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Würde und Recht

Opferschutz im Strafverfahren

Eine Sendung von Annette Wilmes

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

                               Redaktion:  Dörte Thormählen

                               Sendetag:   25. Mai 2010

                               Sendezeit:  19.04 – 19.30 Uhr

 

 

 

 

 

                                                                              

 

 

 

 

 

 

 

 

Take 1 (Kollage: Petra Z., Rothkegel, Fastie, Petra Z.)

Z: Überhaupt Gericht und der Gedanke an diesen Termin, ich hatte einfach große Angst, ich hatte große Angst.  R: Es kommt relativ häufig vor, dass sie vor der Polizei eigentlich ziemlich detailgetreu schon ausgesagt haben. Und wenn es dann zur Hauptverhandlung kommt und sie ihren Peinigern gegenüber sitzen, dann ist es so, als fällt ein Rolladen runter, dass dann einfach vor lauter Schreck gar nichts mehr kommt. F: . Aber gerade wenn es um sexuelle Übergriffe oder schwerste Gewalthandlungen im familiären Kontext geht, dann ist das Problem nicht nur der Übergriff und auch nicht nur das Strafverfahren, sondern dass Familien auseinander fliegen. Z: Für mich hing unheimlich viel davon ab. und das ganze Gericht war so, dass ich dachte, oh Mann, hoffentlich schaffe ich das alles, hoffentlich geht das gut für mich aus. 

 

 

Autorin

Für die meisten Opfer einer Straftat ist es unangenehm und belastend, im Gerichtssaal als Zeuginnen oder Zeugen vernommen zu werden. Vor allem der Frauenbewegung, aber auch den Opferverbänden ist es zu verdanken, dass auch Opfer vor Gericht Rechte haben und als Nebenkläger auftreten dürfen. Neben der juristischen Unterstützung können ihnen auch psychosoziale Helferinnen oder Helfer – meist Psychologinnen oder Sozialpädagoginnen – zur Seite stehen, wichtig vor allem für kindliche oder jugendliche Opfer von Gewalttaten. Am 1. Oktober vergangenen Jahres trat das Zweite Opferrechtsreformgesetz in Kraft. Dadurch wurden die psychosoziale Begleitung und Beratung zum ersten Mal in die Strafprozessordnung übernommen.

 

Take 2 (Friesa Fastie)

Der 406h Nr. 5 StPO beschreibt eine Hinweispflicht, das heißt, dass Opfer von Straftaten auf die Möglichkeit der psychosozialen Prozessbegleitung oder Beratung hingewiesen werden sollen. Generell muss man sagen, dass die Akzeptanz in der Justiz für Prozessbegleitung leider noch sehr gering ist. Was aber auch damit zu tun hat, dass natürlich wenig Wissen über die Art der Arbeit vorhanden ist.

 

Autorin

Und weil es noch keinen Rechtsanspruch gibt. Friesa Fastie, Sozialpädagogin und Sozialarbeiterin, ist seit 1984 in der Freien Jugendhilfe tätig und begleitet Mädchen und Jungen als Verletzte und Beschuldigte im Strafverfahren. So eine Prozessbegleitung beginnt bestenfalls sechs Wochen vor der Hauptverhandlung im Gericht.

 

Take 3 (Friesa Fastie)

Sechs Wochen reichen gut, um sich kennen zu lernen und zu schauen, was beunruhigt die Kinder und Jugendlichen, was gefällt ihnen auch, also Strafverfahren sind nicht nur schlimm, ein gut bewältigtes Strafverfahren kann nahezu heilenden Charakter haben. Ich habe auch schon Verfahren gehabt, die mit einem Freispruch geendet sind. Alle sind hoch anständig mit der Zeugin umgegangen, und ich habe heute noch Kontakt zu ihr und wenn ich sage, was war das Schlimmste, dann sagt sie, die Tat war das Schlimmste, und was hat dir am besten gefallen, dann sagt sie, der Umgang mit mir während des ganzen Verfahrens. Und heute noch mal zurück, ich würde wieder wollen, dass angezeigt wird, obwohl es einen Freispruch gegeben hat, der rechtlich sicher auch o.k. war.

 

Autorin

Auch für erwachsene Zeuginnen und Zeugen, die Opfer von Gewalttaten wurden, kann Unterstützung im Strafverfahren wichtig sein. Zum Beispiel für Petra Z., die sich nur in der anonymen Atmosphäre eines Cafés interviewen lässt. Sie war immer wieder von ihrem Lebensgefährten bedroht worden, im Fachjargon ist sie ein „Opfer häuslicher Gewalt“. Ihr erster Gerichtstermin fand nicht vor dem Straf-, sondern vor dem Familiengericht statt. Dort erwirkte sie nach dem Gewaltschutzgesetz, dass der Mann sich ihr nicht mehr nähern durfte.

 

Take 4 (Petra Z.)

Also ich war sehr lange in der Beziehung mit ihm. Und er hat schon ziemlichen psychischen Druck ausgeübt, und ich habe mich ja getrennt und somit auch zur Wehr gesetzt. Ich bin ihm sozusagen entkommen. Auch wenn er das anders sieht. Und ihm gegenüber zu treten, ja, das war am Familiengericht schon also ziemlich schrecklich.

 

Autorin

Und dann musste Petra Z. auf den Termin vor dem Amtsgericht warten, wo ihr früherer Lebensgefährte angeklagt war.

 

Take 5 (Petra Z.)

Ich hatte große Angst, für mich hing sehr viel davon ab, im Prinzip alles, alles hing davon ab, ja. Und ich hatte einfach große Ängste. Und ich werde von der Beratungsstelle Tara begleitet, das ist eine Beratungsstelle für Frauen in Konflikt- und Gewaltsituationen. Die haben mir als erstes von der Opferhilfe erzählt, und da wollte ich da aber noch nicht anrufen, weil ich dachte, oh, da muss ich wieder von vorne anfangen, muss erklären, warum will ich da jetzt eine Hilfe, wie helfen die mir überhaupt, ich konnte mir gar nicht vorstellen, was die da jetzt machen, Zeugenbetreuung, was bedeutet das jetzt. Aber dann hat meine Anwältin mir gleich die Nummer übern Tisch geschoben und gesagt, rufen Sie mal an. Das ist wirklich eine gute Sache, machen Sie das.

 

Autorin

Die gute Sache, also die Zeugenbetreuungsstelle der Opferhilfe im Kriminalgericht Moabit, befindet sich gleich im Bereich des Nebeneingangs, direkt im Erdgeschoss. So ist sie leicht zu finden in dem sonst so riesigen und unübersichtlichen Gerichtsgebäude. Zwei Sozialarbeiterinnen arbeiten hier im Auftrag der Opferhilfe.

 

Take 6 (Petra Z.)

Dann habe ich da angerufen, weil ich einfach dachte, du schaffst das nicht alleine, du schaffst es einfach nicht alleine. Und war sehr überrascht, dass niemand meine Geschichte hören wollte, ganz im Gegenteil, die wollte nur wissen, in welchem Saal findet das statt und wann und  hat dann gleich mit mir etwas ausgemacht.

 

Autorin

Petra Z. traf sich mit einer der Sozialarbeiterinnen in Moabit, um den Gerichtssaal zu besichtigen.

 

Take 7 (Petra Z.)

Das war einfach nur genial. Weil wir waren da bestimmt eine Stunde drin, nur sie und ich, und ich konnte mich überhaupt erstmal akklimatisieren, mit diesem Raum, und ich habe mich dann dahin gesetzt, wo ich gesessen hätte, und sie hat mir dann genau erklärt, was für mich sehr wichtig war, wo sitzt die Richterin, wer ist da überhaupt alles zugegen, wo sitzt meine Anwältin, seine Anwältin, wie das alles abläuft, wer praktisch zuerst was fragen darf, und wie die Reihenfolge ist, was darf er mich fragen, wenn er mich überhaupt was fragen darf. Hat ganz viel darüber erzählt und wenn man was nicht kennt, dann macht einem das viel größere Angst, als wenn man darüber informiert ist.

 

Autorin

So vorbereitet, ging Petra Z. relativ gelassen am Prozesstag zum Gericht.

 

Take 8 (Petra Z.)

Die Frau, die mich da betreut hat, die bot mir auch an, dass sie während der Gerichtsverhandlung auch neben mir sitzen könnte, also nur sitzen, ohne mich jetzt anzusprechen, einfach nur im Zweifelsfalle mir Händchen zu halten. Und da dachte ich, okay, links meine Anwältin, plus die Staatsanwältin, rechts die Frau von der Zeugenbetreuung, da dachte ich, man, was habe ich für ein Glück.

 

Autorin

Auf dieses Glück einer psychosozialen Prozessbegleitung haben Opfer von Gewalttaten zwar nach wie vor keinen Rechtsanspruch.  Aber seitdem das Zweite Opferrechtsreformgesetz am 1. Oktober vergangenen Jahres in Kraft getreten ist, müssen sie laut Strafprozessordnung immerhin zu Beginn des Ermittlungsverfahrens auf dieses Hilfsangebot hingewiesen werden. Vielleicht wird die Prozessbegleitung auch hier noch zum festen Bestandteil im Strafverfahren, wie es zum Beispiel in Österreich längst der Fall ist. Zumindest beginnt ein entsprechendes Modellprojekt im Juni in Mecklenburg-Vorpommern.

Schon jetzt dürfen die Opfer neben der Staatsanwaltschaft auch selbst als Nebenkläger auftreten, vertreten durch eine Rechtsanwältin oder einen Rechtsanwalt.

 

Take 9 (Christina Clemm)

Unsere Mandantinnen und Mandanten sind eben die Opfer in den Strafverfahren. Und sie haben ganz bestimmte Rechte bekommen, damit sie, so hat es das Gesetz gesehen, nicht zum Objekt des Verfahrens werden, sondern eine eigene Subjektstellung haben.

 

Autorin

Rechtsanwältin Christina Clemm.

 

Take 10 (Christina Clemm)

Als Nebenklagevertreterin ist es einmal meine Aufgabe, meine Mandanten und Mandantinnen gut durch dieses sehr, sehr anstrengende und oft auch sehr belastende Verfahren zu bringen, sie auf dieses Verfahren vorzubereiten, und dann aber dieses Verfahren auch mit zu gestalten, indem ich Beweisanträge stelle, genauso wie die Strafverteidiger auch. Also Beweisanträge, ich beantrage, die Öffentlichkeit auszuschließen oder eben bestimmte Zeugen zu hören, ich plädiere. Ich mache eigentlich all das, was auch Strafverteidiger und Strafverteidigerinnen machen.

 

Autorin

Christina Clemm ist Fachanwältin für Strafrecht. Sie tritt nicht ausschließlich als Nebenklagevertreterin, sondern immer wieder auch als Verteidigerin auf. Sie kennt also beide Seiten.

 

Take 11 (Clemm)

Das ist natürlich so, dass ein Strafverfahren, und das auch wirklich zu Recht, an dem Täter orientiert ist, er ist die Hauptperson des Verfahrens. Es muss nur dennoch nicht auf Kosten der Geschädigten gehen. Ich finde auch, vernünftige Strafverteidigung genau in diesen Verfahren, in denen es die Opfer so sehr  belastet, bei den Sexualstraftaten, da muss eine Verteidigung nicht unter der Gürtellinie sein. Das ist eben häufig Aufgabe einer Nebenklagevertretung, genau das zu verhindern, dass die Geschädigte in so einem Verfahren noch einmal traumatisiert wird.

 

Autorin

Um die Nebenklage zu professionalisieren, haben sich Rechtsanwältinnen überregional zu einem Verein zusammengeschlossen. Neben der fachlichen Fortbildung geht es Ihnen auch darum, sich rechtspolitisch zu engagieren. Außerdem wollen sie die interdisziplinäre Zusammenarbeit mit Opferschutzorganisationen und anderen auf diesem Gebiet arbeitenden Berufsgruppen fördern. Dazu gehört auch die psychosoziale Prozessbegleitung.

 

Take 12 (Clemm)

Ich war am Anfang skeptisch, ich finde das aber wunderbar mittlerweile. Ich finde, dass die, die ich kennengelernt habe, die das professionell machen, tatsächlich einen sehr professionellen Umgang haben, indem sie nämlich tatsächlich aufteilen können, das was ihre Aufgabenbereiche sind und meine. Sie begleiten ja manchmal die Zeuginnen schon zu mir, warten dann hier in meinem Warteraum und ich spreche ja häufig mit meinen Mandantinnen über Dinge, die sie sehr aufrühren und die kommen häufig verheult aus meinem Zimmer aus und ich kann dann eben nicht mit so einem Kind Eis essen gehen und noch mal wieder das aufpäppeln, sondern das kann dann so eine Prozessbegleiterin tun. Und genau so ist es natürlich auch nach der Aussage in der Hauptverhandlung. Ich kann eigentlich noch nicht mal meine Mandantin nach draußen begleiten, weil der Prozess meistens ja einfach weiterläuft. Und dann ist sie endlich fertig, und dann muss ich sie vor der Tür stehen lassen. Und häufig sind dann bei Kindern ja Eltern dabei, die aber selbst auch nicht in der Lage sind, die richtig aufzufangen, weil sie emotional ja auch so belastet sind. Und das können eigentlich nur professionelle Prozessbegleitungen.

 

Autorin

Diese Form der Opferunterstützung in den Gerichtssälen wird zwar schon seit vielen Jahren praktiziert, aber sie  ist  nach wie vor noch nicht bekannt genug und außerdem umstritten. Strafverteidiger Friedhelm Enners:

 

Take 13 (Friedhelm Enners)

Ich habe es immer als sehr lähmend erfahren. Ich fand, dass die Atmosphäre dadurch nicht verbessert wurde, weil in der Regel einfach nur eine besondere Empathie rüber getragen wurde. Die Zeugin, es sind ja in der Regel immer Frauen, also letztlich sogar noch angefasst wurde von beiden Seiten, wie ein Opferlamm auf den Zeugenstuhl gesetzt wurde und ein Betroffenheitsgesicht von allen Beteiligten auf das Gericht ausstrahlte, so dass einfach aus meiner Sicht das schon ein Wirkung hat, die fatal ist für den Verteidiger, der letztlich die Glaubhaftigkeit und Glaubwürdigkeit dieser Zeugin anzweifelt, schwer ist, dort noch frei von Affekten da eine Befragung durchzuführen. 

 

Autorin

Vor allem die Schöffen, die Laienrichter, die mit den Anklagevorwürfen in der Hauptverhandlung zum ersten Mal konfrontiert sind und im Gegensatz zu den Berufsrichtern die Akten nicht kennen, könnten beeinflusst werden. Gabriele Cirener, Vorsitzende Richterin am Landgericht, kann diese Befürchtung nachvollziehen.

 

Take 14 (Gabriele Cirener)

Das ist ein Aspekt, den man sicherlich nicht vernachlässigen sollte. Das ist möglich, tritt jemand als Opfer auf, ist gesellschaftlich die Versuchung größer, ihm einen gewissen Bonus zuzugestehen. Es ist da aber konkret Aufgabe der Berufsrichter, im Spruchkörper einem solchen Vorurteil entgegenzuwirken durch Aufklärung der  Schöffen, und auch hier auf die Konzentration auf die Aufgabe des Strafverfahrens, nämlich zunächst mal zu klären, ob es überhaupt ein Opfer gibt und ob der Angeklagte der Täter war.

 

Autorin

Im Strafverfahren muss nämlich dem Angeklagten die Schuld nachgewiesen werden. Deshalb steht er und nicht das Opfer im Mittelpunkt der Verhandlung.

 

Take 15 (Gabriele Cirener)

Im Ermittlungsverfahren hat sich ein Vorwurf ergeben, die Staatsanwaltschaft hat deswegen, weil sie den Vorwurf für erhärtet gehalten hat, Anklage erhoben. Und wir müssen jetzt in der Hauptverhandlung klären, ob dieser Vorwurf denn zutrifft. Ob tatsächlich es ein Opfer gibt, das wissen wir ja noch nicht, das müssen wir erst klären..

 

Autorin

Für die Zeuginnen, die Opfer einer Straftat wurden, ist es zunächst nicht so einfach, die strengen Regeln der Strafprozessordnung zu begreifen.

 

Take 16 (Gabriele Cirener)

Es gibt häufig die Situation, dass Zeugen nicht darauf vorbereitet sind, im Gerichtsverfahren, in der Hauptverhandlung, noch einmal, meistens haben sie es schon bei der Polizei beim ersten Mal getan, noch einmal detailliert aussagen müssen und sich auch detaillierte Rückfragen zu sie sehr belastendem Geschehen stellen lassen müssen und diese auch beantworten müssen, damit sich das Gericht ein Bild davon machen kann, was sich wirklich zugetragen hat. Und wenn der Zeuge hierauf nicht vorbereitet ist, kann sich das sehr nachteilhaft auswirken auf sein Aussageverhalten, weil er die Situation nicht versteht, und wenn das Gericht dann nicht die Möglichkeiten mehr hat, den Zeugen aufzufangen und ihm auch klarzumachen, wie sehr das Erfordernis der nochmaligen und auch der detaillierten Aussage besteht, kann das schwierig werden.

 

Autorin

Hier setzt die professionelle Zeugenbegleitung an, die die Zeuginnen oder Zeugen vorher über die Modalitäten vor Gericht informiert. Die juristischen Laien müssen sich zunächst selbst sachkundig machen. Friesa Fastie,  die seit vielen Jahren als Sozialpädagogin auf diesem Gebiet arbeitet, weiß noch aus eigener Erfahrung, wie mühsam es war, sich in der Gerichtswelt zurecht zu finden. Deshalb hat sie das Institut für Opferschutz im Strafverfahren „Recht-Würde-Helfen“ gegründet, das seit knapp fünf Jahren interdisziplinäre Weiterbildung für Prozessbegleiterinnen anbietet und von Anfang an unter der Schirmherrschaft von Brigitte Zypries stand, die damals noch Bundesjustizministerin war. Friesa Fastie:

 

Take 17  (Friesa Fastie)

Von daher musste erst mal ein Team aufgebaut werden, in dem wirklich von Richterschaft über Staatsanwaltschaft, Rechtsanwaltschaft, Polizei, bis hin zur Glaubhaftigkeitsbegutachtung alle bereit sind, ihr Wissen mit rein zutun, damit dann diejenigen davon profitieren können, die wiederum an der Seite von Zeuginnen und Zeugen anständige Arbeit leisten sollen.

 

Autorin

Eine der Referentinnen bei „Recht-Würde-Helfen“ ist die Psychologin Sibylle Rothkegel. Sie hat das Behandlungszentrum für Folteropfer in Berlin mitbegründet und immer wieder Frauen begleitet, die vor dem Jugoslawien-Tribunal in Den Haag aussagen mussten. Außerdem leitete sie eine psychologische Beratungsstelle für Opfer rechtsextremer und rassistischer Gewalt und arbeitet als Gutachterin vor Gericht.

 

Take 18 (Sibylle Rothkegel)

Professionelle Prozessbegleitung ist insofern besonders wichtig, weil es kann durch unsachgemäße Prozessbegleitung natürlich auch viel Schaden angerichtet werden.

 

Autorin

Manche Zeugenbegleiterinnen seien selbst zu sehr emotional verwickelt, es fehle ihnen an der nötigen Distanz. Andere wiederum hätten nur ungenügende Kenntnis von einem Gerichtsverfahren. Dann blieben die Zeuginnen uninformiert, es könne dazu kommen, dass sie sich vor Gericht zum Beispiel vom Verteidiger des Angeklagten angegriffen fühlten, sagt die Traumaexpertin.

 

Take 19 (Sibylle Rothkegel)

Die Aufgabe eigentlich der Verteidiger der Angeklagten, dass sie die Aufgabe haben, nachzufragen, das wird immer so verstanden, als dass sie schuldig gemacht werden, was zum Teil an Unkenntnis liegt, aber auch an den Folgen von traumatischen Erfahrungen. Und weil traumatisierte Menschen oft so das ja erfahren, dieses blaming the victim, dass sie schuldig gemacht werden für das, was ihnen widerfahren ist. Und deshalb ist es ganz wichtig, dass da jemand ist, der ihnen genau erklärt, was in so einem Strafprozess vor sich geht, wie die Rolle der Prozessbeteiligten und die auch die verschiedenen Phasen erklärt und da professionell zur Seite steht. Dieses Wissen ist sehr wichtig.

 

Autorin

Auch wenn es um erwachsene Opfer von Gewalttaten geht, ist dieses Wissen wichtig. Sibylle Rothkegel gibt in der Weiterbildung „Recht-Würde-Helfen“ ihr Wissen über die spezielle Situation von Flüchtlingen, Migrantinnen und Menschenhandelsopfern weiter. Es geht um Straftaten wie …

 

Take 20 (Sibylle Rothkegel)

Menschenhandel, sexuelle Ausbeutung, auch Gewaltverbrechen, Vergewaltigungen, aber auch schwere Misshandlungen, denn so werden da ja die Opfer gefügig gemacht. Und dann die Frauen, die dann sich bereit erklären, auszusagen vor Gericht, für die ist das eine ganz, ganz schwere Herausforderung, weil sie ja dann in dem Verfahren auch den Tätern gegenüber sitzen bzw. den Angeklagten.

 

Autorin

Dazu kommt, dass ihnen häufig massiv gedroht wird, auch damit, dass ihre Angehörigen im Herkunftsland Repressalien ausgesetzt oder sogar umgebracht würden.

 

Take 21 (Sibylle Rothkegel)

Das führt natürlich dazu, dass sie dann oft schweigen, um das zu vermeiden, und große Angst vor den Folgen haben. Und bereiterklären, ich kann ja als Frau schweigen, als betroffene Frau habe ich die Möglichkeit, zu schweigen, dass ich behaupte, ich erkenne den Täter nicht oder weiß das und das nicht mehr ganz genau. Das kann willentlich sein, aber es kann auch traumabedingt sein, dass wirklich Gedächtnisinhalte so erlebenskohärent wiederzugeben, bei Traumatisierten ist das sehr schwer, es ist fast nicht möglich ohne professionelle Begleitung und Vorbereitung.

 

Autorin

Wichtig zu wissen ist auch, wie diese Frauen in die Fänge der Menschenhändler geraten sind.

 

Take 22 (Sibylle Rothkegel)

Es sind ja meistens die ärmsten Länder und manchmal lassen die sich überreden oder sind versucht, Angebote anzunehmen, und phantasieren dann, dass sie ein viel besseres Leben haben würden. Manche entscheiden sich bewusst zur Prostitution, aber es sind auch welche, die herkommen als Kellnerinnen, es können durchaus auch aupair-Mädchen sein, denen das passieren kann. Das heißt, wenn sie geworben werden, dann wird ihnen eine Liebesgeschichte vorgegaukelt, oder aber, wenn sie hier ankommen, müssen sie gleich als Prostituierte arbeiten und werden eben nicht bezahlt. Um aber gefügig gemacht zu werden, werden sie oft schwer misshandelt, bekommen auch nichts  zu essen, erleben folterähnliche Situationen und sind wirklich manchmal menschenunwürdigen Situationen ausgesetzt.

 

Take Extra (Atmo Kriminalgericht Moabit, Saalwachtmeister)

In der Strafsache X die Prozessbeteiligten bitte eintreten!

 

Schritte, Aktenwagen ... unter den Text legen

 

Take 23 (Beate S.)

Es wurde aufgerufen zu der Verhandlung. Dann mussten alle Zeugen rein. Dann mussten wir wieder alle raus. Ich wurde dann aufgerufen, nachdem der Angeklagte keine Aussage machen wollte, wurde ich dann gleich aufgerufen.

 

Autorin

Auch Beate S. verabredete sich zum Interview in einem Café, weil sie ihre Anonymität wahren wollte. Ihre Vernehmung vor Gericht – sie war damals noch Jugendliche – dauerte dreieinhalb Stunden.

 

Take 24 (Beate S.)

Ich war fertig. Ich wollte eigentlich nur noch ins Bett danach.

 

Autorin

In dem Verfahren ging es um sexuellen Missbrauch einer Schutzbefohlenen. Vier Jahre dauerte es insgesamt, von der Anzeigeerstattung bis zur Verurteilung des Täters in der zweiten Instanz. Auch heute noch fällt es Beate S. sehr schwer, darüber zu reden. Aber sie musste die Sache nicht allein durchstehen, auch ihr stand eine Prozessbegleiterin zur Seite.

 

Take 25 (Beate S.)

Wir haben in den Pausen zwischendurch mal kurz geredet. Zur Konzentration und Beruhigung. Und dann haben wir später noch mal ein paar Termine gemacht, aber über die Sache selbst haben wir nicht großartig gesprochen.

 

Autorin

Beate S. wurde von „Wildwasser“ unterstützt, der „Arbeitsgemeinschaft gegen sexuellen Missbrauch an Mädchen“, die sich auf die Prozessbegleitung von kindlichen oder jugendlichen Zeuginnen spezialisiert hat.

 

Take 26 (Ursula Woywodt)

Als Zeuginnenbegleiterinnen melden wir uns beim zuständigen Richter an und machen auch eine Saalbesichtigung.

 

Autorin

Ursula Woywodt ist Soziologin und Sozialarbeiterin. Sie arbeitet seit 1992 in der Mädchenberatung von Wildwasser in Berlin-Mitte und immer wieder als Prozessbegleiterin.

 

Take 27 (Ursula Woywodt)

Das hilft den Kindern und jungen Erwachsenen, Jugendlichen sehr. Das ist ja doch eine wieder sehr belastende Atmosphäre vor Gericht, nachdem, was ihnen eben alles passiert ist, sie wissen, sie müssen das ja dort noch mal schildern, und sie kennen uns, sie kommen vorher zu uns in die Beratungsstelle, wir haben auch Literatur, wir haben kindgemäßes Material, wo wir auch hier mal besprechen, schon vorher, was passiert bei Gericht, dass sie mehr Sicherheit, Stabilität bekommen für ihre Aussage.

 

Autorin

Nur über die Aussage und den Tatvorwurf selbst, sagt Ursula Woywodt, redet sie nicht, es wird auch nichts eingeübt.

 

Take 28 (Ursula Woywodt)

Das üben wir überhaupt nicht, das ist ganz wichtig, dass wir vom Tatgeschehen überhaupt nichts wissen, damit der Vorwurf der Suggestion nicht gemacht werden kann von Seiten der Verteidigung, also uns geht es nur darum, und so ist es auch in den Vereinbarungen drin, dass wir die Kinder stabilisieren, dass sie in der Lage sind, als Opferzeugin vor Gericht auszusagen.

 

Autorin

Auch im Gerichtssaal darf die Zeugenbegleiterin nicht reden.

 

Take 29 (Ursula Woywodt)

Neben ihnen sitzen und keine Äußerung, weil das könnte ja auch wieder eine Einflussnahme sein. Man kann mal ein Taschentuch rausholen und hinlegen, aber wir müssen still sein. Wir sind eben wirklich nur die  Bastion neben dem Kind, dass es in der Lage ist, auszusagen. 

 

Autorin

Tatsächlich ist Wildwasser immer wieder der Vorwurf gemacht worden, Zeuginnen würden unzulässig beeinflusst. In einem Strafverfahren in Worms wurde gegen mehrere Eltern wegen sexuellen Missbrauchs ermittelt. Sie wurden überfallartig verhaftet, die Kinder kamen ins Heim. Die Eltern wurden später zwar freigesprochen, aber sie waren stigmatisiert, einige bekamen ihre Kinder nicht zurück. Das Verfahren hatte eine Mitarbeiterin von Wildwasser in  Worms ausgelöst. Von deren Arbeitsweise distanziert sich Ursula Woywodt entschieden. Wildwasser Worms sei nicht Wildwasser Berlin.

 

Take 30 (Ursula Woywodt)

Das ist ja damals dieser Riesenprozess gewesen mit diesen sehr vielen Beschuldigten und wo eben auch teilweise Verdachtsabklärungsgespräche geführt worden sind, die wir hier in Berlin nie führen würden in dieser Art und  Weise. Und da ist ja eben auch suggestiv befragt worden und, und, und. Wir haben uns immer wieder davon distanziert. Wir haben gesagt, Wildwasser Berlin arbeitet nach den und den Grundlagen, das kann man auch überall nachlesen, und wir sind nicht eine Dachorganisation und nicht für die Arbeit in unterschiedlichen Städten verantwortlich. Aber es ist eben leider bis zum heutigen Tag und das erschwert unsere Arbeit sehr.

 

Autorin

Auch Friesa Fastie kennt die Vorwürfe. Sie empfiehlt dringend, sich damit auf einer rein sachlichen Ebene auseinanderzusetzen.

 

Take 31 (Friesa Fastie)

Ich glaube, das haben wir lange Zeit nicht hören und nicht wahrhaben wollen, ich habe inzwischen selber an Veranstaltungen teilnehmen dürfen, an denen ich gut nachvollziehen konnte, wie solche Suggestionen vonstatten gehen und muss selber sagen, das ist schon ein bisschen erschreckend und erweckend, wenn man sich mal vergegenwärtigt, wie schnell und wie leicht Kinder und Jugendliche nicht in ihrem Aussageverhalten sondern auch in der Gestaltung der inhaltlichen Aussage zu beeinflussen sind. Ich denke, da muss man sehr, sehr vorsichtig sein. Das ist nicht schlimm, das kann man lernen, vorsichtig damit umzugehen und in der Begleitung keinesfalls suggestive Arbeitsmethoden anzuwenden, und dann ist das in Ordnung. Aber man muss um diese Gefahr wissen, und dann kann man dem auch vorbeugen.

 

Autorin

Am besten kann dies in der interdisziplinären Auseinandersetzung geschehen, davon ist Friesa Fastie überzeugt. Dadurch wird auch den Opfern einer Straftat am besten geholfen. Sie sollen eben aus ihrer Opferrolle herauskommen, Recht bekommen und ihre Würde erhalten.

 

Take 32 (Friesa Fastie)

Das Risiko ist immer sehr groß, ich sage mal, Opferstrukturen zu verstärken, auch aus der Rolle der psychosozialen Fachkraft heraus. Ich sage immer, jeder Mensch, den man offensichtlich stützt, erklärt man auch öffentlich für schwach, und ich glaube, was die Betroffenen sich eher wünschen, ist auch eigene Stärke spüren zu können. Wenn sie das aber für sich positiv bewältigen, dann gehen sie in der Regel hinterher auch sehr erhobenen Hauptes wieder hinaus. Und dann meine ich, ist viel gewonnen.

 

 

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