Deutschlandradio Kultur

Radiofeuilleton 22.9.2005

Sachbuch-Leitfaden: „Der Verleger Axel Springer. Eine Biographie aus der Nähe“ Von Claus Jacobi. Herbig Buchverlag, München 2005, 354 Seiten, 70 s/w-Fotos, gebunden, € 24,00

Rezensentin: Annette Wilmes

 

Vorschlag für Moderation
Rudolf Augstein sagte über ihn, kein Mann vor Hitler und nach Hitler habe so viel Macht kumuliert, Bismarck und die beiden Kaiser ausgenommen. Der damalige Kanzler Helmut Kohl sagte einst in der Berliner Kaiser Wilhelm Gedächtniskirche über ihn: „Er war ein großer Deutscher“. Heute vor 22 Jahren ist der Verleger Axel Springer gestorben. Im Münchener Herbig Verlag erschien Ende August eine Biographie von Claus Jacobi. „Eine Biographie aus der Nähe“, heißt es im Untertitel, stimmt das, Annette Wilmes?

 

AUTORIN
Die Biographie ist aus der Nähe geschrieben, denn Claus Jacobi, Jahrgang 1927, kannte Axel Springer seit der Mitte des 20. Jahrhunderts. In den 60er Jahren war Jacobi noch Chefredakteur beim Spiegel, danach arbeitete er 18 Jahre für das Haus Springer, außerdem war er ein Freund der Familie. Deshalb kann er anders als andere über Privates berichten, über den Jähzorn Axel Springers zum Beispiel, weil er seine Ausbrüche selbst miterlebte, aber auch von seiner Feinfühligkeit und Religiosität, die im Laufe seines Lebens immer stärker wurde, bis ins Extreme, auch mit Hang zum Esoterischen. Ein Buch als Freund geschrieben, das lässt zuviel unkritisch bewundernde Annäherung befürchten, leider bewahrheitet sich das an manchen Stellen, aber es ist kein durchgängiger Eindruck.
Die ausführliche Biographie ist in die vier Jahreszeiten eingeteilt, eine nicht sehr originelle Idee, aber dennoch hilfreich, weil es tatsächlich eine gute Struktur in die vielen Ereignisse und Facetten des Verleger-Lebens bringt.
Auf den ersten 50 Seiten lässt Claus Jacobi schon einmal – wie in einer Ouvertüre – in vier Kapiteln die Jahreszeiten Axel Springers Revue passieren: „Der Mann“ – „Der Verleger“ - „Der Patriot’“ - „Die Hatz“. Ein Dandy, der fünf Ehefrauen hatte, zwei für den Frühling, je eine für Sommer, Herbst und Winter. Springer als Konzernchef, der knallhart wirtschaftliche Interessen verfolgte, aber auch als Wohltäter, der großzügig seinen Reichtum verteilte. Dann wurde er zur Hassfigur der 68er und westdeutscher Intellektueller. Manipulation der Massen warf man ihm vor. Später wurde er Opfer von Anschlägen und Morddrohungen.

 

FRAGE
Rudolf Augstein hat sich drei mal an einer Titelgeschichte über Springer versucht und keine veröffentlicht, aber es gibt bereits Biographien über ihn, die bekannteste stammt von Michael Jürgs, der 1968 Student war. Was will nun Jacobi mit seiner?

 

AUTORIN
Claus Jacobi will ihn verteidigen, für ihn war Springer ein Idealist. Über Springer seien zu viele Unwahrheiten verbreitet worden. Er will sie richtig stellen. Er wehrt sich gegen Schwarzweißmalerei, denn Springer sei ein vielschichtiger Mensch gewesen.

 

FRAGE
Ist ihm das gelungen?

 

AUTORIN
Am Anfang – in der Ouvertüre – gibt es eine Stelle, über die ich mich sehr geärgert habe. Es geht um die Zeit der Hatz, aus Jägern wurden Gejagte, heißt es da zum Beispiel, es regierte ein SPD-Kanzler statt eines CDU Kanzlers, Verbrecher erhielten Ausgang wie Rekruten, Drogen wurden schick und so weiter. Sätze aus dem Wörterbuch des Erzkonservativen oder Reaktionärs, vielleicht sogar der Demagogie. Und Wortspiele wie „über Goethe wuchs Grass“ – Springers Mutter, zu der er eine innige Beziehung hatte, war Goethe-Verehrerin – zeigen, wie nah Claus Jacobi die Verfolgung Axel Springers gegangen ist, die ja tatsächlich auch stattgefunden hat, denn es gab immerhin zwei Brandanschläge auf seine Häuser.
Also mindestens an dieser Stelle tut die Nähe des Autors zu Springer dem Buch nicht gut. Aber trotz dieser Ausfälle lohnt sich das Weiterlesen auf jeden Fall, denn im Hauptteil des Buches schreibt Jacobi viel differenzierter, auch in dem Kapitel über die Studentenproteste.
Die Springer-Blätter machten Millionen von Lesern „dumm wie die Hühner und blutrünstig wie die Wölfe“. So zitiert er zum Beispiel den ehemaligen Springer-Journalisten Erich Kuby, der vor ein paar Tagen im Alter von 95 Jahren gestorben ist. Springer war in den sechziger Jahren Chef eines der größten Verlagshäuser Europas. Mit der Bildzeitung, die sich zu einem rechten Kampfblatt entwickelt hatte, führte er aggressiv Kalten Krieg, bekämpfte die Ostpolitik Willy Brandts, hatte für die Motive der Studenten kein Gespür, stempelte sie als Randalierer ab. Als Benno Ohnesorg am 2. Juni 1967 durch eine Polizeikugel starb, kommentierte Springers BZ: „Wer Terror produziert, muss Härte in Kaufe nehmen.“

 

FRAGE
Aus welchen Quellen schöpft Claus Jacobi?

 

AUTORIN
Jacobis wichtigste Quelle ist das Unternehmensarchiv, aus dem übrigens auch die zahlreichen Abbildungen stammen. Aber er schöpft auch aus persönlichen Gesprächen mit Familienangehörigen und Zeitzeugen, die Jacobi ja zum Teil selbst gut kannte. Er sprach mit Springers erster Ehefrau und mit Markus Wolf, um nur zwei Beispiele zu nennen. Er bediente sich auch aus der Literatur. Heinrich Bölls „die verlorene Ehe der Katharina Blum“ ist ebenso auf der Literaturliste zu finden wie das Buch von Daniela Doering über „Axel Springer und die DDR“.
Axel Springer ist vor 20 Jahren gestorben. Sein Konzern droht wieder einmal, zur vorherrschenden Meinungsmacht zu werden. Denn seine Erben wollen die Senderfamilie ProSieben-Sat1 übernehmen. Wer mehr über den Mann wissen will, der den gewaltigen Konzern aufbaute, der sollte das Buch lesen, aber nicht vergessen, dass es aus der Nähe geschrieben ist und sehr freundlich. Es beschreibt den Verleger als einen Mann, der für die Wiedervereinigung und für die soziale Marktwirtschaft eintritt, Extremismus von links und rechts ablehnt, Nazi-Gegner und Freund des Staates Israel ist. Ob der Menschenfreund den Machtmenschen überwog, wurde leider auch mit diesem Buch nicht eindeutig beantwortet.

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