Sendedatum:

6. April 2009

19.04 – 19.30 h

Produktion: 2.4.09

Regie: Ralf Ebel

Redaktion:

Dr. Karin Tholen

KULTURRADIO

KulturTermin

kulturtermin@rbb-online.de

Tel:  030-97 99 3 33220

Fax:  030-97 99 3 33229

Haus des Rundfunks

Masurenallee 8-14

14057 Berlin

KULTURTERMIN

 

Amtsdeutsch a. D.

Besserer Bürger-Service durch verständliche Sprache

Eine Sendung von Annette Wilmes

EIGENTUM DES RUNDFUNKS

BERLIN- BRANDENBURG

C O P Y R I G H T

Dieses Manuskript ist urheberrechtlich geschützt. Es darf ohne Genehmigung des Autors nicht verwertet werden! Insbesondere darf es weder ganz oder teil­weise noch in Auszügen abgeschrieben noch in son­stiger Weise vervielfältigt werden. Für Rundfunk­zwecke darf das Manuskript nur mit Genehmigung des RUNDFUNKS BERLIN-BRANDENBURG benutzt werden.


Take 1 (Claudia Grahner)

Früher wurde oft der Ausdruck benutzt, ich möchte Sie bitten, in den nächsten Tagen unter Vorlage ihres Personalausweises hier vorstellig zu werden. Schöner und zeitgemäßer hört sich an, bitte besuchen Sie mich in den nächsten Tagen während meiner Sprechzeiten und bringen Sie unbedingt Ihren Personalausweis mit. Sagt das gleiche, hört sich aber doch wesentlich freundlicher an.

 

Autorin

Claudia Grahner arbeitet im Rathaus der Stadt Bochum im Organisations- und Personalamt. Ihr Arbeitsbereich nennt sich „Strategische Organisations- und Personalentwicklung“, was unter anderem heißt, für Bürgerfreundlichkeit zu sorgen.

 

Take 2 (Claudia Grahner)

Und dazu gehört natürlich auch eine angemessene, bürgerorientierte Verwaltungssprache.

 

Autorin

Bereits seit dem Jahr 2000 steht Claudia Grahner deswegen mit dem germanistischen Institut der Ruhr-Universität in Kontakt. Mit Partnern aus Bund, Ländern, Kommunen und der Justiz – sowie mit führenden Unternehmen verschiedener Branchen – werden hier Projekte zur verständlichen und zeitgemäßen Kommunikation durchgeführt, unter der Federführung des Germanistikprofessors Hans-Rüdiger Fluck. Hier, am Lehrstuhl für angewandte Linguistik, wurde auch das Modellprojekt IDEMA entwickelt: „Internet-Dienst für eine moderne Amtssprache“ – eine  Anlaufstelle  für Verwaltungen, die sich für eine verständliche Sprache stark machen.

 

Take 3 (Claudia Grahner)

Wir haben hier aus Bochum ganz unterschiedliche Texte in das Projekt IDEMA eingebracht. Wichtig war, dass es Schreiben sind, die sich an Bürgerinnen und Bürger direkt richten, also nicht der interne Schriftverkehr von Amt 1 zu Amt 2 oder zu anderen Behörden. Und wichtig war, dass möglichst viele von diesen Schreiben betroffen sind. Dass die also möglichst in großer Zahl aus dem Haus rausgehen. Und wir haben zu Anfang aber gar nicht sortiert. Wir haben uns jetzt also nicht ein bestimmtes Thema zu Anfang vorgenommen, sondern haben alle Ämter und Institute hier angeschrieben mit der Bitte, einfach mal zu schauen, welche Texte sind vielleicht problematisch, welche Texte liegen einem besonders am Herzen. Und wir haben in dieses Projekt eingebaut zum Beispiel ein Faltblatt, wo es um Straßenbaubeiträge geht. Wir haben darin einfache Aufforderungen, sich bei der Behörde zu melden bis hin zu komplexeren Bescheiden.

 

Atmo-Take 1 -  Schritte, Stimmen im Bochumer Rathaus, ab „wir haben darin“ hochziehen und unter den folgenden Text

 

Autorin

Im Bochumer Rathaus arbeiten etwa 4800 Angestellte und Beamte. Sie sprechen mit den Menschen, die zu ihnen kommen, nehmen Anträge entgegen, stellen Führerscheine oder Personalausweise aus und produzieren eine unvorstellbar große Menge an Papier. Hinweis- und Merkblätter, Broschüren, Aushänge oder amtliche Schreiben. Sehr viele Texte waren im schlimmsten Amtsdeutsch verfasst. Dagegen musste etwas getan werden. Die Stadt Bochum, sagt ihr Sprecher Thomas Sprenger, sei eine Art Vorreiter im Kampf gegen den Amtsschimmel und  Behördenkauderwelsch:

 

Take 4 (Thomas Sprenger)

Die Stadt Bochum hatte ja ihre Tipps zum einfachen Schreiben herausgegeben, und das war ja was ganz besonderes für kommunale Verwaltungen, nicht nur hier im Ruhrgebiet, sondern ich würde sagen, fast in der gesamten Bundesrepublik. Und das hat natürlich auch eine große Strahlkraft gehabt, so dass wir dann auch mit relativ einfachen Mitteln doch sehr gut in der bundesdeutschen Medienlandschaft vertreten waren. Und dahinter steht natürlich auch die Idee, tatsächlich die kommunale Sprache anzugehen, zu vereinfachen, und das ist in der Tat überall gut angekommen.

 

Autorin

Vor allem auch unter den Beschäftigten der Stadtverwaltung, sagt Claudia Grahner.

 

Take 5 (Claudia Grahner)

Ich denke schon, dass die meisten schon erkennen, dass die Texte danach einfach besser sind, und dass es vielen Kolleginnen und Kollegen im Hause hier auch ein Anliegen ist, sich selber fortzuentwickeln. Dass es natürlich auch eine Arbeit ist, sich dahinein zu begeben und sich da mit so einem kompetenten Sparrings-Partner von der Uni die Dinge dann erstmal auszufechten. Das ist in der Tat auch eine kleine Bremse für das Projekt, weil es teilweise auch sehr zeitaufwendig ist. Da kommt es natürlich auch wieder auf den Text an. Und ich finde das ganz toll, dass die Kolleginnen und Kollegen sich neben ihrer eigentlichen Arbeit den Dingen auch widmen.

 

Autorin

Kompetente Partnerin von der Uni ist vor allem Michaela Blaha, Germanistin und Anglistin, die sich seit Jahren mit der Verwaltungs- und Gesetzessprache, mit Übersetzungen und Öffentlichkeitsarbeit befasst.

 

Take 6 (Michaela Blaha)

Das Projekt ist eigentlich vor 10 Jahren entstanden, da kam nämlich die Stadt  Bochum auf uns zu und hat uns gefragt, ob wir Interesse daran hätten, mit vier Ämtern ausgewählte Textbausteine zu überarbeiten. Dem haben wir damals zugestimmt und das hat bundesweit eigentlich so ein großes Interesse hervorgerufen, dass wir uns überlegt haben, dass man hier etwas Dauerhaftes anbieten müsste.

 

Autorin

An der Ruhr-Universität Bochum leitet Michaela Blaha die Projekte zur verständlichen Sprache. Das jüngste und effektivste ist IDEMA.

 

Take 7 (Michaela Blaha)

Also zunächst war es so, dass aus dem ursprünglichen Projekt ein weiteres Pilotprojekt entstanden ist, hinter dem die Idee steckte, dass man eigentlich nicht in jeder Stadt ein Einzelprojekt durchführen muss, sondern dass man die überarbeiteten Texte eigentlich auch allen anderen Städten zur Verfügung stellen kann. Dieses Pilotprojekt, IDEMA, Internetdienst für eine moderne Amtssprache, haben wir dann im Jahr 2006 ins Leben gerufen und haben da dann mit mehreren Städten gemeinsam Texte überarbeitet und die Ergebnisse in eine Datenbank eingestellt, die dann alle nutzen konnten. Und nach Ablauf dieses Projekts wiederum war das Interesse weiterhin so groß, dass wir gesagt haben, das müssen wir eigentlich etablieren. Für ein Pilotprojekt war es sehr erfolgreich, wir müssen etwas Dauerhaftes daraus machen. Und jetzt führen wir diese Arbeit weiterhin über die Ruhr-Universität durch. Aber über eine hundertprozentige Tochtergesellschaft der Ruhr-Universität, so dass wir da auch die Möglichkeit haben, wirtschaftlich zu planen und so eine Arbeit auch professionell durchzuführen.

 

Atmo-Take 2 (Atmo PC-Tastatur und Claudia Grahner)

Die IDEMA Datenbank kann man direkt ansteuern hier aus unserem Intranet heraus.

Atmo Tippgeräusche unter dem folgendenText liegen lassen

 

Autorin

Claudia Grahner an ihrem Arbeitsplatz im Bochumer Rathaus.

Atmo-Take 2 weiter (Büro-Atmo und Claudia Grahner)

…und hat hier ganz bequem alle Möglichkeiten, Dokumente aufzurufen, nach Schlagwörtern zu schauen. Man kann sich hier Leitfäden anderer Städte noch mal aufrufen und herunter laden. Und man kann sich noch mal vergegenwärtigen, wie man mit IDEMA in Kontakt kommt, denn neben der Möglichkeit, hier in der Datenbank zu recherchieren, gibt es auch immer die Möglichkeit, sich mit dem IDEMA-Projektteam in Verbindung zu setzen, wenn einem eine Frage jetzt besonders auf den Nägeln brennt.

Atmo Bürogeräusche unter dem folgenden Text liegen lassen

 

Take 8 (Michaela Blaha)

Unser Team besteht aus fünf ständigen Mitarbeiterinnen, das bin also einmal ich als Leiterin dieser Arbeit, dann Frau Becker, die die ganze Projektorganisation macht, dann die Juristin, die natürlich auch eine sehr wichtige Rolle in dieser Gruppe spielt. Und dann noch zwei Redakteurinnen und je nachdem wie die Auslastung ist mit den Anfragen haben wir noch weitere freiberufliche Mitarbeiter, die uns unterstützen.

 

Atmo-Take 2 weiter (Büro-Atmo und Claudia Grahner)

Man kann hier auch sehen, welche Projektpartner IDEMA zur Zeit hat. Man kann also schauen, welche Gemeinden nehmen noch teil, wen kann man dort mal ansprechen, wenn es um das Thema Verwaltungssprache geht, weil IDEMA unter anderem dazu beiträgt, dass die Kommunen, die in dem Bereich etwas machen, sich auch vernetzen. Es gibt mindestens einmal im Jahr eine Tagung, wo die Teilnehmenden dann zusammenkommen. Das ist einfach auch sehr interessant, weil neben den großen Kommunen, wie Bochum eine ist, gibt es auch Landkreise, kreisangehörige Gemeinden, oder eben andere Großstädte die dabei sind. Und es ist einfach sehr spannend zu sehen, wie die einzelnen Städte das Projekt IDEMA leben, und wie in den Bereichen der Verwaltungsoptimierung überhaupt damit umgegangen wird.

 

Autorin

Ob auf kommunaler, auf Landes oder Bundesebene, der Nutzen des IDEMA Projekts ist enorm. Einerseits müssen sich die Bürger nicht mehr mit unverständlichen Amtschreiben herumschlagen, andererseits  profitieren vor allem die Behörden selbst davon, denn allmählich bessert sich ihr schlechtes Image.

 

Take 9 (Michaela Blaha)

Sehr viele Leute haben keine gute Meinung von Verwaltung. Eigentlich völlig zu Unrecht, denn Verwaltungen leisten ja wirklich außerordentliche Dienstleistungen für den Bürger und die Bürgerin. Aber das ist nicht immer ersichtlich. Und das liegt oft daran, wie Verwaltung sich auch sprachlich präsentiert.

 

Autorin

Denn schlecht formulierte Schreiben haben oft unmittelbare Konsequenzen für die Adressaten. Michaela Blaha nennt ein Beispiel.

 

Take 10 (Michaela Blaha)

Wenn Sie beispielsweise aufgefordert werden, den Führerschein abzugeben, aber in dem Brief ist nicht mehr bezeichnet, wo Sie den abgeben sollen. Da haben wir also eine Befragung durchgeführt, einen bestimmten Originaltext den Bürgern vorgelegt und sie gebeten, zu spezifizieren, wo sie den Führersein abgeben würden. Und 90 Prozent der Befragten hätten den an einer falschen Stelle abgegeben. Im Einzelfall kann das zu ernsthaften Schwierigkeiten dann auch führen. Oder ein Brief, wo jemand aufgefordert wird, dass er zu einem genehmigungsfreien Bauvorhaben, das dennoch aber der Behörde angezeigt werden muss, Bauvorlagen nachträglich einreichen soll. Und da stellt sich ja die Frage, was soll denn konkret eingereicht werden. Und in der Praxis hat sich gezeigt, dass die Bürger dann dort angerufen haben, die so ein Schreiben bekommen haben, um nachzufragen, was sie einreichen sollen. Und es wäre natürlich viel sinnvoller, das direkt in den Brief reinzuschreiben. Also zu schreiben, reichen Sie bitte folgende Bauvorlagen ein und das dann genau aufzuführen.

 

Autorin

Wenn Schreiben nicht eindeutig formuliert sind, löst das Nachfragen aus. Sie zu beantworten, kostet wiederum viel Zeit. Reine Zeitverschwendung, meint Michaela Blaha.

 

Take 11 (Michaela Blaha)

Das erlebe ich wirklich jeden Tag, wenn ich Texte überarbeite und dann bei der Behörde Fragen dazu stelle, dass dann die Mitarbeiter sagen, ja, dass Sie mich das auch noch fragen, das werde ich wirklich sehr oft gefragt. Und da haben Sie einen klaren Indikator dafür, dass sehr viel Zeit verloren geht, Dinge noch mal zu erklären, die man schon längst in dem Schreiben hätte erklären können. Und wenn man das hoch rechnet, wie viel Zeit das ist pro Behörde, denke ich, kommt schon eine recht hohe Summe zusammen.

 

Autorin

In der Datenbank des Internetprojekts für eine moderne Amtssprache befinden sich bereits sehr viele Textbeispiele und Ausdrücke, die man besser nicht mehr verwenden sollte. Unter bestimmten Stichwörtern und Suchbegriffen können die Projektteilnehmer dann auch die besseren Formulierungen abrufen.

 

Take 12 (Michaela Blaha)

Was man wirklich oft findet in Verwaltungstexten sind überholte Wörter. Also zum Beispiel wird geschrieben, bringen Sie zur Untersuchung Ihre Augengläser mit. Das sagt natürlich in der heutigen Zeit niemand mehr. Dann kann man auch sehr gut Brille und Kontaktlinsen sagen. Oder reichen Sie eine Ablichtung ein oder eine Durchschrift. Oder reichen Sie die Urschrift ein statt zu sagen reichen Sie das Original ein. Oder unbeschadet einer fernmündlichen Absprache teile ich Ihnen vorab folgendes mit, statt zu sagen Telefonat.

 

Autorin

„Vom Hundert“ statt Prozent, „Verlautbarung“ statt Mitteilung, „unterrichten“ statt informieren, „hiesiges Schreiben“ statt unser Schreiben – all diese Wörter begegnen Michaela Blaha, wenn sie Verwaltungstexte bearbeitet.

 

Take 13 (Michaela Blaha)

Viele Sachen in der Verwaltungssprache sind einfach auch etwas umständlich. Zum Beispiel wenn geschrieben wird, Sie sind berechtigt, Kopien zu erbitten. Da könnte man ja auch einfach sagen, für Sie können Kopien angefertigt werden. Also es gibt sehr viele Sachen, die einfach umständlich sind. Oder auch diese ganze Wendung zu sagen, ich muss Sie ferner darauf hinweisen. Ich muss Sie aufmerksam machen. Ich möchte Sie darauf hinweisen, dass. Das sind einfach überflüssige Wendungen, die hier gar nicht notwendig sind.

 

Zitator

Die gelbe Tonne ist keine Zwangstonne.

 

Take 14 (Michaela Blaha)

Das bedeutet einfach, dass es freiwillig ist, die aufzustellen. Darauf kann man eigentlich gut verzichten, weil das Wort Zwang nicht positiv belegt ist. Und zu sagen, etwas ist freiwillig, klingt natürlich viel freundlicher.

 

Zitator

WC Vollanstalt.

 

Take 15 (Michaela Blaha)

Das ist offenbar eine bauliche Anlage, in der sich richtige Toiletten befinden statt nur so genannte Männerstände. Das sind Toiletten für Herren.

 

Zitator

Der Widerspruch hat keine aufschiebende Wirkung.

 

Take 16 (Michaela Blaha)

Das versteht ein Laie nicht. Wenn man möchte, dass er versteht, was es bedeutet, muss man es erklären. Und dann könnte man beispielsweise schreiben, der Widerspruch hat keine aufschiebende Wirkung, das heißt, auch wenn Sie Widerspruch einlegen, müssen Sie die Aufforderung zunächst fristgerecht erfüllen. Das ist auch so eine typische Strategie, dass man hingeht und einen Ausdruck beibehält, der aus rechtlichen Gründen auch wichtig ist, ist auch für den Bürger wichtig, dass er sich informieren kann, wenn er möchte, um was für einen rechtlichen Sachverhalt handelt es sich hier. Aber dann eben hinterher noch eine Erläuterung anbietet, die erklärt, was der Fachbegriff bedeutet.

 

Autorin

Bei anderen Texten liegt es jedoch nicht an den veralteten oder umständlichen Ausdrücken, sondern am Sprachaufbau, erklärt Michaela Blaha.

 

Take 17 (Michaela Blaha)

Wenn Sie zum Beispiel einen Text haben, wo jemand angeschrieben wird, Sehr geehrter Herr Sowieso, Sie sind dann und dann in Deutschland eingereist, haben dann da gewohnt, dann haben Sie dort gewohnt, sind dort und dorthin verzogen, sind dann in der und der Weise strafauffällig geworden, haben dann dieses Vergehen begangen, wenn das über drei Seiten geht und auf der dritten Seite steht dann erst deswegen beabsichtigen wir, Sie auszuweisen, dann ist das kein guter Text, denn das wichtigste solle immer am Anfang stehen und nicht erst am Ende. Und das sind Veränderungen, die haben mit Struktur zu tun. Also nicht alle Sachen sind an der Wortoberfläche angesiedelt, sondern man geht wirklich tief in den Text rein, überlegt, was will der Text sagen, was ist für den Bürger, was kann er tun, was muss er tun, was sind die Konsequenzen, wenn er sich nicht korrekt verhält, bei Briefen. Das sind Sachen, die haben erstmal mit der Sprache oft auch gar nichts zu tun.

 

Autorin

Der neueste Partner im Netzwerk IDEMA ist die Bundesverwaltung. Es soll ein sprachliches Angebot aufgebaut werden, das alle Bundesbehörden nutzen können.

 

Take 18 (Pia Karger)

Frau Blaha von der Ruhr-Universität hat bei uns angeklopft und uns das Projekt vorgestellt. Sie ist offene Türen bei uns eingerannt. Wir hatten schon Maßnahmen zu dem Thema und haben uns mit dem Thema bereits beschäftigt. Wir hatten Fortbildungen zur verständlichen Sprache, wir hatten auch eine Arbeitshilfe und ein Handbuch zu dem Thema und auf diesen Aktivitäten setzen wir natürlich jetzt auf mit dem IDEMA Projekt.

 

Autorin

Pia Karger leitet im Bundesinnenministerium das Grundsatzreferat Verwaltungsmodernisierung und Verwaltungsorganisation. Sie koordiniert das IDEMA Projekt mit der Bundesverwaltung. Sie stellt die Texte, die aus den verschiedenen Bundesbehörden bei ihr eingehen, zusammen und leitet sie an IDEMA weiter. Die Sprachwissenschaftlerinnen und die Textverfasser arbeiten dann zusammen.

 

Take 19 (Pia Karger)

Also es sind ganz, ganz unterschiedliche Texte, Broschüren, Merkblätter, Hinweisblätter, aber manchmal auch nur Textbausteine, die ganz häufig genutzt werden. Ganz aktuell geht es um eine Broschüre des Innenministeriums zu innenpolitischen Themen, wo es darum geht, die der Öffentlichkeit zu vermitteln. Oder auch die Broschüre des Eherechts des Justizministeriums ist im Moment in der Überarbeitung. Aber wir haben auch Merkblätter zur Beratungs- und Prozesskostenhilfe des Justizministeriums oder ein Merkblatt für Geschmacksmusteranmelder beim deutschen Patentamt oder auch Hinweise vom Auswärtigen Amt und von Botschaften für Deutsche im Ausland. Also es ist ganz, ganz unterschiedlich und Sie sehen daran schon, wie unterschiedlich die Informationen sind, die die Bürger von uns, von der Bundesverwaltung, erhalten.

 

Autorin

Bandwurmsätze vermeiden, Fachausdrücke in die Alltagssprache übersetzen, umständliche Wörter ersetzen – so werden die Texte besser und vor allem verständlicher.

 

Take 20 (Pia Karger)

Zum Beispiel das Wort Rechtsbehelfsbelehrung. Sie kriegen ja meistens, wenn Sie Post von einer Behörde bekommen, noch einen Hinweis darauf, dass sie ein Anrecht haben auf etwas und dass Ihnen das irgendwo erklärt wird. Und dieser Begriff ist ja nicht besonders sprechend. Wenn man den zum Beispiel übersetzt mit Ihre Rechte sind auf der Rückseite des Schreibens erklärt, dann hat jeder verstanden, dass er da nachlesen kann. Und um solche Kleinigkeiten und Selbstverständlichkeiten geht es uns bei dem Thema verständliche Sprache.

 

 

Autorin

Bei IDEMA, sagt Pia Karger, geht es jedoch um mehr als um die bloße Textverbesserung.

 

Take 21 (Pia Karger)

Der Sprachwissenschaftler spricht mit dem jeweiligen Textverfasser über seinen Text. Und in dem Moment, wo das passiert, kriegen wir nicht nur den besseren Text, wir steigern auch die Kompetenz bei dem Textverfasser und, das ist der dritte Punkt, die ganzen überarbeiteten Texte landen in einer Datenbank, die dann für alle Bundesbehörden zugreifbar wird über unser Intranet-Portal des Bundes. Das heißt, wir erzeugen sogar einen Mehrwert für alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.

 

Autorin

Pia Karger arbeitet in der Abteilung für Verwaltungsmodernisierung. Dazu zählen nicht nur eine gesteigerte Effektivität und der Abbau von Bürokratie, sondern vor allem die Außenwirkung. Eine bürgerfreundliche Behörde müsse sich klar und verständlich präsentieren.

 

Take 22 (Pia Karger)

Verwaltung agiert ja nicht im luftleeren Raum. Wir sind ja kein Selbstzweck, sondern was wir tun, tun wir ja für die Bürgerinnen und die Bürger. Das heißt, für uns ist es ganz wichtig, dass die anderen auch verstehen, was wir tun und das transportieren wir ja über unsere Sprache.

 

Autorin

Nicht nur die Amts- oder Behördensprache, sondern auch Gesetzestexte sollen künftig verständlicher werden. Bereits 2007  begann im Bundesministerium für Justiz das Pilotprojekt „Verständliche Gesetze“ in Zusammenarbeit mit der Gesellschaft für deutsche Sprache. Mit Hilfe der Sprachwissenschaftler wurden beispielsweise das neue Versorgungsausgleichsgesetz und das neue Wohngeldgesetz formuliert. Das Projekt soll jetzt fortgeführt werden, hieß es in einer Presseerklärung: 

 

Zitator

Das Bun­des­mi­nis­te­ri­um der Jus­tiz stellt zwei Sprach­wis­sen­schaft­le­rin­nen bzw. Sprach­wis­sen­schaft­ler ein. Sie wer­den von einer min­des­tens sechs­köp­fi­gen ex­ter­nen Sprach­be­ra­tungs­grup­pe un­ter­stützt. Die­ser neue "Re­dak­ti­ons­stab Rechts­spra­che" beim Bun­des­mi­nis­te­ri­um der Jus­tiz soll von allen Bun­des­mi­nis­te­ri­en mög­lichst früh­zei­tig ein­be­zo­gen wer­den, wenn Ge­set­ze ent­wor­fen wer­den. Spä­tes­tens im Rah­men der Prü­fung der Rechts­sys­te­ma­tik und der rechts­förm­li­chen Ein­heit­lich­keit durch das Bun­des­mi­nis­te­ri­um der Jus­tiz wird der Re­dak­ti­ons­stab bei allen wich­ti­gen Ge­setz­ge­bungs­vor­ha­ben auf die Ver­ständ­lich­keit ach­ten.

 

Autorin

Bislang hatte diese Aufgabe ein kleiner Redaktionsstab beim Bundestag zu erfüllen, was aber schier unmöglich war. Denn die Gesetzentwürfe waren schon durch Verbände, Experten und Politiker beraten worden, bevor sie auf dem Tisch der Sprachwissenschaftler landeten – zu spät für Veränderungen.

 

Take 23 (Michael Schmuck)

Amtsdeutsch und Juristendeutsch sind artverwandt, nur die Zielgruppe ist ein bisschen anders. Amtsdeutsch richtet sich direkt an den  Bürger. Juristendeutsch indirekt an den Bürger über Anwälte, über Gesetze.

 

Autorin

Michael Schmuck ist Journalist, Dozent, Rechtsanwalt und Autor. Vor allem hat er das Seminar „Klares Deutsch für Juristen“ entwickelt.

 

Take 24 (Michael Schmuck)

Ich mache das jetzt seit 12 Jahren, also seit 1997, und im Jahr etwa bei 30, 40 Institutionen, Gerichten, Ministerien, Anwaltskanzleien, also überall, wo Juristen sitzen, auch in Privatunternehmen, also in Abteilungen, die man vielleicht gar nicht kennt, Revisionsabteilungen, überall, wo es um klare Sprache geht und wo Verwaltungsdeutsch bekämpft werden muss.

 

Autorin

Die Idee zum Seminar kam von Studenten an einer Journalistenschule, wo  Michael Schmuck unterrichtete. 

 

Take 25 (Michael Schmuck)

Die sagten, können Sie denn nicht diesen Verwaltungsheinis mal klares Deutsch beibringen, damit wir Journalisten auch mal verstehen, was die uns alles mitteilen wollen. Da besteht ein großes Kommunikationsproblem. Das haben wir dann gemacht, war der Renner an der Schule. Und dann ging es so langsam über zu Inhouse Seminaren in  Ministerien, Behörden, Gerichte haben angefragt, ob man nicht die Leute da schulen kann.

 

 

Autorin

Nicht nur die Laien profitieren davon, wenn sich Juristen verständlich ausdrücken.

 

Take 26 (Michael Schmuck)

Für Laien sind vor allem die Fachbegriffe schwer zu verstehen. Aber für alle, auch für Juristen, ist der Satzbau schwer zu verstehen. Wenn ich einen ganz langen Schachtelsatz mit 19 Zeilen habe, mit 45 Wörtern, kann ihn der Laie erst recht nicht verstehen, aber der Jurist hat auch Probleme, auch wenn er eigentlich weiß, worum es geht. Im Seminar machen wir das ja dauernd die Übungen. Es muss entschachtelt werden, aus einem langen Satz werden vier kurze, siehe da, ich weiß, was es heißt. Auch der Fachmann bedankt sich dafür, dass er in einer Minute was versteht, was er sonst in 10 Minuten erst versteht.

 

Autorin

Schon in der Antike gab es Klagen darüber, dass die Juristen sich unverständlich ausdrücken und eine Geheimsprache sprechen. Klagen, die auch heute noch ihre Berechtigung haben, meint Michael Schmuck.

 

Take 27 (Michael Schmuck)

Juristendeutsch ist immer Hoheitsdeutsch gewesen. Man möchte gern diese Hoheitssprache sprechen. Wissen ist Macht, wenn’s kompliziert ist, weiß ich als Insider mehr als der outsider oder der Laie. Deswegen hat es mit Herrschaft zu tun. Zum anderen ist aber auch kurios, dass gerade neuere Gesetze viel komplizierter verfasst sind als alte. Was damit zu tun hat, dass die Sachverhalte auch komplexer und komplizierter werden. Aber das spricht ja trotzdem nicht dafür, dass man Schachtelsätze baut. Man kann’s ja erstens, zweitens, drittens gliedern und schon weiß man’s. Aber da gibt’s die Meinungen auch in manchen Ministerien, es sei vielleicht ein bisschen zu schlicht, zu einfach, zu trivial, wenn man erstens, zweitens drittens sagt. Und wenn man’s in einen Schachtelsatz baut oder schöne Ketten von Hauptwörtern baut, dass sei dann wissenschaftlicher und wissender vielleicht auch.

 

 

Autorin

Wenn eine Regel, eine Vorschrift oder ein Gesetz nicht verstanden wird, kann das schwerwiegende Folgen haben. Auch das, sagt Michael Schmuck, muss man sich immer wieder klarmachen.

 

Take 28 (Michael Schmuck)

Weil man vielleicht glaubt, man hat’s verstanden, hat es missverstanden. Oder man fühlt sich gleich erschlagen und sagt, ich kann überhaupt nicht dagegen vorgehen, ich weiß gar nicht, was ich soll, ich verstehe ja überhaupt nichts davon. Und da gibt es ja auch viele Beispiele. Das neue Elterngeldgesetz ist hoch kompliziert, keiner blickt richtig durch, was da eigentlich wie geregelt wird, an manchen Stellen, und viele andere  Gesetze auch. Dann gibt’s den Trend, alles zu konkretisieren im einfachen Gesetz, das sich an jedermann richtet. In der Straßenverkehrsordnung sind Regelungen drin, die versteht nicht einmal ein Fachanwalt für Verkehrsrecht. Das sind hoch komplexe Regelungen, die eigentlich jeder Führerscheininhaber, der mit 16 einen Moped-Führerschein macht, verstehen müsste. Und versteht nicht mal ein erfahrener Verkehrsrechtsanwalt, der 30 Jahre Praxis hat.

 

Autorin

Michael Schmuck, der seit 12 Jahren seine Seminare für ein klares Deutsch anbietet, kennt auch das IDEMA-Projekt.

 

Take 29 (Michael Schmuck)

Und ich finde es eine prima Sache, eine ganz tolle Initiative, die sich jetzt eher auf die Zielgruppe Verwaltungen und Behörden und Stadtverwaltungen bezieht.

 

 

Autorin

2008 wurde das Internet-Projekt von offizieller Seite ausgezeichnet.

 

Zitator

Behördensprache bürgerfreundlicher zu machen, ist das Ziel von IDEMA, des Internet-Dienstes für eine moderne Amtssprache der Bochumer Sprachwissenschaftler Prof. Dr. Dr. h. c. Hans-Rüdiger Fluck und Michaela Blaha. Mit dieser Idee überzeugte das Team des Germanistischen Instituts der Ruhr-Universität Bochum die Jury des Wettbewerbs „365 Orte im Land der Ideen“: IDEMA wurde unter 1.500 Bewerbern ausgewählter Ort.

 

Take 30 (Michaela Blaha)

Das ist natürlich etwas gewesen, worüber wir uns sehr gefreut haben, einfach eine öffentliche Anerkennung unserer Arbeit zu bekommen. Nur darf man natürlich dann nicht stehen bleiben und aufhören, sich weiter zu entwickeln. Man muss immer genau schauen, was sind auch die wandelnden Bedürfnisse derjenigen, die mit uns Kontakt aufnehmen und schauen, was man machen kann.

 

Autorin

Auf dem Weg, dem Amtsdeutsch endgültig „ade“ zu sagen, sind Michaela Blaha und ihre Mitstreitenden wieder einen Schritt weiter gekommen. Die Broschüre „Im Profil – Das Bundesministerium des Innern stellt sich vor“ wurde von IDEMA überarbeitet, etwa 50 Autorinnen und Autoren waren daran beteiligt. Es war der erste große Arbeitsauftrag im neuen Projekt, das IDEMA gemeinsam mit der Bundesverwaltung gestartet hat.

 

Mit dem  Abschied von der Amtssprache hat die Verwaltung das Verständnis ihrer eigenen Aufgaben gründlich gewandelt. Sie bemüht sich um Transparenz und besseren Service für die Bürgerinnen und Bürger. Es ist auch ein Abschied von der Entmündigung der Menschen, die im Obrigkeitsstaat gang und gäbe ist.  

 

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