Nachruf Jens Brüning

 

„Zwischen den Zeilen der Abgrund“ – das war der Titel seines letzten großen Rundfunkfeatures über das literarische Kabarett „Die Katakombe“. Jens Brüning haben die Wortzeilen, die präzise Sprache sein Leben lang Halt gegeben, ein Leben, das nach 64 Jahren allzu plötzlich endete.

 

Im besonderen Jahr 1968 kam Jens Brüning aus Norddeutschland nach Westberlin, studierte an der FU Publizistik, Soziologie und Nordamerikanische Literatur. Schon während seines Studiums faszinierte ihn das Medium Rundfunk, und so schrieb er konsequenterweise seine Examensarbeit über das „Mittagsmagazin“ des Südwestfunks – eine Sendeform, die damals noch recht neu war. Anschließend war er Assistent am Institut für Publizistik der FU Berlin, arbeitete für und mit dem Publizistikprofessor Harry Pross. Aber die theoretische Auseinandersetzung genügte ihm mit der Zeit nicht mehr, er wollte in die Praxis, selber Radio machen und arbeitete erfolgreich als Autor für verschiedene Rundfunkanstalten, betätigte sich auch jahrelang als Kritiker von Hörspielen und Features, als diesem Genre in den Zeitungen noch Platz eingeräumt wurde. Jens Brüning engagierte sich auch gewerkschaftlich für die Belange der Freien Mitarbeiter, in einer Zeit, da Tarifverträge noch keine Selbstverständlichkeit waren.

Eine Herzensangelegenheit war für Jens Brüning die Wiederentdeckung der Schriftstellerin Gabriele Tergit. Mit Eifer und Beharrlichkeit setzte er sich dafür ein, daß die Bücher der Autorin, die 1933 ins Exil gehen mußte, in Deutschland wieder veröffentlicht wurden oder erstmals einen Verleger fanden. Oft hat er Gabriele Tergit, die 1982 in London gestorben ist, in der britischen Hauptstadt besucht.

Den Hörern vom Deutschlandradio ist er vertraut als Autor von Kalenderblättern, als Rezensent von Hörbüchern im „Radiofeuilleton“ und als „Pressebeschauer“ in „Fazit“. Unter ihnen war der immer ruhige, manchmal etwas knarzige, aber stets freundliche Jens Brüning eine unverwechselbare Stimme. Beinahe siebenhundert Mal war sie zu vernehmen. Den leisen Humor, seine feinsinnige Ironie zwischen den Zeilen werden wir vermissen.

 

Jürgen Liebing