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* radio kultur

   Gulliver

 

 

 

 

 

 

 

 

Kein Grund zum Feiern

100 Jahre Strafvollzug in Tegel

 

Eine Sendung von Annette Wilmes

 

 

 

 

 

                                                                               Redaktion:      Johannes Wendt

                                                                               Sendetag:       26.9.1998

                                                                               Sendezeit:      17.05 Uhr

                                                                                                      92,4 MHz

 

 

 

Mitwirkende:

 

Zitatoren 1 und 2

Autorin

 

 

 

 

Regie:                                      Take: Gulliver, Sätze und Gegensätze, daran:

 

Regie:                                      Take 1 (Lange-Lehngut)

Das ist ja eigentlich ein sehr zwiespältiges Ereignis, wenn man feststellt, daß in einer Institution wie auch immer die gesellschaftlichen Verhältnisse waren, 100 Jahre lang Menschen eingesperrt worden sind. Und von daher denke ich, ist gerade ein solcher Jahrestag auch Anlaß, Brüche zu sehen und sich Gedanken zu machen, welchen Sinn hat es, was können wir bewirken, welche Fehler sind in der Vergangenheit gemacht worden, wie soll es in der Zukunft weiter gehen?

 

 

Autorin:                                    Klaus Lange-Lehngut, seit nahezu 20 Jahren Leiter der Justizvollzugsanstalt Tegel.

Alle denken an die Wahlen. Gulliver nicht. Gulliver taucht in die Geschichte der JVA Tegel. Der größe Knast in Deutshland wird in der nächsten Woche 100 Jahre alt. Gulliver fragte auch Gefangene und Anstaltsgeistliche, was sie mit diesem merkwürdigen Geburtstag anfangen können.

Ronny S., seit einigen Jahren im Langzeitstrafer-Haus V inhaftiert, Redaktionsmitglied der Gefangenenzeitschrift „Lichtblick“:

 

Regie:                                      Take 2

100 Jahre Tegel, na gut, würde mir überhaupt nichts sagen, weil ich gar nicht weiß, was war vor 100 Jahren, wie war’s vor 100 Jahren, man weiß zwar, es soll alles ein bißchen schlimmer und schlechter gewesen sein, aber so wird’s auch gewesen sein, aber irgendwo fehlt da die Vorstellungskraft. Sonst, so wie ‘ne 750 Jahr Feier für Berlin oder was auch immer, wo man wirklich feiert, ist es eigentlich nicht. Und ich denke auch teilweise, für manche, die im System drin sind, auch nicht.

 

 

Autorin:                                    Der katholische Anstaltsgeistliche Pater Vincens:

 

Regie:                                      Take 3

Man kann also kein Gefängnis feiern, ein Volk muß sich schämen, daß es ein Gefängnis haben muß, nun ist es aber da, und dann sollte man das also auch, das was geleistet wurde von den Gefangenen, ob es Literatur, Kunst oder Handwerk ist, und was geleistet wurde durch die vielen Bediensteten im Laufe der Jahrzehnte, das sollte man schon beachten und anerkennen, und deshalb bin ich dafür, daß man innehält ein paar Stunden und sagt, so, das ist die Frucht von 100 Jahren Mühe und Anstrengung und Arbeit, und daß man das dann auch darstellt.

 

 

Autorin:                                    Felix K., seit vielen Jahren Strafgefangener in Tegel. Welche Feierlichkeiten sind geplant?

 

 

Regie:                                      Take 4

Mir ist noch nicht bekannt, in welcher Form das stattfinden wird. Wenn es die Möglichkeit geben wird, daß wir Gefangene dazu was sagen können, ja, in der Form, daß ich sicher irgendwo einen Beitrag schreiben werde und hoffe, daß er irgendwo veröffentlicht wird, aber eine Jubelfeier oder so was, da kann keiner von uns da einstimmen.

 

 

 

Autorin:                                    Wolfgang See, Pfarrer im Ruhestand, von 1976 bis 1980 evangelischer Anstaltsgeistlicher in Tegel:

 

 

Regie:                                      Take 5

100 Jahre, ja, ich weiß, daß in der Zwischenzeit, also in den letzten Jahrzehnten die Anstalt erweitert wurde, um mehrere Häuser erweitert wurde, und ich weiß natürlich nicht, was vor 100 Jahren war, so alt bin nicht mal ich, aber tja, feiern würde ich so was nicht.

 

 

Autorin:                                    Vor 100 Jahren, am 2. Oktober 1898, wurde die Haftanstalt in Tegel mit den ersten 90 Gefangenen belegt, bis zum Jahresende waren schon etwa 900 Gefangene untergebracht.

Anstaltsbibliothekar Günter Liebchen hat sich intensiv mit der Geschichte der Anstalt befaßt:

 

Regie:                                      Take 6

An ihrem Anfang hieß sie Königliches Strafgefängnis Tegel, dann, nach dem ersten Weltkrieg fiel das königliche weg, dann war es nur noch das Strafgefängnis Tegel, nach 1945 wurde daraus die Strafanstalt Tegel und 1977, nach Einführung des Strafvollzugsgesetzes, die Justizvollzugsanstalt Tegel.

 

 

Autorin:                                    So heißt sie auch heute, kurz JVA Tegel. Die Anstalt wurde häufig und herftig kritisiert, auch während der Amstzeit des Anstaltsleiters Lange Lehngut:

 

 

Regie:                                      Take 7

Ach Gott, wissen Sie, das waren eigentlich Sachen, die immer zum Vollzug gehören, ich habe früher immer gesagt, alle zwei Jahre passiert hier etwas gravierendes, ein Ausbruch oder so etwas. Und das sind für die Anstalt dann schon ganz gravierende Ereignisse gewesen. Wir hatten ja Ende der 70er Jahre große, politisch motivierte, ob’s dann wirklich so war, weiß ich nicht, Auseinandersetzungen mit den Gefangenen. Das waren so Spät-68er, die sich dann hier in den Gefängnissen politisierten und versuchten, irgendwas durchzusetzen, und wir hatten natürlich auch ganz spektakuläre Ausbrüche Anfang der 80er Jahre, das ist dann sehr viel weniger geworden, vielleicht auch deshalb, weil wir mit den Gefangenen anders umgehen, als das früher die Tradition war. Wir versuchen, jedem Gefangenen eine Chance zu geben, sich zu entwickeln. Und ich glaube, die soziale Sicherheit, die wir versuchen, hier zu begründen und zu verstärken, ist ein ganz wesentliches Element für die Sicherheit der Anstalt und für das Fehlen von Schlagzeilen in der Zeitung.

 

 

Autorin:                                    In den Schlagzeilen war die Tegeler Anstalt von Anfang an. Schon am 18. November 1898 war im „General-Anzeiger“ (für Reinickendorf) zu lesen:

 

Zitator 1:                                  Aus dem Strafgefängniß an der Tegler Chaussee entwichen ist bei einem Spaziergange der zu vier Monaten Gefängniß verurteilte 20jährige Buchbinder Carl Becker. B. trägt Anstaltskleidung, welche mit dem Stempel des Gefängnißes versehen ist und hat seinen Weg nach Berlin genommen, so daß es nicht schwerfallen dürfte, des Flüchtlings habhaft zu werden. Als besondere Kennzeichen dienen tätowirte Anker auf beiden Händen.

 

Autorin:                                    Die Tegeler Chaussee heißt heute übrigens Seidelstraße.

Warum hat man sich Ende des vorigen Jahrhunderts zum Neubau eines Gefängnisses nördlich von Berlin entschlossen? Anstaltsbibliothekar Günter Liebchen:

 

 

Regie:                                      Take 8

Tegel ist ein Ersatzbau eigentlich für die alte Stadtvogtei. Dort herrschten also sehr schlechte Verwahrbedingungen, die hygienischen Verhältnisse waren also auch für damalige Verhältnisse unzumutbar, die Anstalt, diese alte Stadtvogtei, war dauernd überfüllt und es gab noch eine Reihe von Hilfsgefängnissen, die aber auch nicht den damaligen Standards entsprachen, also kam man auf den Gedanken für diese mißliche Lage der Stadt Berlin ein neues Gefängnis außerhalb der eigentlichen Stadtgrenzen zu bauen.

 

A: Die Tradition, Straftäter mit Gefängnis zu bestrafen, war ja auch noch gar nicht so alt?

 

L: Na ja, doch, die gab’s schon gut 200 oder 300 Jahre. Aber der Vollzug hat sich eben sehr stark geändert. Wurden zunächst mal die Verurteilten in alten Festungen oder Schlössern untergebracht, so stellte sich bald heraus, daß das nicht die geeigneten Aufbewahrungsorte waren. Und besonders im 19. Jahrhundert sind also eine ganze Reihe von Anstalten in Deutschland, vor allem auch in Preußen, neu gebaut worden.

 

A: Das 19. Jahrhundert war die Zeit der Gefängnisneubauten auch hier in Berlin, haben sie geschrieben, welche Neubauten waren das denn?

 

L: Also es fing hier in Berlin an mit dem Neubau des Zellengefängnisses in der Lehrterstraße, das so in den Jahren 1842 bis 46 gebaut wurde und dann auch belegt wurde, der nächste Bau war das Gefängnis Plötzensee, auch damals außerhalb der Stadtgrenzen gelegen, mit dessen Bau Ende der 60er Jahre begonnen wurde, ein weiterer Bau war ein neues Untersuchungsgefängnis in Moabit, das also heute noch existiert. Dann folgte eben das Gefängnis Tegel, das 1898 eröffnet wurde.

 

A: Wurde Tegel nach einem bestimmten Vorbild gebaut?

 

L: Ja, es wurde nach einem Vorbild gebaut, wie mehrere andere Gefängnisbauten in Preußen auch, nach dem Vorbild von Pentonville nach dem panoptischen System, das sich von einer Zentrale aus vier Flügel für Verwahrflügel mit mehreren Stockwerken in die Landschaft erstrecken.

 

 

Autorin:                                    Zweck dieser offenen Bauweise ohne Zwischendecken war es also, eine zentrale Beobachtung der Gefangenen zu ermöglichen.

Drei Häuser mit jeweils vier Flügeln waren auf dem ehemaligen Waldgelände entstanden, 11 Kilometer vom Berliner Stadtzentrum und 2 Kilometer von der Gemeinde Tegel entfernt. Die Zellen waren unterschiedlich groß. Für die Kurzzeitstrafer im Haus I hielt man einen Rauminhalt von 15 cbm für ausreichend, im Haus II, geplant als Zugangshaus und für Gefangene mit langen Strafen, 22 cbm, im Haus III für Gefangene mit mittleren Strafen 18 cbm. In Quadratmetern ausgedrückt: gut 5 Quadratmeter-Zellen im Haus I, gut 7 im Haus II und genau 6 Quadratmeter im Haus III. Diese Zellen sind heute noch in Betrieb.

In einem vierten Haus auf dem Anstaltsgelände befanden sich Schlafsäle für Gemeinschafthaft, Büro- und Lagerräume sowie Arbeitssäle. Heute sind dort das Sprechzentrum und die Beamtenkantine.

Gegen Ende der Bauphase entschied man sich, auch eine Kirche zu bauen. Sie entstand über dem zweistöckigen Verwaltungsgebäude vor Haus II. Die beiden spitzen Türme überragen die Anstaltsmauer, die damals nur vier Meter hoch war, zwei Meter niedriger als heute, und gelten sind als Wahrzeichen der Tegeler Anstalt.

Das neue Gefängnis war eher für die kleinen Kriminellen gedacht. Gefangene, die für spektakuläre Straftaten verurteilt worden waren, saßen hier in der Regel nicht. Nur Wilhelm Voigt, der legendäre „Hauptmann von Köpenick“, war schon damals über die Region hinaus bekannt. Er hatte in einer geliehenen Hauptmannsuniform den Bürgermeister von Köpenick festgenommen und die Stadtkasse „beschlagnahmt“. Am 1. Dezember 1906 wurde er zu einer vierjährigen Gefängnisstrafe verurteilt, wegen unerlaubten Tragens einer Uniform, Vergehens wider die öffentliche Ordnung, Freiheitsberaubung, Betruges und schwerer Urkundenfälschung. Er wurde jedoch durch Kaiser Wilhelm begnadigt und verließ die Tegeler Anstalt nach knapp 2 Jahren Haft am 16. August 1908.

Wilhelm Voigt, bekannt  als der „Hauptmann von Köpenick“, in einer Tonaufzeichnung aus dem Jahre 1908, in der er sich bei den Berlinern für die zahlreichen Sympathiebekundungen, die ihn im Knast erreichten, bedankt:

 

Regie:                                      Take 9

Sie haben dadurch meinem Herzen wohlgetan und mir die Schwere Last erleichtert. Durch die Gnade seiner Majestät bin ich der Freiheit und dem Leben wiedergegeben. Die lebhaften mir von allen Seiten entgegengebrachten Bekundungen sind ein schönes Geschenk, das mir in meinen altenTagen von Ihnen gemacht wird.

Frei bin ich ja nun wohl geworden, aber ich fürchte mich und bitte Gott, mich davor zu bewahren, noch einmal vogelfrei zu werden. ...

Und nun bitte ich Sie, mich auch weiter in gutem Andenken zu halten. ...

mit herzlichem Gruß ... Wilhelm Voigt.

 

 

 

Autorin:                                    Der Schuster Wilhelm Voigt in seiner Botschaft an die Berliner Bevölkerung, die ihn - anders als die anderen Häftlinge - mit offenen Armen aufnahm und - sie hörten  es - „dem Leben wiedergab“.

Anstaltsbibliothekar Günter Liebchen hat über die ersten 50 Jahre der Tegeler Strafanstalt einen Beitrag für eine Anthologie geschrieben, die im kommenden Monat herauskommen wird. Herausgeberin ist die JVA Tegel.

Hier berichtet Günter Liebchen über die Anfänge des Anstaltslebens:

 

Regie:                                      Take 10

Morgens war Aufschluß, dann war eine Zeit für das Frühstück und die Zellenreinigung, für die Köperreinigung reserviert, dann begann die Arbeitszeit, die einzelnen Zeiten kann ich Ihnen jetzt nicht sagen, da muß ich auch erst nachgucken. Dann wurde zuweilen bis mittags gearbeitet, das Essen verteilt, und nachmittags wurde wieder gearbeitet bis zum Einschluß in die Zellen, und dann gab’s den Nachtverschluß, und dann waren die Leute weggeschlossen.

 

A: Waren die Gefangenen eigentlich gezwungen, hier zu arbeiten?

 

L: Ja, es bestand grundsätzlich Arbeitspflicht, es gab allerdings Ausnahmen, die Anstaltsleitung konnte auch früher schon beschließen, daß jemand sich selbst beschäftigt, das mußte jemand begründen, und dem wurde meistens stattgegeben, wenn es sich um einen in Anführungsstrichen bürgerlichen Anstaltsinsassen handelte, Leute, die wegen Pressvergehens hier saßen, oder wegen anderer Straftaten, die aber bürgerlichen Kreisen angehörten, wenn die den Antrag stellten auf Selbstbeschäftigung, wurde dem meistens stattgegeben.

 

 

 

Autorin:                                    So einen Antrag stellte zum Beispiel Carl von Ossietzky, Herausgeber der „Weltbühne“, der vom 10. Mai  bis zum 22. Dezember 1932  in Tegel hinter Gittern saß. Er war vom Reichsgericht Leipzig wegen Landesverrats und Spionage zu anderhalb Jahren Gefängnis verurteilt worden. Anlaß war ein Artikel über die heimliche Aufrüstüng der Reichswehr, der in der „Weltbühne“ unter dem Titel „Windiges aus der deutschen Luftfahrt“ veröffentlicht worden war. Der Autor Walter Kreiser und Carl von Ossietzky als verantwortlicher Redakteur wurden bestraft.

Von Ossietzky schrieb an den „sehr geehrten Herrn Oberstrafanstaltsdirektor“:

 

Zitator 2:      Bei Antritt meiner Strafe teile ich ergebenst mit, dass ich mit der Verlagsfirma Williams & Co., Berlin-Grunewald, Douglasstr. 24, einen Verlagsvertrag geschlossen habe, wonach ich während meiner Haft ein grösseres Werk „Deutsche Geschichte seit dem Ende des siebenjährigen Krieges“ anfertigen soll.  (...)

      Ich bitte um Genehmigung der Selbstbeschäftigung und Beschaffung der zur Durchführung des Vertrages erforderlichen Bücher. Weiter bitte ich mir zu gestatten, dass ich das „Berliner Tageblatt, die Vossische Zeitung und die Deutsche Allgemeine Zeitung und die  Weltbühne“ abonniere, da die regelmässige Lektüre dieser Blätter für meine berufliche Tätigkeit unumgänglich notwendig ist.

Gleichzeitig bitte ich, mir zu gestatten, während meiner Haft eigene Kleidung und Wäsche zu tragen. Ich verzichte im Voraus auf alle diesbezüglichen Entschädigungsansprüche.

                                                                                      Mit vorzüglicher Hochachtung

                                                                                          Carl v. Ossietzky

 

 

Autorin:                                    Carl von Ossietzky wurde aufgrund einer Amnestie vorzeitig, nämlich im Dezember 1932, aus der Haft entlassen. Über seine Zeit hinter den Anstaltsmauern schrieb er in der „Weltbühne“:

 

Zitator 2:                                  Im Gefängnis gewesen zu sein, das ist ein großes Erlebnis, das kein politischer Mensch aus seinem Dasein streichen kann.

Es ist die Berührung mit einer abgesonderten Welt, die eingemauert zwischen uns ragt und von der wir weniger wissen als von Tibet oder der Osterinsel. Das Gefängnis, das heute in Deutschland nicht mehr strafen, sondern bessern und erziehen soll, ist damit sozusagen zum Lazarett der bürgerlichen Ordnung avanciert. Ich habe das Gefängnis nicht als ein Haus der gewollten Härte und der traditionellen Quälereien kennengelernt, aber auch so bleibt es ein Haus des Jammers, in dem hinter jeder Eisentür ein andrer trauriger Globus kreist, durch schicksalsmäßige Verstrickung in dieser Bahn gehalten. Schuld - ? In diesem Hause fällt das Wort nicht, hier gibt es nur Opfer. Als ich zwei Tage vor Weihnachten hinausging, hatte ich ein Würgen im Halse, das so etwas wie schlechtes Gewissen war, weil ich heimkehren durfte und die Andern blieben.

 

Autorin:                                    Das Gefängnis sollte also nicht mehr strafen, sondern bessern und erziehen. Damit beschrieb Ossietzky eine brandneue Entwicklung. Denn bis zum Erlaß der neuen preußischen Vollzugsordnung im Jahr 1923 wurde an den Prinzipien des Vollzuges in der Kaiserzeit festgehalten, sie hießen  im wesentlichen Vergeltung und Sühne. Soweit Erziehungs- und Besserungsideale überhaupt eine Rolle spielten, waren sie sittlich-religiös ausgerichtet.

Der neuartige Vollzug sollte durch ein abgestuftes System mit Vollzugslockerungen den Gefangenen einen leichteren Einstieg zurück in ein straffreies Leben ermöglichen. Das Vorhaben stieß jedoch bei einem großen Teil der Beamten auf Unverständnis, zumal eine Reform Geld kostet, und die öffentlichen Kassen waren in der Zeit der Wirtschaftkrise leer.

Als die Nazis die Macht ergriffen, hatte sowieso jede Vollzugsreform ein Ende. Der politische Umschwung wirkte sich unmittelbar auf die Tegeler Strafanstalt aus. Günter Liebchen:

 

Regie:                                      Take 11

Ja, in der Weise, daß die Anstalt teilweise in den Jahren 33 und 34 sehr stark überbelegt war, bis zu 1900 Häftlinge saßen hier ein. Das führte zu ziemlichen Mißlichkeiten, Unübersichtlichkeiten, die Ernährungslage war nicht sehr gut, es gibt also sehr viele Klagen damaliger Insassen, daß sie schlecht ernährt wurden, und das ist zunächst mal der Effekt gewesen, der Überbelegung.

 

A: Warum waren es so sehr viele, was für eine Art von Gefangenen waren das, die die Nazis sozusagen durch die Machtergreifung  hier her brachten?

 

L: Das waren zum einen sogenannte Schutzhäftlinge, die nach einem Gesetz aus der Mitte des 19. Jahrhunderts festgenommen und zunächst einmal untergebracht werden konnten und durften.

Die Nationalsozialisten hatten gleich nach ihrem Machtantritt eine Reihe von Gesetzen verschärft und eine Reihe von Verordnungen erlassen, um die Opposition gegen ihr Herrschaftssystem auszuschalten, zunächst mal die sogenannte Heimtücke-Verordnung, die es ermöglichte, jeden ins Gefängnis zu bringen, der sich oppositionell in Reden oder Schriften äußerte, Flugblätter verteilte, und überhaupt das Nazis in irgendeiner auch nur geringfügigsten Weise in Frage stellte.

 

A: Gab es noch andere neue Straftatbestände oder Verschärfungen, die im Krieg vor allem eingeführt wurden?

 

Ja, es gab im Kriegstrafensonderrecht mehrere Gesetze und Verordnungen, die zum Beispiel das Abhören feindlicher Sender verboten, ja es wurden neue Wirtschaftsstraftatbestände eingeführt, Schwarzschlachten war verboten.

 

 

Autorin:                                    Es gab Verordnungen, nach denen Tausende gequält, gefoltert und umgebracht wurden. Zum Beispiel sollten durch den „Nacht-und-Nebel-Erlaß“   vom  7.12.1941  angebliche Widerstandsbewegungen gegen die deutschen Besatzungsstreitkräfte bekämpft werden. Man ließ Personen verschwinden und schürte  Furcht unter den Familien, Freunden und Verwandten über das Schicksal des Verschleppten.

Die Nacht- und Nebelgefangenen wurden besonders behandelt, genauso die jüdischen Gefangenen. Günter Liebchen:

 

Regie:                                      Take 12

Die Juden, die hier einsaßen, mußten wie auch die Juden draußen einen Judenstern tragen hier in der Anstalt, sie wurden abgesondert, waren in bestimmten Abteilungen oder Stationen konzentriert, und sie wurden seit 1942 in vermehrtem Maße in die KZs überwiesen, wir haben in den Zu- und Abgangsbüchern dann den Vermerk „dem Polizeipräsidium zugeführt“, das bedeutete der Gestapo, oder es sind auch die direkten Hinweise vorhanden, ins KZ Auschwitz zugeführt.

 

A: Und die Nacht- und Nebelgefangenen, sind die in diesen Büchern auch zu erkennen?

 

L: Ja, die sind zu erkennen, es gibt da einen Vermerk dann immer, „NN“, bei dem entsprechenden Namen, das wies den Bediensteten darauf hin, daß er den Gefangenen besonders zu beobachten hatte, denn diesen Gefangenen war jeder Kontakt nach außen verboten, sie durften weder Pakete noch Post empfangen, noch selbst schreiben. Ihre Existenz sollte auch vor ihren Angehörigen geheimgehalten werden.

A: Das heißt also, die Familien wußten gar nicht, wo die geblieben ...

L: ... die wußten gar nicht, wo die Menschen abgeblieben waren.

 

 

Autorin:                                    Am 17. Februar 1940 wurde Haus III geräumt und dem Militär als Wehrmachts- und Untersuchungsgefängnis zur Verfügung gestellt. Die Gefangenen warteten darauf, vor Kriegsgerichte oder vor den Volksgerichtshof gestellt zu werden. Unter ihnen waren Dietrich Bonhoeffer, Alfred Delp, Bernhard Lichtenberg und Hanns Lilje.

Pfarrer Harald Poelchau, der 1933 seinen Dienst als Anstaltsgeistlicher angetreten hatte, wurde nun Wehrmachtsseelsorger in Tegel und in der Militär-Arrestanstalt  Lehrter Straße. Er begleitete unter der Nazi-Herrschaft mehr als 1000 zum Menschen zum Hinrichtungsschuppen in Plötzensee und zu den Richtstätten der  Wehrmachtsjustiz. In der Kirche der Justizvollzugsanstalt Tegel, in der Poelchau gepredigt hatte, fand am 28. August 1995 ihm zu Ehren eine Gedenkveranstaltung statt.

 

Als der Krieg zu Ende war, stand das Tegeler Gefängnis leer. Die Gebäude waren leicht beschädigt, einige Dienstwohnhäuser außerhalb der Gefängnismauer jedoch bis auf die Grundmauern herunter gebrannt.

Günter Liebchen:

 

Regie:                                      Take 13

Zunächst bezogen einmal die Russen Quartier mehrere Wochen lang, aber die räumten dann das Gefängnis und nahmen alles mit, was irgendwie verwertbar war, dann war kurze Zeit wohl die umliegende Bevölkerung an dem Ausplündern dieser Anstalt beteiligt. In Betrieb genommen wurde es dann zunächst von der französischen Besatzungsmacht, die ab Juli 1945 für ihre Zwecke hier eine Gefängnisabteilung einrichtete, ab Oktober wurden dann auch von deutschen Gerichten Verurteilte hier untergebracht.

 

 

Autorin:                                    Ende 1945 waren schon wieder 700 Gefangene in der Strafanstalt, 70 Bedienstete versahen ihren Dienst.

In den 50er Jahren zogen die Zuchthäusler vom Zellengefängnis in der Moabiter Lehrter Straße nach Tegel um: insgesamt  300.

Morgens um 8 Uhr verließen die ersten beiden Transportwagen den Gefängnishof in Moabit. Ein Rundfunkbericht vom 15. März 1955, Reporter damals: Rainer Höynck:

 

Regie:                                      Take 14

Zwei der Gefangenen, die ganz vornan an dem rechten der beiden Transportwagen stehen, die jetzt frühmorgens im Hof jetzt ihre Motoren anwerfen, zwei der Gefangenen haben eben mit einem bunt karierten Taschentuch sich das kleine Fensterchen frei gewischt, damit sie auch was haben von der Fahrt. Eine lang entbehrte Abwechslung. Einer der Wagen muß wieder zurück setzen und wieder vor, damit er durch die enge Toreinfahrt herauskann. Jetzt der zweite mit dem Herrn Direktor auf dem Begleitsitz neben dem Fahrer. Ein kleiner blauer Wagen hinterher mit dem, was die Gefangenen so im Laufe der Zeit sich als persönliche Habe hier angesammelt haben in den bekannten Persilkartons und in verschnürten Bündeln. Die Gefangenen tragen alle braune Anzüge und braune Kappen.

 

 

Autorin:                                    Strafanstalt Tegel, Haus III.

 

Regie:                                      Take 15

Schließen, Atmo, Knastgeräusche altes Haus mit offenen Fluren, laute Akustik

 

Regie:                                      unter den folgenden Text ziehen

 

 

Autorin:                                      Gulliver läßt sich von einem Anstaltsbediensteten ins Haus III bringen, „durchschließen“, wie man hier sagt. Große eiserne Gitter, eiserne Türen, überdimensionale Schlösser, die mit riesigen Schlüsseln geöffnet werden. Im Haus offene Flure, man kann durch die einzelnen Stockwerke hindurch sehen, der Geräuschpegel ist hoch. Hier waren die Zuchthäusler untergebracht, die 1955 vom Zellengefängnis umquartiert wurden. Das Zellengefängnis in der Lehrter Str. wurde gesprengt. Dort sind heute nur noch die ehemaligen Beamtenhäuser und Reste der Mauer zu sehen.

Strafanstalt Tegel, Haus III, wurde also das neue Zuchthaus, aber nur für kurze Zeit. Denn Ende der 60er Jahre wurde die Zuchthausstrafe abgeschafft, es gab fortan nur noch die Einheitsfreiheitsstrafe.

Anstaltsleiter Klaus Lange-Lehngut erklärt den Unterschied zwischen Gefängnis- und Zuchthausstrafe:

 

Regie:                                      Take 16

Das ist ja jetzt nur auf die Historie bezogen. Es war so, daß für Verbrechen, die nach dem Strafgesetzbuch ausgewiesen sind, Zuchthaus verhängt wurde, das war eine entehrende Strafe mit einer längeren Verpflichtung, täglich zu arbeiten, als für Gefängnisinsassen. Es war mit dem Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte verbunden, und es sollte eigentlich etwas Entehrendes sein, das man Verbrechern antat, während man den Leuten, die Vergehen begangen hatten, also Dieben und Betrügern, daß man bei denen meinte, dies also nicht machen zu müssen. Das hat sich natürlich in der Praxis niemals richtig durchhalten lassen. Eigentlich sollten es die Zuchthäusler eher schlechter haben als die Gefängnisinsassen. Es gab übrigens auch ein Trennungsgebot, das dann dazu führte, daß wir unterschiedliche Werkstätten, gleiche Werkstätten für Zuchthausgefangene und für Gefängnisinsassen hatten. In der Wirklichkeit sah es für den Vollzugspraktiker nicht überraschend so aus, daß es für die Zuchthausgefangenen, weil die eben länger da waren und sich viel besser auskannten, viel besser war, einfacher war, hier in der Anstalt zu leben als für die Gefängnisinsassen.

 

A: Und entehrend sollte die Strafe sein, wie kann man denn so eine Strafe vollziehen?

 

L: Na ja, die Einrichtung der Zellen war schlechter, man mußte eine andere Kleidung tragen als die Gefangenen im Gefängnis, und im Grunde genommen stand das dann mehr eigentlich im Papier als sich das in der Wirklichkeit auswirkte. Deshalb hat ja dann auch der Gesetzgeber Ende der 60er Jahre gesagt, „Schluß damit, wir machen eine Einheitsfreiheitsstrafe“.

 

 

Autorin:                                    In den 60er Jahren war die Situation in Tegel zeitweise äußerst schwierig. Etwa 1400 Gefangene konnte die Anstalt in ihre drei Häuser aufnehmen. Tatsächlich ware es meist mehr. Die höchste Belegungszahl wurde am 12. März 1968 registriert: 1837 Gefangene. Im Jahr 1968 häuften sich Ausbrüche und Tumulte. Die Situation beruhigte sich erst, als im Zusammenhang mit dem Strafrechtsreformgesetz des Jahres 1969 die Gefangenenzahlen drastisch sanken. Außerdem hatte der Bericht über den Berliner Strafvollzug, der im Juni 1968 dem Abgeordnetenhaus übergeben wurde, weitgehende Konsequenzen. Der Verwahrvollzug sollte passé sein, Behandlungsvollzug wurde angestrebt.

Passend für diese Zeit ist ein Ereignis, das tatsächlich verdient, heute, 30 Jahre später, gefeiert zu werden. Am 25. 10. 1968 erschien der erste „Lichtblick“ - die von Anfang an unzensierte Tegeler Gefangenenzeitung. In dieser ersten Ausgabe heißt es:

 

Zitator 1:                                  Der Lichtblick ist eine völlig unabhängige Zeitung und unterliegt keinerlei Zensur. Mit diesem Satz, glauben wir, dürfte alles gesagt sein. Sicherlich wirst Du jetzt diese Zeilen mit großer Skepsis gelesen haben, weil Du ja erlebt hast, daß in den letzten Jahren verschiedentlich etwas angefangen und nie fortgesetzt worden ist. Aber mit dem Lichtblick ist es etwas anderes.

 

Autorin:                                    Die Gründer Redaktion hat Recht behalten. Auch heute, 30 Jahre später, gilt das Prinzip der unabhängigen Gefangenenzeitschrift. Die Redaktionsräume befinden sich übrigens im Haus III, dem ehemaligen Zuchthaus. Redaktionsmitglied York Kusterka:

 

Regie:                                      Take 17

Also wir kommen ja aus früheren Zeiten her. Den Lichtblick gibt es seit  68, und das sind nun ganz, ganz frühe Zeiten. Abgesehen vor dem zweiten Weltkrieg, also es hat vor der Jahrhundertwende schon Gefangenenzeitschriften gegeben, da haben zwar die Gefangenen nicht mitarbeiten dürfen, aber die sind für Gefangene gemacht worden, um dem Gefangenen ‘ne Möglichkeit zu geben, überhaupt was zu lesen.  Und vor allem, um auf die Presse verzichten zu können, daß man die Darstellung der Presse außerhalb des Knastes nicht in den Vollzug reinbekommt, die sollten wirklich richtig abgeschottet werden, das ist der Ausgangspunkt von Gefangenenzeitschriften. Daß es dann nach dem zweiten Weltkrieg sehr viele gab, wo sogar Häftlinge dran beteiligt werden durften, das hat eben den Grund, daß man gesagt hat, wir wollen am Menschen mit dem Menschen was verändern. Wir wollen ihm die Möglichkeiten geben, Fuß zu fassen in der Gesellschaft. Das war ja auch der Punkt, weshalb das neue Strafvollzugsgesetz in Kraft treten sollte und diese besonderen Gewaltverhältnisse, die davor im Knast geherrscht haben, ablösen sollten. Und so’n Magazin wie der Lichtblick, in der Form, daß es unzensiert ist, das ist ja nicht mal heute denkbar. Es gibt außer dem Lichtblick kein unzensiertes Gefangenenmagazin. 

 

Regie: (direkt daran, ohne Gelbband)     Take 18

Schließen, Atmo, Knastgeräusche altes Haus mit offenen Fluren, laute Akustik

 

Regie:                                      unter den folgenden Text ziehen

 

 

Autorin:                                      Gulliver verläßt Haus III und erinnert an ein Ereignis aus dem Jahre 1975. Das frühere RAF-MItglied Horst Mahler war damals Strafgefangener in Tegel. Die Entführer von Peter Lorenz wollten ihn aus der Haft befreien. Mahler hatte sich jedoch von der RAF distanziert, der KPD zugewandt  und wollte lieber im Knast bleiben. Die Entführer verlangten daraufhin, daß er dies im Beisein eines Rechtsanwalts in der Tagesschau erkläre. Am 1. März 1975 kurz vor 24 Uhr wurde Horst Mahlers Erklärung - direkt aus Tegel - in der Tagesschau gesendet:

 

 

Regie:                                      Take 19

Die Entführung des Volksfeindes Peter Lorenz als Mittel zur Befreiung von politsichen Gefangenen ist Ausdruck einer von den Kämpfen der Arbeiterklasse losgelösten Politik, die notwendig in einer Sackgasse enden muß. Die Strategie des individuellen Terrors ist nicht die Strategie der Arbeiterklasse. ...

Anläßlich des Schauprozesses gegen Bäcker, Meinhof und mich im September des vergangenen Jahres habe ich in meiner öffentlichen Kritik an der Strategie der RAF, die zugleich eine Selbstkritik war, klargestellt, daß mein Platz an der Seite der revolutionären Arbeiterklasse ist, ich bin der festen Überzeugung, daß sich durch den Kampf der revolutionären Massen gegen dieses kapitalistische Ausbeutersystem  die Gefängnistore für alle politischen Gefangenen öffnen, und daß die gegen mich gefällten Terrorurteile hinweggefegt werden.

Weshalb ich es ablehne, mich auf diese Weise außer Landes bringen zu lassen. Arbeiter, Werktätige, Genossen, kämpft mit der kommunistischen Partei für eine menschliche Gesellschaft, für den Sozialismus. Laßt Euch von der bürgerlichen Hetze nicht einschüchtern, vorwärts mit der KPD!

 

 

Autorin:                                    Horst Mahler hatte damals ein vergleichsweise komfortables Leben hinter Gittern, neben seiner Zelle durfte er eine weitere unterhalten: für seine Bücher. Damit war jedoch Ende 1975 erstmal Schluß, weil der Knast wieder einmal überbelegt war.

Horst Mahler wurde zwar nicht von den revolutionären Massen befreit, aber 1980 auf Bewährung entlassen. Er wandte sich auch von der Arbeiterklasse ab und beriet Wirtschaftsmanager. Heute ist Horst Mahler wieder als Rechtsanwalt zugelassen.

 

Regie:                                      Take 20

Schritte, Schließen, Atmo

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Autorin:                                    Modernisierungen und Neubauten auf dem Gelände der Justizvollzugsanstalt Tegel in den späten 60er und in den 70er Jahren. Im Januar 1970 wurde die Sozialtherapeutische Anstalt, kurz SothA, gegründet. Das neue Gebäude mit dem separaten Eingang wird auch einfach Haus IV genannt. Hierher kommen Gefangene, die aktiv an ihrer Resozialisierung in Gesprächen mit Psychologen und Sozialarbeitern teilnehmen wollen. Nicht alle, die sich bewerben, werden aufgenommen.

Im Haus 1 wurden Zwischendecken eingezogen, so daß die lauten, offenen Flure verschwinden, die Hafträume wohnlicher werden. Die Türen derKleinstzellen von ca. 5 qm im Haus 1 können jetzt zu bestimmten Zeiten offen stehen. Das ist der Beginn des sogenannten Wohngruppenvollzugs.

Haus III E mit ca. 60 Haftplätzen wurde1972 fertiggestellt. Der Wohngruppenvollzug, in dem die Häftlinge nach innen die größte mögliche Freiheit genießen, aber auch Eigenverantwortung übernehmen müssen, bekommt Modellcharakter.

Über Jahrzehnte war geplant, die alten Verwahrhäuser I, II und III abzureißen und durch zeitgemäße Haftbauten zu ersetzen. Ende der 80er Jahre wurden diese Planungen unter der neuen konservativen Stadtregierung gestrichen. Haus III , das jetzt offiziell Teilanstalt III genannt wird, wurde wenigstens mit Steckdosen in den Zellen ausgerüstet, in den Teilanstalten I und II ist nicht einmal das passiert.

Zwei neue Gebäude sind in den 80er Jahren entstanden: die Teilanstalt V im Oktober 1982 für Langzeit- und die Teilanstalt VI im Juni 1988 für Kurzzeitstrafer. In den relativ komfortablen Zellen von 9 Quadratmetern befinden sich Naßzellen, so daß man nicht mehr direkt neben der Toilette essen und schlafen muß. Hier werden jedoch nur solche Gefangene untergebracht, die nichts mit Drogen zu tun haben.

 

Gulliver geht über das Anstaltsgelände an den verschiedenen Werkstätten vorbei zu den Neubauten. Im Haus V, der Teilanstalt für die nicht drogenabhängigen Gefangenen mit langen Strafen, trifft er Felix K., einen zu lebenslanger Haft verurteilten Gefangenen.  Was war für ihn das wichtigste Ereignis im Strafvollzug der vergangenen 100 Jahre?

 

Regie:                                      Take  21

In den 100 Jahren? Für mich persönlich als Betroffener, daß 1977 das neue Strafvollzugsgesetz in Kraft getreten ist. Das es zum ersten Mal möglich gemacht hat, Reformbemühungen, die seit 20 Jahren gemacht worden sind, in Kraft zu setzen.

 

 

Autorin:                                    Bereits 1976 kam Felix K. nach Tegel, zu einer Zeit also, als das Strafvollzugsgesetz zwar noch nicht in Kraft, aber der Wohngruppenvollzug schon etabliert war. 

 

 

Regie:                                      Take 22

Das ist richtig, es gab angeschlossen an das Haus III einen sogenannten Wohngruppenmodellversuch, das Haus IIIE, das in zwei Etagen 62 Gefangene hatte, und das also bundesweit als Modellvollzug gegolten hat.

 

A: Das gibt’s aber nicht mehr?

 

K: Das ist trotz der ganzen guten Erfahrungen, die eigentlich damit gemacht worden sind, dann geschlossen worden und in die Teilanstalt V verlegt.

 

A: In der Sie jetzt auch untergebracht sind. So etwas wie Wohngruppenvollzug, was soll das denn eigentlich bewirken?

 

K: Zunächst mal, daß ein Zusammenleben in Enge in einer Gemeinschaft gelernt wird, daß eigene Regeln aufgestellt werden, die akzeptiert werden können, wo ein Minimum an Gemeinsamkeiten entwickelt werden kann, das dann natürlich untergliedert ist in Möglichkeiten für eine berufliche, eine schulische Fortbildung. Für Behandlungsmaßnahmen im pädagogischen, therapeutischen Bereich. Daß durch eine entsprechend intensive auch persönliche Betreuung, durch freie Mitarbeiter, Gruppentrainer oder Vollzugshelfer, diese Möglichkeiten sind da sehr, sehr erfolgreich angeboten und duchgeführt worden.

 

 

Autorin:                                    Haus IIIE wurde umgetauft in IE und gehört jetzt zum „Fachbereich Drogen“ der Teilanstalt I.

Felix K. erhielt nach 16 Jahren Haft Vollzugslockerungen.  Anfang der 90er Jahre kehrte er jedoch von einem Tagesurlaub nicht zurück. 6 Jahre verbrachte er illegal in Freiheit. Vor etwa einem Jahr wurde er wieder festgenommen. Nun kann er aus einer gewissen Distanz heraus die Veränderungen im Strafvollzug der letzten Jahre einschätzen.

 

 

Regie:                                      Take 23

Es hat sich weitaus mehr verändert, als ich es für möglich gehalten habe. Sei es, daß ich auch einige Sachen ganz bewußt verlernt, ausgeblendet habe, daß es einfach nicht zu meinem Leben gehört hat. Insofern lerne ich da viele Sachen sozuagen neu. Was mir natürlich vor allem auffällt, daß eine völlig andere Verwaltungsstruktur sich entwickelt, also quasi eine Verantwortungsatomisierung hat stattgefunden, fast für einen jeden Schritt, der irgendwelche Anträge, Entwicklungen, Behandlungen beinhaltet, sind mehrere Entscheidungsträger eingebunden, und es wird mit weitaus mehr an Gutachten und Stellungnahmen gearbeitet, als es je zuvor der Fall gewesen ist.

 

A: Also eine Verbürokratisierung, kann man das so sagen?

 

K: Definitiv, ja.

Beispielsweise bei der Antragstellung eines Urlaubsgesuches beim Langstrafer, beim Lebenslänglichen, sieht das so aus, daß er nach 9 Jahren und ein paar Monaten einen Antrag stellt, dazu eine Selbstdarstellung schreibt, das geht an die Anstaltsleitung, dazu nimmt der Teilanstaltsleiter Stellung, dazu nimmt der Anstaltsleiter Stellung, dann wird darüber befunden, ob eine Zulassung zum Urlaub möglich ist, dann wird eine Begutachtung in Auftrag gegeben, davon wird die Senatsaufsichtsbehörde in Kenntnis gesetzt, diese muß diese Begutachtung beauftragen und von einem Gutachter dann durchführen lassen. Das geht dann zurück an die Anstaltsleitung, das wird den Gefangenen eröffnet, dann kommt irgendwann dieser Gutachter oder Gutachterin, die dann innerhalb einer bestimmten Frist dieses Gutachten durchzuführen hat, das dann der Anstalt bzw. der Senatsaufsichtsbehörde wieder zur Kenntnis gebracht wird, und danach erfolgt eine Vollzugsplankonferenz, wo dem Gefangenen mitgeteilt wird, ob so was zustande kommt oder nicht.

 

A: Das kann dann auch dauern?

 

K: Das kann sich unter Umständen Jahre hinziehen.

 

A: Aber es ist ja nun auch eine sehr verantwortungsvolle Aufgabe, so etwas zu entscheiden, ob einer, der zu lebenslang verurteilt worden ist, wieder, wenn es auch nur auf Urlaub begrenzt ist, ‘rausgelassen werden kann. Ist es da nicht wirklich notwendig, daß man so gründlich und sorgfältig vorgeht?

 

K: Im Prinzip ja. Aber der Großteil der zu lebenslangen Freiheitsstrafen Verurteilten sind Konflikttäter, wie wir aus Untersuchungen zum Beispiel von der forensischen Psychiatrie, Herrn Professor Rasch, wissen, und diese Tat ist ein einmaliger Bruch in der Biographie dieses Menschen, und von denen geht eben definitiv nachweisbar keine Gefährlichkeit aus. Die wenigen gefährlichen Gefangenen, die sind hier wirklich an einer Hand abzuzählen.

 

 

Autorin:                                    Der ehemalige evangelische Anstaltspfarrer Wolfgang See, er war von 1976 bis 1980 in der JVA Tegel, sieht das ähnlich.

 

 

Regie:                                      Take 24

Man hat ja so merkwürdige Vorstellungen vom Knast, überhaupt von Gefangenen, ja sag mal, da sind doch auch Mörder. Ich sage, das sind aber die angenehmsten Klienten, weil die wissen, die müssen sich Mühe geben. Ich verstehe einen Mörder, aber ich verstehe keine Eierdiebe. Im Grunde sind die Menschen, die aus einem Milieu kommen, wo sich schon die Babys gegenseitig die Milchflasche klauen. Das ist das, was mir schwer zugänglich ist. Aber die allermeisten Mörder, die ich kennengelernt habe, sage mal in Anführungsstrichen Mörder, die allermeisten sind Konflikttäter gewesen.

A: Sie sind ja damals vier Jahre da gewesen, eigentlich hätte es länger sein sollen, ist das richtig?

S: Ja, kann man so sagen. (Lacht) Ich habe ja da Hausverbot bekommen, und damit war die Zeit zu Ende. Aber ich muß auch sagen und einfach ehrlich auch sagen, daß diese Atmosphäre in Tegel, die man dort findet, man ist auf einem Häusergelände aus der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts, daß ich das auch irgendwie auch genossen habe, daß ich nicht mehr hin muß.

 

A: Wie kam es zu dem Hausverbot?

 

S: Ich habe also in einer Zeitung, die eher zum rechten Spektrum gehört hat, so wie Christ und Welt, die hieß dann später aber Rheinischer Merkur oder wurde von denen übernommen, habe ich einen Knast-Artikel geschrieben. In diesem Knast-Artikel habe ich ein paar Begriffe gebraucht, Aufstiegspfeifen, und so was, Aufstiegspfeifen sollen nicht Menschenleben zerstören und in dieser Art. Und das haben die alle sehr persönlich genommen.

 

A: Also die dort Tätigen, im höheren Dienst?

 

S: Ja, ja und ich muß sagen, es hat auch irgendwo, der Bischof ist sofort drauf eingegangen, als dann die Justiz sagte, sie Hausverbot mir erteilen, er ist also sofort darauf eingegangen, und meinte, ich wäre über die Stränge geschlagen. Aber das ist ja ooch nicht das Schlechteste, nicht.

A: Nun sind ja einige der Gebäude, die ja immer noch in Betrieb sind, tatsächlich 100 Jahre alt, die kennen sie, immerhin aus vier Jahren, wie haben denn diese alten Gemäuer auf sie gewirkt?

 

S: Ich erinnere mich,  da in einem Buch gelesen zu haben, ich komme jetzt nicht auf den Namen, doch, „Der Fragebogen“ von Ernst Salomon, man lebt in seinem eigenen Klosett. Das ist das eine. Das andere ist, daß einem eigentlich eine Umwelt aufgezwungen wird, die nicht Gegenwart ist, sondern die eine Vergangenheit immer noch ausdrückt, dieses Kopfsteinpflaster, diese unverputzten Wände und dieses ganze Schlüsselsystem, das da läuft.

Es war ja, einer der Gründe, weshalb ich mich angelegt habe, war ja, nicht Gründe, sondern einer der Anlässe war ja in der psychiatrisch-neurologischen Abteilung. Daß der damalige Chef dieser Abteilung, der lebt nicht mehr, sagte, Herr Pfarrer, sie diskutieren mit den Leuten. Sie sollen mit denen beten. (lacht) Und das finde ich auch 19. Jahrhundert.

 

A: Nun liegt Ihre Zeit als Gefängnispfarrer ja schon sehr lange zurück, hat es trotzdem noch Auswirkungen auf Ihr weiteres Leben gehabt?

 

S: Na, Auswirkungen auf weiters Leben, kann ich nicht sagen, es ist ein Wechsel gewesen. Ich bin Gemeindepfarrer wieder geworden, was mir am Anfang schwer gefallen aber in Mariendorf, die letzten 15 Jahre. Aber ich meine, es ist überhaupt keine Frage, daß es die intensivste Zeit meines Berufslebens war, im Knast zu arbeiten. Gerade auch deshalb, weil man eigentlich nicht in erster Linie Religionsbeamter ist, sondern unmittelbar auf Menschen fixiert war und auch sein muß. Natürlich habe ich vielen Menschen auch unrecht getan, da im Knast. Ich kann nicht jede Sprechstunde halten. Ich kann auch nicht jeden mit seiner Frau oder Freundin im Amtszimmer bei mir schlafen lassen.

 

A: So was gab’s aber?

 

S: (Lacht) das hätte ich nie für möglich gehalten, was im Knast gebumst wird, das ist unwahrscheinlich. Also von ganz unterschiedlichen Leuten, also die in unterschiedlichen Beziehungen auch zu den Gefangenen stehen.

 

 

 

Autorin:                                    Auf diesem Gebiet ist man in Tegel klüger geworden. Es wurde inzwischen die sogenannte Langzeitsprechstunde eingerichtet, in der Paaren die Möglichkeit gegeben wird, sich über mehrere Stunden ausführlich und unbeobachtet zu treffen. Sexuelle Kontakte sind ausdrücklich erlaubt. Die Paare müssen zwar nicht miteinander verheiratet sein, aber eine längere Beziehung haben. Kontakte aus Zeitungsanzeigen können auf diese Weise nicht vertieft werden.

 

Regie:                                      Take 25

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Autorin:                                    Im Verwaltungsgebäude unter der Kirche ist die Anstaltsleitung untergebracht, außerdem haben hier das evangelische und das katholische Pfarramt ihre Büros und Sprechräume. Pater Vincens gehört fast schon zum Inventar der Anstalt. Anfang des Monats begann sein 27. Dienstjahr. Für ihn ist die Zeit nicht stehen geblieben.

 

Regie:                                      Take 26

Das Strafvollzugsgesetz hat eine  Entwicklung begonnen, die unterschiedlich schnell und unterschiedlich auch intensiv gelaufen ist, auch hier in dieser Anstalt. Es sind innerhalb der Mauern etliche Freizügigkeiten gekommen, die in den 70er Jahren nicht gewesen sind. Und Perspektiven der Sozialarbeit, der Sozialtherapie, das hat sich sicherlich auch entwickelt, verfestigt, das kann man schon sagen, daß sich innerhalb der gut 25 Jahren, die ich hier bin, einiges geändert hat im Umgang mit straffällig gewordenen Mitbürgern, mit der Ausbildung und Qualifizierung des Personals des allgemeinen Vollzugsdienstes, das kann ich schon sagen, daß sich da schon eine Weiterentwicklung zeigt.

A: Tegel wird 100 Jahre alt, einige der Häuser hier sind auch tatsächlich 100 Jahre alt, andere sind neu gebaut worden, das Strafvollzugsgesetz ist jetzt auch schon seit mehr als 20 Jahren in Kraft, ich sage jetzt nur mal das Stichwort Wohngruppenvollzug, was ja auch den Gefangenen helfen soll, ein Leben ohne Straftaten später in Freiheit zu führen, ist so etwas wie Wohngruppenvollzug der Resozialisierung in so alten Gemäuern eigentlich möglich?

 

V: Ist schwieriger als in den Neubauten, Haus V und VI, gebe ich zu. Aber auch dort gelingt der Wohngruppenvollzug schlecht. A) die ausländischen Inhaftierten haben eine sehr starke Gruppenbildung untereinander, auf ihren Zellen besuchen sie sich, im Gruppenraum sind sie zusammen, sie kochen zusammen, sie sind auch auf den Freistundenhöfen meistens in der Gruppe zusammen, da ist so etwas wie eine Schutzfunktion - Zusammensein, in der Fremde, ungenaue Umstände. Bei den Deutschen ist die Krankheit, die draußen schon weithin grassiert, die Single-Mentalität, eingebrochen. Die sind hier infiziert. Und ziehen sich weithin auf ihre Einzelzellen zurück, so daß auch in den Neubauten, auch im Haus, in der Sozialtherapeutischen Abteilung, solch ein Gruppenleben, wo man also soziales Verhalten trainiert und erlebt, kaum erfahrbar hier. Das ist meine Beobachtung. In den alten Gemäuern ist natürlich durch die etwas kleinen, engen Gruppenräume, die auch nicht so ‘n bißchen appetitlich gestaltet sind, mit Gardinen oder so etwas, also ganz nüchtern, zum Teil auch ungepflegt sind, läßt sich also eine Wohnatmosphäre überhaupt nicht produzieren. Es beschränkt sich auf die Einzelzelle, wo dann zwei, drei oder vier Leute mal zusammensitzen ein halbes Stündchen, die aber sonst auch zusammengekommen wären. Der Wohngruppenvollzug als Mittel der Resozialisierung oder Sozialisierung entfällt für meine Beobachtung ganz.

 

 

Autorin:                                    Pater Vincens  war noch im Gespräch mit einer Gruppe von Kriminalpolizeibeamten, als Gulliver ihn im Pfarramt besuchte. Einer der Beamten war der Auffassung, die Gefangenen hätten es im Knast viel zu gut. Mit dieser Meinung steht er sicher nicht allein da. Die Antwort von Pater Vincens:

 

Regie:                                      Take 27

Wenn sie einen Fernseher in der Zelle haben, ein Radio, Gardinen und Bilder und Bücher, Sprechstunden haben, das ist ein goldener Käfig. Der Kern der Strafe bleibt immer für den Menschen der Verlust der Freiheit. Zunächst der äußeren Freiheit, das ist ja auch von den Männern so angenommen.

Die sagen, ich habe was getan, dies ist also der Preis dafür. 3, 5, 6 oder 8 oder 10 Jahre. Aber der Verlust auch der inneren Freiheit, natürlich können Sie sagen, es gibt das schöne Lied, die Gedanken sind frei, wer kann sie erraten, sie huschen vorbei, .. gut, aber es gibt Situationen, ob es der Tattag ist, ob es Meldungen von ähnlichen Straftaten sind, ob es eine mißlungene Sprechstunde ist, oder ob es ein Brief ist, der nicht angekommen ist, ein abgebrochenes Telefonat, da liegst du abends, 22 Uhr, hast das Brett vor Dir, ohne Klinke, und dann rumort es, du kannst nicht Versöhnung anbieten mit dem Menschen, der dir wertvoll ist. Du denkst über die eigene Tat nach, weil du gerade in den Nachrichten eine solche ähnliche Tat gehört hast, und es ist so etwas wie Wut, wie Reue, wie Schmerz, innere Prozesse, die also auch den Inhalt der Strafe ausmachen. Das ist natürlich nicht meßbar, nicht erlebbar von außen. Aber das geschieht, so viel, wie in Tegel geflucht wird, wird in Tegel geweint und gebetet. Das ist für mich ganz klar aus den Gesprächen der einzelnen Männer heraus zu erleben. Also die äußeren Haftbedingungen sind kein Kriterium dafür, daß nicht Strafe erfahren wird. Also das kann man auch, draußen in der Welt erleben wir das ja auch. Bei relativ hohem Wohlstand erleben wir negatives sehr schmerzlich, das ist hier genauso, der Verlust der äußeren Freiheit schließt dann immer wieder auf die innere Enge. Seelsorge ist dazu berufen, den Menschen innerlich zu befreien, damit sie die äußere Freiheit dann richtig gebrauchen.

 

 

Autorin:                                    100 Jahre Knast in Tegel - kein Grund zum Feiern - oder doch? Klaus Lange-Lehngut:

 

Regie:                                      Take 28

Na ja, die Anstalt ist am 2. Oktober in Betrieb genommen worden. Wir wollen jedenfalls den Oktober zum Anlaß nehmen, hier in der Anstaltskirche eine Feierlichkeit zu machen, das wird dann am 26. Oktober sein, da soll vor allen Dingen ein Buch vorgestellt und präsentiert werden, das wir aus Anlaß der 100-Jahres-Feier gestaltet  haben. Es wird ein relativ umfangreiches Buch sein von 240, 250 Seiten, in dem zum einen die Geschichte der Anstalt behandelt wird, aber auch die Anstalt in ihrer Gegenwart und auch in Widersprüchlichkeiten dargestellt wird, also es wird keine glatt gestriegelte Broschüre sein, in der alles schön geredet wird, sondern es wirden durchaus auch Widersprüche, Probleme aufgezeigt, ich finde, das ist für eine solche Anstalt und auch für einen solchen Jahrestag, der ja sowieso seine Schwierigkeiten in der Befindlichkeit hat, wie ich gesagt habe, durchaus angemessen.

 

 

 

Autorin:                                    Neben der Betrachtung des Anstaltsbibliothekars Günter Liebchen über die ersten 50 Jahre werden Beiträge über die Verwaltungsreform, über Schule im Vollzug, über die Beschäftigung der Strafgefangenen, über Drogen im Strafvollzug, über die Gefangenenmitverantwortung, die Freie Hilfe Berlin, über den Anstaltsbeirat und viele andere Themen veröffentlicht. Unter den Autoren befinden sich auch Gefangene, die Redaktionsgemeinschaft der Gefangenenzeitung „Lichtblick“. York K:

 

Regie:                                      Take 29

Wenn man das Strafvollzugsgesetz so umgesetzt hätte, in Gesetzesform, wie es geplant war, dann gäbe es diese 100 Jahr Feier nicht. Und was hier in Tegel gerade möglich ist vom Verlauf her, vom Personal her, Möglichkeiten sind da, aber nicht mehr vom Wollen und nicht mehr von der Finanzierung. Deswegen findet auch nichts statt.

 

A: Was gäbe es denn dann, wenn es diese Feier nicht gäbe?

 

Y: Es gäbe sicherlich Institutionen, wo man Leute, die straffällig geworden sind, durch bestimmte Berufsausbildungsmaßnahmen, durch Schulausbildungsmaßnahmen, durch lebenspraktische Maßnahmen, viele wissen ja nicht, wie miete ich mir eine eigene Wohnung? Die sind es nie gewöhnt, die kommen von zuhause oder aus’m Heim oder aus sonst einer Entwicklung, wo sie zur Unselbständigkeit erzogen worden sind, in ‘nem Milieu, wo sie sich gar nicht anders behaupten können anders als mit Straftaten. Kommen von da in’ Knast, wo ihnen der letzte Rest an Selbständigkeit abtrainiert, das ist auch heute noch so, in sämtlichen Vollzugsformen. Selbst in der SoThA werden die Leute nicht zur Selbständigkeit angeregt, sondern das einzige, was sie selbständig machen können, ist „bitte, bitte“ zu sagen, und wer das nicht gelernt hat, scheitert. Wenn es diese 100-Jahr-Feier nicht gäbe, dann hätte man Vollzugsformen, in denen etwas angeboten wird, wo sich Leute entwickeln können, und das kann nicht in einem Gefängnis in dieser Form funktionieren.

 

 

Autorin:                                    100 Jahre Justizvollzugsanstalt Tegel, kein Grund zum Feiern, aber Anlaß für weitere Aktivitäten. So wird bis zum Jahresende ein weiteres Theaterstück des Kunstprojekts „AufBruch“ hinter den Gefängnismauern aufgeführt werden mit dem beziehungsreichen Titel „Tegel-Alexanderplatz“. Außerdem wird eine Seite über den Tegeler Knast ins Internet gestellt werden, nicht etwa von der Justizbehörde, sondern von Gefangenen. Mithilfe von Experten, die zu ihnen in die Anstalt kommen, entwickelt eine Projektgruppe eine web page, auf der es dann vielleicht sogar möglich ist, per Mausklick die ganze Einweisungsprozedur eines Gefangenen mitzuerleben, von der Hauskammer über die Einweisungsanstalt auf die Station. Nur ein echtes online-Erlebnis wird es nicht geben, das wiederum ist dem Anstaltsleiter zu riskant. Die Internet-Seite wird im Knast nur entworfen, ins Netz gestellt wird sie von einem Rechner draußen.

 

 

 

Regie:                                      Take 30

Schließen, Türquietschen.

 

 

 

 

 

 

 

Autorin:                                    Gulliver blickte zurück auf die letzten

100 Jahre Strafvollzug in Tegel.

 

Redaktion:   Johannes Wendt

Produktion:  Ulrich Herrlitz und

 

Eine Sendung von Annette Wilmes

 

In einer Woche weicht Gulliver dem „Tag der deutschen Einheit“ und meldet sich wieder m 10 Oktober mit Aus- und Eindrücken von der Ost-West-Integration im Berliner Schulwesen.

 

 

 

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