Deutschlandradio Kultur
Radiofeuilleton 08.11.2005

Sachbuch: „Bankiers unterm Hakenkreuz“ Von Christopher Kopper, Hanser Verlag München, 2005, 297 Seiten, 8 s/w Fotos, gebunden, 24,90 €

Rezensentin: Annette Wilmes

Vorschlag für die Moderation
Immer schon waren Bankiers auf ihren Gewinn bedacht, das bringt der Beruf mit sich. Sie waren es Anfang des 20. Jahrhunderts, sie waren es in den Zwanziger Jahren, sie waren es selbstverständlich auch im Nationalsozialismus. Dass sie aber skrupellos die „Arisierung“ jüdischer Unternehmen vorantrieben und sich schon früh im vorauseilenden Gehorsam von ihren jüdischen Kollegen trennten, gehört nicht zwangsläufig zu ihrem Berufsbild. Der Historiker Christopher Kopper hat ein Buch über die Rolle der Bankgesellschaften im Nationalsozialismus geschrieben, es heißt „Bankiers unterm Hakenkreuz“.
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Hermann Josef Abs ist ohne Zweifel der bekannteste Bankier, der seine große Karriere im Nationalsozialismus begann und nach dem Zweiten Weltkrieg eine noch größere Rolle spielte. Den „erfolgreichsten Studienabbrecher des 20. Jahrhunderts“ nennt ihn Christopher Kopper und widmet ihm in seinem Buch gleich zwei Kapitel.
Im ersten beschreibt er Abs’ Werdegang von der Lehre in einem kleinen Privatbankhaus bis zum Vorstand der Deutschen Bank, dessen Mitglied er 1937 wurde. Der Bankier war ein ideologischer Gegner der Nazis und wirkte dennoch an äußerst fragwürdigen Goldgeschäften maßgeblich mit. Von Auschwitz will er nichts gewusst haben, obwohl er Aufsichtsratsmitglied der IG-Farben war. Er hatte Kontakte zu Widerstandskämpfern und beteiligte sich dennoch an „Arisierungen“, wobei er sich jedoch an „gesellschaftliche Anstandsregeln“ hielt.

Im Schlusskapitel des Buches wird Hermann Josef Abs als erfolgreicher Unterhändler bei der Londoner Schuldenkonferenz gezeigt. Das Abkommen war ein wichtiger Schritt auf dem Weg zur völligen Gleichberechtigung Deutschlands in der Weltwirtschaft.

Christopher Kopper porträtiert sieben weitere „Bankiers unter dem Hakenkreuz“: Juden, Nazis, Mitläufer, Täter. Er zeigt, dass einige von ihnen politisch und moralisch schuldig wurden, während andere ihre Integrität bewahren konnten. Vorher aber klärt er über die Situation der Banken Anfang der 30er Jahre auf, die als Folge der Weltwirtschaftskrise ökonomisch stark geschwächt waren. Mehrere standen vor dem Konkurs, darunter auch große Bankhäuser. Um die Danat-Bank und die Dresdner Bank zu retten, entschied sich die Reichsregierung für eine Zwangsfusion. 90 Prozent des Grundkapitals gehörten jetzt dem Staat und einer Tochtergesellschaft der Reichsbank. Nur die Deutsche Bank konnte ohne eine Mehrheitsbeteiligung saniert werden.

Gegenüber den Nationalsozialisten, die seit der Wahl vom 15. September 1930 mit 18 Prozent der Stimmen bereits als zweitstärkste Fraktion im Reichstag saßen, hielten sich die Bankiers auf Distanz. Nur ein Vorstandsmitglied der Commerzbank schlug sich auf die Seite der Nazis, bevor sie an die Macht kamen.

Wie die nichtjüdischen Vorstandsmitglieder mit ihren jüdischen Kollegen umgingen, ist ein besonders trauriges Kapitel in Koppers Buch.
Das am 7. April 1933 erlassene „Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ forderte die Entlassung aller jüdischen Beamten aus dem aktiven Dienst. Commerzbank und Dresdner Bank, zum großen Teil Staatseigentum, fielen direkt unter die Rassengesetzgebung, aber auch die Deutsche Bank geriet bald unter den Druck des Antisemitismus der Nationalsozialisten. Ihr besonders exponiertes Vorstandsmitglied, Oscar Wassermann, musste gehen, später auch seine jüdischen Kollegen Theodor Frank und Georg Solmssen. Der beklagte sich in einem Brief an seinen Aufsichtsratsvorsitzenden Urbig bitter über „die völlige Passivität der nicht zur nationalsozialistischen Partei gehörigen Klassen, den Mangel jedes Solidaritätsgefühls (…), der immer deutlicher werdende Drang, aus dem Freiwerden von Posten selbst Nutzen zu ziehen und das Totschweigen der Schmach und der Scham, die allen denen zugefügt werden, die (…) von heute auf morgen ihre Ehre und Existenz vernichtet sehen.“

Das Buch enthält viele Namen und vor allem viele Zahlen, was das Lesen manchmal etwas anstrengend macht. Aber der Erzählstil Christopher Koppers, der auch kleine Episoden schildert und Gefühle zulässt, macht das wieder wett. Ein geschickter Aufbau lässt den Spannungsbogen entstehen, der einen zum Weiterlesen geradezu zwingt. Besonders gelungen ist die Schilderung der aktiven Nazi-Bankiers Karl Rasche und Emil Meyer, die dafür sorgten, dass die Dresdner Bank zur Hausbank der SS und der Reichswerke Hermann Göring wurden. Sie waren der Motor des Arisierungsgeschäftes. Sie gewährten der SS Gefälligkeitskredite für den Bau von Konzentrationslagern. Aber, auch das wird deutlich, keines der anderen Vorstandsmitglieder intervenierte, obwohl das aus rein sachlichen Erwägungen leicht gewesen wäre. 1938 bereits war der Rubikon überschritten, der Seriosität und Ehrbarkeit von unternehmerischer Skrupellosigkeit trennt.

Resümee: Die Banken und Sparkassen waren nicht unmittelbar an der Deportation der deutschten Juden beteiligt. Aber sie führten die Anweisungen für die Beschlagnahme ihres Eigentums zuverlässig und ohne erkennbaren Widerstand aus. Auf diese Weise wirkten sie an der wirtschaftlichen Existenzvernichtung der deutschen Juden mit.

Zahlreiche Bankiers in Spitzenpositionen konnten ihre Karriere nach dem Zweiten Weltkrieg fortsetzen. Auch darüber gibt es viele Einzelheiten in Christopher Koppers Buch nachzulesen. Nur einer, Karl Rasche, wurde in Nürnberg vor Gericht gestellt. Die Amerikaner verurteilten ihn zu sieben Jahren Haft, weil er an Plünderung ausländischen Eigentums nach der Besetzung der Tschechoslowakei beteiligt war. Er kam aber schon nach zwei Jahren aufgrund einer Amnestie wieder frei.

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