Sachbuchkritik: „Der Bankier“. Hermann Josef Abs – Eine Biographie. Von Lothar Gall. C.H. Beck, 526 Seiten, s/w Fotos, gebunden,
€ 29,90

Rezensentin: Annette Wilmes

 

Autorin

„Rheinländer, Katholik, Kind des Bürgertums“ - mit diesen drei Etiketten versieht Lothar Gall seine Biografie des 1901 in Bonn geborenen Hermann Josef Abs. Direkt nach dem Abitur schrieb sich Abs zwar an der Bonner Universität im Fach Jura ein,  begann jedoch gleichzeitig eine Lehre bei dem kleinen Privatbankhaus Louis David, wo er das Geschäft von der Pieke auf lernte. Später kokettierte er damit, dass er nie ein Hochschulstudium absolviert hatte, zum Beispiel in einem 1991 anlässlich seines 90. Geburtstags ausgestrahlten Gespräch im Süddeutschen Rundfunk:

 

Take 1 (Abs)

Die besten Kräfte sind oft nicht die Studierten. Jetzt haben alle Doktortitel, meistens Dr. Jur., Dr. Jur., Dr. Jur., Dr. der Nationalökonomie, Dr. Jur., Dr. Jur., oder beides. Dann gibt es jemanden, der macht von seinen Ehren-Doktor-Titeln keinen Gebrauch, und dann ist da nur der Name.

 

Autorin

Ein Name, den er so buchstabierte: A wie Abs, B wie Abs, S wie Abs. Schon früh machte er Karriere. Mit 21 Jahren war er Devisenhändler in Rotterdam. Bald gehörte er zur Elite der Bankiers, bereits mit 36 Jahren trat er in den Vorstand der Deutschen Bank ein.
Lothar Gall, bekannt vor allem durch sein Bismarck-Buch „Der weiße Revolutionär“, beschreibt den Werdegang des Bankenmenschen sehr detailreich und genau und kann sich dabei auf bislang nicht zugängliche Quellen aus dem Abs-Nachlass stützen. Besonders interessiert die Rolle, die Abs im Nationalsozialismus spielte, immerhin war er einer der einflussreichsten Männer in der Deutschen Wirtschaft.
In die NSDAP ist Abs nie eingetreten, doch er arbeitete eng mit dem Nazi-Regime zusammen.

Abs hatte Anfang der 40er Jahre neben mehreren anderen auch einen Aufsichtsratsposten bei der I.G. Farben. Es ist kaum vorstellbar, dass er nichts vom Aufbau des neuen Buna-Werks in Monowitz bei Auschwitz oder vom Einsatz von Häftlingen aus dem Vernichtungslager gewusst haben soll. Auch das finanzielle Engagement der Deutschen Bank-Filiale in Kattowitz beim Aufbau des Auschwitz-Komplexes wird ihm kaum entgangen sein. Oder doch?
Lothar Gall hält es für möglich. Der Frankfurter Historiker folgt dem Grundsatz, dass nichts behauptet werden darf, was nicht aus den Quellen belegt werden kann. Aber, das weiß auch Gall, einiges ist mit Sicherheit nur mündlich verhandelt worden. Außerdem, so räumte der Autor unlängst bei einer Lesung in Wiesbaden ein, könnte Abs möglicherweise etwas aus den Unterlagen herausgenommen haben. „Was er gewusst hat, was er geahnt hat, wird nicht mehr zu ermitteln zu sein.“ Solche Sätze sind unbefriedigend.
Nach dem Krieg wollten ihn vor allem die Amerikaner für die Raubzüge der Deutschen Bank im besetzten Europa verantwortlich machen. Anfang 1946 saß Abs drei Monate in Haft, im „Automatischen Arrest“, der für alle höheren Wirtschaftsführer galt. Nach seiner Entnazifizierung Ende 1948 wurde Abs zum Vorstandsvorsitzenden der neu gegründeten Kreditanstalt für Wiederaufbau berufen und bald zum engsten Kanzlerberater.

 

Take 2 (Adenauer)

Nur derjenige, der sich müht, so weit er dazu im Stande ist, seine Schulden zu bezahlen, wird auch wieder kreditfähig.

 

Autorin

Das sagte Konrad Adenauer auf dem dritten Parteitag der CDU am 18.10.1952. Er übertrug die Delegationsleitung bei den Verhandlungen zum Londoner Schuldenabkommen dem Finanzfachmann Hermann Josef Abs.

 

Take 3 (Abs)

Es galt die Kreditfähigkeit Deutschlands wiederherzustellen. Das war das Ziel der Verhandlung über die Regelung der kommerziellen oder kommerzialisierten Auslandsschulden des Deutschen Reiches.

 

Autorin

Abs gelang es, die Schulden zu drücken. Die Entwicklung der Bundesrepublik zum Wirtschaftswunderland kam voran. Abs besaß nun in Deutschland eine Macht wie kaum jemand vor oder nach ihm. Er saß in nahezu allen wichtigen Aufsichtsräten. Diese Machtkonzentration missfiel dem Parlament. Es verabschiedete im Mai 1965 das neue Aktiengesetz, das die Zahl der Aufsichtsratsmandate begrenzte, die „Lex Abs“.

Hermann Josef Abs starb am 5. Februar 1994 im Alter von 92 Jahren. Die ausführliche und detailreiche Biografie von Lothar Gall spart auch Kritik nicht aus, die allerdings an manchen Stellen zu sanft ausfiel.

 

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