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Kriegsverbrechen vor Gericht

Der Prozess gegen Ratko Mladic beginnt in Den Haag

von Annette Wilmes

 

 

 

 

 

                                                                                      Redaktion:  Magdalena Kemper

                                                                                      Sendetag:   11.4.2012

                                                                                      Sendezeit:  19:04 Uhr bis 19:30 Uhr

 

 

 

Take 1 (Registrar)

Good morning Your Honours, I call case no. IT 09 92 I - the prosecutor versus Ratko Mladic.

 

Autorin

Saal Nr. 1 im Internationalen Strafgerichtshof für das frühere Jugoslawien in Den Haag. Der Gerichtsbeamte ruft am 3. Juni 2011 den Fall Ratko Mladic auf. Der Angeklagte, der frühere General der bosnisch-serbischen Armee, steht zum ersten Mal vor Gericht. Es ist noch das Vorverfahren, in dem er mit den Anklagevorwürfen konfrontiert wird.

Der niederländische Richter Alphons Orie führt den Vorsitz im Mladic-Verfahren, zu seiner Rechten sitzt der südafrikanische Richter Bakone Justice Moloto und zu seiner Linken der deutsche Richter Christoph Flügge. Orie verliest eine Zusammenfassung der 11 Anklagepunkte:

 

Take 2 (Alphons Orie)

According to the Indictment, you, Ratko Mladic, are charged with genocide, crimes against humanity and violations of the laws and customs of war.

 

Autorin

Völkermord, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Verstöße gegen das Kriegsrecht stehen unter anderem auf der Liste, im einzelnen Verschleppung, Geiselnahme, Folter und Mord, auch die Belagerung und Bombardierung von Sarajevo, die im April 1992, also vor 20 Jahren, begann und drei Jahre dauerte. Ziel der Verbrechen war es, die muslimische und kroatische Bevölkerung aus den von den Serben beanspruchten Gebieten in Bosnien-Herzegowina zu vertreiben.

Angeklagt wurde Ratko Mladic bereits 1995. Es gelang ihm, 16 Jahre unentdeckt zu bleiben. Erst im Mai 2011 wurde er von der serbischen Polizei festgenommen und an das Tribunal in Den Haag ausgeliefert.

 

Take 3 (Alphons Orie, unter den Text)

On the 13th of July in 1995 the forces began the organized executions of the men and boys who had been seperated and detained and those who had been surrendered or had been captured. The victims of the executions were buried and some were exhumed and reburied in an effort to conceal the crimes.

 

 

Autorin

Eines der schlimmsten Verbrechen, für die sich Mladic verantworten muss, ereignete sich am 13. Juli 1995 in Srebrenica. Das serbisch-bosnische Militär hatte in den Tagen davor Tausende von muslimischen Jungen und Männern aus ihren Familien herausgeholt, deportiert und gefangen gehalten. Dann wurden sie in Gruppen erschossen oder enthauptet, etwa 8000 Menschen fielen dem Massaker zum Opfer.

 

Ratko Mladic war der Oberbefehlshaber der serbischen Armee. Jetzt sei er ein schwer kranker Mann, sagt der 68jährige vor Gericht. Tatsächlich ist er alt und grau geworden, nicht mehr der vor Kraft strotzende Kämpfer, den man aus dem Fernsehen und von Fotos kennt.  Mit den Tatvorwürfen will er nichts zu tun haben. Es seien monströse Worte, die Richter Orie da verlese.

Die eigentliche Gerichtsverhandlung wird erst am 16. Mai 2012 beginnen. So hat Ratko Mladic ausreichend Zeit, gesund zu werden und sich auf den Prozess vorzubereiten. Verhandelt wird nach einer Prozessordnung, die eher dem angloamerikanischen als dem kontinentalen Recht entliehen ist.

 

Take 4 (Christoph Flügge)

Mit dem adversialen System, wo die beiden Parteien Staatsanwaltschaft und Verteidigung sich gegenüberstehen.

 

 

Autorin

Christoph Flügge, früher Staatssekretär in der Berliner Justizverwaltung, ist seit 2008 Richter am Internationalen Strafgerichtshof für das frühere Jugoslawien.

 

Take 5 (Christoph Flügge)

Und dann geht das eigentliche Verfahren los, was geteilt ist zwischen dem prosecution case und dem defence case, also im Grunde der Darlegung der Beweismittel zunächst durch die Staatsanwaltschaft und dann davon abgehoben die Beweismittel der Verteidigung. Das ist genau dieses System, was wir aus Amerika, kurz gefasst auch aus manchen Krimis kennen.

 

Autorin

Das Jugoslawien Tribunal wurde 1993 vom UN-Sicherheitsrat gegründet. Ein Ad-hoc-Gericht, das nur so lange tätig sein soll, bis die Fälle aus der Region erledigt sind. Vor allem in den Anfangsjahren des Tribunals seien die Ermittlungen sehr schwierig gewesen, berichtet Serge Brammertz, seit 2008 Chefankläger des Jugoslawien-Tribunals in Den Haag:

 

Take 6 (Serge Brammertz)

Sie dürfen nicht vergessen: Das Gericht wurde in 93 gegründet. Der Konflikt war noch in vollem Gange. Ich erinnere daran: In 95, also zwei Jahre nach Schaffung des Gerichts, hat es den Völkermord in Srebrenica gegeben. Da zum Beispiel hat es ein Jahr gedauert zwischen der Erschießung von den mehr als 7000 jungen Männern und älteren Männern, es hat also über ein Jahr gedauert zwischen der Erschießung als solche und dem Moment, dass die ersten Ermittler vor Ort tätig werden konnten, was auch dazu geführt hat, dass serbische Kräfte, die erst die Opfer in großen Massengräbern vergraben hatten, diese nachher wieder ausgegraben haben und in hunderte kleine Gräber verteilt haben, um eben viel besser die Straftaten zu kaschieren, was dazu führt, dass auch noch heute jedes Jahr Gräber gefunden werden, und einmal im Jahr die gefundenen Opfer dann in Srebrenica beerdigt werden.

 

Autorin

Bis heute hat die Staatsanwaltschaft in Den Haag 161 Personen wegen Völkerrechtsverbrechen auf dem Gebiet des ehemaligen Jugoslawien angeklagt. 64 wurden verurteilt, 13 freigesprochen. Einige Verfahren werden inzwischen in der Region an eigenen Gerichten geführt. In Scheveningen in unmittelbarer Nähe von Den Haag sitzen 35 Personen in Untersuchungshaft, die noch vor Gericht stehen oder in Berufung gegangen sind. In den ersten Jahren, sagt der belgische Chefankläger, seien weder Kroatien noch Serbien dem Gericht gegenüber positiv eingestellt gewesen. Dabei war das Gericht auf deren Unterstützung angewiesen, vor allem bei Festnahmen, weil es selbst keine eigene Polizei hat. Inzwischen hat sich die Zusammenarbeit verbessert, nicht zuletzt deswegen, weil beide Staaten Mitglied in der EU werden wollen. Das war wohl auch das Motiv, die beiden letzten noch flüchtigen mit Haftbefehl gesuchten Ratko Mladic und Goran Hadzic endlich festzunehmen und auszuliefern, Mladic, ehemaliger General der serbisch-bosnischen Armee, im Mai 2011 und Hadzic, früherer Serbenführer in Kroatien und dort Präsident der selbsternannten "Serbischen Republik Krajina", wenige Wochen später im Juli. Dass die mutmaßlichen Täter auch so viele Jahre nach den Verbrechen noch gefasst werden, ist vor allem für die Opfer und deren Hinterbliebenen wichtig, sagt Serge Brammertz.

 

Take 7 (Serge Brammertz)

Ich war in Srebrenica, hab mit zahlreichen Überlebenden dort gesprochen, und wenn sie da die Geschichte dieser Frauen hören, die bis zu 40 Mitglieder ihrer Familie verloren haben, ihren Vater, ihren Ehemann, ihre Brüder, ihre Söhne, von denen manche bis heute nicht gefunden worden sind, und sie da so deutlich sehen, dass diese Verbrechen das Zentrum des Lebens dieser Leute sind, gestern, heute und wahrscheinlich auch noch morgen, dann kann man sich einfach nicht damit zufrieden geben, dass man nach vorne schaut und nicht alles tut, damit hier Gerechtigkeit geschieht.

 

Autorin

Am Internationalen Strafgerichtshof für das frühere Jugoslawien arbeiten 17 Richterinnen und Richter aus verschiedenen Nationen. Richter Alphonse Orie aus den Niederlanden ist seit 2001 dabei.

 

Take 8 (Alphonse Orie)

Der erste große Fall war der Galic-Fall, das war Sarajevo, und dann Krajisnik, Krajsnik-Fall war der Sprecher des Parlaments. Dann ein Fall von Kosovo, Haradinaj und der letzte Fall, den wir jetzt abgeschlossen haben war der Fall Gotovina, drei Angeklagte, Herr Gotovina, Herr Cermak und Herr Markac.

 

Autorin

Dieses letzte Urteil, an dem Orie als Vorsitzender  Richter beteiligt war, betraf Angeklagte aus Kroatien. In der Öffentlichkeit sorgte es für großes Aufsehen, weil die Kroaten sich bisher lediglich als Opfer gesehen hatten und nicht wahrhaben wollten, dass auch aus ihren Reihen Verbrechen begangenen worden waren. Das Urteil vom 15. April 2011 ist noch nicht rechtskräftig. Der Hauptangeklagte, Ante Gotovina, General der kroatischen Armee, wurde zu 24 Jahren Haft verurteilt. Die Vorgeschichte: Serbische Verbände hatten Anfang der neunziger Jahre einen Teil Kroatiens erobert, die Stadt Vukovar zerstört und unter anderem die Stadt Dubrovnik an der Adria angegriffen. Im August 1995 schlug die kroatische Armee zurück und eroberte die Region Krajina, die seit mehreren Jahrhunderten von Serben besiedelt war. Während der Militäroperation "Sturm" wurden mehr als 300 Rebellen und Zivilisten erschossen, etwa 200.000 Serben mussten ihre Heimat verlassen. Ante Gotovina und ein Mitangeklagter wurden wegen Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit verurteilt, der dritte Angeklagte wurde freigesprochen. Dass es Proteste gegen die Verurteilung gab, ist für Richter Orie nichts besonderes.  

 

Take 9 (Alphons Orie)

Ab und zu ist das ein bisschen einseitig. Es könnte mal sein, dass eine gewisse Gruppe mehr daran interessiert ist, zu sehen, wie die Gegner bestraft werden und vielleicht ganz kritisch sind, wenn die eigenen Leute auch strafrechtlich verfolgt und bestraft werden.

 

 

Autorin

Die Verhandlungen in Den Haag werden aufgezeichnet und die Videos können mit einer halben Stunde Verzögerung im Internet abgerufen werden. Die Verzögerung ist zum Schutz der Zeugen gedacht. Wenn zum Beispiel ein Name, der nicht genannt werden durfte, ausversehen nicht unkenntlich gemacht wurde, kann das in der halben Stunde noch korrigiert werden. Gerichtssprache ist englisch oder französisch. Für die Angeklagten und für die Zeuginnen und Zeugen wird jedoch alles in ihre Sprachen simultan übersetzt. Auch im Internet kann alles in den Heimatsprachen der Region nachgelesen werden. Auf die Öffentlichkeit der Verhandlungen legt das Jugoslawien-Tribunal großen Wert. Richter Orie:

 

Take 10 (Alphons Orie)

Wenn ein Verfahren geheim ist, dann ist es unmöglich zu überprüfen, ob das Verfahren auch fair ist. Also die Öffentlichkeit ist eigentlich der beste Schutz gegen Angriffe gegen die Unabhängigkeit oder wie man im englischen sagt, bias, also eine Voreingenommenheit des Gerichts. Das ist wichtig. Zweitens natürlich, die Rechtsprechung findet auch statt im Namen der Opfer zu einem gewissen Maß, weil die dürfen eben nicht selbst Rache ausüben. Also das sollte in einer ordentlichen Rechtsprechung gemacht  werden, und das sollte dann auch sichtbar sein.

 

 

Autorin

Für die Öffentlichkeitsarbeit gibt es eine Pressestelle. Nerma Jelacic ist die Pressesprecherin des Gerichts. Sie informiert nicht nur die Medien aus den Heimatländern und koordiniert die Interview-Anfragen, sondern legt besonderen Wert auf die Information der Bevölkerung in der Region des früheren Jugoslawiens. Denn auch heute noch, zwanzig Jahre nach den Kriegsverbrechen, ist die Stimmung mitunter sehr aufgeladen. Für große Teile der Bevölkerung in Kroatien ist der als Kriegsverbrecher verurteilte Ante Gotovina nach wie vor ein Held. Genauso wie viele Serben Ratko Mladic bewundern und verehren. Es sei noch sehr viel Aufklärungsarbeit nötig, meint Nerma Jelacic.

 

Take 11 (Nerma Jelacic, unter den Text)

It is one thing for the tribunal to come out and say what his judgment is about. And to explain that this is a court of law with rules on the basis of the evidence presented and the facts established are regarding individuals and not nations not whole communities. And the tribunal definitely goes or produces material  in the languages of the people so that they can read it themselves and understand. But the unfortunate thing for the former Yugoslavia that those type of people need the ngos who are willing to look at the cases without a political taint is very small and it is much more from those, that actually view it in a populists way. 

 

Autorin

Das Gericht müsse nach draußen gehen und ein Urteil erklären. Und es müsse klarstellen, dass dies ein Gericht mit Regeln ist, das auf der Basis von Zeugenaussagen und Fakten urteilt. Es werden Individuen verurteilt und nicht Nationen oder ganze Gemeinschaften. Deshalb produziere das Gericht auch Broschüren in den verschiedenen Sprachen der Menschen in den Regionen, so dass sie alles selbst lesen und verstehen können. Aber im früheren Jugoslawien, sagt Nerma Jelacic, werden die Dinge eben von vielen immer noch in einer populistischen Weise gesehen.

 

Regie: den letzten Satz von Take 13 wieder hochziehen.

... much more from those, that actually view it in a populists way.

 

Autorin

Das Gerichtsgebäude, in dem das Jugoslawien-Tribunal untergebracht ist, beherbergte früher eine Versicherung. Die Mauer aus beige-grauem Klinker ist von einem Gitterzaun eingerahmt. Wer das Gebäude durch den Haupteingang betreten will, muss erst in einem Vorbau seine Taschen durchleuchten lassen, Kontrollen wie am Flughafen, der Personalausweis wird abgegeben. Im Foyer sind mehrere große Bildschirme angebracht, auf denen die laufenden Verhandlungen zu sehen sind. Wer will, kann die Verhandlung jedoch auch live ansehen, in der Zuschauergalerie, die durch eine Panzerglaswand vom eigentlichen Gerichtssaal getrennt ist. Drei solcher Säle gibt es hier. Die Verhandlungen der einzelnen Fälle dauern meist sehr lange, oft Jahre, verhandelt wird jeden Tag. Die Urteile sind umfangreich. Der deutsche Richter Christoph Flügge erinnert sich an seinen ersten Fall, der sich um einen Konflikt zwischen Serben und Kosovo-Albanern aus dem Jahr 1999 drehte. Das Urteil umfasste 1.000 Seiten.

 

In den einzelnen Prozessen werden viele Zeugen gehört, 100, 200 oder noch mehr. Insgesamt waren es etwa 6000 Zeuginnen und Zeugen, die vor dem Tribunal ausgesagt haben.

 

Take 12 (Christoph Flügge)

Wir haben’s im Grunde mit allen denkbaren Arten von Zeugen zu tun. Die meisten Opfer können wir nicht hören, weil sie tot sind. Aber es gibt natürlich Überlebende. Es gibt jedenfalls von vielen der Massentötungen oder Massakern, wie immer man das bezeichnen will, gibt es einzelne Überlebende, die es geschafft haben, aus einem Leichenberg sich herauszuarbeiten und irgendwie zu entkommen und zu überleben. Von manchen dieser schrecklichen Ereignisse gibt es keine Überlebenden. Es gibt Angehörige von Opfern. Es gibt Vertriebene, die dann in ihre Heimat später zurückkehren konnten oder auch nicht, die in anderen Ländern jetzt leben.

 

 

Autorin

Wichtig sind auch die Zeugen, die über die Interna in Polizei und Militär berichten, sagt Richter Flügge. Denn zurzeit stehen in Den Haag diejenigen vor Gericht, die in der Befehlskette ganz oben gewesen sind. Das Gericht muss die Kommandostruktur analysieren, um genau herauszufinden, wer für die Verbrechen verantwortlich war.

 

Take 13 (Christoph Flügge)

Wussten die, was vor Ort passiert? Wollten sie das? Haben sie das angeordnet? Diese Zeugen sind außerordentlich wichtig, um ein Verständnis dafür zu gewinnen, wie vor allem die Befehlsstruktur tatsächlich war.

 

Autorin

Neben den 17 Richterinnen und Richtern, die permanent am Gerichtshof arbeiten, sind 9 weitere jeweils einem speziellen Fall zugeordnet, als so genannte ad litem Richter. Zu ihnen gehört Stefan Trechsel, emeritierter Strafrechtsprofessor aus der Schweiz. Er arbeitet schon seit sechs Jahren am Gericht, sein Fall ist besonders aufwändig, einer der komplexesten und umfangreichsten, die das Gericht je hatte.

 

Take 14 (Stefan Trechsel)

Das ist der Fall Anklage geben Prlic und andere, sechs Männer, die Führungsspitze der bosnischen Kroaten, denen vorgeworfen wird, sie hätten danach gestrebt, einen kroatischen Kleinstaat innerhalb von Bosnien-Herzegowina zu bilden mit der Option ihn eventuell mal mit Kroatien zu vereinigen.

 

Autorin

26 Anklagepunkte und 3765 einzelne Straftaten musste das Gericht untersuchen, die ganze Palette der Straftaten nach Kriegsvölkerrecht, unter anderem Mord, Vergewaltigung, Verschleppung, grausame Behandlung, willkürliche Zerstörung von Städten und Dörfern.

 

Take 15 (Stefan Trechsel)

Wir haben vier Jahre lang Verhandlungen geführt und stehen vor einem Berg von über 55.000 Seiten Protokoll der Verhandlungen und etwa 9.000 Dokumenten. Es wird ständig gearbeitet am Urteil.

 

 

Autorin

Der Vorentwurf des Urteils war noch 4000 Seiten lang. Es ist schwer, zu kürzen, weil auf alle Beweismittel und vor allem auf die Zeugenaussagen eingegangen werden muss. In diesem Fall waren es mehr als 200 Zeugen.

 

Take 16 (Stefan Trechsel)

Wir hatten eine ganze Anzahl von Opferzeugen, bei denen sich Fragen, aber nicht nur bei ihnen, Fragen des Zeugenschutzes stellen. Man kann den Zeugen versprechen im Extremfall ein Verfahren, wie es auch in Amerika angewendet wird, wo eine völlig neue Identität angeboten wird. Das ist praktisch ein bürgerlicher Tod. Weg von der Heimat, von den Bekannten, vielleicht auch von den Verwandten zum größten Teil, irgend in eine unbekannte neue Welt, das muss ganz entsetzlich sein. Dass jemand das auf sich nimmt, das ist dann eigentlich schon heldenhaft.

 

Autorin

"Heldinnen" - unter diesem Titel veröffentlichte Brigitte Wurzenrainer ihre Diplomarbeit an der Fachhochschule Vorarlberg im Studiengang Sozialarbeit. Sie schrieb über Frauen als Überlebende sexualisierter Gewalt im Krieg in Bosnien-Herzegowina. Die Zitate, die sie zusammengetragen hat, lassen ahnen, welch unvorstellbares Leid die Frauen ertragen mussten, die während des Krieges in Lagern zusammengepfercht, vergewaltigt, misshandelt und zu Tode gequält wurden. Die Überlebenden sagten vor Gericht  aus.

 

Sprecherin

Meistens mussten wir mit ansehen, wie die Soldaten sich an den anderen Frauen vergingen. Wie sie sich auf deren knochigen Körpern befriedigten, Zigaretten auf ihren Brüsten ausdrückten oder Messer in ihre Haut schlitzten. (…) Auch hier mochte man solche Spiele wie ‚Russisch Roulette’. Einmal zerrten drei Soldaten ein Mädchen zum Fenster. (…) Einer zielte mit der Pistole auf ihre Schläfe und drückte ab. Doch nur ein leises Klicken war zu hören. Das Mädchen atmete auf. Der zweite hielt seine Pistole an ihren Kopf. Es knallte so laut, dass ich zusammenzuckte.

 

Take 17 (Serge Brammertz)

Wir sagen sehr oft, dass die einzigen Helden des Konflikts im ehemaligen Jugoslawien die Zeugen sind und die Opfer, die also den Mut haben, hier auszusagen, oft mehrmals auszusagen, nachdem sie ganz Schreckliches erlebt haben.

 

Autorin

Serge Brammertz, Chefankläger.

 

Take 18 (Serge Brammertz)

Und das ist eigentlich für mich das Beeindruckendste und gibt uns immer wieder auch den Mut und die Kraft und Überzeugung, dass wir das Richtige tun. Wenn sie hier Opfer sehen, die sehr verstümmelt sind aufgrund des Konflikts, die vergewaltigt wurden, denen Gliedmaßen amputiert wurden und die dann doch immer noch die Energie aufbringen, hier nach Den Haag zu kommen, um den vermeintlichen Kriegsverbrechern ins Gesicht zu sagen, welche Straftaten begangen worden sind und dazu diesen Mut aufbringen, das ist sicherlich das Beeindruckendste.

 

Autorin

Bosiljka Schedlich kam Ende der 60er Jahre als Arbeitsimmigrantin aus dem früheren Jugoslawien nach Berlin. Sie arbeitet heute als Übersetzerin und Dolmetscherin und ist Geschäftsführerin des von ihr mit gegründeten Vereins Südost-Europa-Kultur. Der hat sich seit 1991 zur Aufgabe gemacht, gegen Nationalismus, Rassismus und Diskriminierung jeglicher Art anzukämpfen. Bosiljka Schedlich hat die Arbeit des Tribunals in Den Haag von Anfang an begleitet.

 

Take 19 (Bosiljka Schedlich)

1993 haben einige Frauen, auch einen Verein gegründet, coordination of women's advocacy mit dem Sitz in Den Haag, ich gehörte dazu, der sich mit dem Vergewaltigen im Krieg als Verbrechen gegen die Menschlichkeit beschäftigte und eine Öffentlichkeit schuf durch viele große Veranstaltungen, die in Genf, Straßburg, Brüssel, Den Haag, auch im Reichstag damals, noch leer, durchgeführt wurden.

 

Autorin

Vergewaltigung galt nämlich bis vor kurzem nicht als Kriegsverbrechen. Inzwischen werden systematische Vergewaltigungen in bewaffneten Konflikten als Verbrechen gegen die Menschlichkeit eingestuft, dafür sorgte der Internationale Strafgerichtshof für das frühere Jugoslawien im so genannten Foča-Fall im Februar 2001. Hier wurden zum ersten Mal Männer wegen Vergewaltigung im Krieg angeklagt und verurteilt. Ein besonders wichtiger Schritt für die vergewaltigten Frauen, sagt Bosiljka Schedlich. Denn für sie ist es wichtig, dass die Verbrechen, die an ihnen und ihren Familien begangen wurden, geahndet werden. Dafür sagen sie aus, obwohl die Qual groß ist.

 

Take 20 (Bosiljka Schedlich)

Denn hinter diesen Frauen stehen nicht nur ihre eigenen Schmerzen und ihre Erfahrungen, sondern es stehen hinter ihnen vor allem die Erfahrungen der anderen, das, was sie mit angesehen und mit angehört haben an Leiden und an Sterben von anderen Frauen um sich herum. Und die Verantwortung den Toten gegenüber ist unermesslich groß. Die Zeuginnen schämen sich, wenn sie diese Toten nicht gebührend in Schutz nehmen. Und gleichzeitig schämen sie sich für die Täter. Sie schämen sich für die Menschheit. Für die Täter, dass sie aus normalen Menschen Bestien für diese Zeit wurden. Und für die Menschheit, dass sie sie Unschuldige nicht in Schutz genommen hat und befreit hat, obwohl es bekannt war, was dort geschieht.

 

Autorin

Der Internationale Strafgerichtshof für das frühere Jugoslawien, 1993 gegründet, ist ein ad hoc Gericht, das seine Pforten schließen muss, wenn die letzten Fälle erledigt sind. Das wird zwar noch ein paar Jahre dauern, weil die Prozesse gegen die beiden letzten Angeklagten Ratko Mladic und Goran Hadzic gerade erst beginnen. Aber die Zeit des Gerichts läuft ab. Das Internationale Strafrecht indes wurde durch seine Arbeit gestärkt. Der ständig arbeitende Internationale Strafgerichtshof, vor 10 Jahren ebenfalls in Den Haag gegründet, wird die Arbeit fortsetzen.

 

Auch Chefankläger Serge Brammertz zieht eine positive Bilanz aus der Arbeit des Tribunals:

 

Take 21 (Serge Brammertz)

Hier gibt es jetzt Millionen von Dokumenten, zahlreiche Urteile, die auch für die Geschichte bleibende Zeugen sein werden für das, was dort geschehen ist. Man kann also die Straftaten nicht leugnen, nicht verneinen, dem Revisionismus, der auch jetzt in Jugoslawien schon teilweise besteht, kann man dadurch vielleicht doch teilweise Einhalt gebieten. Also, ich denke, dass in dieser Hinsicht das Tribunal eine richtige Rolle gespielt hat, also Strafverfolgung der Haupttäter, eine Dokumentation, die sicherlich auch in Zukunft hilfreich sein kann für das Verständnis der begangenen Straftaten, aber auch für die Verfahren, die dort in den kommenden Monaten und Jahren noch laufen werden. 

 

 

Autorin

Die Kriegsverbrecher vor Gericht zu bringen und Gerechtigkeit für die Opfer - das ist das selbstgesteckte Ziel des Internationalen Strafgerichtshofs für das frühere Jugoslawien. So steht es auf einem großen Transparent im Foyer des Jugoslawien-Tribunals in Den Haag:

"Bringing War Criminals to justice, and justice to victims."

 

Take 22 (Christoph Flügge)

Es gibt keinen schnellen Weg zur Versöhnung und manchmal auch zur Versöhnung mit sich selbst und mit seinen eigenen Angehörigen, der eigenen Volksgruppe oder ethnischen Gruppe. Das ist ein sehr, sehr langer Weg. Aber ohne diese Aufarbeitung wird es nie gelingen. Ich glaube, und davon bin ich wirklich fest überzeugt, dass ohne Justiz es Gerechtigkeit nicht geben kann. 

 

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