*radio kultur              

Gulliver – Wiederholung – Ergänzung am 7.10.2000

Redaktion: Johannes Wendt                          Manuskript: Annette Wilmes

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„Aktion Noteingang“

Zivilcourage gegen Rassismus

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Regie:                    Take A

Für uns ist es das erste Mal, dass überhaupt über die Landesgrenzen hinaus unserer Initiative Beachtung geschenkt wurde, und dass ganz explizit ein politisches und gesellschaftliches Engagement von Jugendlichen gewürdigt wird, darin liegt für uns eigentlich die Bedeutung des Preises.

 

Autorin:                    Knut Sören Steinkopf von der Jugendinitiative „Aktion Noteingang“, die unlängst mit dem Aachener Friedenspreis ausgezeichnet wurde. Die Jugendgruppe hatte in verschiedenen Städten Brandenburgs Geschäftsleute, öffentliche Einrichtungen und Gaststättenbesitzer aufgefordert, einen schwarz-gelben Aufkleber an ihren Türen und Fenstern anzubringen, mit dem Text „Noteingang – wir  bieten Schutz und Informationen bei rassistischen und faschistischen Übergriffen“.

 

Regie:                    Take B

Mit unserer Aktion wollten wir ja ganz klar gegen Rassismus und Stimmung und Klima im Land vorgehen. Und wir haben damals sozusagen die Mitte der Gesellschaft mit dem Problem konfrontiert und eingefordert, dass man sich positioniert und verhält. Andererseits ist uns klar, dass es auch einen ganz eindeutigen landespolitischen Richtungswechsel geben muss dahingehend, dass alle Menschen, die in diesem Land leben, die gleichen Rechte haben, damit sich niemand darauf zurückziehen kann, dass ja auch in der Landespolitik Unterschiede zwischen den Leuten gemacht werden und damit allem, was rassistische Ressentiments betrifft,  Vorschub geleistet wird. Und deswegen unterstützen wir jetzt mit dem Preisgeld Flüchtlingsinitiativen, die sich um die Verbesserung ihrer Situation bemühen, und wir fordern natürlich von allen, die jetzt an der Aktion Noteingang Interesse haben, sich beteiligen wollen, dass sei ganz  klar auch einen Politikwechsel fordern dahingehend, gleiche Rechte für alle im Land lebenden Menschen.

 

Gulliver berichtete bereits vor 10 Monaten über die Inititiative, die jetzt den Aachener Friedenspreis bekommen hat.

Gulliver am 4. Dezember 1999 auf der Suche nach „Zivilcourage gegen Rassismus“ ...

 

Regie:                    Band Gulliver vom 4.12.1999         ca. 50’00

A: Gulliver Spot, S-Bahngeräusch ...

E: ... das nicht richtig macht.

 

Autorin:                    So endete Gulliver am 4. Dezember 1999.

10 Monate später erklärt Knut Sören Steinkopf vom antirassistischen Jugendbündnis, wie der Stand der „Aktion Noteingang“ heute ist,  nachdem sie als antirassistische Initiative mit dem Aachener Friedenspreis geehrt worden ist:

 

Regie:                    Take C

In einigen Städten, wo die Aktion schon vor einem Jahr lief, da sind die Anzahl der Aufkleber wieder geringer geworden, weil ganz einfach das Klima und die Stimmung sich wieder so weit verändert haben, dass man irgendwann es nicht mehr notwendig sah, die Aufkleber dran zu lassen, andererseits ist jetzt nach der großen Sommerhysterie gegen Rechtsradikalismus bei vielen doch wieder das Interesse gewachsen, ganz praktisch und aktiv was zu tun. Und wir wissen halt von Beelitz über Potsdam und Frankfurt Oder, dass es ganz neue Initiativen gibt, die sich an Aktion Noteingang beteiligen. Und auch gerade in anderen Bundesländern, in Halle, Leipzig, aber auch in einigen westdeutschen Städten einerseits die Aktion schon angelaufen ist, andererseits in Vorbereitung.

 

A: Wie ist denn die Situation des Aktionsbündnisses, es ist eine Jugendinitiative, und es weitet sich aus?

 

S: Also wir als antirassistisches Jugendbündnis machen jetzt viele Projekte, Aktion Noteingang war voriges Jahr nur eines, wir sind an der Aktion natürlich auch gewachsen und größer geworden und kämpfen damit, dass die Möglichkeiten, Projekte umzusetzen, gerade auch finanziell zu fördern, für uns nicht größer werden. Und wir sehen uns immer noch mit vielen Problemen konfrontiert, wenn es um politische Jugendarbeit geht, die sich gegen Rechts abgrenzt, da die finanziellen Mittel sehr klein gehalten werden oder sogar verringert. Und natürlich, oder nicht natürlich, aber leider ist es immer noch so, dass Aktivisten in Brandenburg immer noch Zielscheibe von rechtsradikalen Anschlägen sind, wie vor drei Wochen einer unserer Mitgliedervereine in Cottbus einen Brandanschlag über sich ergehen lassen musste.

 

 

 

Autorin:                    Nach der Preisverleihung gab es Glückwünsche, auch von Ministerpräsident Manfred Stolpe.

 

Regie:                    Take D

Ja, wir haben ein Schreiben von Herrn Stolpe gekriegt, wo er uns sozusagen zum Preis gratuliert, das haben wir zur Kenntnis genommen und an die Adresse zurückgeschickt, Herr Stolpe, dann reden sie doch mal mit Ihrer Partei, und dann machen Sie doch mal `ne andere Landespolitik, wir haben da ganz konkrete Ideen und Vorschläge, danke für den Glückwunsch, aber doch lieber gemeinsam gestalten.

A: Und, hat’s darauf ne Reaktion gegeben?

 

S: Leider nicht, überhaupt nicht. Es gab keine Reaktion.

 

A: Was könnte denn die SPD sinnvolles tun?

 

S: Wir denken, als erstes müssen Gesetze beschlossen werden, die Asylbewerbern hier die gleichen Rechte einräumen. Hier all die diskriminierenden Sachen wie Wertgutscheineinkauf, wie 75 % der Sozialhilfe, wie Arbeitsverbot, wie dieses Verbot, sich aus dem Landkreis zu bewegen, wenn diese Sachen aufgehoben werden, dann werden sie auch innerhalb der Bevölkerung als gleichberechtigte Mitbürger wahrgenommen, wie es immer gewünscht wird, dass eben den ausländischen Mitbürger gegenüber Toleranz geübt wird. Und dann muss man aber auch die Bedingungen dafür schaffen, und die können nur politisch geschaffen werden, und dann müssen ganz klare Gesetzesänderungen her, und das kann die SPD machen. Dann können wir sie auch ernst nehmen und sagen, ja, sie sind wirklich daran interessiert gegen Rassismus und rassistische Gewalt in diesem Land vorzugehen.

 

A: Aber nun wird doch immer gerade von der Seite der Politik gesagt, es ist wichtig, Jugendsozialarbeit  zu unterstützen, die Jugendlichen, wenn sie nicht schon abgedriftet sind, davor zu bewahren abzudriften in die Fremdenfeindlichkeit, in den Rassismus.

 

S: Da müssen wir sagen, da wird nichts getan, da wird lieber drüber geredet, dass man noch einmal mehr Sport machen müsste, noch einmal mehr Fußball spielen sollte, anstatt genau die zu unterstützen, die in den Kommunen da sind, es ist ja nicht so, dass es in Brandenburg nur Rassisten und Faschisten gibt. Es gibt genug Leute, die sehr bewusst sich davon abgrenzen und was dagegen tun wollen. Die müssen jetzt endlich wirklich unterstützt werden.

 

 

Autorin:                    Gulliver heute über die  Aktion Noteingang, die mit dem Aachener Friedenspreis ausgezeichnet wurde.

 

Produktion:

Redaktion: Johannes Wendt

 

Am Mikrophon verabschiedet sich Annette Wilmes

 

In der nächsten Woche gönnt sich Gulliver einen Spaziergang auf der Havel-Insel „Schwanenwerder“

Titel:  „Wohnen wie auf einem Gemälde“

 

 

 

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