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Der europäische Arbeitsmarkt:

Vision und Wirklichkeit

 

 

 

 

 

 

                    Redaktion:      Karin Tholen

                    Sendetag:       10.1.2002

                    Sendezeit:      19.05 Uhr

                                             92,4 MHz

 

 

 

 

Mitwirkende:

 

Autorin

Zitator

 

 

 

 

 

Autorin:                    Die deutsche Wirtschaft will die Erweiterung der Europäischen Union, und zwar möglichst bald. Sie erhofft sich durch den  Beitritt der Länder aus Mittel- und Osteuropa positive Auswirkungen auf das wirtschaftliche Wachstum.

Auch der Deutsche Gewerkschaftsbund tritt für die Osterweiterung der Union ein. Die deutsche Wirtschaft werde  vom gestiegenen Warenaustausch, einer neuen Arbeitsteilung und neuen Wertschöpfungsketten profitieren.

Aber neben den großen Hoffnungen sind Befürchtungen berechtigt, die Arbeitsmärkte in den derzeitigen 15 Mitgliedsstaaten könnten übermäßig belastet werden. Der deutsche Markt ist angesichts von knapp 4 Millionen Arbeitslosen jedenfalls zur Zeit nur begrenzt aufnahmefähig.

Die Mitgliedsstaaten der Union haben sich auf eine gemeinsame Strategie verständigt. Unter der Überschrift „Europäisches Sozialmodell“ wird Wert darauf gelegt, die Beschäftigungspolitik mit der Wirtschafts- und der Sozialpolitik zu verzahnen.

Eine der wichtigen Grundlagen der europäischen Verträge ist die Freizügigkeit. Sie ist dazu da, den Arbeitsmarkt zwischen den Mitgliedsstaaten auszugleichen. Wolfgang Ohndorf leitet die Abteilung Internationale und Europäische Sozialpolitik des Bundesministeriums für Arbeit und Sozialordnung; ohne Freizügigkeit, meint er, wäre die Europäische Union nicht denkbar:

 

Regie:                    Take 1

Bereits in den römischen Verträgen sind die vier Grundfreiheiten vorgesehen gewesen, die Freizügigkeit der Arbeitnehmer, die Freizügigkeit des Kapitals, der Waren und der Dienstleistungen. Und die Arbeitnehmerfreizügigkeit bedeutet, dass jeder Arbeitnehmer aus einem Mitgliedsstaat in einen anderen fahren kann, um dort Arbeit aufzunehmen und dort arbeiten kann.

 

 

Autorin:                    Es wandern nur diejenigen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer hin und her, die in einem anderen Staat bessere Bedingungen vorfinden. Das ist völlig unproblematisch, wenn sich die einzelnen Staaten der Gemeinschaft in ihrer wirtschaftlichen Entwicklung und ihren Lohn- und Einkommensbedingungen stark angenähert haben, dann kommt es nicht zu Aus- oder Zuwandererströmen.

 

Regie:                    Take 2

Die neuen Beitrittsländer haben aber insgesamt ganz wesentlich niedrigere Einkommensniveaus, Lohnniveaus und eben auch wesentlich schlechtere Sozialleistungen und einen  geringeren Entwicklungsstand. So dass man da eventuell verstärkte Zuwanderung fürchtet, die den deutschen Arbeitsmarkt, wir haben ja selbst noch sehr viel Arbeitslose, stören könnte. Das gilt auch nicht nur für Deutschland, das gilt auch für andere, das gilt auch für Österreich und für andere Anrainer.

 

Autorin:                    Die zwölf neuen Beitrittsländer sind – alphabetisch aufgeführt:

 

Zitator:                    Bulgarien – Estland – Lettland – Litauen – Malta –Polen – Rumänien – Slowakische Republik – Slowenien – Tschechische Republik – Ungarn – Zypern

 

Autorin:                    Bevor diese Länder Mitglied der Union werden, müssen die vom Europäischen Rat im Juni 1993 in Kopenhagen festgelegten Beitrittskriterien erfüllt sein:

 

Zitator:        

-        Institutionelle Stabilität als Garantie für demokratische und rechtsstaatliche Ordnung

-        Wahrung der Menschenrechte sowie Achtung und Schutz von Minderheiten

-        Funktionsfähige Marktwirtschaft und Fähigkeit, dem Wettbewerbsdruck und den Marktkräften innerhalb der EU standzuhalten

-        Übernahme der aus einer Mitgliedschaft erwachsenden Verpflichtungen und Übernahme der Ziele der Politischen Union sowie der Wirtschafts- und Währungsunion

 

Autorin:                    Hier geht es um den gemeinschaftlichen Besitzstand an Verträgen und Rechtsakten, den sogenannten acquis communautaire.

Selbst wenn alle Voraussetzungen erfüllt sind und dem Beitritt nichts entgegensteht, werden  die Beitrittsländer jedoch immer noch ein niedrigeres Lohnniveau haben, schlechtere Sozialleistungen und einen geringeren wirtschaftlichen Entwicklungsstand als beispielsweise die Bundesrepublik Deutschland. Deshalb tritt die Bundesregierung für Übergangslösungen ein. Fünf Jahre keine Freizügigkeit, und dann haben die Mitgliedsstaaten noch mal eine Frist von zwei Jahren, in denen sie ihren Arbeitsmarkt dicht halten können, wenn sie weiterhin Probleme befürchten, erläutert Wolfgang Ohndorf vom Bundesarbeitsministerium.

 

Regie:                    Take 3

Wir haben mit Absicht das so ausgestaltet, dass es außerordentlich flexibel ist. Bereits von Anfang an können alle Altmitgliedstaaten der EU ihren Arbeitsmarkt vollständig oder teilweise für die Arbeitnehmer aus den Beitrittsländern öffnen. Nach 2 Jahren während der laufenden Übergangsfrist erfolgt eine laufende Überprüfung durch jeden Mitgliedsstaat. Wenn dann ein Mitgliedsstaat sagt, er braucht den Schutz der Übergangsfrist nicht mehr und will seinen Arbeitsmarkt nach europäischem Recht öffnen, dann geschieht das. Ein anderer Mitgliedsstaat, der sagt, er braucht den Schutz noch und will nach europäischem Recht an der Übergangsfrist festhalten, für den gelten dann die 5 Jahre. 

 

 

Autorin:                    Die Verhandlungen mit den Beitrittsländern sind im Gange, und es sieht ganz so aus, als würden die angestrebten Übergangslösungen weitgehend akzeptiert werden. Jedenfalls sind sie auch im Interesse der Beitrittsländer. Sie fürchten nämlich den Ausverkauf, weil neben dem Lohn- auch ein Kaufkraftgefälle besteht. Das könnten zum Beispiel Deutsche nutzen, um jenseits der Grenze einzukaufen, nicht nur Lebensmittel und Dienstleistungen, sondern auch Grundstücke, Wohnungen und Betriebe.

Mit den vorgesehenen Übergangsfristen können die Beteiligten also leben. In der deutschen Wirtschaft würde man sie sich jedoch kürzer und noch flexibler wünschen. Christoph Kannengießer, Geschäftsführer der BDA, der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände und Leiter der Abteilung Arbeitsmarkt, hält die Bedenken gegen eine zu schnelle Öffnung des Arbeitsmarktes für übertrieben. Trotzdem rechnet auch er zunächst mit einer größeren Mobilität der Arbeitnehmer:

 

Regie:                    Take 4

Dann, wenn die mittel- und osteuropäischen Staaten mit allen Rechten und damit auch mit der Arbeitnehmerfreizügigkeit Mitglied der europäischen Union werden, dann haben wir uns sicher für eine gewisse Zeit darauf einzustellen, dass ein größerer Teil der Arbeitnehmer aus Mittel- und Osteuropa auch die Chancen nutzen wird, in Westeuropa, insbesondere in Deutschland und Österreich, sich einen Arbeitsplatz zu suchen. Ich rechne nicht damit, dass die Zahlen so groß sein werden, wie bisweilen gemutmaßt wird, mit entsprechenden Belastungen auch für unseren Arbeitsmarkt, ich glaube im Gegenteil, dass das durchaus vorteilhaft auch sei kann für Deutschland, weil es uns die Überbrückung auch von temporären Arbeitskräfteengpässen erleichtern kann. Aber wir werden sicherlich ein Stück mehr Wettbewerb auch auf unserem Arbeitsmarkt haben. Und ob wir darauf gut vorbereitet sind, da ist aus meiner Sicht schon das eine oder andere Fragezeichen erlaubt. Der deutsche Arbeitsmarkt in keiner besonders guten Verfassung, und je näher wir an dem Ideal der Vollbeschäftigung sind, umso geringer sind die Probleme, die mit der Arbeitnehmerfreizügigkeit verbunden sind und mit der Herstellung der Arbeitnehmerfreizügigkeit im Zug der EU-Erweiterung. Wir müssen unseren eigenen Arbeitsmarkt in Ordnung bringen, dann werden wir auch keine Probleme mit der Freizügigkeit haben.

 

 

Autorin:                    Trotz der hohen Arbeitslosigkeit gibt es etwa 2 Millionen offene Stellen. Das liegt unter anderem daran, dass für einige Branchen qualifizierte Fachkräfte hierzulande fehlen, eine Lücke, die durch die erweiterte Arbeitnehmerfreizügigkeit geschlossen werden könnte, meint Christoph Kannengießer.

 

Regie:                    Take 5

Echten Arbeitskräftemangel haben wir mit regionalen Schwerpunkten in den Bereichen der personenbezogenen Dienstleistungen, Pflege, haushaltsbezogene Dienstleistungen, wir haben Probleme im Bereich der Naturwissenschaften und Ingenieure, vor allem im Bereich der Metall- und Elektroindustrie. Das Thema IT ist bekannt und nach wie vor auch nicht vollständig gelöst. Hier gibt es einen großen Bedarf. Also es ist ein buntes Bild von Tätigkeiten, in denen die Stellenbesetzung Schwierigkeiten bereitet. Deshalb bin ich auch der Auffassung, dass wir durchaus in vielen Bereichen von der Herstellung der Freizügigkeit in Richtung Mittel- und Osteuropa profitieren können, weil es dort auch durchaus Arbeitnehmer gibt, die die Qualifikation mitbringen, die wir an unserem Arbeitsmarkt dringend suchen.

 

 

Autorin:                    Aber es sind noch eine ganze Reihe von Problemen zu bewältigen, bevor die Freizügigkeit für die Beitrittsstaaten aus Mittel- und Osteuropa gelten kann, darüber ist sich auch Christoph Kannengießer klar. Zwischen Politik und Wirtschaft, zwischen Arbeitgeber- und Arbeitnehmerseite wird jedenfalls der Dialog geführt und nach gemeinsamen Strategien gesucht – zum Beispiel im Bündnis für Arbeit, Ausbildung und Wettbewerbsfähigkeit.

 

Regie:                    Take 6

Es gibt allerdings auch eine ganze Reihe von Punkten, bei denen die Auffassungen zwischen Wirtschaft, Politik und Gewerkschaften auseinandergehen.

Also es geht zunächst einmal um die Frage des Tempos der Herstellung von Freizügigkeit. Die Bundesregierung hat eine aus unserer Sicht durchaus tragbare Kompromisslinie im Zuge der Vorbereitung der Beitrittsverhandlungen gefunden. Wir hätten uns freilich gewünscht, dass man die Übergangsfristen zur Herstellung der Arbeitnehmerfreizügigkeit noch ein Stück kürzer gehalten  hätte. Die Gewerkschaften sind traditionell an der Stelle sehr restriktiv und wünschen sich sehr lange Übergangsfristen, um die Konkurrenz auf dem inländischen Arbeitsmarkt so gering wie möglich zu halten. Das ist eine verständliche Position, aber eine Position, die wir nicht teilen.

 

 

Autorin:                    Verständlich, weil möglicherweise soziale Standards abgebaut werden könnten, wenn die Freizügigkeit zu schnell herbeigeführt wird. Vom Deutschen Gewerkschaftsbund nimmt Wilhelm Adamy an den Verhandlungen teil, er leitet die Abteilung Arbeitsmarktpolitik und Internationale Sozialpolitik. Sein besonderes Augenmerk gilt den sozialen Mindeststandards.

 

Regie:                    Take 7

Für uns ist es einerseits entscheidend, dass die verbindlichen sozialen Regelungen, die wir in der EU haben, von den mittel- und osteuropäischen Staaten anerkannt werden. Dass sie zum zweiten die Grundrechtecharta, die jetzt gerade vor einigen Monaten verabschiedet wurde, dass die auch anerkannt wird. Sie sieht beispielsweise vor, dass Arbeitnehmer gegen ungerechtfertigte Kündigungen geschützt werden. Oder das Verbot von Kinderarbeit. Das sind gemeinsame sozialstaatliche Werte, die insofern eingehalten werden müssen. Zum Dritten, dass Übergangsregelungen für die Frage der Freizügigkeit vorgesehen werden, die flexibel gehandhabt werden und zum Vierten ist es für uns unverzichtbar, dass auch die Dienstleistungsfreiheit parallel wie die Freizügigkeit gehandhabt wird, denn sonst besteht die Gefahr, dass Arbeitskräfte hier von anderen Unternehmen der osteuropäischen Staaten zu uns kommen und zu dortigen Löhnen hier arbeiten. Deswegen ist für uns das entscheidende Prinzip, dass Arbeitskräfte, die in Deutschland arbeiten, auch gleichbehandelt werden, sowohl hinsichtlich des Lohns wie auch des Sozialversicherungsschutzes. Ist dies gewährleistet, dann wird auch der Integrationsprozess der mittel- und osteuropäischen Staaten  sozialverträglich sein, und die Chancen, die darin liegen, können dann auch genutzt werden, und Verwerfungen, die anderenfalls zu befürchten sind, können verhindert werden.

 

Autorin:                    Das sagt Wilhelm Adamy vom Deutschen Gewerkschaftsbund. Soziale Grundrechte wurden jedoch gegen die Stimmen der  Arbeitgeberverbände in die Europäische Charta aufgenommen. So empörte sich zum Beispiel der Präsident der Bundesvereinigung der deutschen Arbeitgeberverbände über das „Sammelsurium von sozialen und wirtschaftlichen Ansprüchen“ und sprach von einer „Inflation von angeblichen Grundrechten“. Auch Christoph Kannengießer, Geschäftsführer der BDA,  hält es für verfehlt, soziale Mindeststandards zu formulieren:

 

 

Regie:                    Take 8

Weil das, was ein Land an sozialen Errungenschaften leisten kann, eben auch sehr stark davon abhängt, wie wettbewerbsfähig es ist, wie hoch ist seine Wertschöpfung? Wir würden auf diese Weise eine Politik der Abschottung gegenüber den mittel- und osteuropäischen Ländern betreiben als eine Politik der Öffnung. Die europäische Idee ist aber immer eine Idee der Öffnung und der Freiheit der Märkte gewesen.

 

 

Autorin:                    Die Existenz eines einheitlichen europäischen Sozialmodells bestreitet  Christoph Kannengießer ohnehin. Die sozialstaatlichen und institutionellen Bedingungen der Arbeitsmärkte in Europa seien noch sehr unterschiedlich, auch in den 15 Mitgliedsstaaten. Gemeinsamkeiten sieht er da, wo versucht wird, ein vernünftiges Gleichgewicht zu halten zwischen sozialer Sicherheit auf der einen und Wettbewerbsfähigkeit auf der anderen Seite.

 

Regie:                    Take 9

Mehr oder weniger ausgeprägt schlägt das Pendel mal in der einen, mal in der anderen Richtung. Ich sehe nicht, dass die Erweiterung der europäischen Union dieses Modell ins Rutschen bringen wird. Anpassungsbedarf im europäischen Sozialmodell gibt es vor dem Hintergrund der Globalisierung und des stärkeren internationalen Wettbewerbs ohnehin. Er wird möglicherweise durch die EU-Erweiterung ein Stück weit beschleunigt. Aber das kann nur positiv sein, weil wir ohnehin um Reformen unserer sozialen Sicherungssysteme nicht herumkommen.

 

Autorin:                    Das ist wiederum ein Punkt, an dem der Arbeitnehmervertreter vehement widerspricht. Wilhelm Adamy vom Deutschen Gewerkschaftsbund:

 

Regie:                    Take 10

Die Arbeitgeber wollen offensichtlich die notwendige Freizügigkeit auch benutzen, um ihre Konzepte in der Bundesrepublik auch tatsächlich umzusetzen. Wir sind der  Auffassung, egal welche Nationalität ein Arbeitnehmer hat, dass die Gleichbehandlung sowohl bei der Entlohnung wie auch bei der Sozialversicherung sicher gestellt sein muss. Es gibt keinerlei Gründe, hier deswegen unsere Sozialversicherung zu ändern. Wo allerdings Handlungsbedarf besteht, das ist bei der Frage Missbräuchen entgegenzuwirken. Wir stellen bisher jedenfalls fest, dass nahezu 90 % aller von den Arbeitsämtern verhängten Geldbußen gegen Arbeitgeber verhängt werden. Und deswegen gibt es einige Unternehmen, die sich Lohngefälle bewusst zu Nutze machen und dagegen muss entschiedener vorgegangen werden.

 

 

Autorin:                    Gesetzesverstöße gibt es vor allem im Bauwesen. Arbeitnehmer werden illegal beschäftigt, die gesetzlich vorgeschriebene Mindestentlohnung wird nicht gezahlt. Das alles verschlimmere sich möglicherweise durch die Osterweiterung, fürchtet Wilhelm Adamy:

 

Regie:                    Take 11

Weil es insbesondere auf einige Branchen und Regionen konzentriert ist, wo es ohnehin schon sehr große Probleme gibt, wie die Verstöße gerade am Bau schon zeigen, dass wir hier ausreichende Übergangsregelugen haben müssen, so wie es damals auch schon bei der Süderweiterung der Fall war. Die Befürchtungen einiger damals bei der Süderweiterung haben sich zwar so nicht realisiert hinsichtlich der Gefahren für den Arbeitsmarkt, aber wir sind der Auffassung, die Entwicklung in den osteuropäischen Staaten wird den deutschen Arbeitsmarkt viel stärker tangieren, und deswegen müssen wir sehr sorgfältig darauf aufpassen, dass gerade am Bau nicht die Situation kippt und illegale Beschäftigung letztendlich das dominante ist gegenüber regulären Arbeitsplätzen.

 

Autorin:                    Aber auch völlig unabhängig von der Osterweiterung wurden immer schon, vor allem in Privathaushalten, Menschen illegal beschäftigt, zum Beispiel als Pflege- und Reinigungskräfte.

 

Regie:                    Take 12

Deswegen sind wir gerade in dieser Frage mit der Bundesregierung in Kontakt, wie verhindert werden kann, dass diese Arbeitskräfte bei Privathaushalten missbraucht werden letztendlich als Lohndrücker. Und es zeigt sich ja gerade, dass selbst Journalisten Billigarbeitskräfte aus den osteuropäischen Ländern beschäftigen, um zuhause Pflegedienste oder auch Reinigungsaufgaben wahrzunehmen. Dies ist ein großes Problem, weil es hier schwierig ist für die Verfolgungsbehörden hier auch tatsächlich heranzukommen und dies aufzudecken, weil dies sich im privaten Bereich vollzieht, dies ist das ökonomische Interesse, dass Privathaushalte die Not von Arbeitskräften auch tatsächlich ausnutzen wollen.

 

 

Autorin:                    Trotz der Bedenken überwiegen auch aus Gewerkschaftssicht die Vorteile des gemeinsamen europäischen Arbeitsmarktes.  So hatte die Europäische Gesetzgebung bereits Einfluss auf die Gleichbehandlung von Frauen, es gab Anregungen, ältere Menschen besser ins Berufsleben einzugliedern.  Ebenso gab es zu den Themen Gesundheit am Arbeitsplatz, Arbeitsschutz und Umweltschutz einen heilsamen Einfluss, zum Beispiel wurde das Asbestverbot europaweit durchgesetzt. Und, vor allem, macht sich allmählich auch hierzulande die Erkenntnis breit, dass viel nachgeholt werden muss, um die Vereinbarkeit von Beruf und Familie herzustellen. In Punkto Kinderbetreuung können wir aus skandinavischen Ländern oder aus Frankreich viel lernen.

Wilhelm Adamy:

 

Regie:                    Take 13

Ein anderer Aspekt zeigt sich auch, dass die Integration, die Erfahrungen, die kulturellen Erfahrungen aus anderen Ländern, sie kennen zulernen, sich sehr positiv auswirken. Uns ist es gelungen, mit den Arbeitsämtern gegenwärtig ein spezielles Programm zu fahren. 1000 junge Menschen, 1000 Jobs in Irland beispielsweise, was von der Öffentlichkeit kaum registriert wird, dass Menschen in Irland Erfahrungen sammeln, was sich dann auch positiv auswirkt auf ihrer Arbeitsmarktchancen, wenn sie zurückkommen, und möglicherweise sogar längerfristig Absatzchancen in Irland verbessern kann, wenn dort bereits qualifizierte Arbeitskräfte sind. Deswegen ist es in unser aller Interesse, wenn die Verflechtungen auf dem europäischen Arbeitsmarkt größer werden, und es bereichert uns auch alle, wenn wir Erfahrungen aus anderen Ländern machen. Die Internationalisierung der Wirtschaft schreitet enorm voran.

 

 

Autorin:                    Beim Thema Arbeitsvermittlung gibt es eine Annäherung zwischen Gewerkschaftsvertretern und Unternehmern. Christoph Kannengießer ist nicht nur Geschäftsführer der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände, sondern auch alternierendes Vorstandsmitglied der Bundesanstalt für Arbeit. Er will die Chancen, die der gemeinsame Arbeitsmarkt auch jetzt schon bietet, mehr in den Mittelpunkt gerückt sehen. 

 

Regie:                    Take 14

Wir müssen vor allem aus meiner Sicht noch wesentlich mehr Transparenz auf dem europäischen Arbeitsmarkt schaffen. Es gibt beispielsweise ein europäisches Arbeitsvermittlungssystem, das sich EURES nennt, das nach wie vor nicht den Stellenwert hat, den es eigentlich in einem gemeinsamen europäischen Arbeitsmarkt haben sollte. Hier kann man noch sehr, sehr viel tun, hier können im übrigen auch die Arbeitsverwaltungen der Mitgliedsstaaten der europäischen Union viel tun, um die Chancen, die darin liegen, dass wir ein gemeinsamer Arbeitsmarkt sind, im Interesse der Unternehmen, aber auch der Arbeitnehmer, noch viel stärker zu nutzen.

 

 

Autorin:                    „EURES“ steht für european employment services, ein Netzwerk der europäischen Arbeitsverwaltungen mit mehr als 500 Beraterinnen und Beratern, in Deutschland sind es 55. Eine von ihnen heißt Kerstin Tintemann. Sie kommt vom Arbeitsamt Berlin Südwest und ist gemeinsam mit einer Kollegin zuständig für Berlin und Brandenburg.

 

Regie:                    Take 15

Gerade hier auch in den neuen Bundesländern ist es so, dass ein sehr, sehr großes Bedürfnis nach Beratung besteht über Arbeitsmöglichkeiten im Ausland. Denn hier ist ja der Arbeitsmarkt sehr, sehr schlecht. Während er in den Niederlanden sehr gut ist, Arbeitslosenquote um 3 Prozent. Und es gehen ja sehr, sehr viele Leute, gerade so Baufacharbeiter und so weiter zum Beispiel in die Niederlande oder nach Österreich. Und wir haben ein sehr, sehr hohes Beratungsaufkommen, im letzten Jahr hatten wir 6000 Anfragen. Und die Tendenz ist dieses Jahr auch noch eher noch weiter steigend gewesen.

 

 

Autorin:                    Den Beratern stehen zwei Datenbanken zur Verfügung, eine Datei mit Stellenangeboten in Europa und eine Datei mit allgemeinen Informationen über die Lebens- und Arbeitsbedingungen in den einzelnen Ländern. Informiert wird über die Sozialgesetzgebung, Steuern, über die Lebenshaltungskosten und viele praktische Dinge, die man wissen muss, wenn man ins Ausland gehen will. Kerstin Tintemann:

 

Regie:                    Take 16

Zur Zeit ist es so, dass man sagen kann, in der EU werden vor allem gesucht Leute im Bereich Krankenpflege, also Gesundheitsberufe ganz stark, werden überall gesucht. Dann auch IT-Berufe, das heißt, EDV-Leute, Programmierer und so weiter. Dann im Hotel- und Gaststättengewerbe ist immer ein sehr hoher Bedarf an Bewerbern. Und teilweise halt dann auch im Fachkräftebereich, zum Beispiel Baufacharbeiter werden zum großen Teil dann auch in anderen Ländern gesucht. Ja, Handwerker im Allgemeinen, und dann natürlich im Tourismus im Sommer, für die Sommersaison in Spanien, Portugal, Griechenland und so weiter, Animateure, die halt die Gäste betreuen, im Winter suchen natürlich die alpinen Länder, Italien, Südtirol, Österreich, die suchen dann natürlich auch Leute für den Wintertourismus. Das sind so die großen Bereiche.

 

 

Autorin:                    Noch gehen jedoch nicht viele ins Ausland, um dort zu arbeiten. Nur etwa 2 Prozent der Arbeitnehmer wechseln zwischen den Arbeitsmärkten Frankreichs, Deutschlands, Italiens oder Großbritanniens hin und her.

Auch im Bereich der Unternehmen könnte sich noch viel mehr tun, meint Christoph Kannengießer:

 

Regie:                    Take 17

Was nach wir vor noch nicht so ausgeprägt ist, ist das grenzüberschreitende Erbringen von Dienstleistungen. Wir brauchen sicherlich auch noch eine stärkere Europäisierung unseres Mittelstandes, das ist in vielen Bereichen schon sehr weit fortgeschritten. Aber gerade eine sehr stark mittelständig strukturierte Wirtschaft ist darauf angewiesen, dass gerade auch die kleinen und mittleren Unternehmen die Grenzen des eigenen Landes und die Grenzen der Märkte des eigenen Landes überschreiten. Hier ist politische Flankierung erforderlich, aber das ist auch eine große unternehmerische Herausforderung.

 

 

Autorin:                    Auf dem Gipfel in Lissabon im März 2000 haben die EU-Staats- und Regierungschefs sich zum Ziel gesetzt, die Union bis 2010 zum wettbewerbsfähigsten und dynamischsten wissensbasierten Wirtschaftsraum in der Welt zu machen, der ein dauerhaftes Wachstum mit mehr und besseren Arbeitsplätzen und einem größeren sozialen Zusammenhalt verbindet.

Eine Utopie? Ein Traum?

Wolfgang Ohndorf, Leiter der Abteilung Internationale und Europäische Sozialpolitik des Bundesministeriums für Arbeit und Sozialordnung, meint, es könne daraus Wirklichkeit werden:

 

Regie:                    Take 18

Wir können in dem gemeinsamen Beschäftigungsbericht für das Jahr 2001 nachlesen, dass die Arbeitslosenzahl seit Mitte 97 von 18,2 Millionen auf im Durchschnitt 14,2 Millionen 2000 zurückgegangen ist. Das ist ein enormer Abbau der Arbeitslosen, 4 Millionen weniger, und gleichzeitig sind über 3 Millionen neue Arbeitsplätze geschaffen worden in der Gemeinschaft, so dass man sagen kann, der Weg ist richtig eingeschlagen.

 

 

Autorin:                    Die weltwirtschaftliche Verschlechterung der Lage in diesem Jahr wird jedoch auch für Europa einen Rückschlag bringen, die Aussichten für das nächste Jahr sind nicht besonders gut.

 

Regie:                    Take 19 (Ohndorf)

Wir werden uns also anstrengen müssen, dieses Ziel zu erreichen, denn 2010 rückt schnell näher.

 

 

 

 

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