldet und gemeint, als Präsidentin des Bundesverfassungsgerichts möge ich mich da zurückhalten. Oder denken Sie, dass ich das Verfahrensrecht im Asylverfahren kritisiert und gemeint habe, es sei wohl doch mit heißer Nadel genäht worden. Da hat’s ja quasi einen Aufstand des Bundeskabinetts gegeben. Und das darf in der Tat, muss ich Ihnen sagen, nicht sein, richterliche Unabhängigkeit bedeutet auch Neutralität. Und das Bild könnte durch Äußerungen in der Öffentlichkeit Schaden nehmen.

 

 

Autorin:                    Jutta Limbach machte also ihre Erfahrungen und lernte daraus. Fortan übte sie die für eine Richterin gebotene Zurückhaltung. Gleichzeitig sorgte sie in Karlsruhe für mehr Offenheit gegenüber den Bürgerinnen und Bürgern. Die sollen nämlich wissen, wie die Richterinnen und Richter zu ihren Entscheidungen kommen, die das gesellschaftliche Leben in der Bundesrepublik mitunter stark beeinflussen. Eine  Pressesprecherin organisiert jetzt in Karlsruhe die Öffentlichkeitsarbeit. Sie soll die Entscheidungen in verständlicher Sprache erklären.  Jutta Limbach führte außerdem die Tage der offenen Tür ein,  und zum 50. Geburtstag des Bundesverfassungsgerichts im vergangenen Jahr fand ein Bürgerfest statt, auf dem die Gäste mit den Richterinnen und Richtern der beiden Karlsruher Senate direkt ins Gespräch kommen konnten.

 

Regie:                    Take 4

Es ist mir auch wirklich wichtig, dass der Bürger weiß, dass das Bekenntnis zur Unantastbarkeit der Menschenwürde und das Grundrecht, das den Schutz der körperlichen Unversehrtheit und des Lebens zum Inhalt hat, nicht nur eine Herausforderung an die Politik, sondern auch an alle Menschen dieser Bundesrepublik ist. Und wir sehen ja doch mit einer gewissen Betroffenheit, dass es Menschen gibt, die meinen also hier im Menschsein noch Unterscheidungen treffen zu können und gewalttätig gegen andere vorzugehen. Und auch deshalb ist es uns wichtig, dass dieses Ethos der Grundrechte nicht nur die Politik und den gesamten öffentlichen Bereich, sondern auch den einzelnen Bürger und die Bürgerin beherrscht.

 

A: In Ihrer Antrittsrede im November 1994 haben Sie gesagt, dass Richter keine freischwebenden Intelligenzen sind, dass sie sich in manchen Dingen unterscheiden, zum Beispiel in ihrer politischen Weltsicht, aber auch durch ihr Geschlecht unterscheiden Sie sich voneinander. Hat es sich ausgewirkt, dass jetzt inzwischen immerhin fünf Frauen von 16 Richtern dort in Karlsruhe tätig sind?

 

L: Man kann es schwer deutlich machen, weil wir wenige Verfahren hatten während meiner Amtszeit, die das Verhältnis von Mann und Frau betreffen. Aber Sie wissen ja, dass auch Familienfragen Frauenfragen sind. Und da können Sie in der Rechtsprechung beider Senate eine besondere Feinfühligkeit auch für Familienfragen, für die Frage der Betreuung von Kindern erkennen. Und ich denke schon, dass es einen gewissen Einfluss hat, dass im Ersten Senat drei Frauen mit judizieren, von denen zwei Frauen Mütter sind. Und genauso war das also, als wir die Familienbeschlüsse gefasst haben. Da waren wir auch im Senat, im Zweiten Senat, zwei Frauen, die auch Mütter sind. Das spielt eine Rolle. Ich denke nicht, das möchte ich noch einwerfen, dass die Beschäftigung von Frauen in hohen Positionen davon abhängig gemacht werden darf, dass es irgendetwas bringt, sondern das weibliche Geschlecht hat einen selbstverständlichen Anspruch, in all diesen Ämtern präsent zu sein. Aber, worauf es natürlich ankommt, ist die Weite des Horizonts.

 

Autorin:                    Frauen sind in Karlsruhe zwar immer noch in der Minderheit, aber immerhin sind sie zu einem Drittel vertreten. Dass gar eine Frau in den vergangenen Jahren an der Spitze des höchsten deutschen Gerichts stand, wäre vor wenigen Jahrzehnten undenkbar gewesen. Vor noch knapp hundert Jahren durften Frauen nicht einmal studieren. Die Zulassung als Rechtsanwältinnen blieb ihnen noch länger verwehrt. In den Zwanzigerjahren, auch später noch, war man zum Beispiel im Richterbund der Meinung, dass sich das Richteramt – und jetzt kommt ein Zitat - „ mit der Eigenart weiblichen Denkens und Empfindens nicht vereinbaren lässt“.

Dass Frauen heute Zugang zu allen juristischen Berufen haben, ist  vor allem  Elisabeth Selbert zu verdanken, die als eine von 4 Frauen neben 61 Männern im Parlamentarischen Rat saß. Sie ist eine der Mütter des Grundgesetzes, aber die einzige, die sich stark machte für die Gleichberechtigung von Frau und Mann. In einem Film der Frankfurter Journalistin Helga Dierichs erinnert sich Elisabeth Selbert:

 

Regie:                    Take 5

Ich hatte beantragt, den Artikel 3 so zu formulieren, und zwar Artikel 3 Ziffer 2: Männer und Frauen sind gleichberechtigt, ganz kurz und bündig.

 

 

Autorin:                    Weil sie also im Parlamentarischen Rat auf heftigen Widerstand stieß und auch unter den drei Frauen keine Mitstreiterin fand, mobilisierte Elisabeth Selbert mit unglaublicher Energie außerparlamentarische Unterstützung:

 

Regie:                    Take 6

Ich möchte eigentlich diese Zeit noch einmal erleben, welchen ungeheuren Einfluss diese politische Bewegung der Frauen, die wie ein Sturm über den Rat hinwegging, bedeutet hat. Es kamen dann Körbe von Protestschreiben in Bonn an, gerichtet  an den Parlamentarischen Rat, plötzlich war auch die Arbeit des Parlamentarischen Rats in der Öffentlichkeit mit Interesse aufgenommen worden, erst dann trat diese große Wende ein. Und dann kam ein gewisses Gestammel von allen Seiten, wir waren ja gar nicht dagegen, wir wollten nur nicht das Rechtschaos. Aber wir sehen ein, dass die Frau ungeheures geleistet hat, wir sehen ein, dass wir das den Frauen unserer Zeit nach einem Zweiten Weltkrieg schuldig sind.

 

 

Autorin:                    Elisabeth Selbert starb 1986, sie wurde 90 Jahre alt. Was hätte sie wohl gesagt, wenn sie erlebt hätte, dass acht Jahre lang eine Frau – Jutta Limbach - an der Spitze des Bundesverfassungsgerichts stand?

 

Regie:                    Take 7

Ich meine, sie wäre darauf wirklich stolz gewesen, denn wir wissen ja, dass ihr Traum war, wirklich ihr individueller Traum, Mitglied des Bundesverfassungsgerichts zu werden. Und ich kann heute noch nicht begreifen, warum man sie nicht auch zu einer Richterin des Bundesverfassungsgerichts gemacht hat. Sie hat im Grunde genommen dort die Quittung für ihren großen Einsatz für die Rechtsgleichheit von Mann und Frau höchstpersönlich bezahlen müssen. Darum freue ich mich um so mehr, dass wir seit der neuen Frauenbewegung diesen Namen wirklich alle im Kopf und im Herzen tragen und immer ihrer gedenken. Es gibt ja heute sogar einen Elisabeth-Selbert-Preis. Sie ist einfach die Mutter und Schöpferin des Artikels 3 Absatz 2, der da sagt: Mann und Frau sind gleichberechtigt.

 

A: Ist sie auch so etwas wie ein Vorbild für Sie gewesen?

 

L: Ja, das war sie für mich immer, weil sie eine Fighterin war. Und sie war eine Kämpferin, ohne sich zu fragen, ob sie dafür Beifall oder Kritik ernten wird. Sie hat sich einfach für die Sache der Frau eingesetzt und nicht nur für diese. Sie war eine große Humanistin. Die richterliche Unabhängigkeit war ihr genauso wichtig wie diese Frage der Rechtsgleichheit. Sie war wirklich eine der starken Personen in dem Parlamentarischen Rat.

 

A: Hatten Sie weitere Vorbilder; in Ihrer Familie vielleicht?

 

L: Gewiss. Meine Urgroßmutter und meine Großmutter waren ja selbst Frauen, die vor 200 Jahren möchte man fast sagen in der Politik tätig gewesen sind. Meine Urgroßmutter hat den Berliner Arbeiter-, Frauen- und Mädchenverein mit gegründet und hat sich damals um die Arbeitsbedingungen, insbesondere der Heimarbeiterinnen, gekümmert und um so lächerliche Fragen, dass entlassenes Personal, Dienstpersonal, auch Zeugnisse bekamen, weil sie nämlich ohne Zeugnisse nicht wieder eine Arbeitsstelle fanden. Das war also eine ungemein tatkräftige Frau. Meine Großmutter ist auf diesen Spuren gewandelt, war Mitglied der Weimarer Nationalversammlung, später Mitglied des Reichstags und des Preußischen Landtags und hat sich, insofern also eine Tätigkeit ihrer Mutter aufnehmend, sehr stark auch um die Heimarbeiterinnen gekümmert. Das war Anlass einer ihrer Reden im Reichstag, die ich vor einiger Zeit gelesen habe.

 

 

Autorin:                    Inzwischen hat Jutta Limbach selbst Vorbildfunktion. Zum Beispiel für die Richterin Uta Fölster, die zunächst als persönliche Referentin der Präsidentin nach Karlsruhe kam, dann mit Erfolg die Pressestelle am Bundesverfassungsgericht aufbaute, und seit einem Jahr Geschäftsführerin des Deutschen Richterbundes ist.

 

Regie:                    Take 8

Frau Limbach verlangt von sich selber noch mehr als von ihren Mitarbeitern. Sie kann, wenn man etwas gut gemacht hat, auch loben. Sie kann auch kritisieren. Und sie hat einfach die Fähigkeit, das Gefühl zu geben, gebraucht zu werden, gute Arbeit zu leisten, und sie ermutigt. Bei mir hat es so verschiedene Situationen gegeben, wo ich so ein bisschen zaghaft war, gesagt habe, ich weiß nicht, ob ich das kann, ob ich das machen sollte.  Und ich habe von Frau Limbach glaube ich eine ganze Menge gelernt, aber eines auch, dass sie sagte, Frau Fölster, so reagieren nur Frauen, Männer kämen gar nicht auf die Idee, diese Fähigkeit, nicht bei sich zu vermuten. Nun wollen wir’s mal gut sein lassen, Sie machen das. Und dann geht man raus und sagt, gut, dann mache ich das jetzt.

 

 

Autorin:                    Und wie findet es Jutta Limbach, heute selbst Vorbild zu sein?

 

Regie:                    Take 9

Ich denke, ich bin eines unter anderen. Es gibt noch andere Frauen, für die man das gleichermaßen sagen kann. Denken wir an Annemarie Renger zurück, die die erste Bundestagspräsidentin gewesen sind, oder denken Sie an Rita Süssmuth. Und es fallen mir auf der Ebene der Länder-, Landesminister eine Menge von tüchtigen Frauen ein. Dann ist das auch Hildegard Hamm-Brücher, die man immer so hübsch die große alte Dame der Politik nennt. Und ich denke, es ist wichtig, dass wir diese Vorbildfunktion haben, denn die jungen Frauen müssen sehen, wenn sie sich auf ihren Beruf vorbereiten, dass sie das alles auch eines Tages werden können und selbstverständlich auch ihnen angebotene Beförderungen oder besondere Aufgaben annehmen.

 

A: Hier in Berlin, Sie sind selbst Berlinerin, deshalb ist Ihnen das nicht so ganz fremd, hat man Ihnen ja auch andere, nicht ganz so nette Bezeichnungen mit auf den Weg gegeben. Sie wurden als Inge Meisel des Senats bezeichnet, aber auch als Miss Marple. Tragen Sie das mit Humor?

 

L: Ich habe das immer mit Humor getragen. Das hatte zum Teil ja doch mit meinem etwas unscheinbaren Äußeren und dem kleinen Köfferchen zu tun und war auch in dem Sinne gemeint: Sie wirkt auf den ersten Blick sehr harmlos, aber hat es doch im Grunde genommen hinter den Ohren. Und das Kompliment - in Anführungsstrichelchen - die Inge Meisel des Senats zu sein, hat vielleicht auch damit zu tun, dass mir ein gewisser Optimismus und eine gewisse Heiterkeit auch bei ernsten Aufgaben treu erhalten bleibt. Ich denke, sonst wäre es einfach manchmal auch nicht durchzustehen.

 

 

Autorin:                    1972, im Alter von 37 Jahren, wurde Jutta Limbach Professorin an der Freien Universität Berlin. Zu diesem Zeitpunkt waren ihre drei Kinder 8, 5 und 3 Jahre alt.

 

Regie:                    Take 10

Ich denke, eine gewisse Entschlossenheit ist auch meiner Herkunft geschuldet. Meine Urgroßmutter, von der wir bereits gesprochen haben, hatte vier Kinder. Und als ihr Mann sehr früh starb, erwartete man selbstverständlich, dass sie etwas tut, um diese zu ernähren. Und sie hat dann ein kleines Kolonialwarenlädchen im Souterrain aufgemacht. Aber hinzugekommen ist auch, dass ich in diesem Geiste erzogen worden bin, dass ich also berufstätig sein werde und dass das nicht zum Verzicht auf Familie führen sollte, aber ich denke: Vornan habe ich neben den Eltern und den Schwiegereltern auch meinem Mann zu danken, der sich in dieser Ehe immer als voll mitverantwortlich betrachtet hat. Mein Mann hat ja zeitweilig, als ich in Berlin als Professorin tätig war, er aber mit den Kindern in Bonn war, für deren Betreuung gesorgt. Ich muss auch zugeben, und das sei offen gesagt: Wir waren privilegiert. Mein Mann und ich hatten ein entsprechendes monatliches Einkommen, das uns gestattete, das eine für das Kindermädchen zu verwenden. Und wir hatten das große Glück, dass alle drei Kinder gesund waren. Wenn sie ein krankes Kind haben, sieht die Sache schon anders aus, dann müssen sie als Vater und Mutter andere Überlegungen anstellen. Ich habe das in unserer Nachbarschaft durchaus gesehen und weiß, dass ich einen besonderen Grund zu Demut und Dankbarkeit in dieser Frage habe.

 

 

Autorin:                    Die Altersgrenze für Richterinnen und Richter am Bundesverfassungsgericht ist gesetzlich festgelegt. Sie liegt bei 68 Jahren. Jutta Limbach hat diese Grenze erreicht.

Wenn sie das Präsidentinnenamt jetzt niedergelegt, hat sie vielleicht das Gefühl, etwas unerledigt zu lassen. Denn eigentlich sollte sie noch an einer überaus wichtigen Entscheidung mitwirken, dem Verbotsverfahren gegen die NPD. Sämtliche Verhandlungstermine musste ihr Senat jedoch verschieben, weil das Bundesinnenministerium den Richtern wichtige Informationen vorenthalten hatte.

 

Regie:                    Take 11

Ich hätte gerne die Verantwortung für diese Entscheidung mitgetragen. Und Sie müssen wissen, dass wir ja kurz vor der mündlichen Verhandlung standen, bestens also vorbereitet gewesen sind. Sie glauben gar nicht, was für ein Studium auch der Literatur über das Studium der Akten hinaus von uns allen geleistet worden ist, um also in diesem Verfahren wirklich alle Fragen, die sich uns stellen, sachkundig beurteilen zu können. Und das, ja, macht es traurig. Es ist jedenfalls doch schon, ja, ein gewisses Bedauern, dass der Terminplan des Zweiten Senats im Grunde genommen nicht gehalten werden konnte.

 

 

Autorin:                    Jutta Limbach wird Karlsruhe also verlassen. Am 10. April wird ihr in Berlin vom Bundespräsidenten die Entlassungsurkunde überreicht. Ihre Karriere ist jedoch noch nicht zu Ende. Sie wurde zur Präsidentin des Goethe-Institutes Inter Nationes gewählt.

Wie wird die Juristin das Amt der Kulturmanagerin ausfüllen?

 

Regie:                    Take 12

Lassen Sie mich zu Anfang sagen, dass ich also nach meiner aktiven Berufstätigkeit damit ein Ehrenamt übernehme, denn manch einer hat geglaubt, nun bezieht sie schon wieder ein großes Gehalt, nicht wissend, dass man in dieses Amt nur kommt, wenn man im Grunde genommen seine Pension schon verdient hat. Auch Menschen, die einen juristischen Beruf ausüben, stehen ja der Kultur nicht ferne. Im Gegenteil, man sagt, glaube ich, dieser Profession zu Recht nach, dass sie einen sehr offenen Sinn für Kultur hat und da freut mich natürlich auch, dass der Namensgeber selbst eine juristische Ausbildung erfahren hat und in seinen ersten Jugendjahren auch als Jurist tätig gewesen ist.

Mir macht es eine große Freude, dass ich gerade jetzt Präsidentin des Goethe-Instituts werde, weil wir aufgrund der Erfahrungen, die wir im vergangenen Jahr gemacht haben, wissen, wie wichtig es ist, Völkerverständigung mit den Instrumenten der Kultur zu betreiben. Wie wichtig es ist, gemeinsame Verständigungshorizonte zwischen den großen Religionen zu finden. Und da freut mich einfach, dass das Goethe-Institut schon in den letzten Jahren Kultur weit definiert hat, nämlich auch Rechts- und politische Kultur mit einbezogen hat und sich also mit dem Thema Menschenrechte beschäftigt hat und ohne Rücksicht auf mich sich im kommenden Monat mit dem Thema Internationaler Strafgerichtshof beschäftigen wird.

Man kann nicht nur Wirtschaft und Politik globalisieren. Wir müssen auch unsere Werte, unsere Kultur im weitesten Sinne globalisieren, um später mal so etwas wie eine menschenwürdige, gewaltfreie, freiheitliche Weltgesellschaft zu begründen.

 

A: Sie erwähnten eben, dass es sich bei diesem neuen Amt um ein Ehrenamt handelt. Trotzdem wurde unlängst im Spiegel gefragt, warum Sie nicht in den wohlverdienten Ruhestand gehen und auch so ein Amt Jüngeren überlassen? Ärgern Sie sich eigentlich über solche Bemerkungen?

 

L: Nein. Darüber ärgere ich mich nicht. Es gibt sowohl im Juristenstand als auch unter den Journalisten unwissende Leute, und ich denke, so wie Sie hier Karikaturen von Daumier haben, muss es auch der gegenwärtigen Presse und den Karikaturisten gestattet sein, einiges zu überzeichnen und Derartiges zu sagen. Ich habe mich eher amüsiert auch über den neuen Titel: Herzogin Anna Amalie aus Karlsruhe.

 

 

Autorin:                    Wenn Jutta Limbach in diesen Tagen in Karlsruhe ihre Sachen packt, hat sie also schon wieder Neues vor sich liegen. Kann sie sich denn gar nicht vorstellen, einmal ganz aufzuhören mit dem Beruflichen und nur noch das Private zu genießen?

 

Regie:                    Take 13

Ich bin ehrlich. Es fällt mir etwas schwer, mir vorzustellen, ich könnte überhaupt keine Aufgaben haben, und es werden sich auch immer wieder welche finden. Ich erinnere mich nur an meine Mutter, die mich sehr durchschaut hat und dann manchmal zu mir sagte: Kind, kannst du nicht einmal still sitzen und die Hände in den Schoß legen? Ich kann das nicht.

 

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