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„Weiberwirtschaft“ – Preis der Regionen 2008 für ein Berliner Projekt für Firmengründerinnen

 

Manuskript: Annette Wilmes                         2. 12. 2008

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Für die Moderation:

Sieben europäische Regionen sind die Gewinner der ersten Ausgabe des Preises der Regionen. Der Preis wurde vom Kongress der Gemeinden und Regionen des Europarates bei seiner Plenarsitzung im Mai 2008 in Zusammenarbeit mit der Bank Dexia ins Leben gerufen. Regionen aus der Türkei, Polen, Serbien, Großbritannien, Rumänien und Griechenland wurden ausgezeichnet, aus Deutschland war es das Land Berlin mit dem Projekt „Weiberwirtschaft“- eine Genossenschaft zur Wirtschaftsförderung von Frauen. Annette Wilmes stellt die „Weiberwirtschaft“ vor.                                              

 

Sprecherin

Ein Gewerbehof mitten in Berlin, freundliche Klinkerfassaden, die Höfe teilweise begrünt, Ladengeschäfte, mehrere Aufgänge zu den Büroräumen, den Ateliers und den Produktionsstätten - so präsentiert sich die „Weiberwirtschaft“. Auf 7.100 qm Nutzfläche finden mehr als 60 Unternehmen in Frauenhand und 13 Sozialwohnungen Platz.

 

Regie: Atmo – Schritte – Treppensteigen, darauf:

Take 1 (Jennifer Hanley)

Ich habe eine Unternehmensberatung gegründet, die spezialisiert ist auf Reputationsrisiken im weiteren Sinne, es geht um die nicht finanziellen Risiken.

 

Sprecherin

Jennifer Hanley ist seit einem Jahr Mieterin in der „Weiberwirtschaft“. Die junge Unternehmensberaterin arbeitete seit etwa 10 Jahren in einem großen Unternehmen und wollte sich jetzt auf eigene Füße stellen. Sie fand das vielversprechende Projekt bei ihrer Suche im Internet.

 

Take 2 (Jennifer Hanley)

Beim Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie haben ich da einen Link gesehen und dann zufällig bei einem Spaziergang bin ich auf die Gründerinnenzentrale gestoßen.

 

Sprecherin

Der Kontakt zur „Weiberwirtschaft“ war schnell hergestellt. Büroräume, die ihren Wünschen entsprachen, waren schnell gefunden.

 

Take 3 (Jennifer Hanley)

Dann innerhalb von ein paar Wochen war das alles unter Dach und Fach und wurde sehr professionell gemanagt der ganze Prozess, und es ist alles ganz toll gelaufen.

 

Take 4 (Katja von der Bey)

Die Idee der „Weiberwirtschaft“ ist eine genossenschaftliche, wir sind eine reine Frauengenossenschaft, mit heute 1600 Mitfrauen, die alle zusammen gelegt haben, um diesen Gewerbehof zu kaufen, zu sanieren und zu betreiben. Und die allermeisten unserer Genossenschafterinnen sind selbst keine Unternehmensgründerinnen oder keine Unternehmerinnen und fördern dieses Projekt, um anderen Frauen auf ihrem Weg in die Selbständigkeit zu helfen.

 

Sprecherin

Ein „Non-for-Profit“-Unternehmen, dem es um die Solidarität, nicht um den Gewinn geht, sagt Katja von der Bey, Geschäftsführerin und Vorstandsmitglied der „Weiberwirtschaft“. Das Projekt wird jetzt 19 Jahre alt. Am Anfang stand erst einmal eine Großbaustelle, die Gebäude wurden vorbildlich ökologisch restauriert. Seit der Eröffnung 1996 wurden mehr als 200 Unternehmen von Frauen in der „Weiberwirtschaft“ gegründet. Von Anfang an war das  Angebot auf die besonderen Bedürfnisse von Unternehmerinnen zugeschnitten.

 

Take 5 (Katja von der Bey)

Frauen gründen häufig im Dienstleistungsbereich sehr kleine Unternehmen, weil sie  in der Regel über weniger Geld, über weniger Eigenkapital verfügen, weil sie in den Berufen auch weniger Geld verdienen als die Männer noch. Und deshalb fangen Frauen kleiner an als Existenzgründer, das ist eine statistische Größe, die sich bis heute fortführt. Frauen brauchen deshalb kleinere Flächen für ihre Existenzgründung.

 

Sprecherin

Dennoch ist das Spektrum der Firmen in der „Weiberwirtschaft“ groß, sagt Katja von der Bey.

 

Take 6 (Katja von der Bey)

Das geht von der Heilpraktikerin bis zur klinischen Arzneimittelforschung, von der Fahrschule über Gastronomie bis zur Trauringschmiede. Also ein sehr weites Branchenfeld.

 

Regie: Atmo – Schritte – Treppensteigen, darauf:

Sprecherin

Im vierten Stock eines Quergebäudes hat die Modedesignerin Kaska Hass ihr Atelier. Sie hatte sich bereits 1985 das erste Mal in Berlin selbständig gemacht, ging dann nach Köln, nach Italien und kehrte schließlich nach Berlin zurück. „Traut euch“ heißt ihre Firma für moderne Hochzeitsmode für Frauen und Männer und für ausgefallene Abendkleider. Sie zu gründen, war schwierig, weil ihr die Bank im letzten Moment einen Kredit verwehrte, erzählt Kaska Hass:

 

Take 7 (Kaska Hass)

Ich habe es trotzdem gemacht, weil die „Weiberwirtschaft“ mich auch darin bestärkt hat, vor allem, weil die Anfangskonditionen wirklich für einen Gründer sehr fair gewesen sind. Und so habe ich mich in dieses Risiko hineinbegeben und habe mich nicht abhängig von der Meinung der Bank machen lassen.

 

Sprecherin

Kaska Hass hat es geschafft. Jetzt profitiert sie vor allem auch von der guten Infrastruktur in der „Weiberwirtschaft“, die der Genossenschaft von Anfang an ein Anliegen war, sagt Katja von der Bey vom Vorstand:

 

Take 8 (Katja von der Bey)

Das geht von hauseigener Kindertagesstätte mit Ganztagesbetreuung über Tagungsräume, Kantine und natürlich den Support und die Hilfestellung, die die Unternehmerinnen sich gegenseitig geben können, weil hier sowohl erfahrene Unternehmerinnen als auch Anfängerinnen arbeiten.

 

Sprecherin

Das Motto des Preises der Regionen, den das Land Berlin für die „Weiberwirtschaft“ verliehen bekommt, heißt „Förderung des sozialen Zusammenhalts durch wirtschaftliche Entwicklung“. Der Preis ist wie ein Geschenk zum 19. Geburtstag.

 

Take 9 (Katja von der Bey)

Wir haben uns sehr, sehr darüber gefreut, diese Anerkennung zu bekommen. Wir freuen uns auch für das Land Berlin, das auf diese Weise nachträglich noch mal eine Anerkennung dafür bekommt, dass da am Anfang schon deutlich viele  Wirtschaftsfördermittel in das Projekt geflossen sind, um den Gewerbehof aufzubauen.

 

 

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