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Praxis statt Paragraphen

Die Reform der Juristenausbildung

Eine Sendung von Annette Wilmes

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

                                     Redaktion:   Karin Tholen

                                     Sendetag:   24. Mai 2004

                                     Sendezeit:  19.05 – 19.30 Uhr

 

 

 

 

 

                                                                                              

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Regie:                                             Take 1 (Christoph Flügge, Staatssekretär)

Zunächst einmal das allerwichtigste, die Reform hat stattgefunden.

 

Autorin:                                           Das sagt Christoph Flügge, Staatssekretär der Justiz im Berliner Senat. Die Reform der Juristenausbildung hat stattgefunden, nach einem jahrzehntelangen Streit zwischen den Bundesländern, die für die Hochschulausbildung zuständig sind, aber auch zwischen Bund und Ländern. Im Juli vergangenen Jahres trat die Änderung des Deutschen Richtergesetzes in Kraft, mit der die Ausbildung der Juristinnen und Juristen an den Hochschulen und im Referendardienst endlich den aktuellen Anforderungen angepasst werden sollte. Es war ein mühsamer Prozess.  Staatssekretär Flügge ist froh darüber, dass es endlich geklappt hat.

 

Regie                                              Take 2 (Flügge)

Man begann immer mit großen Würfen und endete dann mit kläglichen Kompromissen, die allerdings nie in die Tat umgesetzt wurden. Jetzt sind wir in einer Situation, wo erstmalig also durch die Reform des Deutschen Richtergesetzes tatsächlich signifikante Änderungen einvernehmlich von allen Beteiligten beschlossen wurden, und ich kann das eigentlich so weit zusammenfassen: Die Universitäten werden gestärkt, sie werden beteiligt an den Prüfungen, jedenfalls Teilen der Prüfungen, der zweite Punkt, dass mehr auf soziale Kompetenzen bei Richtern, bei Juristen insgesamt Wert gelegt wird und nicht so sehr nur der Notendurchschnitt, also das bloße Wissen in der Qualifikation eine Rolle spielen soll. Und der dritte Punkt ist, dass es nicht mehr eine Ausbildung in Zukunft sein soll, die sehr stark auf staatliche juristische Berufe, sprich Richterinnen, Richter oder staatsanwaltschaftlicher Dienst ausgerichtet ist, sondern sehr viel stärker auch qualifiziert, um später als Anwalt oder in der Wirtschaft tätig zu sein.

 

 

Autorin:                                           Vor allem diese Änderung war bitter nötig. Denn im Justizdienst werden nicht mehr so viele Jura-Absolventen gebraucht wie früher. Auf den Beruf des Rechtsanwalts, den die meisten schließlich ergreifen, ist die Ausbildung bisher nicht besonders gut ausgerichtet. Um aus diesem Dilemma herauszukommen, sei die Reform ein Schritt in die richtige Richtung, meint Rechtsanwalt Peter Ströbel aus Stuttgart. Er ist dort  Präsident der Rechtsanwaltskammer und in der Bundesrechtsanwaltskammer arbeitet er im Ausschuss „Reform der Anwaltsausbildung“ mit.

 

Regie:                                             Take 3 (Ströbel)

Die wesentlichen Punkte sind eine sehr viel längere Ausbildung der Juristen bei Anwälten. Das heißt, früher waren sie drei Monate in der Referendarausbildung,  jetzt sind sie mindestens neun Monate beim Anwalt. Die weitere Änderung ist, dass während dieser Zeit, während dieser neun Monate noch eine zusätzliche theoretische Ausbildung erfolgt von Anwälten für die künftigen Juristen, im Wesentlichen solche, die dann auch Anwälte werden, also eine theoretische Ausbildung in Kursen.

 

 

Autorin:                                           Peter Ströbel spricht hier von dem zweiten juristischen Ausbildungsteil, der Referendarausbildung, die nach dem ersten Staatsexamen beginnt. Die angehenden Juristinnen und Juristen besuchen verschiedene Stationen an den Gerichten, bei der Staatsanwaltschaft, bei Behörden oder in Strafvollzugsanstalten. Es gibt eine Wahl- und mehrere Pflichtstationen, hier soll erprobt werden, was im Studium an der Universität gelernt wurde. Referendar Tobias Julius, der seine Ausbildung bald hinter sich hat, kommt nicht mehr in den Genuss der Neuerungen. Er hält sie zwar für sinnvoll,  aber sie müssten noch weiter gehen.

 

Regie:                                             Take 4 (Julius)

Die Ausbildung muss verstärkt auf den Beruf des Anwalts abzielen. Auf der anderen Seite hat sich natürlich auch auf der Seite der Anwaltschaft die Zahl der Anwälte rapide vergrößert. Also in den letzten 10 Jahren kann man sagen, hat sich die Anwaltschaft fast verdoppelt. Wer also heute auf dem Arbeitsmarkt bestehen möchte, für den ist die einzige Möglichkeit die Spezialisierung. Und das kommt eben hier in der Ausbildung überhaupt nicht zum Tragen.

 

 

Autorin:                                           Auch Peter Ströbel von der Bundesrechtsanwaltskammer reicht die Reform nicht aus.

 

Regie:                                             Take 5 (Ströbel)

Die Bundesrechtsanwaltskammer wollte ein Reformmodell dahingehend, dass die Juristen an den Universitäten etwas stärker und länger ausgebildet werden und mit einer Art Diplom abschließen, und danach sollte jeder Berufszweig, also die Anwälte, die Richter, die Verwaltung sollte ihre Juristen selber weiter ausbilden in dem spezifischen Bereich. Dieses Modell wurde von den Justizministern letztendlich abgelehnt, sie wollten es beim Einheitsjuristen belassen, haben aber gleichzeitig erklärt, dass das jetzige Modell trotzdem reformiert werden soll im Bezug auf anwaltspezifischere Ausbildung.

 

Autorin:                                           Einheitsjurist heißt, dass alle Jura-Studierenden und Referendare bis zum Zweiten Examen einheitlich ausgebildet werden. Sie erlangen die „Befähigung zum Richteramt“ und können trotz Spezialisierung in einzelnen Bereichen sowohl Richter, Staatsanwalt als auch Rechtsanwalt werden. Theoretisch, versteht sich, denn in der Praxis stehen ja gar nicht mehr alle Berufsfelder offen.

Es waren die Justizminister der Länder, die das Prinzip des Einheitsjuristen nicht aufgeben wollten. Staatssekretär Christoph Flügge meint, dass es dafür gute Gründe gebe:

 

Regie:                                             Take 6 (Flügge)

Wenn wir davon abgehen würden, würden wir eigentlich einen großen Vorteil, nämlich die Flexibilität aufgeben. In anderen Ländern gibt es diese Flexibilität zum Teil nicht, und dann entwickelt sich ein Kastendenken. Wenn man nur ausgebildet wird, Richter zu sein, und nicht die Chance hat, doch vielleicht nach Ende der Ausbildung einen anderen Beruf zu ergreifen, oder keine Chance hat, weil einfach nicht so viele Richter gebraucht werden, dann würde man schlicht in die Arbeitslosigkeit entlassen, so hat man die Chance, in Organisationen, in Verbänden, in internationalen Institutionen unterzukommen oder sich als Anwalt niederlassen zu lassen, obwohl das auch kein einfacher Weg ist. Jedenfalls ist die Flexibilität und die Chance, eine adäquate Position zu bekommen, deutlich größer, wenn es dieses Einheitsausbildung gibt.

Und vielleicht ist das sogar der Vorteil der Juristen, dass sie nicht zu früh die Superspezialisten auf einem speziellen Gebiet werden, sondern die Methodik lernen, das Handwerkszeug lernen, neben der Anwendung von Gesetzen aber auch soziale Kompetenzen, nämlich Verhandlungsführung, was ganz entscheidendes, was in jedem Beruf gebraucht wird. Menschenkenntnis, die Art, Zeugen zu vernehmen, das ist nämlich eine bestimmte Kunst, die man bisher kaum gelernt hat, man konnte es oder man konnte es nicht. Und das war zum teil verheerend in den Gerichtssälen auf allen Seiten vom Verteidiger bis zum Staatsanwalt, dass die Kenntnisse, wie ich einen Zeugen vernehme, um an die Wahrheit heranzukommen, nicht vorhanden war. Diese Grundfähigkeiten, die man in jedem juristischen Beruf braucht, stärker zu erlernen, ist, glaube ich, durchaus möglich. Und es gibt genügend Beispiele, wo ein Spezialist auf dem einen Gebiet sehr schnell Spezialist auf einem anderen Gebiet werden kann, wenn er denn überhaupt bereit ist und fähig ist, das Fachgebiet zu wechseln.

 

 

Autorin:                                           Deshalb wird in der Ausbildungsreform den Schlüsselqualifikationen große Bedeutung beigemessen. Peter Ströbel von der Bundesrechtsanwaltskammer erläutert, was darunter zu verstehen ist:

 

Regie:                                             Take 7 (Ströbel)

Zum Beispiel Kommunikation, Mediation, außergerichtliche Streitbeilegung, auch dann Rhetorik, alles das, was der Anwalt eben auch können muss außer dem Kennen der Gesetze. Zum Beispiel das Verhandeln, das Zuhören, das aufeinander Eingehen, in den Fall sich einfühlen, das sind Dinge, die bisher nicht in der Ausbildung enthalten waren und die ganz wichtig sind.

 

Autorin:    Die auch heute noch den guten vom schlechten Anwalt unterscheiden, und was sich die Anwälte sozusagen selbst durch Fortbildung oder einfach auch durch Talent beibringen mussten, beibringen konnten, was dann letztlich dem Mandanten zugute kommt, das soll jetzt auch schon in die Ausbildung hineinkommen.

 

Ströbel:     Richtig, früher gab es praktisch nur learning by doing, das war das wesentliche, und jeder Anwalt musste sich eben so gut er konnte sich diese Dinge aneignen, oder er konnte es nie lernen. Jetzt wird das ein Teil der Ausbildung an den Universitäten werden und ich hoffe, dass dadurch die Anwälte schon sehr viel besser schon in die Referendarzeit kommen, die künftigen, und dann nach dem zweiten Examen in die Anwaltschaft einfach als besser ausgebildete Kolleginnen und Kollegen.

 

 

Autorin:                                           Für die Ausbildung der Referendare sind die Oberlandesgerichte zuständig, in Berlin das Kammergericht. Seine Präsidentin Monika Nöhre, seit knapp zwei Jahren im Amt, ist selbst ein Beispiel für Flexibilität im juristischen Beruf. Sie begann als Anwältin und arbeitete unter anderem als Strafverteidigerin. Dann wechselte sie für 12 Jahre ins Richteramt, wurde danach Verwaltungsbeamtin und war verantwortlich für den Justizhaushalt der Stadt Hamburg. Sie setzte ihre Karriere als Vizepräsidentin des Oberlandesgerichts Hamburg fort und schließlich als Präsidentin des Berliner Kammergerichts, auch ein Oberlandesgericht.

Monika Nöhre begrüßt die Reform der Juristenausbildung und will die Schlüsselqualifikationen noch verstärken.

 

Regie:                                             Take 8 (Nöhre)

In jedem Fall brauchen die Juristen ein solides Fachwissen und solide Rechtskenntnisse. Ich will nicht, wenn ich jetzt die Schlüsselqualifikation so hervorhebe, sagen, dass die Grundausbildung in den Stammrechtsgebieten und auch in den praktischen Fertigungen vernachlässigt werden darf. Aber, wir müssen uns genau angucken, was braucht ein junger Jurist heute. Er muss sich sprachlich, also er muss ein gutes Verbalisierungsvermögen haben, er muss verhandeln können, er muss Strömungen aufnehmen, er muss auch eine Rückkoppelung haben, wie wirke ich, wie komme ich bei meinen Menschen an, mit denen ich zusammen bin. Und das nennen wir ja heute Schlüsselqualifikation, also Mediation, Verhandlungsmanagement, Rhetorik.

Das könnten auch die erfahrenen Anwälte und Richter jungen  Kollegen vermitteln. Denn wir als Richter und als Anwälte haben ja gelernt, wie wir uns mit der Gegenseite verständigen können oder wie wir als neutraler Mittler doch zwei streitende Parteien versuchen, auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen, also das lernt man schon ein wenig im Laufe der Zeit, und das könnte man, meine ich, sehr gut vermitteln.

 

Autorin:                                           Also weg vom sturen Paragraphenpauken hin zum praktischen Lernen. Das allerdings sollte schon viel früher, nämlich während der Ausbildung an der Hochschule beginnen. Florian Schierle, Student im 8. Semester an der Freien Universität Berlin, ist skeptisch, ob das so reibungslos funktionieren kann.

 

Regie:                                             Take 9 (Schierle)

Ich halte das grundsätzlich für sehr richtig, ich würde aber andererseits sagen, man darf es nicht überschätzen. Es ist ja immer sehr leicht, mit Worthülsen zu arbeiten. Insofern muss man aufpassen, was man wirklich damit will und meint. Ich würde grundsätzlich sagen, dass die Grundausbildung nach wie vor eben darauf angewiesen ist, dass man lernt, aus einer Richterposition, aus einer Position des unabhängigen Dritten heraus einen Sachverhalt zu beurteilen. Wenn man das erlernt hat, dann ist es wichtig, dass man zusätzlich lernt, das von einer Parteiseite aus zu beurteilen und solche Fragestellungen zu behandeln. Sie sehen aber schon, das ist quasi schon wieder ein Plus, ein Mehr, was wieder abverlangt wird in immer kürzer werdenden Studienzeiten, die ja auch gewünscht sind. Insofern ist das eine zweischneidige Geschichte, wo man auch aufpassen muss, dass man die Leute nicht überfordert.

 

Autorin:                                              Sinnvoll Lernstoff zu  kürzen, um Platz zu machen für Dinge, die heute wichtig sind, sei gar nicht so einfach, meint Florian Schierle. Jeder der Lehrenden halte an seinem Arbeitsgebiet fest. So wird wohl auch noch in Zukunft weiter wie schon vor 100 Jahren das Bürgerliche Recht in all seinen Facetten und Einzelheiten gepaukt, während die neueren Gebiete zwangsläufig zu kurz kommen.

 

Regie:                                             Take 10 (Schierle)

Nehmen wir das Europarecht. Zu der Zeit, als die meisten unserer Professoren studiert haben, konnte man das Europarecht wahrscheinlich in zwei bis vier Stunden behandeln. Heute haben wir da mehrsemestrige Vorlesungen dazu. Das ist natürlich auch ein ganz wichtiger Bereich, von dem man was wissen muss, ist klar. Nur, da muss man sich natürlich fragen, ist es auch nötig, dass man die Nebengebiete des BGBs immer noch im gleichen Umfang behandelt, wie das früher der Fall war.

 

 

Autorin:                                           Das Studium ist nach der Reform in drei Phasen gegliedert: Ein Grundstudium von drei Semestern, dann eine Vertiefungsphase von weiteren drei Semestern und schließlich eine Examensphase, in der sich die Studentinnen und Studenten  auf die Staatsprüfung und die universitäre Schwerpunktsbereichsprüfung vorbereiten. Schwerpunktbereiche können zum Beispiel Wirtschaftsrecht, Medienrecht oder auch Europarecht sein. In dieser letzten Phase des Studiums findet also die Spezialisierung statt. Florian Schierle allerdings studiert noch nach der alten Studienordnung, hatte hier aber die Möglichkeit, sich über Wahlfächer zu qualifizieren. 

 

Regie:                                             Take 11

Mache dort Völker- und Europarecht, habe ein Jahr in Straßburg studiert und dort auch schwerpunktmäßig das gemacht. Ich habe da ein Zusatzzertifikat für Völker- und Europarecht gemacht, würde auch gerne in diesem Bereich bleiben, habe dort Praktika auch gemacht beim Europarat als internationale Institution, fand das sehr spannend. Habe mich jetzt viel mit europäischem Asylrecht jetzt beschäftigt innerhalb eines Projektes, fände auch zum Beispiel den Hohen Flüchtlingskommissar als UNO-Programm eine interessante Möglichkeit, in dieser Richtung was zu machen. Aber ich kann das nicht sagen, bin noch nicht entschieden.

 

Autorin:                                           Nur in der Prüfung wird Florian Schierle das alles nichts nützen, da er noch nach den althergebrachten Staatsexamina geprüft wird, in denen man einfach alles können muss: im bürgerlichen Recht, im Straf- und im öffentlichen Recht. Die speziellen Kenntnisse aber zählen meist nicht, es sei denn, sie sind zufällig Inhalt der Prüfung.

In Zukunft also werden die Schwerpunktbereiche an der Universität geprüft, der Rest vom Justizprüfungsamt. Die universitäre Note zählt 30, die staatliche 70 Prozent bei der Berechnung der Endnote.

Seit 2001 gibt es an der Freien Universität im Fachbereich Jura ein Studien- und Prüfungsbüro, das von Dr. Andreas Fijal geleitet wird. Gleichzeitig ist er Studiendekan und Beauftragter des Fachbereichs für die Europäische Hochschulkooperation (SOKRATES/ERASMUS). Andreas Fijal hat selbst auch als Rechtsanwalt gearbeitet, bevor er an die Universität zurückkehrte. Sicher auch deshalb legt er großen Wert darauf, dass die Studierenden praxisbezogen lernen können.

 

Regie:                                             Take 12 (Fijal)

Bei uns zum Beispiel findet Anwaltsorientierte Ausbildung schon in einem sehr frühen Stadium statt, da wir in einer in der Juristenfakultäten-Landschaft der Bundesrepublik einmaligen Dichte etwa die internationalen Wettbewerbe für unsere jungen Studierenden organisieren. So kann man bei uns hier zum Beispiel teilnehmen an dem Model United Nations, an dem junge Studierende etwa eine Sitzung des Sicherheitsrates der UN simulieren und dies in einer Form vorbereiten, die sehr viel auch mit anwaltlicher Tätigkeit zu tun hat. Das gleiche gilt etwa für die Moot Courts, die wir hier prestieren, dazu zählt etwas der Moot Court René Cassin, der  sich in französischer Sprache mit europäischen Rechtsproblemen auseinandersetzt. Oder Philipp Jessup Moot Court, der dies auf noch internationalerer Ebene tut. Hier werden schon ab dem 2. Semester Studierende unseres Fachbereiches an typische anwaltliche Aufbereitung von Rechtsproblemen herangeführt. Dies unter Einbindung von Praktikerinnen und Praktikern, die sich hier bei uns beteiligen. Seien es ehemalige Botschafter der Bundesrepublik Deutschland bei den Vereinten Nationen, seien es Richter der höchsten europäischen Gerichtshöfe, die sich regelmäßig einbinden bei der Organisation dieser Wettbewerbe.

 

Autorin:                                           Die Studienreform an der Freien Universität sei unter Beteiligung der Studentenschaft, aber auch der anderen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Fachbereichs auf den Weg gebracht worden, betont Studiendekan Fijal.

 

Regie:                                             Take 13 (Fijal)

Wir haben nicht in einem stillen Stübchen gesessen und uns etwas ganz neues ausgedacht, sondern wir haben auf allen Ebenen diskutiert, wir haben auf allen Ebenen diskutiert. Wir haben quasi jeden Paragraphen, den wir neu gefasst haben, durch einen Diskurs in der Ausbildungskommission, wir hier  haben, die paritätisch vor allen  Dingen besetzt ist, aber im Wesentlichen von  Studierenden bestimmt ist, wir haben das durch den Fachbereichsrat gebracht und diskutiert. Alle Ebenen der Universität, wie sie sich in unserem Fachbereich spiegeln, waren in die Reformarbeit eingebunden. Und das war auch eine Befruchtung natürlich.

 

Autorin:                                           Als ein besonderes Beispiel hebt er die Kurse zur Fremdsprachenqualifikation hervor.

 

Regie:                                             Take 14 (Fijal)

Wir haben das Glück gehabt in Kooperation mit dem DAAD hier einen Gastlehrstuhl für Angloamerikanisches Recht einrichten zu können an unserem Fachbereich. In jedem Sommersemester rufen wir einen Wissenschaftler oder eine Wissenschaftlerin aus den Vereinigten Staaten von dort mit uns kooperierenden größeren Universitäten hierher, der dann Lehrveranstaltungen in amerikanischer Sprache zum angloamerikanischen Recht anbietet. Das sind spannende Dinge, im vergangenen Semester hatten wir Professor Curt Strasser hier bei uns von der University of Connecticut, Harvard School of Law, der etwa gesprochen hat über Antitrust and Traderegulation, eine Veranstaltung, die sehr von unseren Studierenden nachgefragt wurde, und dass wir solche Elemente in die juristische Ausbildung jetzt mit einbinden in einem zu perpetuierenden Curriculum, das ist auch ein Petitum der Studentenschaft gewesen, die gesagt haben, wir fragen so etwas nach. Wir wollen nicht nur fremdsprachliche Rechtskurse besuchen können, wir wollen auch auf wissenschaftlichem Niveau Unterricht haben. Hier befruchtet sich die Nachfrage der Studierenden mit dem, was wir auf der Ebene der Hochschullehrerschaft und des Dekanats bewegen können.

 

 

Autorin:                                           Das hört sich gut an, aber von einem Idealzustand ist man an der Freien Universität, genau wie an anderen Universitäten, noch weit entfernt. Denn selbst wenn die Schwerpunktbereiche und Schlüsselqualifikationen mehr Gewicht erhalten haben, so zählen sie in der Endnote immer noch nur zum kleineren Teil. Die  Pflichtfächer aber werden in Vorlesungen mit mehreren hundert Studentinnen und Studenten vermittelt, die Zahl der kleinen Arbeitsgruppen, in denen der Stoff vertieft werden könnte, ist viel zu gering. Ohnehin fehlt es an geeignetem, engagiertem Lehrpersonal. Student Florian Schierle setzt die Mängelliste fort:

 

Regie:                                             Take 15 (Schierle)

Ein ganz großes Problem, das wir haben, in der Examensvorbereitung, ist die lange vorlesungsfreie Zeit. Das bedeutet einfach, dass hier in fünf Monaten von zwölf kein Unterricht stattfindet, und das kann für ein Universitätsrepetitorium auch nicht sein. Also da müsste man einfach eine Lösung finden, bzw. die Professoren müssten bereit sein, ihre Arbeitszeit auch mal flexibel hier zu verschieben. Es ist ja nicht so, dass von Studierenden keine Flexibilität verlangt würde.

 

Autorin:                                           Bei den Jura-Absolventen gibt es gegenüber den meisten anderen Studien- und Ausbildungsgängen eine weitere Besonderheit: es wird unverhältnismäßig viel Wert auf die Examensnote gelegt. Nicht, dass die Prüfung bestanden, sondern wie sie bestanden wurde, zählt bei der Arbeitsplatzvergabe, vor allem im Justizdienst. Dieses Phänomen hat ebenfalls nur wenig mit der Realität zu tun und wird von den meisten Beteiligten beklagt, auch von Staatssekretär Christoph Flügge:

 

Regie:                                             Take 16 (Flügge)

Ich meine schon, dass der Einfluss in der Vergangenheit jedenfalls viel zu hoch war. In manchen Ländern gibt es richtige Rangfolgen, Platzziffern, wer das beste Examen hat, der kam ins Ministerium, wer nicht ganz so gut war, kam in die Gerichtsbarkeit, wer noch etwas schlechter war, einfach vom Notendurchschnitt her, kam in die Staatsanwaltschaft, und die anderen hatten keine Chance mehr. Mehr und mehr in allen Ländern, und bei uns sehr stark hier in Berlin, versuchen wird einen anderen Weg zu gehen. Natürlich ist es schon wichtig, dass nicht zwei schwache Examina dann schon ausreichend sein können. Aber die Note kann nur ein Hinweis sein auf die Qualifikation eines Bewerbers oder einer Bewerberin. Es muss etwas anderes hinzukommen. Das Auftreten, die sonstigen Kenntnisse, Lebenserfahrung, schon mal was von der Welt gesehen. Diese Musterjuristen, die noch nie etwas anderes gemacht haben, als Paragraphen zu studieren, die können keine guten Richter sein, weil sie einfach einen Sachverhalt, einen Lebenssachverhalt, der  zum Teil so kompliziert ist, und manchmal auch so fürchterlich ist, wenn ich nur an Strafprozesse oder auch an Familiengerichte denken, kann nur jemand erfassen, verstehen und dann gerecht beurteilen, der eine gewisse Lebenserfahrung hat und vielleicht schon mal in einem anderen Beruf oder durch ehrenamtliche Tätigkeit andere Lebenswirklichkeiten kennen gelernt hat. Und dazu kommen, und das ist heute doch in einem erstaunlichen Maße bei den jungen Leuten gewährleistet, Fremdsprachenkenntnisse in mehreren Sprachen, schon mal einen Auslandsaufenthalt, bei der Industrie- und Handelkammer in Istanbul, bei der deutschen Botschaft in Montreal oder beim Rechtsanwalt in St. Petersburg. Diese Auslandsstationen mit den entsprechenden Rechtssprachenkenntnissen sind sehr wichtig. Und dann kommt natürlich auch noch eine gewisse Fähigkeit dazu mit Informationstechnik, also mit modernen Kommunikationsmitteln umgehen zu können, was die jungen Leute fast alle können. Bewundernswert.

 

 

Autorin:                                           Im Studium, meint Christoph Flügge, sollte neben den Praxiskenntnissen Grundlagenwissen nicht nur zu den Spezialrechtsmaterien, sondern vor allem zum Wesen des Rechts vermittelt werden.

 

Regie:                                             Take 17 (Flügge)

Die Notwendigkeit des Rechts für das geordnete Zusammenleben der Bürger. Für das Funktionieren unseres rechtsstaatlich verfassten Gemeinwesens, das sind ja ganz grundlegende Sachen, die auch Nichtjuristen irgendwann doch mal irgendwann im Laufe ihres Lebens kennen lernen sollten, damit überhaupt unser Staat funktioniert. Also das Wesen des Rechts und die Funktion des Rechts in unserer Gesellschaft, das meine ich, kommt nach wie vor im Studium etwas zu kurz. Aber auch die Wirkungen des Rechts, das heißt, praktische Rechtsanwendung, wo passiert denn Recht, durch Kurse, durch Praktika, sind doch noch sehr wenig da. Und ich bedauere sehr, dass der Kontakt eigentlich der Universitäten, jedenfalls kann ich das für Berlin sagen, zu den Bereichen, zu den praktischen Bereichen, wo das Gesetz, das Recht angewendet wird, doch relativ gering ist. Also dass Studenten einfach in Gerichtsverhandlungen gehen, dass sie ein Gefängnis besichtigen, dass sie wissen, was passiert da eigentlich, kommt etwas wenig vor. Es wird immer noch zuviel Dogmatik gelehrt, und das andere sollte doch einen größeren Schwerpunkt bilden.

 

 

Autorin:                                           Staatssekretär Christoph Flügge.  -

Auch Gerichtsreferendar Tobias Julius zählt auf Lebenserfahrung und Menschenkenntnis, gepaart mit Aufgeschlossenheit für neue Aufgaben. Er steht kurz vor dem Abschluss seiner Ausbildung und  hat nur noch das mündliche Examen vor sich.

Auch wenn die Berufsaussichten für Juristen nicht mehr so gut sind wie noch vor wenigen Jahren, ist sein Blick in die Zukunft gar nicht so schwarz. Denn er hat schon vor dem Jura- Studium eine kaufmännische Ausbildung absolviert, die ihm jetzt, wie er hofft, zu Gute kommt. Außerdem zeigt er genau die Flexibilität, die von Berufsanfängern heute verlangt wird. Er plant ein Anwaltsbüro,  in dem Betriebswirtschaft und Marketing im Vordergrund stehen.

 

Regie:                                             Take 18 (Julius)

Zusammen mit Steuerberatern, aber auch eben mit reinen Betriebswirtschaftlern oder Volkswirtschaftlern, um also auch hier eine abgerundete Beratung anbieten zu können. Denn die Mandanten selber sind, je nachdem in welchem Rechtsbereich man sich da aufhält, gar nicht an der reinen Rechtsberatung interessiert, sondern sie wollen auch wissen, wie sieht das steuerlich aus und bei Unternehmern zum Beispiel welche betriebswirtschaftlichen Auswirkungen hat das denn auch für mich.

Natürlich ist auf den ersten Blick die Marktlage schlecht im herkömmlichen Sinne, aber es bietet eben auch eine ganze Menge Chancen. Gerade jetzt, wo quasi ja täglich das Berufsrecht immer weiter aufweicht, man Möglichkeiten hat, die man vor Jahren nicht hatte, sehe ich also doch hier eine große Chance, hier Jura, Recht mal ganz anders zu gestalten als das also vor hundert Jahren war.

 

 

                                                                                                                                                                                                                                  

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