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Kulturradio

 

Kulturtermin Wissenschaft am 28.7.2008

 

Redaktion:    Karin Tholen

Regie:           Ralf Ebel

Sprecher:     Immo Kronberg

Technik:       Petra Steinhorst

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Carl Schmitt in Plettenberg

Auf den Spuren des umstritten Staats- und Völkerrechtlers

Eine Sendung von Annette Wilmes

 

 

 

 

 

 

 

 

         

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Take 1 (Klaus Müller, Bürgermeister)

Plettenberg ist eine Kleinstadt mit 28.000 Einwohnern zurzeit, wir sind stark industriell geprägt, viel metallverarbeitende Industrie, was auch die Stärke unserer Stadt im Endeffekt ausmacht.

 

Autorin

Klaus Müller ist Bürgermeister von Plettenberg im Sauerland.

 

Take 2 (Klaus Müller)

Wir haben durch die vielen mittelständischen Betriebe eine sehr gute Arbeitsplatzauswahl. Die Arbeitslosenquote liegt eigentlich immer in der letzten Zeit unter 5 Prozent, im Moment aktuell bei 4,6 Prozent. Und damit, kann ich sagen, wir sind auch eine durchaus wohlhabende Stadt, eine Stadt ohne ganz große finanzielle Probleme.

 

Autorin

Plettenberg ist unter Juristen und Historikern vor allem durch Carl Schmitt bekannt geworden, weit über das Sauerland, ja sogar über Deutschland hinaus. Der weltberühmte Staatsrechtslehrer wurde hier geboren, er wäre jetzt 120 Jahre alt. In Plettenberg verbrachte er seine Jugendzeit bis 1907  und später – nach dem zweiten Weltkrieg – zog er sich wieder dorthin zurück. Obwohl er erst 1985 im Alter von fast 97 Jahren starb, war er den meisten Plettenbergern kaum bekannt. Für sie war er allenfalls der „Herr Professor“. Seinen Lebensabend verbrachte er in einem Vorort von Plettenberg, in Pasel.

 

Take 3 (Klaus Müller)

Ich habe Professor Schmitt noch als sehr rüstigen Mann kennengelernt, der täglich seine Runde um Pasel gedreht hat, wenn man das so sagen darf, hatte aber persönlich keine Beziehung. Außer dass man sich dann guten Tag gesagt hat, war auch die Bedeutung von Herrn Schmitt damals gar nicht so bekannt oder bewusst.

 

Autorin

So ging es den meisten dort.

 

Zitator

Carl Schmitt, Jurist und politischer Denker, einer der einflussreichsten und gleichzeitig umstrittensten deutschen Gelehrten im 20.Jahrhundert, hat in seiner Heimatstadt Plettenberg wenig öffentliche Anerkennung erfahren. Dort geboren, lebte er seit 1947 bis zu seinem Tod in einem selbst gewählten Kleinstadtexil.

 

Autorin

So stellt sich der 2007 gegründete „Carl-Schmitt-Förderverein“ vor,

 

Zitator

… der das Andenken an Carl Schmitt im Sinne einer historisch-kritischen Begleitung pflegen und vorrangig unveröffentlichte Lebenszeugnisse und Dokumente fördern wird.

 

Take 4 (Ernst Hüsmert)

Im Grunde genommen gibt es die Idee schon seit dem Tode Carl Schmitts. Und durch meine Verbindungen zum Akademie-Verlag und dem Geschäftsführer Dr. Giesler ist das auch immer wieder zur  Sprache gekommen. Aber nachdem wir jetzt alle älter geworden sind und Giesler auch pensioniert ist, da haben wir gesagt, jetzt oder nie.

 

Autorin

Ernst Hüsmert, stellvertretender Vorsitzender des Fördervereins, hat Carl Schmitt in den letzten knapp 40 Jahren seines Lebens begleitet.

 

Take 5 (Gerd Giesler)

Wenn ich in die Satzung schaue, dann haben wir da die Punkte resümiert, die wir uns vorgenommen haben. Zunächst ist es die Pflege des Grabes und in gewisser Weise auch das Andenken Carl Schmitts in seiner Heimatstadt.

 

Autorin

Gerd Giesler, bis 2005 Leiter des Akademie-Verlages, stammt wie Ernst Hüsmert aus Plettenberg. Jetzt lebt er in Berlin. Er ist 1. Vorsitzender des Carl-Schmitt-Fördervereins.

 

Take 6 (Gerd Giesler)

Dann gibt es immer wieder Probleme bei der Finanzierung der Edition von den Primärquellen, zum Beispiel Briefwechseln, Tagebücher und dergleichen, und da möchte der Verein, soweit das mit seinen finanziellen Möglichkeiten vereinbar ist, helfen und darüber hinaus möchten wir auch bei der kritischen Würdigung und Bearbeitung der Schmittschen Quellen einen Beitrag leisten, sei es bald oder in naher Zukunft, durch Tagungen oder durch Vortragsveranstaltungen.

 

Autorin

Der Name Carl Schmitt spaltet noch heute die Geister. Die einen sehen in dem antirepublikanischen Staatsrechtler den Totengräber der Weimarer Republik und ideologischen Vordenker der Nazis; die anderen halten ihn für einen großen Geist und brillanten Autor. Ingo Müller, emeritierter Strafrechtsprofessor und Historiker, hat das Buch „Furchtbare Juristen“ geschrieben. Dazu zählt er auch Carl Schmitt:

 

Take 7 (Ingo Müller)

Weil er der Denker des Dritten Reichs war. Die haben nicht so viel gedacht, aber er war der Vordenker und der Intellektuelle des Dritten Reichs.

 

Autorin

Carl Schmitt, 1888 als Sohn eines katholischen Kaufmanns geboren, genoss eine humanistische Bildung, auf die er Zeit seines Lebens großen Wert legte.

Er studierte Jura in Berlin, München, Straßburg, wurde Professor zunächst in Greifswald, dann in Bonn, später in Berlin. Ende der zwanziger Jahre war er bereits einer der führenden Staatsrechtler. Berühmt wurde Carl Schmitt in dieser Zeit mit seiner Schrift „Der Begriff des Politischen“.

 

Zitator

Die spezifisch politische Unterscheidung, auf welche sich die politischen Handlungen und Motive zurückführen lassen, ist die Unterscheidung von Freund und Feind.

 

Autorin

Der erste Satz in seiner „Politischen Theologie“ lautet:

 

Zitator

Souverän ist, wer über den Ausnahmezustand entscheidet.

 

Autorin

Dieser Satz wird auch heute noch gern von autoritär denkenden Politikern zitiert.  Der scharf denkende Jurist mit der brillanten Sprache beeinflusste ganze Generationen von Juristen, Philosophen, Theologen und Politikwissenschaftlern überall auf der Welt.

Auch solche, die nicht rechtskonservative  Einstellungen hatten, standen mit ihm in Kontakt, wie zum Beispiel der Philosoph und Schriftsteller Walter Benjamin. Er schrieb im September 1930:

 

Zitator

Sehr geehrter Herr Professor, Sie erhalten dieser Tage vom Verlage mein Buch „Ursprung des deutschen Trauerspiels“. … Sie werden sehr  schnell bemerken, wie viel das Buch in seiner Darstellung der Lehre von der Souveränität im 17. Jahrhundert Ihnen verdankt. Vielleicht darf ich Ihnen darüber hinausgehend sagen, dass ich auch Ihren späteren Werken, vor allem der „Diktatur“, eine Bestätigung meiner kunstphilosophischen Forschungsweisen durch Ihre staatsphilosophischen entnommen habe.

 

Autorin

Anfang der 30er Jahre gehörte Carl Schmitt zum engen Kreis des Reichskanzlers Kurt Schleicher. Er war seit Dezember 1932 der letzte Reichskanzler vor Hitler. An seine Absetzung am 28. Januar 1933 erinnerte sich Carl Schmitt 40 Jahre später, im Januar  1973, in einer Rundfunksendung:

 

Take 8 (Carl Schmitt)

Ich war ja Berater und Freund von Schleicher. Die Situation für mich war die, ich war aus dem Rennen ausgeschieden, soweit ich überhaupt im Rennen war, als hintergründiger Berater. Schleicher war am 28., also Samstagmittag entlassen worden, auf eine für unseren Geschmack, also für die Freunde Schleichers, schmähliche und schändliche Weise.

 

Autorin

Am 30. Januar ging Schmitt ins Café Kutschera:

 

Take 9 (Carl Schmitt)

Wo ich hörte, dass Hitler zum Reichskanzler und Papen eben zum Vizekanzler ernannt ist. Aufgeregt und irgendwie erleichtert, wenigstens eine Entscheidung.

 

Autorin

Das war das, was Carl Schmitt immer wollte: eine klare Entscheidung. Ingo Müller hält Schmitt auch deswegen für antidemokratisch:

 

Take 10 (Ingo Müller)

Wenn man Demokratie in einem bestimmten Sinne versteht, von der wahren Demokratie vielleicht redet, wie sie sich im Sportpalast geäußert hat, dann war er vielleicht kein Antidemokrat. Aber auf alle Fälle war er ein Gegner jeder westlich geformten Demokratie, insbesondere natürlich des Parlamentarismus, weil er auch den Kompromiss, der ja das angestrebte ist in einer parlamentarischen Demokratie, zutiefst verabscheut hat. Er hat gesagt, es muss entschieden werden, der so genannte Dezisionismus, und hat die Weimarer Republik auch immer nur als ein schwaches Gebilde, dilatorischen Formelkompromiss, bezeichnet. Weil keine starke Führerfigur da war, weil es keine klare Richtung gab. Koalitionen zum Beispiel können nur mit Kompromissen existieren, das war Schmitt zuwider.

 

 

Autorin

Carl Schmitt entschied sich für die Nationalsozialisten, deren Machtergreifung er kurz vorher noch verhindern wollte. Die starke Führerfigur war Hitler. Den achtete er allerdings auch nicht besonders, sagt Ernst Hüsmert.

 

Take 11 (Ernst Hüsmert)

Er hat ihn als eine Art österreichischen Piefke gesehen. Aber andererseits hat er geglaubt, dass mit dem Mann was anzufangen wäre. Der Professor Mehring, der im Auftrag von C.H. Beck eine große Carl Schmitt Biografie schreibt, die ist inzwischen angewachsen auf an die 700 Seiten, der findet die Formulierung für Carl Schmitt im Jahr 33, er wollte der Führer des Führers sein.

Das ist ihm entglitten. Da gab es schlauere Leute, oder Leute, die mehr von Politik verstanden als Carl Schmitt. Speziell eben im Stab Heydrich, in der SS, die dann auch gleichzeitig die Gefahr witterten, die von Carl Schmitt ausging, und nichts anderes im Sinne hatte, ab 1934, den Mann kalt zu stellen.

 

Take 12 (Ingo Müller)

Er hat sich wohl immer etwas überschätzt. Und er hat sich den Nazis natürlich intellektuell überlegen gefühlt. Sicher war er das auch, aber das spielte keine so große Rolle damals.

 

Autorin

Denn Intellektualität, meint der Strafrechtler und Historiker Ingo Müller, war bei den Nationalsozialisten nicht unbedingt gefragt.

 

Take 13 (Ingo Müller)

Jedenfalls in bestimmten Kreisen nicht. Er ist ja auch bei bestimmten Kreisen, bei radikalen Nazis, wie man das salopp sagt, in Verschiss geraten. Die Nazis waren ja nicht so homogen. Es gab immer sozusagen den staatlichen, étatistischen Teil, und dann die wilden Horden bei der SS. Und die Zeitschrift das schwarze Corps hat natürlich auch immer gegen Schmitt polemisiert. Auf der anderen Seite war er preußischer Staatsrat und ist zu hohen staatlichen Ehren gekommen.

 

Autorin

1934 rechtfertigte Carl Schmitt mit seinem Artikel „Der Führer schützt das Recht“ die von Hitler angezettelten Morde nach dem sogenannten Röhmputsch, denen auch sein Freund Kurt von Schleicher und dessen Frau zum Opfer fielen.

 

Zitator

Der Führer schützt das Recht vor dem schlimmsten Missbrauch, wenn er im Augenblick der Gefahr kraft seines Führertums als oberster Gerichtsherr unmittelbar Recht schafft. (…) Der wahre Führer ist immer auch Richter. Aus dem Führertum fließt das Richtertum.

 

Autorin

Der Vorsitzende des Carl-Schmitt-Fördervereins, Gerd Giesler, interpretiert den Aufsatz so:

 

Take 14 (Gerd Giesler)

Es ist so, dass zunächst Schmitt ja eindeutig hier sagt, der Führer schützt das Recht, oberste Instanz. Gleichzeitig sagt er dann in den nachfolgenden Sätzen, dass diejenigen im Zusammenhang mit den  Röhm-Morden geschehenen Verbrechen etwa an dem Ex-Reichskanzler Schleicher und dessen Staatssekretären umso strenger geahndet werden müssten, weil er sozusagen das eine als die Verhinderung des Bürgerkrieges ansieht und das andere als einen glatten Mord.

 

Autorin

Schmitt hetzte offen gegen die Juden. Im Oktober 1936 organisierte er eine Fachkonferenz über

 

Zitator

Das Judentum in Rechts- und Wirtschaftswissenschaft

 

Autorin

In seinem Referat sagte er:

 

Zitator

Der Jude hat zu unserer geistigen Arbeit eine parasitäre, eine taktische und eine händlerische Beziehung ... Mit großer Findigkeit und schneller Witterung weiß er, das Rechte zu treffen. Das ist sein Instinkt als Parasit und echter Händler.

 

Take 15 (Gerd Giesler)

Ich denke, dass es einen Antisemitismus bei Carl Schmitt gibt, der bis zur Zeit der 1930er 33er Jahre so ist, wie er vielfach in bestimmten Bereichen des öffentlichen intellektuellen Lebens in Deutschland war. Nach 33, das ist gar keine Frage, dass er diesen Antisemitismus auch eingesetzt hat, um bei den Machthabern des NS gut anzukommen. Es gibt da ja sicher sehr harte, verwerfliche Stellen. Und  es gehört auch zu den Aufgaben des Fördervereins, dass wir uns diesen Äußerungen und Belegen von Schmittschem Denken kritisch stellen. Ich würde immer dazu stehen, dass Carl Schmitt antisemitische Äußerungen getan hat, und dass er auch sie ganz bewusst getan hat.

 

Autorin

Wie Gerd Giesler, so sieht auch Ernst Hüsmert den Schmittschen Antisemitismus in einem kritischen Licht.

 

Take 16 (Ernst Hüsmert)

Das schlimmste wohl ist die Judentagung vor dem Reichsparteitag 1936, wo er praktisch einen Kongress veranstaltet hat zur Entfernung jüdischer Kommentare aus dem HGB und BGB. Das ist sicherlich also eine seiner schlimmsten Taten. Andererseits muss man sehen, dass er damals schon auf der Abschussliste stand, dass die SS eine Riesenuntersuchung gemacht hatte, die ihn a) als Katholiken verunglimpfte, b) als Judenfreund und c) als eben nicht ernstzunehmenden Nationalsozialisten. Und genau das passiert ja dann 1936, das Jahr ist noch nicht zu Ende, da kommen in der SS-Zeitschrift „Das schwarze Corps“ die Angriffe auf Carl Schmitt und er wäre einfach 1936 zunächst mal kalt gestellt. Wenn er keine guten Beziehungen zu Göring gehabt hätte, wäre er damals nach solchen Angriffen im KZ gelandet.

 

Autorin

Schmitt war zwar Antisemit. Er hatte aber kein eindeutiges Verhältnis zu den Juden. Ingo Müller:

 

Take 17 (Ingo Müller)

Er hatte Schüler wie Otto Kirchheimer, Franz Leopold Neumann, die bei ihm teilweise promoviert hatten oder in seinen Seminaren saßen, die er auch zitiert hat. Und dieser Ausbruch von Antisemitismus, auf dieser Tagung, diese abscheuliche Radikalität, die ist, glaube ich, eher der Tatsache geschuldet, dass er dem Dritten Reich seinen Tribut zollen musste, oder meinte, es zu müssen. Also dass er dann mal einen klaren Trennstrich zu den Juden zog, mit denen er in der Vergangenheit manche Kontakte hatte.

 

Autorin

Carl Schmitt behielt seinen Lehrstuhl, auch den Titel des preußischen Staatsrats.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Carl Schmitt in Nürnberg im Rahmen der Kriegsverbrecherprozesse vernommen. In amerikanischer Haft galt er zunächst als „possible defendant“, als potentieller Angeklagter. Er wurde 1947 schließlich als Zeuge entlassen. Einen Weg zurück an die Universität gab es für ihn nicht.

 

Take 18 (Ernst Hüsmert)

Carl Schmitt war doch sehr extrem belastet und hatte auch sehr mächtige Feinde, unter anderen den Bundespräsidenten Heuß, der bei der Eröffnung der Universität Tübingen nach dem Krieg sagte, niemals dürfte ein Mann wie Carl Schmitt wieder auf dem  Katheder einer deutschen Universität stehen.

 

Autorin

Er kehrte zurück in seine Heimatstadt Plettenberg. Das war die Zeit, als Ernst Hüsmert und Gerd Giesler ihn kennenlernten.

 

Take 19 (Ernst Hüsmert und Gerd Giesler)

H: Das beruht letzten Endes darauf,  dass die Tochter von Carl Schmitt zur Oberschule in Plettenberg ging und befreundet mit meiner Schwester war. So kam Anima Schmitt in unseren Haushalt.  

G: Ich war ein Jahr vor dem Abitur, und Carl Schmitt pflegte an meinem Elternhaus Eschener Weg 12 den Einstieg in seinen bekannten Spazierweg auf dem Saley zu gehen. Einmal bin ich mitgegangen, und dann hatte er mich als alter Menschenfänger sofort beim Wickel, indem er mich sofort in ein Gespräch verwickelte. Und dann kam sofort als Geschenk das kleine Büchlein Land und Meer, aber auch Dr. Jekyll und Mr. Hyde von Stevenson, auf Englisch.

 

Zitator

Land und Meer, eine weltgeschichtliche Betrachtung, meiner Tochter Anima erzählt.

 

Autorin

Der schmale Band mit etwas mehr als 60 Seiten, erschienen 1954, gehört zu den Werken, die Schmitt in Plettenberg verfasste.

 

Take 20 (Ernst Hüsmert)

Dann ist in Plettenberg entstanden die Endfassung seines Nomos der Erde. Das ist ja eigentlich das grundlegende Werk von ihm über seine Rechtsauffassung. Wie diese Rechtsauffassung, wie dieses Recht überhaupt entsteht, aus Eroberung, aus Verteilung und Verwaltung. Und so entsteht sowohl das Landrecht als aber auch im weitesten Sinne dann das Seerecht. Und dieses Buch ist unendlich wichtig, aber ist wohl auch das am wenigsten verkaufte.

 

 

Autorin

Außerdem schrieb er über den spanischen Staatsmann Donoso Cortés, sein Erinnerungsbuch an die Nürnberger Haft, „Ex captivitate salus“, Heil aus der Haft, dann die politische Theologie II und die Theorie des Partisanen. In den Jahren 1947 bis 51 entstand das „Glossarium“, Tagebuchaufzeichnungen, die erst 1991, also 6 Jahre nach seinem Tod, veröffentlicht wurden.

 

Take 21 (Giesler)

Carl Schmitt war durch dieses sauerländische Exil, wie er das doch auch manchmal benannte, verbittert. Und wenn man das Glossarium liest, dann kommt ja dort doch eine ungeheure Portion an verbitterten und auch sehr missgünstigen Stellungnahmen heraus.

 

Autorin

Und weiterhin antisemitische Äußerungen. Zum Beispiel:

 

Zitator

…, dass die Juden immer Juden bleiben. Während der Kommunist sich bessern und ändern kann. Das hat nichts mit nordischer Rasse usw. zu tun. Gerade der assimilierte Jude  ist der wahre Feind.

 

Autorin

Carl Schmitt empfand Plettenberg als Exil, als sein „San Casciano“, benannt nach Machiavelli. Er setzte sich gern auf eine Stufe mit berühmten Staatsmännern, Staatstheoretikern und Philosophen.

 

Zitator

Er war davon überzeugt, dass er ein geistiges Werk geschaffen habe, dessen Vielfalt und Gedankenreichtum seinesgleichen suchen müsse und dass sein Platz in der Geschichte der der politischen Ideen neben Niccolò Machiavelli, Jean Bodin, Thomas Hobbes, Jean-Jacques Rousseau und Juan Maria Donoso Cortés sein würde. Er sprach von einer Carl-Schmitt-Renaissance, die nach seinem Tode einsetzen werde. Mit Goethes Prophezeiung dem französischen Schriftsteller Benjamin Constant gegenüber mochte er sich gern identifizieren: „… ich weiß auch, dass ich der Welt erscheine wie einer, der ein Schiff erbaut hat auf einem  Berge, Tausende Meilen vom Ozean entfernt: Aber das Wasser wird steigen, mein Schiff wird schwimmen und fahren.“

 

Autorin

Das schrieb Carl Peter Fröhling, Germanist und Historiker, der vor seiner Pensionierung Lehrer am Plettenberger Gymnasium war und Carl Schmitt persönlich kannte, in seinem Aufsatz über die lebenslange Freundschaft Carl Schmitts mit Ernst Jünger: „Ein Beitrag zur Kultur des Umstrittenseins“.

Nach Plettenberg kamen zahlreiche Schmitt-Bewunderer und Verehrer, darunter der Verfassungsrechtler Ernst-Wolfgang Böckenförde, der Philosoph Jacob Taubes, die Publizisten Johannes Gross und Rüdiger Altmann, der Philosoph Hans Blumenberg, der Historiker Reinhart Koselleck, auch Ernst Jünger und Nicolaus Sombart.

 

Take 22 (Gerd Giesler)

Die Faszination von Carl Schmitt ist sicher, dass er – wie es demnächst in einer Biografie von Reinhard Mehring mit dem Titel „Ein Jahrhunderleben“ zeigen wird, die Brüche vom Wilhelminismus über die Weimarer und NS-Zeit bis zur Bundesrepublik erlebt hat, und dass er mit seiner Fähigkeit, Begriffe zu prägen, die schlaglichtartig die Szene erhellen, auch heute noch eine große Faszination ausstrahlt.

 

Autorin

Gleichzeitig, sagt Gerd Giesler, habe ihn etwas Geheimnisvolles umgeben, ein Arkanum.

 

Take 23 (Gerd Giesler)

Und das beruht darauf, dass bei aller Präzision seiner Begriffe, wie man es ja auch etwa häufig gesagt hat von dem Kriterium Freund Feind, das das Politische bestimmen soll, auch immer eine große Unschärfe in seinen Begriffen ist. Und diese Mehrdeutigkeit der Begrifflichkeit führt sehr schnell dazu, dass die Auslegung von Elementen bestimmt wird, die nicht direkt aus der Situation kommen, in der diese Begriffe geprägt wurden. Und da hat Schmitt selber sehr sich dran beteiligt, diese Begrifflichkeit auch nicht allzu scharf werden zu lassen. Also er hat dann auch eine klare, gerade im Alter, Selbstmythisierung betrieben. Und sein Verhältnis zu Goethe etwa ist ja ambivalent gewesen, Zeit seines Lebens, bewundert hat er immer, wie Goethe seien eigenen Mythos geschaffen hat.

 

Autorin

Albert Schweizer Gymnasium in Plettenberg. Eine 13. Klasse befasste sich mit dem berühmtesten Bürger der Stadt Plettenberg, Carl Schmitt. Geschichtslehrer Peter Schmidtsiefer gibt Auskunft über das Projekt:

 

Take 24 (Peter Schmidtsiefer)

Die Idee kam dadurch zustande, dass im Zusammenhang mit der Vereinsgründung die Stadtarchivarin vorgeschlagen hat, ob sich nicht auch die Schule in irgendeiner Weise mit Carl Schmitt beschäftigen könnte. Und da wir das 100jährige Schuljubiläum gefeiert haben, war es eben auch ein gutes Projekt für eine kurze Projektwoche, die Schüler zumindest mal in Carl Schmitt hineingucken zu lassen.

 

Autorin

Die Schüler lasen Schmitts Parlamentarismuskritik, außerdem die Texte „Der Führer schützt das Recht“, „Der Begriff des Politischen“, „Land und Meer“, „Die Theorie des Partisanen“.

 

Take 25 (Peter Schmidtsiefer)

Mit den Texten sind die Schüler zum Teil wirklich auch kritisch umgegangen, weil ihnen eben auch der Kontext durchaus bewusst war; und ihnen als negative Voreingenommenheit auch klar war, dass Carl Schmitt etwas mit dem Nationalsozialismus zu tun hat.

 

Autorin

Mit Carl Schmitts Stil wussten die Schülerinnen und Schüler nur wenig anzufangen.

 

Take 26 (Peter Schmidtsiefer)

Letztlich sind es Schriften der 20er Jahre, und das merkt man auch im Duktus. Dieser Kontext der 20er Jahre, der konservativen Revolution, diese Annäherung an den autoritären Staat, dann dieser ganze mystifizierende Überbau, der darüber hängt, das macht es schon sehr seltsam.

 

Autorin

Nicht nur der Lehrer Peter Schmidtsiefer, auch der Historiker und Jurist Ingo Müller kann nachvollziehen, dass die Schülerinnen und Schüler sich nicht  von Carl Schmitt faszinieren ließen.

 

Take 27 (Ingo Müller)

Denn mir schien es immer ein etwas abgestandener, bildungsbürgerlicher Stil zu sein, nicht Brillanz, sondern Brillantine. Immer ein wenig aufdringlich mit dem Wissen gestrunzt. Ich glaube schon, dass die Schüler das überhaupt nicht verstehen und keinen Zugang haben, weder zu Schmitt noch zur Schmitt-Kritik, die ganzen Kontroversen verstehen sie nicht. Da muss man sich schon sehr gut ans Dritte Reich erinnern und an die Vorgeschichte, um sich da zu engagieren. Ich glaube gern, dass die nichts damit anfangen können.

 

Autorin

An Carl Schmitt scheiden sich, wie man sieht, immer noch die Geister, auch in Plettenberg. Schon als ihm 1978 zum 90. Geburtstag der Ehrenring der Stadt verliehen wurde, gab es nicht nur Zustimmung. Der Förderverein will jetzt das Andenken an Carl Schmitt pflegen und eine museal gestaltete Gedenkstätte errichten. Dagegen wird unterdessen in Leserbriefen im Lokalteil des Süderländer Tageblatts protestiert.

 

Zitator

Carl Schmitt, dem geistigen, staatsrechtlichen Wegbereiter unseres nationalen Unglücks, darf kein Denkmal gesetzt werden; ein Mahnmal in Plettenberg wäre angebracht.

 

 

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