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Kulturtermin Wissenschaft

 

 

 

 

Quantensprung in der Rechtsmedizin

Die DNA-Analyse hilft bei Vaterschaftstests und Verbrechensaufklärung

Eine Sendung von Annette Wilmes

 

 

 

                               Redaktion:   Karin Tholen

                               Regie:         Ralph Schäfer

                               Sendetag:   8. August 2005

                               Sendezeit:  19.04 – 19.30 Uhr

 

 

 

 

 

Take 1 (O-Ton ZDF-Serie Der Letzte Zeuge)

Todeszeitpunkt vor etwa 10 bis 12 Stunden, Verletzung unterblutet, Totenflecken lagegerecht; auf den ersten Blick kein Hinweis auf fremde Gewalt.

 

 

Autorin

Ein Rechtsmediziner, dargestellt von Ulrich Mühe, bei der Arbeit. In der ZDF-Serie „Der letzte Zeuge“ ist ein Jugendlicher den Fahrstuhlschacht hinuntergestürzt. Wie sich bei der Obduktion herausstellt, stand er unter Einfluss von LSD.

Es gibt viele Todesarten in der Krimiserie. Oft spielt Gift eine Rolle, immer wieder gibt es Morde, die wie ein Unfall wirken. Der Rechtsmediziner spielt bei der Aufklärung mitunter eine wichtigere Rolle als der Kommissar.

 

Take 2 (Prof. Rothschild)

Im Falle von Leichenuntersuchungen, also Obduktionen, beginnt das häufig damit, dass wir schon zum Fundort gerufen werden von der Kriminalpolizei, wir untersuchen dann die Leiche direkt dort vor Ort in ihrer Umgebung.

 

Autorin

Der Rechtsmediziner Prof. Dr. Markus Rothschild berät den Drehbuchtautor und den Dramaturgen der Fernsehserie. Vielleicht wirken die Folgen deshalb so lebensecht. Markus Rothschild hat auch ein Buch mit den „unglaublichsten Fällen der Rechtsmedizin’“ herausgegeben, das im Leipziger Militzke-Verlag erschienen ist. Hauptsächlich aber widmet er sich seinem Beruf als Direktor des Instituts für Rechtsmedizin an der Universität zu Köln. Die Arbeit unterscheidet sich kaum von der seines Fernsehkollegen. Zuerst untersucht er die gerade aufgefundene Leiche.

 

Take 3 (Rothschild)

Anschließend kommt der Körper in unser Institut, wir machen dann die Leichenöffnung, machen ein schriftliches Gutachten, informieren aber auch die meistens bei der Obduktion anwesende Kriminalpolizei auch schon gleich über die ersten Ergebnisse. Und im Falle von Tötungsdelikten zum Beispiel kommt es häufig anschließend zu Nachfolgeaufträgen, das heißt, wir machen Untersuchungen zum genetschen Fingerabdruck, wir machen spurenkundliche Untersuchungen, wir machen toxikologische Analysen und, wenn es vielleicht sogar schon einen Beschuldigten zeitnah gibt, untersuchen wir auch den, ob er eventuell Verletzungsspuren hat, weil dies ein Hinweis ja sein könnte dafür, dass er die Tat als Notwehr begangen hat.

 

 

Autorin

Wie in der Fernsehserie geht es in der Rechtsmedizin immer wieder um Mord, aber nicht ausschließlich. 

 

Take 4 (Rothschild)

Das ist natürlich offenkundig, wenn ein Messer im Bauch steckt. Aber die Frage ist, wie ist es dort hinein gelangt? Gibt es Hinweise durch die Präparation, durch die Untersuchung, ob es ein Unfall oder ein Suizid oder eine Fremdbeibringung ist. Aber zum Beispiel auch, wenn irgendwo jemand zu uns kommt und sagt, er wird vergiftet, und bringt dann zum Beispiel Reste von Getränken oder von Nahrungsmitteln mit, dann machen wir auch toxikologische Untersuchungen. Oder eben zum Beispiel Personen, die sagen, seit der Tsunami-Katastrophe vermisse ich meinen Bruder. Man hat mir jetzt gesagt, der sei da und da beigesetzt, ich habe aber meine Zweifel daran. Können Sie dorthin fahren in meinem Auftrag, können Sie das Grab öffnen, Gewebeproben nehmen und das vergleichen mit mir und meinen Geschwistern, um festzustellen, ob das wirklich mein Bruder ist oder nicht.

 

A: Nach welchen Methoden arbeiten Sie?

 

R: Es gibt unterschiedliche Ansätze, je nach Fragestellung, es gibt die drei großen Säulen, die so genannten morphologischen Methoden, das heißt also Untersuchungen am Skelett, bei Skelettfunden, Knochenfunden oder an der Leiche, die Leichenöffnung, auch die mikroskopischen Untersuchungen, wir nennen das Histologie. Aber als zweite große Säule auch die molekularbiologischen Verfahren, also biologische Spuren, Spurenkunde, Identifizierung auch unbekannter Verstorbener mithilfe des genetischen Fingerabdruckes. Und eben die dritte Säule, Toxikologie, das heißt also Alkoholnachweise und Überprüfungen, war der Tote zum Zeitpunkt des Ereignisses unter dem Einfluss von Betäubungsmitteln oder Medikamenten oder anderen Substanzen.

 

 

 

Autorin

Im Strafprozess müssen die Rechtsmediziner ihr Gutachten persönlich vortragen und zwar so, dass medizinische Laien, Richter, Schöffen, Staatsanwälte und Verteidiger es verstehen können. Es sei die Aufgabe des Strafverteidigers, das Gutachten kritisch zu würdigen, sagt Rechtsanwalt Friedhelm Enners:

 

Take 5 (Friedhelm Enners)

Bei den Todesermittlungsgutachten, Obduktionen, ist es hin und wieder mal streitig, ob es sich um Würgemerkmale handelt oder um Pseudowürgmale, dann der Todeszeitpunkt ist oft entscheidend für das Verfahren, nämlich das Alibi kann von Bedeutung sein. Da ist die Frage, wie ist die Leiche gelagert worden, sind die Erkenntnisse des Gutachters angreifbar, weil möglicherweise Veränderungen vorgenommen worden sind. Also da kann man schon einiges den Gutachter fragen und auch kritische Anmerkungen dazu machen. Darüber hinaus ist es sicher auch die Aufgabe des Verteidigers, Methodenkritisch das Gutachten zu überprüfen, wenn er die Sachkunde hat, macht er es selbst, wenn er die Sachkunde nicht hat, beauftragt er einen anderen Gutachter, der entsprechend dann sich an dieses Gutachten setzt.

 

A: Sie haben eben von Pseudowürgemerkmalen gesprochen, was ist das denn?

 

E: Es gibt Hautveränderungen, die entstehen, weil die Leiche falsch transportiert worden ist, die von dem Rechtsmediziner möglicherweise als Würgemerkmale angesehen werden. In Wirklichkeit sind es Lagerungsspuren. Das auseinander zu halten, das zu erkennen, ist sehr schwierig. Das ist ja oft Gegenstand auch von ganz spektakulären Wiederaufnahmeverfahren, dass dann Gutachter zu dem Ergebnis oft kamen, dass die Erkenntnisse des Ursprunggutachters falsch waren und die Entscheidungen dann im Wiederaufnahmeverfahren korrigiert worden sind.

 

 

Autorin

Hier meint Friedhelm Enners zum Beispiel den Fall Hetzel. Der junge Mann war 1955  im Alter von 28 Jahren zu lebenslanger Haft verurteilt worden, weil er eine 25jährige Anhalterin in seinem Auto mit einem Kälberstrick erdrosselt haben sollte. Immer wieder beteuerte er seine Unschuld. 14 Jahre später:

 

Take 6 (Enners)

In einem Wiederaufnahmeverfahren stellte sich dann heraus unter Hinzuziehung des Rechtsmediziners Prokop damals in Ostberlin an der Charité, dass diese Würgemerkmale keine Würgemerkmale waren, sondern nur so genannte Pseudowürgemerkmale. Sie sind entstanden durch die Lagerung der Leiche. Das hat er sehr überzeugend dann dargelegt, mit der Folge, dass im Wiederaufnahmeverfahren die Unschuld sich herausstellte und er dann freigesprochen wurde.

 

 

Autorin

Die junge Frau war an Herzversagen gestorben. Der Fall Hetzel diente als Grundlage für den  2001 erschienenen Roman „Der Fall Arbogast“. Die Geschichte ist auch verfilmt worden.

In weniger spektakulären Fällen können rechtsmedizinische Gutachten  ebenfalls großen Einfluss auf die Entscheidung des Gerichts haben, weiß Rechtsmediziner Markus Rothschild:

 

Take 7 (Rothschild)

Die rechtsmedizinische Expertise ist ein Mosaikstein. Mal ein großer Stein, ein richtig großer Stein, häufig sind wir eher kleine Steinchen, die in das gesamte Ermittlungsgefüge dann entsprechend hineinpassen, es kommt auch sehr viel auf die Ermittlungsarbeit natürlich und im wesentlichen der Kriminalpolizei an, aber es gibt tatsächlich Fälle, wo das rechtsmedizinische Gutachten Fall entscheidend ist.

 

 

Autorin

Die rechtsmedizinischen Institute werden von  Medizinern geleitet. Die weiteren Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter kommen jedoch auch aus anderen Fachgebieten.

 

Take 8 (Rothschild)

Generell ist die Rechtsmedizin ein sehr interdisziplinäres Fach, kein rechtsmedizinisches Institut hat nur Ärzte, sondern es arbeiten eigentlich in jedem rechtsmedizinischen Universitätsinstitut, zumindest dort, neben den Medizinern auch Biologen, Chemiker, wenn man Glück hat auch Physiker und natürlich auch Molekularbiologen und Biochemiker und wir in Köln haben sogar noch einen Mathematiker.

 

 

Autorin

Im Institut für Rechtsmedizin an der Freien Universität Berlin leitet Prof. Dr. Hubert Pöche die Arbeitsgruppe Forensische Molekularbiologie. Sein Arbeitsplatz ist nicht der Seziersaal, sondern das Labor.

 

Take 9 (Pöche)

Wir sind ein Institut für  Rechtsmedizin und der Hauptanteil sind ja Obduktionen hier. Und wir sind eine eigenständige Abteilung innerhalb des Instituts. Und in dem Moment, wenn bei der Obduktion irgendein Fall anfällt, geht von uns jemand in den Obduktionssaal, in den Seziersaal, sichert die biologischen Spuren und dann geht das Zeug ins Labor.

 

 

Autorin

Seit 1985 werden DNA-Analysen durchgeführt, zum ersten Mal in England, Leicester, im Labor von Alec Jeffreys. Dafür wurde Jeffreys geadelt. Auch der Begriff genetic fingerprinting (genetischer Fingerabdruck) stammt von ihm. Er kam auf die Idee, weil der genetische Fingerabdruck in seiner Rohform aussieht wie ein Strichcode, der ihn an individuelle Linien des Daumenabdrucks erinnerte. Erstmals wurde der Gen-Test angewendet, als das Einwanderungsgesuch eines Jungen aus Ghana bearbeitet wurde: Jeffreys konnte nachweisen, dass der Junge das Kind der Mutter war, die das behauptete.

 

Take 10 (Pöche)

Also DNA-Analyse ist wie folgt zu verstehen. Wir haben die Zellkerne, in den Zellkernen befinden sich die Chromosomen, und in den Chromosomen verpackt ist die DNA. Diese DNA wird isoliert. Und dann müssen Sie sich das wie folgt vorstellen. Sie spannen eine Wäscheleine, und in bestimmten Abständen auf der Wäscheleine hängen Sie Klammern dran. Und diese Klammern, das sind die Gene. Diese Gene sind für unsere Merkmalsausprägung verantwortlich. Diese untersuchen wir nicht, denn die sind nicht informativ. Wir untersuchen die Regionen, die zwischen den Wäscheklammern immer liegen, denn diese Regionen sind hoch polymorph, und damit können Sie im Endeffekt, wenn Sie 12 verschiedene dieser Regionen untersuchen, man nennt das genetische Marker, dann können Sie alle Menschen der Erde unterscheiden, mit Ausnahme eineiiger Zwillinge, die sind nun mal gleich.

 

 

Autorin

Die DNA-Analyse hat die Rechtsmedizin grundlegend verändert. Manche sprechen sogar von einem „Quantensprung“. Der Molekularbiologe Hubert Pöche sieht ebenfalls einen großen Fortschritt gegenüber den konventionellen Methoden.

 

Take 11 (Pöche)

Die serologischen Methoden führten natürlich mit einer wesentlich geringeren Wahrscheinlichkeit zu einer Überführung. Man war damals schon manchmal sehr froh, wenn man nachweisen konnte, dass eine Person von 500 Personen diese Markerkombination trägt. Unterdessen ist die DNA-Analyse so hoch effizient geworden, dass man heute mit einer Wahrscheinlichkeit von 99 Komma und dann kommen viele Neunen sagen können, die Spur stammt von dieser Person.

 

 

Autorin

Sperma, Blutspritzer auf Kleidungsstücken, ausgerissene Haare mit Wurzeln – es reichen geringste biologische Spuren, um DNA zu isolieren und zu untersuchen.

 

Take 12 (Pöche)

Man rechnet das auch nach Personen, mit welcher Wahrscheinlichkeit, und dann kommen Sie auf Zahlen wie eine Person von 3,5 Milliarden Personen trägt diese Kombination. Und dann brauchen Sie auch nicht mehr weiter darüber zu diskutieren, ob er der Spurenverursacher ist oder ob er nicht der Spurenverursacher ist. Also jeder Anwalt, jeder Verteidiger in so einem Fall, der fragt dann auch nicht weiter.

 

Autorin

Strafverteidiger Friedhelm Enners kann das bestätigen. Er befürchtet jedoch, dass die Methode unverhältnismäßig angewandt werden könnte. Anfang Juli 2005 hat das Gesetz zur Neuregelung der DNA-Analyse für Strafverfolgungszwecke den Bundesrat passiert. Wenn es in Kraft tritt, können auch bei nicht so schwerwiegenden Delikten wie Diebstahl oder Sprayen Daten erhoben und gespeichert werden, sofern die Taten wiederholt begangenen wurden. Bislang war die Speicherung nur bei erheblichen Straftaten und Sexualdelikten möglich. Immerhin bedeutet die DNA-Analyse einen Eingriff in das Recht auf informationelle Selbstbestimmung.

 

Take 13 (Enners)

Es ist ja nicht allein das Beweismittel, es ist ja der genetische Code, der dann gespeichert wird und gegebenenfalls anderweitig abgerufen werden kann.

 

 

Autorin

Vorstellungen einiger Politiker, man sollte am besten alle männlichen Neugeborenen genetisch erfassen und die Daten speichern, hält auch der Molekularbiologe Hubert Pöche für absurd. Allein für die Untersuchungen bräuchte man Jahrzehnte. Die derzeitige DNA-Datei beim Bundeskriminalamt in Wiesbaden schätzt er jedoch sehr.

 

Take 14 (Pöche)

In der Datei sind bis Dezember 2004 390000 Datensätze gespeichert. Das sind also Personen, die  verurteilt sind oder wo ein Tatverdacht vorliegt, und es sind zum Beispiel biologische Spuren. Von diesen 390000 Sätzen konnten 18000 aufgeklärt werden. Und unter diesen 18000 gab es 378 Morde und 870 Sexualdelikte. Das ist eine sehr hohe Erfolgsquote muss ich sagen.

 

 

Autorin

Mithilfe der DNA-Untersuchung wurden viele Verbrechen aufgeklärt. Es sei jedoch auch vorgekommen, dass ein mutmaßlicher Täter, gegen den viele Indizien sprachen, durch die DNA-Analyse eindeutig entlastet wurde, sagt Strafverteidiger Enners und nennt ein Beispiel:

 

Take 15 (Enners)

Ein Beschuldigter hat mit einem Homosexuellen Analverkehr gehabt und auch eine Spermienspur verursacht. Das Opfer wurde tot aufgefunden. Es gab Zeugen, die bekundeten, dass der Beschuldigte in fast zeitlicher Nähe in der Wohnung sich aufgehalten hat. Weitere andere Personen wurden von Zeugen eben nicht wahrgenommen. Der Beschuldigte wurde inhaftiert, ihm wurde der Mordvorwurf eröffnet und das erste serologische Gutachten kam zu dem Ergebnis, dass mit großer Wahrscheinlichkeit er der Spurenverursacher war. Wenn das so gewesen wäre, hätte man wohl dann den Schluss ziehen können, dass er auch der Täter gewesen war. Die dann danach durchgeführte DNA-Analyse hat ergeben, dass er als Spurenverursacher auszuscheiden ist, mit der Folge, dass er unschuldig war, der Haftbefehl aufgehoben wurde, und er sofort aus der Untersuchungshaft entlassen wurde.

 

 

Autorin

Den wirklichen Täter hat man nie gefunden. Auch Hubert Pöche kennt Fälle, in denen sich im Nachhinein der als Täter Verurteilte als unschuldig herausstellte. In den USA zum Beispiel gebe es Anwaltsbüros, die auf Wiederaufnahmeverfahren spezialisiert seien. In den meisten Fällen, mit denen Pöche selbst befasst war, wurden jedoch die Täter identifiziert.

 

Take 16 (Pöche)

Ich glaube, vor zwei oder drei Jahren, ich weiß es nicht mehr genau, wurde in einem Park in Berlin eine junge Frau umgebracht und es gab am Anfang überhaupt keinen Hinweis auf einen Tatverdächtigen. Aber wir hatten das Spurenmaterial analysiert und kannten die genetischen Marker des Täters. Und dann wurde ein naher Verwandter, in den Ermittlungsakten kam heraus, dass es da Streit gegeben hatte mit einem nahen Verwandten, ich glaube, es war der Cousin, und der wurde dann auch der Tat überführt.

Ich kann Ihnen noch einen anderen Fall schildern. Vor einigen Jahren erhielten wir 32 Zigarettenkippen, die immerhin ich glaube 18 Jahre alt waren. Die waren asserviert bei der Polizei. Und dann haben wir aus den Zigarettenkippen die DNA analysiert. Und es war immerhin möglich, noch aus 27 der Kippen DNA zu isolieren nach dieser langen Zeit. Und dann war folgendes, dass 6 der Zigarettenkippen übereinstimmten, also das gleiche genetische Muster zeigten. Und dieses genetische Muster trug dann auch der Tatverdächtige. Das war auch ein sehr alter Fall natürlich.

 

 

Autorin

Mit noch viel älteren biologischen Spuren arbeitet mitunter der Rechtsmediziner Markus Rothschild, der das rechtsmedizinische Institut an der Kölner Universität leitet.

 

Take 17 (Rothschild)

Grundsätzlich ist es so, dass zum Beispiel Blutspuren, die eingetrocknet sind, oder Gewebespuren, die aus irgendwelchen Gründen sofort, wenn sie sich vom Körper gelöst haben, eingetrocknet sind, sich über hunderte, oder wenn sie trocken, kühl und dunkel gelagert werden, wahrscheinlich unendlich lange halten werden. Die DNA ist praktisch konserviert, und man kann an diesem Gewebe noch nach hunderten und tausenden von Jahren DNA-Untersuchungen machen.

 

A: Das haben Sie aber noch nicht gemacht?

 

R: Doch, wir machen das auch, wir machen das vor allen Dingen, ich bin jetzt zur Zeit in Nordrhein-Westfalen, da werden viele Kirchen auch saniert, wir machen es zum Beispiel auch, wenn Gräber geöffnet werden, wenn Kirchen saniert werden, um zum Beispiel zu schauen, wer liegt eigentlich in so einem Grab, wie sind die Verwandtschaftsverhältnisse in so einem Grab, das kann man zum Beispiel auch noch am Knochengewebe und an Zähnen relativ gut machen.

 

 

Autorin

Seit einigen Jahren ist die DNA-Analyse vor allem für die Vaterschaftstests zu einem unverzichtbaren Instrument geworden. Die neue Methode habe die Rechtsmedizin geradezu revolutioniert, sagt Markus Rothschild:

 

Take 18(Rothschild)

Ganz früher hat man das vom Augenschein her gemacht. Also anthropologische Begutachtung, sehen die Ohren des Kindes den möglichen Eltern ähnlich oder nicht. Das war natürlich mit großen Unsicherheiten behaftet. Dann gab es die Möglichkeit der Serologie, dass ich also über Blutgruppenmerkmale das Ganze über Jahrzehnte gemacht habe. Und jetzt mit den DNA-Untersuchungsmethoden gelingt das in fast allen Fällen zweifelsfrei.

 

 

Autorin

In den ersten zwei Lebensjahren eines Kindes kann jederzeit die Vaterschaft angefochten werden. Danach wird es kompliziert. Bezweifelt ein Mann ernsthaft, dass er der Vater des Kindes ist,  mit dem er Jahre lang zusammengelebt hat und für das er seit der Trennung von seiner Frau Unterhalt zahlt, kann er nur unter bestimmten Voraussetzungen vor dem Familiengericht klagen. Es reicht zum Beispiel nicht aus, dass der Vater meint, das Kind sei ihm nicht ähnlich. Er muss, wie es juristisch heißt, einen „begründeten Anfangsverdacht“ haben. Esther Caspary, Fachanwältin für Familienrecht, erklärt, warum der Gesetzgeber das Anfechtungsrecht so restriktiv ausgestaltet hat:

 

Take 19 (Caspary)

Der Grund war schlichtweg der, es stammt ja aus einer Zeit 1900, in der es keine sicheren Mittel gab, die Vaterschaft festzustellen. Insbesondere diese Blutgruppengutachten waren kein zuverlässiges Beweismittel. Man hatte also eine Situation, dass in vielen Fällen, obwohl ein Verfahren durchgeführt worden ist, am Ende nicht sicher war, ist dieser Mann jetzt der Vater, ist er es nicht. Zudem waren die Untersuchungen teilweise für die Beteiligten sehr belastend, es musste ja Blut entnommen werden, mitunter auch von den Verwandten, dann wurden noch früher auch vergleichende Untersuchungen hinsichtlich verschiedener körperlicher Merkmale durchgeführt, es wurden Fotos genommen und so weiter und so fort. Also es war schon ein erheblicher Aufwand, der betrieben wurde. Und das alles für ein ungewisses Ergebnis. Vor dem Hintergrund kann man verstehen, dass der Gesetzgeber sagte, gut, das ist ein massiver Eingriff, dem möchte man die Beteiligten eigentlich nur aussetzen, wenn es wirklich nötig ist. Das ist heutzutage durch DNA-Gutachten natürlich ganz anders. Es ist im Grunde keine Belastung für die Betroffenen damit verbunden, es reicht ja aus, ein Kaugummi mit Speichel oder ein Haar, es muss noch nicht mal Blut abgenommen werden, und an dem Feststellungsverfahren als solchem, also an dem Gutachten, sind die Betroffenen, Mutter, Vater, Kind gar nicht mehr beteiligt, das macht eben dann das Labor. Also denkbar geringer körperlicher und auch sonstiger Eingriff mit größtmöglicher Sicherheit, was das Ergebnis anbetrifft.

 

 

Autorin

Die Rechtsprechung hat sich dem noch nicht angepasst. Im Januar 2005 entschied der Bundesgerichtshof in zwei Fällen, dass Vaterschaftsanfechtungsklagen nicht zulässig seien. Die Väter hatten heimlich, ohne das Wissen der Mutter, einen DNA-Test in einem Privatlabor durchführen lassen. Das Ergebnis: Sie sind tatsächlich nicht die Väter. Aber heimliche Tests sind aus gutem Grund nicht gerichtsverwertbar. Denn sie bedeuten einen Eingriff in das Recht auf informationelle Selbstbestimmung. Außerdem ist bei anonymen Tests nicht garantiert, dass das untersuchte Haar oder der Kaugummi wirklich von dem Kind stammt. Der Bundesgerichtshof wollte denn auch von den heimlichen Tests nichts wissen.

 

Take 20 (Caspary)

Das war ja das besondere an dieser BGH-Entscheidung, dass es im Grunde gar nicht um ein Beweisverwertungsgebot ging, weil ja gar nicht Beweis erhoben worden war durch das Gericht. Sondern der Vater hatte gesagt, ich habe dieses heimliche Gutachten einholen lassen, daraus ergibt sich mit Sicherheit, dass ich nicht der Vater bin. Also habe ich einen begründeten Anfangsverdacht. Und das Gericht hat gleichwohl gesagt, das können wir nicht verwerten, auch diesen Parteivortrag sozusagen können wir nicht verwerten, weil eben das Gutachten heimlich eingeholt worden ist. Das ist ja das absurde eigentlich an dieser Entscheidung, dass die Väter und jeder genau weiß, sie sind nicht der Vater dieses Kindes, und es gibt keine rechtliche Möglichkeit, das auch feststellen lassen durch ein Gericht. Also rechtlich bleiben die einfach Väter.

 

 

Autorin

Die BGH-Entscheidungen haben jetzt eine rechtspolitische Diskussion ausgelöst. Viele Politikerinnen und Politiker, aber auch Anwältinnen und Anwälte plädieren dafür,  die Hürde für ein Gerichtsverfahren deutlich tiefer zu hängen. Es gibt auch Stimmen, den so genannten „Anfangsverdacht“ ganz fallen zu lassen, ein Begriff aus dem Strafrecht, der im Zivilrecht nichts zu suchen habe. Dass nicht ohne Not und ohne Grund einfach drauflos geklagt würde, dafür sorgten schon die Gerichts- und Anwaltskosten.

Die restriktive Rechtsprechung hat außerdem die Konsequenz, dass unzählige Privatlabors ihre Geschäfte mit Vaterschaftstests machen, denen es gleichgültig ist, ob die Tests anonym oder mit der Zustimmung aller Beteiligten in Auftrag gegeben wurden. Rechtsanwältin Caspary:

 

Take 21 (Caspary)

Es wird auch ganz massiv Werbung betrieben von diesen Labors. Wir haben sogar schon so Teströhrchen zugeschickt bekommen mit einem entsprechenden Anschreiben, in dem wir dann aufgefordert wurden, das auszulegen, am besten im Wartezimmer, um es den Mandanten leicht zu machen, um mal eben ihre Vaterschaft überprüfen zu lassen. Also ich muss sagen, ich finde zumindest diese Werbemethode unseriös. Ob dann das dahinter stehende Labor auch unseriös ist, kann ich nicht beurteilen. Aber misstrauisch macht einen das natürlich schon.

 

 

Autorin

Die Bundesjustizministerin der Justiz, Brigitte Zypries, hat erwogen, die heimlichen Vaterschaftstests unter Strafe stellen zu lassen, durch eine Änderung des Gendiagnostik-Gesetzes. Entsprechende Entwürfe liegen noch nicht vor.

Das Thema heimliche Vaterschaftstests kam erst so richtig in Gang, seit die Tests in Privat-Labors erschwinglich sind und seit eine Zahl über angebliche „Kuckskinder“ kursiert. Professor Markus Rothschild, selbst häufig mit Vaterschaftstests befasst, hegt Zweifel:

 

Take 22 (Rothschild)

Vor einigen Jahren erschien mal in einer Zeitschrift ein Artikel darüber, dass 10 Prozent der Kinder nicht wirklich von dem Vater abstammen, von dem sie glaubten, dass sie von ihm abstammen. Und diese Zahl war offenbar, ich weiß nicht, von wem sie stammt, aber sie ist ganz offensichtlich quatsch, auch wenn man das mathematisch mal nachvollzieht. Das kann nicht sein, das ist zu hoch gegriffen, wir vermuten, dass es vielleicht sogar von privaten Vaterschaftstestlabors in die Welt gesetzt worden ist. Wenn man Hochrechnungen macht von den gesicherten Zahlen, die wir haben, dann ist man irgendwo im Promillebereich, das heißt, ungefähr 0,1 bis 1 Promille der Kinder stammen nicht wirklich vom Vater ab. Und in den allermeisten Fällen ist das auch unproblematisch und übrigens bekannt. Also 10 Prozent ist eine absolute Kuckuckszahl.

 

Autorin

Eine andere Zahl deutet in dieselbe Richtung: In 80 Prozent der Fälle, in denen zweifelnde Väter einen Test durchführen ließen, hat sich herausgestellt, dass ihre Zweifel unberechtigt waren. Dennoch, meint auch Markus Rothschild, müsste es jedem, der unsicher ist, erlaubt sein, die Sache vor Gericht klären zu lassen. Und dort kann ein Test auch ohne den Willen der Mutter in Auftrag gegeben werden.

 

Take 23 (Rothschild)

Denn es kann natürlich nicht sein, dass jemand unter Umständen in einem sehr hohen und ihn und seine Existenz vielleicht sogar gefährdenden Bereich Unterhaltszahlungen leistet, viele Jahre lang, und gleichzeitig berechtigte Zweifel hat an der Vaterschaft, dass er das nicht überprüfen kann, das geht nicht. Und hier muss natürlich auch die Latte tiefer gehängt werden. Es sollte aber alles dann unter der Regie eines Gerichtes laufen, eines Richters oder einer Richterin, die eben auch vernünftigerweise eingreifen kann, wenn sie zum Beispiel merkt, dass da irgendetwas aus dem Ruder läuft, auch mithilfe von Mediation von entsprechenden Anwälten. Es sollte also nicht irgendwo heimlich im Hintergrund schon mal anlaufen und dann möglicherweise in weiteren Straftaten dann münden, weil die sich dann nachher gegenseitig verletzen.

 

 

Autorin

Ob im Familienrecht bei den Vaterschaftstests oder im Strafrecht bei der Verbrechensaufklärung  – die DNA-Analyse hat die Rechtsmedizin verändert. Aber auch die herkömmlichen Methoden wie Histologie, Toxikologie oder die Todeszeitschätzung werden selbstverständlich weiterhin zum Aufgabengebiet der Rechtsmediziner gehören. Genauso, wie es in der ZDF-Serie „Der letzte Zeuge“ gezeigt wird.

 

Take 24 (O-Ton ZDF)

Drei Injektionen, Strychnin in der ersten, was zur Muskelkontraktion führt, Curanin in der zweiten, was zur Muskelerschlaffung führt, Todesursächlich eine Strychnin-Injektion in der Herzgegend. Nebenspuren: Polioäthan an den Fingern der rechten Hand.

 

 

 

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