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Mediation – Streitschlichten im Schatten des Rechts

Eine moderne Methode zur Konfliktbewältigung auf dem Erfolgsweg

Eine Sendung von Annette Wilmes

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

                                     Redaktion:   Karin Tholen

                                     Sendetag:   26. Juli  2004

                                     Sendezeit:  19.05 – 19.30 Uhr

 

 

 

 

 

                                                                                              

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Regie:                                             Take 1  (Wesser, Ortloff, Rassmussen-Bonne)

Wes.: Ich habe schon den Eindruck, dass im Moment das Thema Mediation sehr aktuell ist und auch in einer immer breiteren Öffentlichkeit wahrgenommen wird.

Ortl.: Kann ich Ihnen meinen Verhandlungsraum für die Mediation zeigen. Ich hab einen Extraraum bekommen, der von anderen nicht genutzt wird, den ich also ständig zur Verfügung habe. Steht auch draußen groß dran: Gerichtsmediation.

Rasm.: Paxan ist unsere Gruppe am Landesinstitut für Schule und Medien, ursprünglich gewaltfreie Schulkultur genannt, auch jetzt darunter noch zu finden, und pax kommt von Frieden, aber auch von Anpacken. Wir haben gemerkt, wir müssen mehr tun, mehr aufklären, mehr Mediation anbieten und und und …

 

Autorin:                                           Mediation im Wirtschaftsleben,  Mediation im Gericht und Mediation an der Schule: die moderne Methode zur Konfliktbewältigung – in den USA entwickelt – wird hierzulande immer bekannter.

 

Regie:                                             Take 2 (Wesser)

Ich erinnere mich an einen Fall, da ging es um einen kleinen Konzern, das waren vier GmbHs, die miteinander verbunden waren, und da gab es einen Streit zwischen  Gesellschaftern, das Problem war, dass die eigentlich sehr unterschiedlich begabt waren. Die Begabung des einen lag eher im Vertriebsbereich, die der anderen beiden Gesellschafter, muss man sagen, um genau zu sein, lag eher im Bereich der Technik.

 

Autorin:                                           Rechtsanwalt Marc Wesser, ausgebildeter Mediator, berichtet über eine erfolgreiche Wirtschaftsmediation.

 

Regie:                                             Take 3 (Wesser)

Und das Problem war, dass die sich eben nicht einigen konnten, wie man die Unternehmen führt, weil sie da doch eher unterschiedliche Prioritätensetzungen gesehen haben oder gerne gesehen hätten. Irgendwann kam es dann so weit, dass die Sache so weit eskalierte, dass in den Unternehmen kaum noch Entscheidungen getroffen wurden, und dann sind diese Leute, also diese Gesellschafter über einen befreundeten Anwalt auf uns zu gekommen, und dann haben wir es im Rahmen einer Mediation geschafft,  die dahin zu bringen, dass sie miteinander geredet haben und auch in der Lage waren, das Problem mal nicht nur zu sehen, sondern auch zu artikulieren. Und das hat dann dazu geführt, dass sie hinterher festgestellt haben, dass es  wohl das beste wäre, die Gesellschaft ein bisschen zu entflechten, und die eine GmbH  eher im Vertriebsbereich auszurichten und die anderen Gesellschaften eher die technische Abwicklung dann durchführen zu lassen, und das hat dann hinterher auch gut geklappt. Da war dann jeder sozusagen in seinem Bereich König, und plötzlich gingen Sachen, die vorher undenkbar waren, doch relativ gut. Und da gab es dann auch plötzlich Synergie-Effekte, während man sich vorher nur gegenseitig lahm gelegt hatte. Und es war eigentlich ganz spannend zu sehen, wie eine Sache, die vielleicht auch so ein bisschen auf der Hand lag, eben dort zunächst von denen nicht gesehen wurde, aber dann doch von den Gesellschaftern anschließend selbst als Lösung entwickelt wurde und dann auch von den Leuten selbst als  zum Schluss auch natürlich empfunden wurde, und das Unternehmen gibt es immer noch, und den Unternehmen geht es gut.

 

 

Autorin:                                           Am Verwaltungsgericht Berlin, dem größten erstinstanzlichen Verwaltungsgericht in Deutschland, wird nach einer mehrjährigen Erprobungsphase seit dem 1. Oktober 2003 ein offizielles Mediationsverfahren angeboten. Professor Karsten-Michael Ortloff zog seine Robe als Richter aus und schlüpfte in die Rolle des Mediators. Der langjährige Vorsitzende Richter am Verwaltungsgericht, gleichzeitig Honorarprofessor an der Technischen Universität Berlin im öffentlichen Baurecht, kennt sich in der Materie aus. Er entwarf auch ein Gerichtsmediationslogo, auf dem in Piktogrammen der Ablauf einer Mediation dargestellt wird.

 

Regie:                                             Take 4 (Ortloff)

In der oberen Bildreihe: zwei Leute streiten sich mit Paragraphen vor dem Richter. Der Richter entscheidet anhand der Paragraphen. Es gibt einen Gewinner, einen Verlierer. Das ist der klassische Gerichtsprozess. Und die Gerichtsmediation in der unteren Ebene: Ausgangspunkt derselbe; die Leute streiten miteinander. Sie setzen sich mit dem Gerichtsmediator an den Tisch. Sie haben nicht die Paragraphen als Fäuste, sondern sie legen ihre Interessen auf den Tisch, reden miteinander und am Schluss ist vielleicht sogar der Gerichtsmediator überflüssig, weil sie sich beide einigen und sie verlassen Hand in Hand den Raum. Es gibt also zwei Gewinner. Das soll das Bild eigentlich zeigen.

 

 

Autorin:                                           Wie kann das in der Praxis funktionieren? Wie kommen die Fälle zum Mediator?

 

Regie:                                             Take 5 (Ortloff)

Seit Oktober 2003 bin ich ja hauptamtlicher Mediator, also von Rechtsprechungsaufgaben freigestellt und mache das ausschließlich. Seither haben wir das so organisiert, dass die zuständigen Richter in ihren Verfahren aufmerksam werden auf mediationsgeeignete Fälle, die Prozessbeteiligten fragen, ob sie eine Gerichtsmediation durchführen wollen, die im Augenblick auch nichts kostet und relativ schnell geht, also nicht so lange dauert wie ein normaler Verwaltungsstreit. Und wenn alle Prozessbeteiligten einverstanden sind, erst dann bekomme ich die Akte, aus Datenschutzgründen, vorher darf ich die Akte ja auch nicht sehen. Und dann beginnt das Verfahren bei mir, das ist ein Zwischenverfahren.

 

Autorin:                                           Vor dem Verwaltungsgericht werden Streitfälle zwischen Behörde und Bürger ausgefochten. Immer noch ist die Ansicht verbreitet, Mediation im Verwaltungsrecht sei nicht möglich, weil die Behörden wegen ihrer Gesetzesbindung keine „Verhandlungsmasse“ hätten. Das stimmt nicht, auch Ortloffs Erfahrungen mit der alternativen Konfliktbeilegungsmethode sind positiv.  Mediationsgeeignet sind vor allem Fälle, denen dauerhafte Beziehungen  zugrunde liegen.

 

Regie:                                             Take 6

Zum Beispiel alle beamtenrechtlichen Streitigkeiten. Wenn ein Beamter umgesetzt wird, versetzt wird, mit seiner Behörde weiter arbeiten muss, oder wenn er in einem Konkurrentenstreit sich wehrt gegen die Bevorzugung eines Anderen, der befördert wird, er aber nicht, solche Verfahren wären geeignet. Dauerbeziehungen sind auch im Sozialhilferecht etwa deutlich, wenn ein Heimträger mit dem Land Berlin immer wieder neue Pflegesätze aushandeln muss. Dauerbeziehungen bestehen zum Beispiel, wenn ein Klinikum mit den Krankenkassen, die das Budget, das Jahresbudget aushandeln muss, und immer wieder mit den Kassen das Jahresbudget aushandeln muss und das scheitert. Solche Prozesse kann man sehr gut, denke ich, in einem Mediationsverfahren auf den Weg bekommen. Aber auch in Dreiecksbeziehungen: Wenn nicht die Dauerbeziehungen zwischen Bürger und Behörde bestehen, sondern meinetwegen in Nachbarstreitigkeiten. Dann streiten sich eigentlich die Nachbarn mehr, als der Nachbar oder Bauherr mit der Behörde, im Umweltrecht, im Baurecht ist das so. Solche Verfahren sind geeignet.

 

Aut.:  Also das heißt, nicht immer, wenn zwei sich streiten, hilft der Dritte, sondern es kann auch sein: Wenn drei sich streiten?

 

Ortl.: Richtig. Und je mehr sich streiten, desto eher kann der Mediator vielleicht auch helfen, weil er das Gespräch dann vermitteln kann.

 

 

Autorin:                                           Der Vorteil der Mediation gegenüber der Gerichtsverhandlung liegt allein schon in der Schnelligkeit. Die Mühlen der Justiz mahlen langsam, gegen ein Urteil kann Berufung eingelegt werden, in manchen Fällen gibt es noch eine Revision. Bis alle Instanzen durchlaufen sind, können Jahre vergehen. Ein weiterer Vorteil der Mediation ist, dass die Konfliktparteien selbst bestimmen, welche Themen besprochen werden. So kommen oft Dinge auf den Tisch, die in einem Prozess nie zur Sprache gekommen wären, weil dort nur juristisch relevantes interessiert. Für die Konfliktlösung kann aber entscheidend sein, gerade den Hintergrund eines Problems zu kennen. Und auch das Ergebnis selbst ist oft  besser als eine Gerichtsentscheidung. Professor Ortloff:

 

Regie:                                             Take 7 (Ortloff)

Wenn man eigenverantwortlich sich zu einem Ergebnis durchringt und eine Vereinbarung trifft, dann akzeptiert man das natürlich auch eher, als wenn ein Dritter einem vorgeschrieben hat, wie man sich zu verhalten hat. Und man ist auch bereit, sich daran zu halten. Also die Konsistenz des eigenen Verhaltens ist sehr stark ausgeprägt, wenn man selber ein Ergebnis ausgehandelt hat. Man braucht also keinen Vollstreckungstitel wie ein Urteil oder einen Prozessvergleich, sondern wenn man sich geeinigt hat, dann hält man sich auch daran.

 

 

Autorin:                                           Die Gerichtsmediation ist noch nicht weit verbreitet. Das Projekt Gerichtsnahe Mediation in Niedersachsen  soll sie in der Gesellschaft bekannter machen, denn viele wissen noch nichts von der interessanten Methode, Konflikte ohne Richter und Paragraphen zu lösen. In seiner Größenordnung ist das Projekt einmalig. An sechs Gerichten in  Oldenburg, Hildesheim, Hannover und Göttingen werden drei Jahre lang Chancen und Grenzen der Vermittlungsmethode ausgelotet.

Im Gegensatz zu den Gerichten arbeiten die Schulen schon seit vielen Jahren mit der modernen Konfliktlösungsmethode. Als Mediatoren agieren nicht nur Lehrerinnen und Lehrer, sondern vor allem auch die Schülerinnen und Schüler – Konfliktlotsen genannt.

 

Regie:                                             Take 8 (Rasmussen-Bonne)

Also was die Konfliktlotsen als erstes lernen, ist ja die Intervention. Das heißt, sie gucken hin, merken, da sind zwei, ich gehe mal von meinem Alltag aus, in der  Grundschule, sie sehen zwei prügelnde Kinder, dann fragen sie sehr neutral, ohne Namen zu nennen, was ist das hier, ist das Spiel oder Ernst, und sie antworten oder die beiden antworten vielleicht nicht, weil sie so verklinscht sind, und dann heißt es Stopp! Halt! Das ist Gewalt!

 

Autorin:                                           Birthe Rasmussen-Bonne, seit 1970 im Schuldienst, Grundschullehrerin, hat sich 1998 als Mediatorin ausbilden lassen. Sie ist Mitglied der Arbeitsgruppe „Paxan“ am Landesinstitut für Schule und Medien. An ihrer Schule arbeitet sie mit Konfliktlotsen.

 

Regie:                                             Take 9 (Rasmussen-Bonne)

Und dann gehen sie dazwischen, neutral, lösen den Blickkontakt und versuchen erst mal zu beruhigen. Und dann, in der Grundschule ist es so, dass die Konfliktlotsen Dienste haben, meistens sehr gut aufgeteilt, je nachdem wie viele Schüler das sind, haben sie viel oder weniger zu tun. Es sind immer zwei im Konfliktlotsenraum, jede Schule sollte einen Raum haben, wo die Konfliktlotsen dann ihre Vermittlung in aller Ruhe durchführen können. Manchmal ist es so, dass es bei leichteren Konflikten anschließend sofort die Möglichkeit der Vermittlung besteht, weil die Kinder nicht so erregt sind, sonst kann es auch sein, dass man einfach einen späteren Termin gibt. Das machen die Schüler alleine. Manchmal ist es so, dass die Schüler, die Konfliktlotsen, schon vorab wissen, was sie zu tun haben, weil sie einen Briefkasten haben neben dem Konfliktlotsenraum, und da werfen dann die Konfliktpartner ihre Sorgen sozusagen rein und dann gehen die Konfliktlotsen in die verschiedenen Klassen und sagen, sag mal, da steht du und du hast ein Problem mit dem und dem, bist du bereit? Und dann geben sie einen Termin, und dann vermitteln sie.

 

 

Autorin:                                           Die Arbeitsgemeinschaft pax an, deren frühere Leiterin Ortrud Hagedorn das Konfliktlotsenmodell entwickelt hat, bietet Fortbildung in konstruktiver Konfliktlösung an. Schulalltag ohne Mobbing, Erpressung, körperliche Gewalt – um dem Traumziel näher zu kommen, soll hier der Umgang mit dem erprobten Handwerkszeug gelernt werden.

 

Regie:                                             Take 10  (Rasmussen-Bonne)

Also wir haben von den 1000 Schulen in Berlin 180 mit diesem Konfliktlotsenmodell ausgebildet, das heißt, nicht nur durch uns, aber im Wesentlichen. Es gibt ja auch private Institute.

 

Autorin:                                           Sechs Regeln sollen wie ein Grundgesetz für die Schule gelten. Sechs Regeln, auf Tafeln oder Plakate geschrieben, im Eingangsbereich der Schule aufgehängt, vermitteln, dass Gewalt hier keine Chance hat.

 

Regie:                                             Take 11 (Vera, 12, Simon, 10)

V: Regel 1: Alle Schülerinnen und Schüler haben das Recht, ungestört zu lernen!

S: Regel 2: Alle Lehrerinnen und Lehrer haben das Recht, ungestört zu unterrichten!

V: Regel 3: Alle Schülerinnen und Schüler haben das Recht, fair behandelt zu werden!

S: Regel 4: Alle Schülerinnen und Schüler haben das Recht, gesund und unverletzt

 zu bleiben!

V: Regel 5: Alle Schülerinnen und Schüler haben das Recht

darauf, dass ihre Sachen ganz bleiben!

S: Regel 6: Alle Schülerinnen und Schüler und alle Lehrerinnen und Lehrer haben das Recht auf eine saubere Schule!

 

Autorin:                                           Diese oder andere Regeln müssen natürlich zu dem entsprechenden Schultyp passen. Eine Sonderschule braucht andere Formen als die Grundschule, das Gymnasium andere als die Hauptschule.

In der Ferdinand-Freiligrath-Oberschule in Kreuzberg sind knapp 70 Prozent der Schülerinnen und Schüler nicht deutscher Herkunft, sie stammen aus der Türkei, aus Palästina, aus dem Libanon, aus Albanien, Afghanistan, Russland, Jugoslawien, Brasilien und anderen Ländern. Völlig verschiedene Welten prallen hier aufeinander.  „Wie viele großstädtische Hauptschulen in Deutschland“ heißt es auf der Internet-Seite der Schule, „ist unsere Schule zu einem Ort geworden, an dem sich die Konflikte der heutigen Gesellschaft wie im Brennspiegel konzentrieren und die Institution Schule selbst an ihre Grenzen geraten ist und neue Wege geradezu herausfordert.“

Schulleiterin Hildburg Kagerer hat mit dem Kollegium der Schule in den vergangenen Jahren ein ganz besonderes Schulprojekt entwickelt. Es heißt „Schule im gesellschaftlichen Verbund“, wird durch die Industrie gefördert, von der Freien Universität Berlin begleitet und sorgt dafür, dass in fächerübergreifenden und projektorientierten Unterrichtsformen auch Menschen in die Schule kommen, die keine Lehrer sind. Es sind Künstler, Handwerker, Schauspieler, Tontechniker, Computer-Spezialisten, die mit den Kindern arbeiten. Durch diese ganz besondere Atmosphäre, sagt Hildburg Kagerer, würden viele Konflikte gar nicht mehr entstehen, andere besser gelöst.

 

Regie:                                             Take 12 (Kagerer)

Ich erinnere mich an ein deutsch-arabisches Mädchen, die also hier zwei Jungens, die kämpfen miteinander, die lassen nicht mehr ab, die sie dann in der Muttersprache ansprach, die an Ehre ansetzte, an Religion ansetzte und also mit Worten da eine Ruhe hereinbrachte, die also wirklich die wunden Punkte traf, die mir oder uns gar nicht möglich gewesen wären. Ich denke, gerade im Konfliktbereich ist es wichtig, die Wurzeln zu erreichen, die der einzelne hat, die Herkunft zu erreichen, dass er sich wirklich etwas sagen lässt. Wir haben ja hier dieses Konzept, dass ältere und jüngere zusammenarbeiten und verschiedene Nationalitäten zusammenarbeiten.  Also das ist die Selbstorganisation der Schüler, die Selbstdisziplinierung der Schüler, davon halte ich sehr viel.

 

Autorin:                                           Auch an der Ferdinand-Freiligrath-Oberschule werden jetzt Konfliktlotsen ausgebildet. Dennoch warnt Hildburg Kagerer davor, zur Konfliktlösung ausschließlich auf die Mediation zu setzen:

 

Regie:                                             Take 13 (Kagerer)

Methoden sind hilfreiche Instrumente, mehr nicht. Ich bin Psychotherapeutin und Psychoanalytikerin und weiß da auch, Methode ist ein gutes Handwerkszeug, das braucht man, das ist nicht zu unterschätzen. Aber entscheidend ist, wie auch in der Pädagogik und überall ist der menschliche Bezug, ob in diesem Fall Menschen erreicht werden. Sie können, wenn Sie l’art pour l’art eine Methode anwenden, die können Sie noch so super anwenden, wenn die ohne emotionale und ja lassen Sie mich sagen, Beteiligung des Herzens nur ausgeführt wird, werden Sie nichts erreichen. Ein Jugendlicher sagte mal hier, als er mit einem Schauspieler arbeitete, wissen Sie, der glaubt an uns, der glaubt, dass wir es schaffen, und dann schaffen wir es. Es ist verrückt, ich habe nicht an mich geglaubt, aber er glaubt an uns. Und in diese Dimensionen müssen wir uns schon vorwagen, ja, auch wenn das nicht so rational klingt und all dies. Aber wir erreichen nichts, wenn wir nur ganz fein säuberlich Methoden anwenden.

 

Autorin:                                           Das meint Schulleiterin Hildburg Kagerer. Birthe Rasmussen-Bonne, die seit Jahren mit Konfliktlotsen arbeitet und selbst als Mediatorin Konflikte in Schulen beilegt, stimmt mit ihr darin überein, dass es Grenzen gibt.

 

Regie:                                             Take 14 (Rasmussen-Bonne)

Weil es einfach um viel, viel tiefere Probleme geht. Manchmal, und hier in Berlin häufiger, interkulturelle Probleme, religiöse Problem, Schwierigkeiten, da sind uns die Hände gebunden, das können wir nicht. Und das muss man einfach sehen, wir überweisen dann auch, versuchen, die Kollegen zu beraten, wohin dann die Kinder kommen könnten, wo sie Hilfe bekommen könnten, oder versuchen auch, uns die Eltern ein zu bestellen.

Aut.: Oder auch mit Jugendämtern zusammenzuarbeiten?

Ras: Natürlich, ja, parallel immer, mit allen Ämtern, die es gibt, möglichst, klar.

 

 

 

Autorin:                                           In einem wesentlichen Punkt unterscheidet sich die Mediation in der Schule von der Gerichts-, Familienrechts- und Wirtschaftsmediation. Sie basiert nämlich nicht – wie sonst üblich – auf der absoluten Freiwilligkeit, an einer Mediation teilzunehmen.

 

Regie:                                             Take 15  (Rasmussen-Bonne)

Wir haben die große Chance, dass wir ein bisschen mit Druck arbeiten können. Wir richten uns eigentlich an den Täter-Opfer-Ausgleich, weil es normalerweise an den Schulen immer um Straftaten geht. Also die Beleidigung oder Körperverletzung, hat ne Konsequenz. Und wir können dann dem Schüler sagen, o. k. , entweder du bist bereit, zu verhandeln und das auszugleichen, oder es gibt die Schulmaßnahme. Da bin ich als Mediator nicht zuständig, aber er weiß, es gibt ne Konsequenz. Die Schüler wissen ja ganz genau, was folgen kann. Und insofern haben wir die Chance, dass die Schüler merken, wenn sie in die Verantwortung genommen werden, ihre Person respektiert wird, aber das was sie tun, versuchen wir entsprechen zu verfolgen beziehungsweise zu ächten. Und dafür müssen sie gerade stehen. Und das können sie auch. Insofern hat das ne große Chance, auch für später, und dass sie sehr in die Verantwortung genommen werden, Basisdemokratie eigentlich so lernen.

 

Autorin:                                           Allen Gebieten gemeinsam ist jedoch, dass Mediation eine Alternative zum Gerichtsverfahren darstellt. In Partnerschaftskonflikten wird der Streit vorm Familiengericht vermieden, in der Schulmediation und dem Täter-Opferausgleich wird dem Strafverfahren aus dem Weg gegangen, in der Wirtschaftsmediation auf einen langwierigen Zivilprozess verzichtet. Am Gericht und in der Schule  kostet die Vermittlung nichts; die freiberuflichen Mediatoren nehmen Honorar, wie dies auch Anwälte tun.

Auf allen Gebieten werden ähnliche Verhandlungsmethoden angewandt. Rechtsanwalt und Wirtschaftsmediator Marc Wesser:

 

Regie:                                             Take 16  (Wesser)

Das ist die Grundidee, dass zwei Leute sich freiwillig auf ein Verfahren einlassen, bei dem sie sich neutralen Dritten anvertrauen oder den zu Hilfe nehmen und dem auch keinerlei sozusagen Gerichtsgewalt oder Entscheidungsgewalt anvertrauen oder andienen und dort auch nicht einfach auf eine Lösung warten, sondern eigentlich ist Mediation ein großer Kommunikationsprozess, in dem der Mediator hilft, dass die Parteien gemeinsam zu einer Lösung finden. Also die Grundidee dabei ist die Überlegung, dass die Leute, die das Problem haben oder den Konflikt haben, selbst auch diejenigen sind, die am besten in der Lage sind, eine Lösung zu finden. Denn wer das Problem kennt, der hat auch die Chance und die Möglichkeit, die Dinge zu finden und herauszuarbeiten, die für einen optimale Lösung von Bedeutung sind.

 

Autorin:                                           Dazu werden bestimmte Fragetechniken erlernt, ergänzt Marc Wessers Rechtsanwaltskollegin und ebenfalls ausgebildete Mediatorin, Vanessa Vetter:

 

Regie:                                             Take 17  (Vetter)

In der Mediation ist es eben anders als im normalen Gerichtsverfahren so, dass man  nicht nach einem bestimmten Anspruch die Lösung ausrichtet, sondern dass man danach forscht, was denn eigentlich die Bedürfnisse und die Menschlichkeiten hinter all diesen vorgeschobenen Problemen und Ansprüchen sind. Da gibt es selbstverständlich verschiedene Fragetechniken, die der Mediator beherrscht, oder andere Kommunikationstechniken, aber ganz wichtig ist das Fragen, herauszufinden, was die Bedürfnisse sind, die hinter den Ansprüchen liegen, und dann eben die Medianten durch das Verfahren hindurch leitet. Spezielle Fragen zu stellen, aber auch das Gegenteil, nämlich zu schweigen, also sehr, sehr gut zuzuhören und mit einem gewissen Einfühlungsvermögen sich in die Konfliktpartner oder die Medianten hineinzuversetzen, was die wirklich bewegt. Also auch die Stille mal zu wahren, auch eine Situation mal auszuhalten und nicht dazwischen zu gehen, abzuwarten.

 

Autorin:                                           Mediation – eine moderne Art der Konfliktlösung – die in Wirklichkeit  gar nicht so neu ist. Christian Duve machte sich mit den Grundlagen der Mediation in den USA vertraut, dort studierte er an der Harvard Law School.  Heute arbeitet er in einer international agierenden Anwaltskanzlei mit Sitz in Frankfurt am Main. Er schrieb das Buch „Mediation und Vergleich im Prozess“ und ist Mitautor des Buches  Mediation in der Wirtschaft – Wege zum professionellen Konfliktmanagement“. Christian Duve:

 

Regie:                                             Take 18 (Duve)

Die Tatsache, dass Dritte diejenigen, die unmittelbar einen Streit austragen, unterstützen, die ist sicherlich nicht neu, und das gibt es in der einen oder anderen Form wohl schon im alten China wie bei den Griechen wie bei den Indianern. Also in allen Kulturen werden Sie diese Art der Streithilfe finden. Was etwas jüngeren Datums ist, ist die strukturierte, professionelle Durchführung einer Verhandlungsunterstützung, die als Mediation bezeichnet wird. Und die hat sich wohl in der Tat nach dem Krieg in den USA zunächst stärker verbreitet und erst in den letzten zehn, maximal zwanzig Jahren in  Europa.

 

 

Autorin:                                           Dass sich die Mediation schon so früh in den USA etablierte und hierzulande erst in jüngerer Zeit bekannt wurde, hat seine Gründe in den verschiedenen Rechtssystemen in Deutschland und den USA.

 

Regie:                                             Take 19  (Duve)

Einfach deswegen, weil die Kosten streitiger Auseinandersetzungen dort noch mal deutlich höher sind als bei uns. Weil sie als Entscheidungsträger Geschworene haben, deren Entscheidungen weniger leicht prognostizierbar sind als die Entscheidungen von Berufsrichtern. Weil Klagen eingereicht werden können ohne ein großes Kostenrisiko und dadurch aber erst mal eine große Maschinerie zur Beweisfindung in Gang gesetzt wird, und all das kostet sehr viel Zeit und kostet sehr viel Geld, so dass für diejenigen, die an den Auseinandersetzungen beteiligt sind, der Leidensdruck sehr viel größer ist als in Deutschland zum Beispiel.

 

Autorin:                                           Inzwischen ist die Mediation als moderne Methode zur Konfliktbewältigung aus Deutschland nicht mehr wegzudenken. Festgeschriebene Regeln und Standards indes gibt es nicht. Sollten sie eingeführt werden?

 

Regie:                                             Take 20  (Duve)

Aus meiner Sicht ganz klar nein, damit gehöre ich sicherlich nicht unbedingt zur Mehrheit. Ich verstehe die Mediation aber lediglich als eine Unterstützung eines Verhandlungsprozesses durch einen Dritten. Es geht im Wesentlichen um die Optimierung von Verhandlung, und für Verhandlungen gibt es gar keine Regeln, sondern die kann man im Rahmen seiner jeweiligen Gestaltungsfreiheit führen. Und diese Freiheit sollte nicht eingeengt werden durch Regeln.

 

Autorin:                                           Dennoch wird es über kurz oder lang Regeln geben, und das hat mit der Entwicklung in Europa zu tun.

 

Regie:                                             Take 21  (Duve)

Am weitesten dürfte die Entwicklung in England sein. Einiges hat sich in letzter Zeit auch in Frankreich getan, in den nordischen Ländern, in den skandinavischen Ländern gibt es einige Aktivitäten. Sehr weit ist übrigens auch die Niederlande. In Österreich gibt es ein Mediationsgesetz, in Ungarn gibt es ein Mediationsgesetz. Also da tut sich insgesamt eine ganze Menge. Und darüber hinaus hat die Europäische Union jetzt gerade im März den ersten Vorentwurf für eine Richtlinie zur Mediation vorgestellt, so dass damit zu rechnen ist, wenn die dann vielleicht im nächsten Jahr verabschiedet wird, dass es in der Folgezeit auch noch einige gesetzgeberische Aktivitäten in den europäischen Staaten geben wird. Die Europäische Union hat auch empfohlen, einen sehr knappen Verhaltenskodex für Mediatoren, der so Mindestvoraussetzungen festschreibt.

 

Autorin:                                           Auch wenn es für die Mediation bisher keine gesetzlichen Regeln gibt, taucht der Begriff bereits in deutschen Gesetzen auf, nämlich in den Ausbildungsvorschriften für Studenten und Referendare. Karsten Michael Ortloff, Vorsitzender am Verwaltungsgericht und Gerichtsmediator, daneben Honorarprofessor für öffentliches Baurecht an der Technischen Universität:

 

Regie:                                             Take 22  (Ortloff)

Man hat in den Ausbildungsvorschriften für Studenten und Referendare die so genannten Schlüsselqualifikationen mit hinein genommen. Dazu gehören also soziale Kompetenz, Rhetorik, Verhandeln, Mediation. Man hat erkannt, dass die juristische Ausbildung, die ja bislang in Deutschland immer so gelaufen ist, theoretisch immer: Wer hat Recht, welche Ansprüche hat A gegen B und wie kann man die im Prozess durchsetzen, den Verlierer in den Staub zu schmeißen und selber als Gewinner herauszugehen. Das war die typische juristische Ausbildung. Also ein bisschen diese Beißmethode. Und man hat eben erkannt, dass man auch kooperative Ergebnisse erzielen kann. Und dafür es eben einer zusätzlichen Ausbildung bedarf.

 

Autorin:                                           Die Mediation ist als moderne Methode zur Konfliktvermittlung auf dem Erfolgsweg. Sie hilft, Streit zu schlichten, als Alternative zu Gerichtsverfahren. Aber sie bleibt im Schatten des Rechts.

Rechtsanwalt und Buchautor Christian Duve:

 

Regie:                                             Take 23  (Duve)

Also die Formulierung kommt von einem amerikanischen Rechtswissenschaftler, Robert Mnookin der mal so einen Aufsatz geschrieben hat, in the shadow of the law, und ich denke, sie trifft zu für all diese Situationen, in denen für die an einem Konflikt Beteiligten das Führen eines Rechtsstreits eine ernsthafte Alternative ist. Immer dann, wenn ich überlege, ob ich im Rahmen eines Prozesses versuche, mein Recht durchzusetzen, dann liegt der Schatten des Rechts auch über einer Verhandlung, weil ich mir überlege, ob das Verhandlungsergebnis, was ich möglicherweise erzielen könnte, mindestens so gut ist wie das, was ich als Ausgang eines Gerichtsverfahrens erwarten würde.

 

 

 

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