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Justitia und die schönen Künste

Eine Sendung von Annette Wilmes

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

                                     Redaktion:   Magdalena Kemper

                                     Sendetag:   2. Februar 2005

                                     Sendezeit:  19.05 – 19.30 Uhr

 

 

 

 

 

                                                                                              

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Atmo 1 (Tangomusik Duo Movikanto)

15 ‘’ freistehen lassen, dann unter den Text

Autorin

Das Duo Movikanto spielt im Amtsgericht Hohenschönhausen zur Eröffnung einer Ausstellung in der „Galerie im Gericht“.

 

Atmo 2 (Musik und Gesang)

10’’ freistehen lassen, dann unter den  Text

 

Autorin

Die Gruppe Kollektiv VolkArt spielt Theater mit inhaftierten Frauen in der Justizvollzugsanstalt Lichtenberg.

 

Atmo 3 (Laute, rhythmisch sprechende Männerstimmen)

8’’ freistehen lassen, dann unter den Text

 

Autorin

Die Künstlergruppe AufBruch führt ihr neues Stück mit Gefangenen auf. Spielort ist die Justizvollzugsanstalt Tegel, Deutschlands größter Männerknast.

Atmo 3

wieder hochziehen

 

Autorin

Vernissage im Gerichtsgebäude, Konzert und Theater in der Haftanstalt: Justiz und Kunst begegnen sich zu vielen Gelegenheiten, und das bleibt nicht ohne Wirkung.

 

Take 1  (Raue)

Meine verehrten Damen und Herren, ich freue mich auf das, was auf uns zu kommt, es gehört zum Ritual eines Moderators, dass er von den ihm zur Verfügung stehenden 45 Minuten erst mal etwa 20 Minuten die Beteiligten vorstellt. Darauf darf ich verzichten …

 

 

Autorin

Rechtsanwalt Professor Peter Raue bei einer Veranstaltung der Berliner Rechtsanwaltskammer am 23. November 2004. 125 Jahre Freie Advokatur werden  gefeiert. Bei der Podiumsdiskussion, die Peter Raue moderiert, geht es um das veränderte Berufsbild der Rechtsanwältinnen und Rechtsanwälte. Peter Raue ist zwar auch einer von ihnen, aber normalerweise bewegt er sich in seiner Freizeit auf anderem Parkett. Der Kunstförderer, der die Moma - Ausstellung von New York nach Berlin holte, liebt es, ins Theater und ins Konzert zu gehen. Die Philharmonie bezeichnet er gern als sein Wohnzimmer. Eher moderiert er eine Kunstveranstaltung oder tritt als Auktionator auf, als dass er sich abends mit Juristen trifft.

Die Moderation der Diskussionsveranstaltung mit Rechtsanwälten auf dem Podium und im Publikum war eine Ausnahme.

 

Take 2 (Raue)

Ach, man geht ganz gern mal fremd. Ich bin kein Standesrechtler, aber mich interessiert die Frage der Zukunft der Anwälte, die sich ja doch dramatisch verändert hat, sehr. Und der Moderator muss ja nur darauf schauen, dass die anderen das richtige sagen, und muss keine eigene Meinung haben. Und dann dilettiere auch gerne mal auf einem Gebiet, wo ich gar nichts verstehe.

 

Autorin

Vom Standesrecht versteht Rechtsanwalt Peter Raue vielleicht nichts, dafür ist er auf dem Gebiet des Urheberrechts zuhause. Und hier passen auch der Kunstliebhaber und der Jurist sehr gut zusammen.

 

Take 3 (Raue)

Es gibt ja im Kunstbereich unendlich viele Dinge, es geht um Fälschungen von Bildern, es geht um die Frage, was machte einer, der ein Bild  als echt gekauft hat und nach 10 Jahren stellt es sich als unecht raus. Es geht um die Frage, was ist eigentlich, wenn ein Schauspieler eine Rolle übernommen hat, und das Theater muss das Stück absetzen, weil der Staat ihm kein Geld gegeben hat. Wer trägt die Spesen, es geht darum, dass das Schiller-Theater geschlossen wird, und plötzlich die Schauspieler auf der Straße stehen. Frage, wer zahlt ihnen eigentlich den entgangenen Gewinn. Das sind alles handfeste juristische Probleme.

 

 

Autorin

Peter Raue ist also Kunstliebhaber, Kunstförderer, Kunstsammler auf der einen Seite und Jurist  auf der anderen. Kunst und Justiz treffen in seiner Person zusammen.  Berührungspunkte, sagt er, sind aber auch woanders zu finden.

 

Take 4 (Raue)

Zunächst einmal gibt es viele Dichter, denen das Juristische ein Thema war. Um den größten der deutschen Sprache zu nennen, das ist Heinrich von Kleist, über dessen Rechtsempfinden ich mal geschrieben habe, womit ich mich befasst habe. Es gibt Schriftsteller und Dichter, die mit der Justiz in Konflikt geraten. Denken Sie an Bambule von Ulrike Meinhof, denken Sie an den Skandal um den Roman Esra von Biller, der die Justiz durch alle Instanzen beschäftigt hat und weiter beschäftigen wird, also da gibt es ganz vielfältige Verbindungen.

 

Autorin

„Bambule“ war ein Fernsehfilm von Ulrike Meinhof, in dem sie die autoritären Methoden der Heimerziehung kritisierte. Der Film sollte am 24. Mai 1970 in der ARD gezeigt werden, wurde jedoch aus dem Programm genommen, weil Ulrike Meinhof einige Tage zuvor Andreas Baader  aus der Haft befreit hatte. Das Drehbuch erschien im Wagenbachverlag.

Der Roman „Esra“ von Maxim Biller beschäftigt die Justiz seit März 2003, weil sich eine frühere Freundin des Schriftstellers in einer Romanfigur wieder erkannte und sich in ihren Persönlichkeitsrechten verletzt sah. Sie erwirkte eine einstweilige Verfügung, das Buch durfte nicht ausgeliefert werden. 

In diese Reihe – Kunst vor Gericht – würde auch der Theaterskandal  Dresden passen. In einer Aufführung von Hauptmanns „Die Weber“ sagte ein „Chor der Arbeitslosen“ – dargestellt von Laiendarstellern – unter anderem, sinngemäß, dass Sabine Christiansen erschossen werden sollte.  Die zog daraufhin vor Gericht, sie wollte diese Textstelle aus der Inszenierung entfernt haben. Das Stück wurde jedoch abgesetzt, weil gleichzeitig der Theaterverlag, der Hauptmanns literarisches Erbe verwaltet, eine einstweilige Verfügung gegen das Schauspiel Dresden erwirkte. Das Werk von Gerhard Hauptmann sei verfälscht worden,  eine urheberrechtliche Entscheidung also. Mit diesem Prozess war Peter Raue übrigens nicht befasst.

 

Take 5 (Raue)

Und es gibt natürlich auch schreibende Juristen wie Herrn Schlink, der uns doch mit seinem Roman eine Welt geöffnet hat, die spannender ist als Staatsrechtler. Die Netze sind ganz eng, wenn man mal etwas genauer hinschaut.

 

 

Autorin

Bernhard Schlink ist Professor für öffentliches Recht und Rechtsphilosophie an der Humboldt-Universität zu Berlin, Richter des Verfassungsgerichtshofes des Landes Nordrhein-Westfalen. Er wurde nicht wegen seiner zahlreichen wissenschaftlichen Veröffentlichungen bekannt, sondern als Romanautor - zunächst durch seine Krimis um den Detektiv Selb. Die Bände „Selbs Justiz“ und „Selbs Betrug“ erschienen schon Ende der 1980er Jahre, der dritte Band „Selbs Mord“ kam erst 2001 dazu. Berühmt wurde Schlink mit seinem Roman „Der Vorleser“, der 1995 erschien und inzwischen in mehr als 30 Sprachen übersetzt wurde.

Die Doppelexistenz als Schriftsteller und Staatsrechtslehrer führt Schlink also schon viele Jahre. Als er noch nicht so hohe Auflagen erzielte, war es geradezu ideal, die Existenz durch den Beruf zu sichern und nebenbei der Schreiberei nachzugehen.

 

Take 6 (Schlink)

Das war mir eine zeitlang lieb, jetzt könnte ich Jura immer mehr lassen, hätte lieber mehr Zeit zum Schreiben.

 

Autorin

Das sagte Bernhard Schlink am 8. Oktober 2002 in der Sendung „Leute“ des Südwestrundfunks.

 

Take 7 (Schlink)

Ich habe viele Ideen und brauche viel Zeit und habe auch das Gefühl, dass jetzt die dreißig Jahre unterrichten eigentlich genug sind.

Mir macht’s immer noch Spaß, wenn ich’s mach, aber ich merke, zum 20. mal die Grundrechte unterrichten, muss eigentlich nicht sein, das könnten eigentlich auch jüngere machen, und ich hätte gern mehr Zeit zum schreiben.

 

Autorin

Wegen der Juristerei kam Bernhard Schlink eigentlich nur in den Ferien zum Schreiben. Aber der Zeitmangel machte den Schriftsteller erfinderisch.

 

Take 8 (Schlink)

Auf dem Fahrrad, in der U-Bahn, beim Spazierengehen, vor dem Einschlafen, spiele ich eben mit Geschichten. Und wie ich auf die Ideen meiner Geschichten komme, ich weiß es tatsächlich nicht, sondern ich empfinde es manchmal, klingt jetzt ein bisschen vollmundig, wie ein Geschenk, dann ist sie da, die Geschichte, oder die Stücke der Geschichte, und ich kann mit ihnen spielen und sie fügen, und irgendwann fügen sie sich auch.

 

 

Autorin

In seinem berühmten Buch, „Der Vorleser“, geht es um Verbrechen im Nationalsozialismus, um schwere Schuld, um die späte Bestrafung der Täter vor Gericht; Schlink erzählt aber auch über die Liebesbeziehung eines 15jährigen mit einer 20 Jahre älteren Frau.

Die Geschichten in dem 2000 erschienen Band „Liebesfluchten“ haben kaum noch etwas mit Justiz zu tun. Der Schriftsteller scheint sich immer mehr vom Juristen zu emanzipieren.

 

Atmo 4 (Orchestermusik)

20’’ freistehen lassen, dann unter den Text ziehen

 

Take 9 (Flügge)

Bei den Otto-Sinfonikern spiele ich seit rund 20 Jahren mit, in einem Laienorchester. Es macht einfach Spaß, sich wieder musikalisch zu betätigen, wenn man als kleiner Junge schon damit angefangen hat und dann während des  Studiums aufgehört hat, und dann fängt das plötzlich wieder an. Und das ist eine wunderbare Betätigung, die einen von seinem beruflichen Alltag auch ein bisschen ablenkt.

 

Autorin

Christoph Flügge ist Staatssekretär bei der Berliner Justizsenatorin. Sein beruflicher Alltag ist voll mit Terminen, er muss sich in der ganzen juristischen Palette zumindest sachkundig machen, er muss politisch verantwortliche Entscheidungen treffen.

Bei den Otto-Sinfonikern spielt er Geige. Einmal in der Woche treffen sich 60 Laienmusiker, um für ihre Auftritte zu proben.

 

Take 10 (Flügge)

Es gibt Juristen, mehrere Rechtsanwälte, mehrere Richter und Richterinnen, aber auch Juristen, die in den unterschiedlichen Behörden arbeiten. Es gibt aber genauso Lehrer und Ärzte und Sozialarbeiter und Informationstechniker und  Psychotherapeuten, was es alles so gibt.

Die Chance, am Freitagabend nach einer harten Arbeitswoche zusammenzukommen, zusammen Musik zu machen und eigentlich in die Musik hineinzufallen, gibt einem auch die Möglichkeit, wieder Distanz zu den beruflichen Belastungen des Alltags zu finden und sich einfach an der Musik zu freuen, auch der Tatsache, dass man schon durchaus was musikalisches zustande bringt, was anhörenswert ist. Das ist einfach ein wunderbarer Ausgleich, und das geht glaube ich allen bei uns im Orchester so.

 

 

Autorin

Ein paar Mal im Jahr treten die Otto Sinfoniker vor Freunden, Bekannten und Kollegen auf. Meistens finden die Konzerte in Berliner Kirchen statt, aber auch immer wieder in Haftanstalten. Christoph Flügge, Staatssekretär der Justiz in Berlin, hält die Kunst für ein gutes Mittel, im Strafvollzug positives zu bewirken.

 

Take 11 (Flügge)

Es gibt immer wieder musikalische Veranstaltungen in Vollzugsanstalten und das erwähnte Orchester, die Otto-Sinfoniker sind schon oft in Berliner Vollzugsanstalten, in der JVA Tegel, in der JVA für Frauen, in der Jugendstrafanstalt, aber auch schon im Berliner Maßregelvollzug aufgetreten, auch schon in anderen sozialen Einrichtungen, um einfach den Gefangenen etwas zu vermitteln, was sie auch noch nicht erlebt haben – welcher der Gefangenen ist denn schon mal in einem klassischen Konzert gewesen – und zu merken, dass plötzlich bei denen die Tränen in den Augen stehen, wenn sie diese Musik hören, die ihnen direkt unter die Haut geht, und die sich hinterher überschwänglich bedanken, das ist etwas, was für uns als Musiker etwas bereicherndes und belebendes ist.

 

Atmo 5 (Schlüsselklappern, Summende Männerstimmen, Deutschlandlied)

unter Take 11 ab „was für uns als Musiker“ und dann unter den Text

 

Autorin

„Schwarz-Rot-Gold – wir haben ein Gesetz“ heißt die neueste Produktion der Theatergruppe „AufBruch“, die seit einigen Jahren in der Justizvollzugsanstalt Tegel Stücke mit Gefangenen einstudiert.

 

Take 12 (Flügge)

Die ein ganz hohes Niveau haben, das ich mir nicht habe vorstellen können, dass das überhaupt geht. Diese Disziplin der Gefangenen, unglaublich schwierige, lange Texte zu lernen,  zum Teil im Chor, zum Teil alleine zu sprechen, da mit einem unglaublichen Engagement zu spielen, sich voll einzusetzen, und dann hinterher die leuchtenden Augen dieser Gefangenen zu sehen, die was gebracht haben, wofür Leute aufstehen und klatschen und ihnen Beifall zollen. Das finde ich etwas absolut großartiges.

 

Autorin

Der Staatssekretär war so begeistert von der Arbeit der Theatergruppe, dass er eine Extra-Vorstellung vor prominenten Gästen möglich machte. Eine Delegation aus Moskau, die sich über das deutsche Gnadenwesen informierte, gehörte ebenso zum interessierten Publikum wie die Kammergerichtspräsidentin, verschiedene andere Gerichtspräsidenten und einige Justiz-Staatssekretäre, die sich zur Länderkonferenz in Berlin getroffen hatten. Aber es waren auch Gefangene unter den Zuschauern, wie Anstaltsleiter Klaus Lange-Lehngut betont.

 

Take 13 (Lange-Lehngut)

Ich möchte nicht ne Veranstaltung machen nur für externe, sondern auch immer für Insassen, und hier waren auch heute einige Insassen dabei. Natürlich war das Publikum heute ein anderes als wir sonst haben, weil der Staatssekretär eingeladen hatte.

 

A: Und wer kommt sonst zu solchen Aufführungen?

 

L: Interessierte Öffentlichkeit, die auch sonst ins Theater geht. Ich habe ein paar persönliche Freunde, die praktisch jeden Abend, wenn sie in Berlin sind, die sind häufig in Berlin, ins Theater gehen, und die sagen, diese Veranstaltungen hier in Tegel sind mit das Eindrucksvollste, was sie hier in Berlin sehen  können.

 

Atmo 6 (Gefangenen-Chor)

Dort wo er her kommt war es finster, zuhause, das ist Sangerhausen, eine Kleinstadt in Sachsen-Anhalt, irgendwo zwischen dem Kyffhäuser und Eisleben, Barbarossa… und Lutherstadt, Wilhelminismus und  Protestantismus, Militärstadt und Gewissensbuchhaltung, im Schwitzkasten deutscher Geschichte alpträumte sich das Kaff durch die Zeit, Schneeflecken im Dreck … Menschen scheinen in dieser Gegend die Ausnahme zu sein, das war sein zuhause.

 

 

Autorin

Das Stück ist eine Hommage an den 2001 verstorbenen Theatermann Einar Schleef. Zitate aus Tagebucheintragungen, aus dem Roman „Gertrud“ und aus eigenen Texten werden im Chor oder einzeln vorgetragen.

 

Take 14 (Berg)

44, als du geboren wurdest, ich war 35, Vater 36, ich wollte kein Kind mehr, nach den 7 Tagen Geburt an deinem Bruder, dass ich dich als Kind nicht wollte, da wo der Krieg auf Hochtouren lief, kannst du nicht verstehen, was ich mir dir durchgemacht habe, du nur krank, von Anfang an?

 

Autorin

Frank B. Berg  spielt die Rolle der Mutter besonders eindrucksvoll. Er ist eine imposante Erscheinung, 1 Meter 90 groß, Glatze, nackter Oberkörper, langer Rock, eiserner Handschuh.

 

Take 15 (Berg)

Ne Mutter gespielt, ne Frau gespielt, und ich fühl mich gar nicht so, und finde, ich sehe auch nicht so aus. Und ja, es wird dann allgemein Beifall bekundet, und ich mache es wohl ganz gut.

Ich komme aus Haus 1, ich liege hier auf einer so genannten Clearing-Station, beabsichtige in naher Zukunft eine Drogenentwöhnungsbehandlung zu machen, und dort kann man sich eben mehr oder weniger unter Beweis stellen, dass man abstinent leben will oder abstinent leben kann und dann eine so genannte Prüfung stattfindet über den weiteren Verlauf.

Ich bin also  relativ  kurz dabei, ich habe zur Zeit eine Reststrafe von 14 Monaten und einige Mithäftlinge, das dehnt sich aus bis lebenslänglich. Auch aus dieser Gruppe. Und es sind auch alle Delikte vertreten, also ich selbst sitze ein wegen Drogendelikten, wir haben Leute dabei wegen Fahren ohne Führerschein bis hin zu Totschlag oder Sexualdelikte, also einmal die komplette Palette eigentlich.

 

Autorin

Das Einar-Schleef-Projekt der Gruppe aufBruch war ein großer Erfolg. Aber auch früher schon ist die Gruppe um Regisseur Peter Atanassow durch interessante Inszenierungen hervorgetreten. Im März 2004 hatten die Theaterleute sogar die Möglichkeit, mit jungen Gefangenen zu arbeiten, die in einer Haftanstalt in der Nähe von Moskau inhaftiert sind. Jörg-Ingo Weber – ehemaliger  Referatsleiter  in der Berliner Senatsverwaltung für Wissenschaft und Kultur,  war am Zustandekommen dieses außergewöhnlichen Projekts beteiligt.

 

Take 16 (Weber)

Es ist keine eigentliche Resozialisierungsarbeit beispielsweise auf Gefangene bezogen, sondern es ist wirklich Arbeit mit einem künstlerischen Anspruch Theaterarbeit zu machen. Es war ein sehr anspruchsvolles Theater, was die Einbeziehung des Menschen, nicht nur sprachlich etwas auszudrücken, sondern auch körperlich etwas darzustellen bringt. Sehr viel chorische Bewegung, man fühlt sich erinnert an griechische Tragödien, wenn ich das etwas übertrieben sage. Und das hat mich sehr ergriffen, nicht nur, weil ich sage, Hilfe, du bist hier in der Nähe von Moskau und in Russland, und es sind Gesetzesbrecher, und die bringen so was zustande, sondern weil ich  tatsächlich den Eindruck hatte, aus den jungen Menschen, es ist ja ein Jugendgefängnis gewesen, aus den jungen Menschen ist etwas gemacht worden, was sie sehr nahe an die Schauspielerei herangeführt hat, und das fand ich sehr eindrucksvoll.

 

 

Atmo 7 (aus dem Film über das Moskauer Projekt)

Geblendet in die folgende Atmo

Atmo (Gesang im Frauenknast)

10’’ frei stehen lassen, dann unter den Text

 

Autorin

Theater gibt es auch in der Justizvollzugsanstalt für Frauen in Lichtenberg, aber erst seit kurzer Zeit. Hier hat es die Gruppe „Kollektiv VolkArt“ geschafft, mit 8 gefangenen Frauen ein Stück auf die Beine zu stellen, das sich sehen und hören lassen kann.

 

Atmo 8 (Steffi singt)

Gesang, 15 ’’ stehen lassen, dann unter den Take

 

Take 17 (Steffi)

Ich war super, super aufgeregt, weil ich bloß vor ein paar Freunden oder so sonst gesungen habe, und zum ersten mal vor so einer großen Menge, und es war ziemlich aufregend, aber es hat ja letztendlich doch noch geklappt.

Danach war alles vorbei, mit der Aufregung jedenfalls. Ich habe mich gefreut, es haben auch viele Leute gratuliert, ich habe mich gefreut, dass es so gut über die Bühne gegangen ist letztendlich und danach war die Aufregung vorbei.

 

 

Autorin

„Freiheit die ich meine“ heißt das Stück; in Liedern, Monologen, Dialogen und Sprechchören geht es um den Alltag, um  Sehnsüchte, um Träume und Wirklichkeit. Die Theatergruppe, das sind der Schauspieler Artur Albrecht, der Musiker Thomas Lilge und die Schauspielerin Henriette Huppmann. Sie haben es geschafft, das Publikum zu begeistern. Viele Gefangene schauen bei der Premiere zu, aber auch der Anstaltsleiter,  Matthias Blümel.

 

Take 18 (Blümel)

B: Die Frauen haben die Möglichkeit hier andere Rollen zu lernen und auszuprobieren und es ist wirklich eine gute Sache.

 

A: Haben Sie die Aufführung hier zum ersten Mal gesehen?

B: Ja, ich habe nicht die Generalprobe, und ich war ziemlich begeistert, ja. Es war sehr emotional, und diese kleinen Schwächen, das macht’s ja gerade immer so, was dann doch fast rührt.

 

 

Autorin

Im Publikum waren auch Zuschauer von draußen, Journalistinnen, Sozialarbeiter und die Schauspielerin Irm Hermann, bekannt geworden in den Filmen von Rainer Werner Fassbinder.

Irm Hermann ist zum ersten Mal im Gefängnis:

 

Take 19 (Hermann)

Ja, muss ich gestehen, es ist meine Premiere.

Aber ich bereue es nicht, ich bin sehr froh, dass es möglich ist, ich bin wirklich ganz beglückt darüber, dass es möglich ist, mit diesen Strafgefangenen, das ist ein furchtbares Wort, das gibt es ja heute schon gar nicht mehr, aber mit den Insassen, dass man da was machen kann, Theater machen kann, sie aus ihrem Strafvollzugsalltag herausreißt und sie Träume auch ein bisschen verwirklichen können, die sie ja sicher auch im Kopf  haben. Das hat man ja heute gemerkt, indem sie auch viel singen und da sind auch durchaus Talente dabei, denen man wünschen würde, sie würden irgendwie entdeckt und sie könnten auch draußen dann ne Chance, ne Gelegenheit haben, aufzutreten.

 

 

Autorin

Eine erste Gelegenheit bietet sich bereits in wenigen Tagen. Am 6. Februar treten einige der Frauen zusammen mit dem Kollektiv VolkArt im Hebbel am Ufer auf, im Rahmen des zweiten langen Wochenendes des Freien Theaters, 100° Berlin.

Die nicht dabei sein können, weil ihre noch zu verbüßenden Strafen zu hoch sind, werden per Video oder Tonaufzeichnung dennoch zu sehen oder zu hören sein.

 

Atmo 9 (Frauen singen)

15’’ freistehen lassen, dann unter den Take

 

Take 20 (Heinisch)

Ich hab hier bei mir in der Wohnung auch einen kleinen Salon, der sich thematisch auch mit dem Thema Kunst und Justiz beschäftigt.

 

 

Autorin

Philipp Heinisch war Rechtsanwalt. Vor 14 Jahren hat er sich aus dem Beruf verabschiedet und seine Robe an den Nagel gehängt. Er widmet sich seitdem ganz seiner eigentlichen Leidenschaft, dem Zeichnen und Malen. Außerdem lädt er regelmäßig zu dem Gesprächskreis „Kunst und Justiz“ ein.

 

Take 21 (Heinisch)

Wir haben zum Teil sehr prominente Referenten oder Künstler, die über ihr Verhältnis zum Thema Recht und Gerechtigkeit Auskunft geben. Da hatten wir die Ulla Meineke oder Heino Ferch schon zu Gast. Aber es wird dann auch thematisch darüber gesprochen. Also wir hatten zum Beispiel hier neulich einen Mann aus dem Finanzministerium, der hat über Mozart und die Steuern gesprochen, war auch ungemein interessant.

 

 

Autorin

Philipp Heinisch ist Karikaturist und Maler. Er lebt von seiner Kunst, braucht die Anwaltstätigkeit nicht mehr zum Broterwerb. Er hat sich vollständig von der Justiz entfernt und sich ihr gleichzeitig mehr genähert als jemals zuvor in seinem Leben. Prozessakten, Richter, Rechtsanwälte, die ganze Paragraphenwelt und vor allem Justitia selbst sind zum Gegenstand seiner Zeichnungen und Malereien geworden.

 

Take 22 (Heinisch)

Ich habe zum Beispiel ein Bild, das ist die Justitia mit Herz und Verstand. Da sieht man also auf der Waage der Justitia auf der einen Seite das Herz, auf der anderen Seite ein Gehirn. Und das Herz ist ein bisschen schwerer als das Gehirn, und das ist auch so meine Art, die Verhältnisse zu sehen. Und es kommt hinzu, dass diese Justitia zwar eine Binde auf dem Kopf  hat, aber nicht vor den Augen. Das heißt, sie hat die Binde nach oben geschoben und schaut hin. Justitia soll auch hinschauen, also sie soll sich nicht die Augen zukleistern, die Augen verhüllen, sondern sie soll hingucken und sehen, was sie macht.

 

Autorin

Aber steht nicht die Binde über den Augen als Symbol für die Unparteilichkeit, dass jeder und jede, ohne Ansehen der Person, gleich behandelt werden soll?

 

Take 23

Die allererste Justitia, zumindest in der darstellenden Kunst, wo ja das Thema auch geboren wurde, die allererste Abbildung stammt ja von Albrecht Dürer und war ein Spottbild auf die Juristen, die nicht hingeschaut haben. Das ist amtlich, das ist ein Bild im Narrenschiff  von Sebastian Brant von Albrecht Dürer, und da wird die Justitia bzw. werden die Juristen richtig aufs Korn genommen nach dem Motto, ihr seid ja wirklich immer nur mit eurem römischen Recht beschäftigt und guckt überhaupt nicht hin, wie die Wirklichkeit hier ist.

 

Autorin

Philipp Heinisch stellt seine Werke meistens an Orten der Justiz aus: In Gerichtsgebäuden, aber auch im Bundesministerium der Justiz. Zurzeit sind seine Werke im Amtsgericht Kassel und im Landgericht Rostock zu sehen, geplant ist eine Ausstellung im Arbeitsgericht Berlin.

 

Atmo 10 (Duo MoviKanto)

15’’ freistehen lassen, dann unter den Text legen

 

Autorin

Das Duo MoviKanto, Anne Dreyer Akkordeon und Kathrin Sommer Sopran- und Altsaxophon, spielt den „Pa De Dö“, eine eigene Komposition. Der Verein „Galerie im  Gericht“ hat die jungen Musikerinnen zur Vernissage engagiert, ins Amtsgericht Hohenschönhausen.

 

Take 24 (Schwemmer)

Wir kriegen Bewerbungen, die wir dann prüfen und uns mit den Künstlern unterhalten, das Atelier besuchen, wir gehen auch selber in Ausstellungen, in Galerien und auf Künstlertreffen, auf Kunstmeilen und dergleichen und sprechen auch gezielt Künstler an, deren Stil uns zu unserer Galerie passend erscheint.

 

 

Autorin

Eckart Schwemmer ist Rechtspfleger. Er war von Anfang an dabei, als die Idee aufkam, Bilder  im Gericht auszustellen. Mittlerweile sind auch Richter, Schreibkräfte und andere Justizangehörige im Verein aktiv.

In Hohenschönhausen wird ausschließlich abstrakte Kunst ausgestellt.

 

 

Take 25 (Schwemmer)

Wir stellen nicht aus zum Beispiel Karikaturen oder Dinge, wo die Justiz aufs Korn genommen wird oder dergleichen. Sondern es ging bei der Intention der Galerie hauptsächlich darum, eine andere Seite der Justiz zu zeigen, ein menschliches Gesicht und auch die Mitarbeiter zu präsentieren als solche, die eben nicht nur strikte Paragraphenreiter sind, sondern eben auch andere Interessen haben, die sie hier pflegen.

 

Atmo 10  (Duo Movikanto)

Ab „sondern eben auch“  unter den Text legen, einige Sekunden freistehen lassen, ausblenden

 

 

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