WortSpiel 22.01.2004

''Wenn endlich ein menschliches Wort fiele...“

Der Auschwitz-Prozess und seine Wirkungen

Von Annette Wilmes

 

TAKE                            Hermann Langbein
Begonnen hat das, was dann später der große Auschwitz-Prozess wurde, mit einem Brief, den ich bekommen hab, von einem Überlebenden von Auschwitz, den ich von Auschwitz kannte, einem Deutschen namens Rögner, der wegen seinen kriminellen Vorstrafen in Auschwitz war, dort Kapo war, im Elektrikerkommando, ein anständiger Kapo, es gab solche und solche Kapos, und der mir aus dem Gefängnis, er war damals schon wieder kriminell, geschrieben hat, er wusste, wo Boger, ein berüchtigter Mann der politischen Abteilung der Lager-Gestapo, wohnt. Und er hätte eine Strafanzeige gegen ihn erstattet. Das war im Frühling 1958.

 

SPRECHERIN            Der ehemalige Auschwitz-Häftling Hermann Langbein, Generalsekretär des Internationalen Auschwitz-Komitees, in einem Fernsehinterview Anfang der 90er Jahre. Der Kapo, von dem er sprach, schickte seine Strafanzeige an die Stuttgarter Staatsanwaltschaft.

 

ZITATOR 2                   Im Jahre 1946 ist der ehemalige SS-Oberscharführer Boger aus dem Auslieferungstransport nach Polen geflüchtet. (…) Boger ist schwerstens belastet durch seine im ehemaligen KZ Auschwitz begangenen Verbrechen gegen die Menschlichkeit (Massenmord, Selektionen, Totschlag, Geständniserpressungen mit und ohne Anwendung der Schaukel usw.).
Ich selbst war als Häftling vom 6. Mai 1941 bis 16. Januar 1945 unter der Lagernummer 15.465 im KZ-Lager Auschwitz I.

 

SPRECHERIN            Der Brief vom 1. März 1958 bewirkte zunächst nicht viel, wahrscheinlich, weil der Absender selbst hinter Gittern saß und deshalb nicht besonders glaubwürdig erschien. Erst, als sich Hermann Langbein vom Internationalen Auschwitz-Komitee dafür einsetzte, kam der Prozess in Frankfurt am Main ins Rollen.

 

ZITATOR 1                   Gegen Ende jenes Jahres beginnt in Ludwigsburg bei Stuttgart die „Zentrale Stelle der Landesjustizverwaltungen zur Verfolgung nationalsozialistischer Gewaltverbrechen“ zu arbeiten, und Langbein zeigt dort weitere ehemalige Mitglieder der Politischen Abteilung in Auschwitz an, der auch Boger angehörte. Die Ermittlungsakten wachsen.

 

SPRECHERIN            Das schreibt Bernd Naumann, damals Redakteur der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, in seinem Buch über den Prozess. Weitere Dokumente, so genannte Erschießungsakten aus Auschwitz, wurden gefunden und dem hessischen Generalstaatsanwalt Fritz Bauer vorgelegt. An drei Stellen, in Stuttgart, Ludwigsburg und Frankfurt, liefen nun die Ermittlungen.
Der Bundesgerichtshof in Karlsruhe erklärte Frankfurt für zuständig. Fritz Bauer, selbst einst unter den Nationalsozialisten verfolgt, nahm sich der Sache mit der gebotenen Energie an. Hilfe bei der schwierigen Suche nach Zeugen erhielt er von Hermann Langbein und dem Internationalen Auschwitz-Komitee.

 

TAKE                            Hermann Langbein
Es gab vor allem einen Kreis von Frauen, die sehr wichtige Zeugen waren, weil sie als Häftlingsschreiberinnen in der politischen Abteilung tätig waren. Und die hatten mehr gesehen als viele andere, die hatten bei den Vernehmungen Protokolle zu führen, die Vernehmungen waren Folterungen, was dort geschehen ist, ich will’s nicht schildern, das war übel.

 

ZITATOR 1                   Wie der Frankfurter Oberstaatsanwalt Dr. Großmann sagt, konzentrieren sich die Ermittlungen in nahezu tausend Spuren sehr bald auf „wenige unerträgliche Falle“, und als der erste Auschwitz-Prozess, weitere werden folgen, am 20. Dezember 1963 nach jahrelanger Vorbereitung beginnt, hat die Staatsanwaltschaft über zwanzig ehemalige SS-Leute aus Auschwitz und einen Häftling wegen Mordes und Beihilfe zum Mord, wegen Massenmordes und Beihilfe zum Massenmord angeklagt.

 

SPRECHERIN            Die Hauptverhandlung begann am 20. Dezember 1963.
Der Lagerkommandant Rudolf Höß hatte in den Nürnberger Prozessen als Zeuge ausgesagt. Er wurde dann 1947 an Polen ausgeliefert, dort zum Tode verurteilt und hingerichtet.
Der letzte Kommandant des Vernichtungslagers Auschwitz, Richard Baer, wurde im Auschwitz-Prozess zwar mitangeklagt, starb aber noch vor Beginn im Juni 1963 an Kreislaufschwäche. So war der Adjutant von Rudolf Höß, Robert Mulka, der Hauptangeklagte. Nach ihm wurde der Prozess benannt.

 

ZITATOR 2                   Die Strafsache gegen Mulka und andere,
Aktenzeichen 4 Ks 2/63

 

SPRECHERIN            Verhandelt wurde im Plenarsaal des Römer, am Sitz der Frankfurter Stadtverordnetenversammlung, weil selbst der größte Schwurgerichtssaal für diesen Prozess zu klein war. Zu den Prozessbeteiligten gehörten drei Berufsrichter und sechs Geschworene, Ersatzrichter und Ersatzgeschworene, vier Staatsanwälte, drei Vertreter der Nebenkläger, zwei Verteidiger für jeden der 22 Angeklagten. Außerdem sollten 150 Zuschauer und etwa genau so viele Journalisten Platz finden.
Neben Adjutant Robert Mulka saßen 21 weitere SS-Männer auf der Anklagebank.

 

MUSIKAKZENT

 

TAKE                            Kurt Julius Goldstein
Auschwitz war eine Todesfabrik. Das war die Hölle. Wer nicht weiß, was die Hölle ist, wer in Auschwitz gelebt hat, der weiß, was die Hölle ist.

 

SPRECHERIN            Kurt Julius Goldstein hat die Hölle von Auschwitz überlebt. Im Ruhrgebiet als Sohn einer jüdischen Kaufmannsfamilie aufgewachsen, schloss er sich früh den Kommunisten an. Als Jude und Kommunist floh er bereits 1933 vor den Nationalsozialisten und ging nach Frankreich und Palästina. Er kämpfte während des spanischen Bürgerkrieges bei den Internationalen Brigaden, wurde in Frankreich interniert und schließlich – 1942 - nach Auschwitz deportiert. Der Todesmarsch brachte ihn drei Jahre später nach Buchenwald, wo sich die Häftlinge selbst befreiten. Kurt Goldstein ging 1951 in die DDR. Er wurde Chefredakteur und später Intendant des Deutschlandsenders, der „Stimme der DDR“. Heute lebt der 89-jährige in Berlin.
Als am 20. Dezember 1963 der Auschwitz Prozess in Frankfurt am Main begann, verfolgte Goldstein das Geschehen aus der Ferne.

 

TAKE                            Kurt Julius Goldstein
Ich war hier in Berlin, und immer, wenn im Prozess Pause war, dann habe ich mit denen, die als Zuschauer dort waren, ich war befreundet mit Fritz Kaul, und er war ja Nebenkläger in dem Prozess; und immer, wenn Kaul vom Prozess nach Berlin kam, dann klingelte bei mir das Telefon und er sagte: Komm mal rüber. Ich will dir vom Prozess erzählen.

 

SPRECHERIN            Friedrich Karl Kaul, der aus Ostberlin stammende Rechtsanwalt, war in den sechziger Jahren ein bekannter Strafverteidiger der DDR, der auch vor bundesdeutschen Gerichten auftreten konnte.
Im Frankfurter Auschwitz-Prozess vertrat Friedrich Karl Kaul fünf Nebenkläger, DDR-Bürger, Angehörige von Auschwitz-Opfern. Der ehemalige Auschwitz-Häftling Kurt Goldstein war nicht unter ihnen, er trat auch nicht als Zeuge auf.

 

TAKE                            Kurt Julius Goldstein
Ich hätte natürlich Zeuge sein können, weil, ich hab ja 30 Monate meines Lebens, vom Juli 1942 bis zum 17. Januar 1945, in Auschwitz verbracht; nicht in Auschwitz, nicht im Hauptlager, ich war ja nur wenige Tage in Birkenau und bin dann in das Grubenlager Jawischowitz gekommen. Aber hier herrschte damals der Standpunkt vor, dass Zeugen, die im Hauptlager gewesen sind, so ein Mann wie Karl Lill, der da im Hauptlager, auch in der Schreibstube war, die also von sehr nah den inneren Betrieb in Auschwitz, den inneren Betrieb dieser Mordfabrik beobachten konnten.

 

SPRECHERIN            Ein weiterer Auschwitz-Überlebender verfolgte in den sechziger Jahren das Prozessgeschehen in Frankfurt ebenfalls meist aus der Ferne, aus Ostberlin. Adam König.

 

TAKE                            Adam König
Ich war damals noch berufstätig und hab natürlich auch mir gedacht: Wie wird nicht nur die offizielle Politik, sondern auch wie wird die Öffentlichkeit darauf reagieren. Und war eigentlich der Meinung, es ist gut, dass das auch jetzt juristisch aufgearbeitet wird, obwohl ich damals und auch vielleicht heute noch der Meinung bin, dass die politische Aufarbeitung noch ein größeres Gewicht haben sollte.

 

SPRECHERIN            Der promovierte ehemalige Geschichtslehrer Adam König lebt heute als Rentner in Berlin. Er war im November 1939 als 16-jähriger aus seiner Heimatstadt Frankfurt am Main nach Sachsenhausen verschleppt worden, wo er bis 1942 blieb.

 

TAKE                            Adam König
Ende Oktober wurden auch die deutschen KZs „judenrein“, und wir kamen nach Auschwitz. Dort waren wir eine Woche etwa im so genannten Stammlager Auschwitz Eins, also das erste Lager. Und zu diesem Zeitpunkt wurde in der Nähe von Auschwitz auf dem Gelände der Gemeinde Monowitz ein Häftlingslager gebaut, in dem besonders noch Arbeitskräfte für den Aufbau eines Buna-Werks gesucht wurden, angesiedelt wurden. Buna steht für synthetischen Kautschuk, war kriegswichtig, waren dort schon 10.000 vielleicht, schätze ich, Fremdarbeiter oder Zwangsarbeiter, besser gesagt. Und es sollten auch in Auschwitz selbst, in der Nähe von Auschwitz, Gefangene bei dem Aufbau dieses Werkes helfen. Und deswegen wurde das KZ Monowitz, das später Auschwitz Drei genannt wurde, errichtet. Und wir waren einige der ersten Häftlinge, die da hinkamen.

 

SPRECHERIN            Auch Adam König wurde von den SS-Bewachern im Januar 1945 auf den Todesmarsch gezwungen, als die Rote Armee näherrückte. Auf Umwegen kam er ins KZ Bergen-Belsen, wo er im April 1945 befreit wurde. Er ging zurück nach Frankfurt. Die Mutter war umgebracht worden, Vater und Bruder, die vor dem Krieg nach Holland geflohen waren, blieben verschollen. Dann kam das Angebot aus der DDR, den Schulabschluss nachzuholen und ein Stipendium zu erhalten. Adam König zog nach Ostberlin. Zweimal nahm er als Zuschauer an den Verhandlungen im Auschwitz-Prozess teil.

 

TAKE                            Adam König
Ja, ich war zweimal anwesend. Ja, und hab auch dort diesen Eindruck gewonnen, dass es einerseits wichtig ist, dass man sich juristisch diesen Verbrechen, die dort begangen wurden, Auschwitz, der Ort, der für den Völkermord an Juden, aber auch an anderen Minderheiten steht, dass das auch juristisch aufgearbeitet wurde, und fand es schon gut, dass so etwas überhaupt stattfindet.

 

SPRECHERIN            Zumal sich vor allem in der Bundesrepublik bis dahin kaum jemand um die Aufarbeitung oder gar Bewältigung der nationalsozialistischen Verbrechen gekümmert hatte.
Darunter vor allem hat Hans Frankenthal sehr gelitten, der dritte Auschwitz-Überlebende, der hier zu Wort kommt. Auch er arbeitete im Buna-Werk Monowitz, auch er brachte den Todesmarsch mehr tot als lebendig hinter sich. Nach dem Krieg – er erlebte die Befreiung in Theresienstadt - kehrte Frankenthal in seine Heimatstadt Schmallenberg im westfälischen Sauerland zurück. Er erfuhr von den Nürnberger Prozessen, in denen die Amerikaner auch Verantwortliche der Firmen IG-Farben und Krupp anklagten und verurteilten. Sie hatten davon profitiert, dass sich Tausende von Zwangsarbeitern in Monowitz und in anderen Lagern zu Tode geschunden hatten. Hans Frankenthal:

 

TAKE                            Hans Frankenthal
Wir haben das in der Presse verfolgt und haben am Radio gesessen, Wir haben immer alles verfolgt. Ich habe dann auch mal versucht, in meinem Heimatort Schmallenberg Kommentare über diese Prozesse zu geben. Man wollte es nicht hören und man wollte es nicht glauben.

 

SPRECHERIN            Hören wollte man ihn erst im Auschwitz-Prozess in Frankfurt am Main, 18 Jahre nach Kriegsende. Hans Frankenthal sollte als Zeuge aussagen über die Haftzeit und die Todesmärsche. Einmal wurde er gefragt, ob die IG-Farben Direktoren denn überhaupt etwas von den unmenschlichen Zuständen in Auschwitz und Monowitz wussten.

 

TAKE                            Hans Frankenthal
Es ist ja auch mehrmals behauptet worden, dass sie nie im Konzentrationslager gewesen wären. Sie hätten das nicht gewusst. Das, was wir ihnen rechtsmäßig widerlegen konnten. Denn mein Bruder und ich haben auf Hochmontage gearbeitet am Kraftwerk, wir haben immer dort die Direktoren in das Gebäude, wo die Ingenieure ihre Pläne liegen hatten, ein- und ausgehen sehen. Ich habe sogar erlebt, dass ein IG-Farben-Direktor oder Angestellter einen Aufseher, einen Kapo, darauf hingewiesen hat, dort der Jude arbeitet so langsam, treib den mal an.

 

SPRECHERIN            Für Hans Frankenthal war der Prozess ein Einschnitt. Das beschreibt er in seinem Buch „Verweigerte Rückkehr“, das 1999 im Fischer Taschenbuch Verlag erschien.

 

ZITATOR 1                   Über den Prozess wurde in der Presse berichtet, und sobald die Schmallenberger in der Zeitung lasen: „Hans Frankenthal sagte beim Prozess aus“ oder einige mich sogar im Fernsehen sahen – das war die Zeit der ersten Fernseher, und in der Wirtschaft saßen abends alle vor dem neuen Apparat und schauten Nachrichten -, sprachen sie mich plötzlich an, ob ich ihnen nicht mal etwas erzählen wollte.
„Ich euch was erzählen? Damit ihr mir morgen wieder sagt, ihr glaubt es nicht. Es gibt reichlich Literatur darüber, besorgt sie euch.“
Aber wir waren wirklich dankbar über diesen Prozess – endlich, nach zwanzig Jahren, wurde das erste Mal öffentlich über Auschwitz gesprochen.

 

SPRECHERIN            Am 22. Dezember 1999 starb Hans Frankenthal im Alter von 73 Jahren an Knochentuberkulose.

 

MUSIKAKZENT

 

ZITATOR 1                   Ein neuer Abschnitt beginnt, der dritte im Verfahren „gegen Mulka und andere“.

 

SPRECHERIN            Bernd Naumann von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung in seinem Buch über den Auschwitz-Prozess.

 

ZITATOR 1                   Da steht der erste Zeuge, und der schmächtige, unauffällige Mann im Zeugenstand verbreitet schnell Entsetzen, auch wenn er im weichen Wiener Dialekt spricht, der besser ins Kaffeehaus passte, denn in einen Mordprozess. Und mit seiner nüchternen Darstellung wächst die Ahnung, dass jetzt erst der Auschwitz-Prozess beginne.

 

SPRECHERIN            Der erste Zeuge war der 60-jährige Arzt Dr. Otto Wolken. Seine und die meisten Aussagen der anderen Zeugen wurden auf Tonband aufgezeichnet, zur Gedächtnisstütze des Gerichts. Dass die Aufnahmen nach Prozess-Ende nicht gelöscht wurden, sondern als historisches Dokument erhalten blieben, dafür sorgte unter anderen Hermann Langbein. Das Deutsche Rundfunkarchiv hat die Tonbänder in Teilen der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.
Der Wiener Arzt Dr. Otto Wolken schildert seine ersten Eindrücke in Auschwitz:

 

TAKE                            Dr. Otto Wolken
Und ich kam nach Auschwitz I, also ins Stammlager Auschwitz. Der Weg ins Lager war weit, und dann kamen wir zum Lager, darüber stand schwungvoll ‚Arbeit macht frei’, links aus einem Block drang Walzermusik, die Musikkappelle übte. Wir hatten gar nicht den Eindruck, dass wir hier in eine Hölle kamen. Es sah alles so friedlich, so ruhig aus. Dann hieß es zunächst, also alles ausziehen, dann wurden wir in einen Waschraum gebracht, das war ein großer Raum, Tonboden, Wasserlachen auf dem Fußboden, vom Duschen tropfte Wasser hinunter, es war mittags, es verging Stunde um Stunde, es kamen immer mehr nackte Gestalten herein. Wir waren müde, wir konnten uns nicht mehr auf den Füßen halten, denn wir waren ja schon anderthalb Tage ohne Verpflegung, und so setzte sich jeder auf den Tonboden, in die Lache hinein, es war ganz egal, und wir warteten und warteten.

 

SPRECHERIN            Das war der Anfang, wie ihn Otto Wolken erlebte. Auch Hermann Langbein trat als Zeuge auf. Er war 1942 aus dem Konzentrationslager Dachau nach Auschwitz gekommen. Er wurde Schreiber des Standortarztes Dr. Wirths, führte die Totenlisten und sogar die so genannte Geheimkorrespondenz.

 

TAKE                            Hermann Langbein
Ich habe viel gesehen in Auschwitz, Tote waren für uns eine Alltäglichkeit. Man ist furchtbar hart geworden in Auschwitz. So hart, dass man manchmal Angst gehabt hat, ob man wieder ins normale Leben zurückfindet. Aber was ich dort gesehen habe, das war schlimmer als alles andere. Ich habe Frauen gesehen, die glücklichsten waren die, es waren einzelne darunter, die wahnsinnig geworden sind. Ich habe kleine Kinder gesehen, Neugeborene, die einzige Sorge, die ihnen zuteil wurde, war die, dass sie sofort die Häftlingsnummer tätowiert bekamen mit einem Z, und zwar bekamen sie die in den Oberschenkel, weil der Unterarm eines Säuglings zu klein war dafür. Und ich habe dann die Leichenkammer gesehen, die anschließend hinten bei dem Block war, und dort war ein Berg von Leichen, Kinderleichen, und dazwischen waren die Ratten.

 

SPRECHERIN            Dann der Zeuge Karl Lill über den Angeklagten Josef Klehr, der als Sanitäter und Leiter der Desinfektionsabteilung arbeitete.

 

TAKE                            Karl Lill
Klehr war der Mann, der vor unseren Augen ungezählte Male, sagen wir, ich habe das mit eigenen Augen 30 oder 40 mal gesehen, man hat nicht den Wunsch, das zu registrieren, wie er mit seinem Gehilfen auf das flache Dach dieses Bunkers, das kleine Krematorium gegenüber dem SS-Revier, seine Gasmaske aufsetzte, die Zyklon B-Büchse aufriss und den Inhalt in diese Stutzen hineinwarf. Und jedes Mal ein paar Sekunden später ein Schrei, erstickt, gedämpft durch diese Betondecke, manchmal ein mehrhundertstimmiger Schrei, jedes Mal ein paar Minuten später quoll der braune; der braungelbe Qualm aus dem Schornstein.

 

SPRECHERIN            Die Angeklagten, aber auch Zeugen aus den Reihen der ehemaligen SS-Leute, oder die Direktoren von IG-Farben wollten von all diesen Verbrechen nichts mitbekommen haben. Dazu meldete sich der Zeuge Josef Glück aus Ungarn.

 

TAKE                            Josef Glück
Jetzt muss ich noch etwas sagen, bitte sehr. Ich habe gelesen hier in Zeitungen, bei uns, dass die Herren hier sagen, sie haben nicht gewusst, was eigentlich in Auschwitz war. Ich muss Ihnen erklären, dass am zweiten Tag, als ich dort war, habe ich schon alles gewusst. Aber nicht nur ich, dieser kleine Bursche, der ist 16 Jahre alt, er heißt Andreas Rappaport, er war in der ersten Baracke, er hat mit Blut geschrieben. (ungarisch) „Andreas Rappaport, gelebt 16 Jahre“, das habe ich selbst gesehen, nach zwei Tagen, wenn die haben ihn weggeschleppt, ich bin gestanden in Baracke Nr. 14, er hat geschrieen, Onkel, ich weiß, dass ich muss sterben, sag meiner Mutter, dass bis zum letzten Moment habe ich an sie gedacht. Aber ich konnte nicht sagen, die Mutter ist auch gestorben, dieser kleine Bub hat gewusst, was dort ist, und die Herren nicht.

 

MUSIKAKZENT

 

SPRECHERIN            Der Prozess dauerte 20 Monate. Im April 1964 zog das Gericht vom Römer, dem Sitzungssaal der Frankfurter Stadtverordneten, in das Gallus-Haus um, das gerade fertig gestellt worden war. Es war eigentlich für kulturelle Veranstaltungen geplant. Bis zum Prozess-Ende im August 1965 tagte dort die Schwurgerichtskammer unter Vorsitz von Landgerichtsdirektor Hans Hofmeyer.

 

ZITATOR 1                   Als Senatspräsident Hofmeyer am 19. August 1965 mit der Urteilsverkündung beginnt, die zwei Tage dauern wird, ist der Saal im ‚Haus Gallus’ wieder bis auf den letzten Platz gefüllt. Journalisten aus aller Welt warten darauf, zu erfahren, wie der Auschwitz-Prozess ausgeht. Von den anfangs 22 Angeklagten sind mittlerweile zwei ausgeschieden – einer ist gestorben, der andere durch Krankheit verhandlungsunfähig.

 

SPRECHERIN            Das schreiben Gerhard Werle und Thomas Wandres in ihrem Buch „Auschwitz vor Gericht - Völkermord und bundesdeutsche Strafjustiz“.

 

ZITATOR 1                   Siebzehn Angeklagte werden verurteilt, drei freigesprochen. In sechs Fällen ist die Strafe lebenslanges Zuchthaus, die anderen werden zu Freiheitsstrafen zwischen 14 Jahren und drei Jahren und sechs Monaten verurteilt.

 

SPRECHERIN            Lageradjutant Robert Mulka erhielt 14 Jahre Freiheitsstrafe. Wilhelm Boger, der Erfinder des Folterinstruments „Boger-Schaukel“, auch Sprechmaschine genannt, auf dem Häftlinge bewusstlos geschlagen oder auch getötet wurden, erhielt als Mörder eine lebenslange Freiheitsstrafe. Ebenso Oswald Kaduk, der Blockführer, der eigenhändig Häftlinge quälte und tötete. Der Apotheker Victor Capesius, der an den Selektionen an der Rampe teilgenommen und viele Menschen in den Tod geschickt hatte, wurde zu neun Jahren verurteilt. Lebenslang erhielt der Leiter der Desinfektionsabteilung Josef Klehr, der unzählige Häftlinge mit Phenol zu Tode spritzte und mit Gas töten ließ oder selbst tötete. Auch der Blockälteste Emil Bednarek, der einzige Häftling unter den Angeklagten, sollte eine lebenslange Freiheitsstrafe verbüßen. Er hatte Mithäftlinge zu Tode geschlagen, getreten oder auf andere brutale Weise umgebracht.

 

                                       MUSIKAKZENT

 

ZITATOR 2                   Zwanzig Monate lang haben wir im Geist nochmals alle Leiden und all die Qualen erlebt, die die Menschen dort erlitten haben und die mit Auschwitz auf immer verbunden bleiben. Es wird wohl mancher unter uns sein, der auf längere Zeit nicht mehr in die frohen und gläubigen Augen eines Kindes sehen kann, ohne dass ihm im Geist die angsterfüllten Augen der Kinder auftauchen, die in Auschwitz den letzten Weg gegangen sind.

 

ZITATOR 1                   Nur stockend bringt der Vorsitzende diese Schlusssätze zu Ende. Einmal muss er sich unterbrechen. Lange Sekunden ist es ganz still im großen Gerichtssaal, bis Hofmeyer seine Fassung wiedergewinnt.
Es war die letzte der Pausen, die so oft während der Zeugenvernehmungen eintraten und die mehr sagten als lange Worte. Diese Sekunden der Stille gereichten Hofmeyer, dem wohl die schwerste Aufgabe übertragen war, die einem deutschen Richter in dieser Zeit zugeteilt wurde, zur Ehre.

 

SPRECHERIN            So schließt Hermann Langbein, der wegen seiner Gegnerschaft zum Nationalsozialismus nach Auschwitz verschleppt wurde, seine eindrucksvolle zweibändige Dokumentation des Auschwitz-Prozesses. Bis zu seinem Tod im Oktober 1995 widmete er sich der Geschichte von Auschwitz und der Analyse des Widerstandes. Ohne ihn, der selbst zum Widerstand im Vernichtungslager Auschwitz gehörte, wäre der Auschwitz-Prozess nicht denkbar gewesen. Und nicht ohne Fritz Bauer, den hessischen Generalstaatsanwalt, der mit seinen gründlichen Recherchen da weitermachte, wo andere längst aufgegeben oder gar nicht erst angefangen hatten.
Das Urteil im Auschwitzprozess fand in der Öffentlichkeit eine breite Resonanz. Conrad Taler, der den Prozess damals als junger Journalist verfolgte und später Redakteur bei Radio Bremen wurde, erinnert sich:

 

TAKE                            Conrad Taler
Wenn man unter Öffentlichkeit die Zeitungen versteht und den Rundfunk, gab es natürlich ein großes Echo. Und überwiegend hieß es, dass man für das, was in Auschwitz geschehen ist, keine adäquate Strafe hätte finden können. Die Öffentlichkeit, wenn man sie als normale Bevölkerung mal ins Auge fasst, hat eigentlich mehr oder weniger gleichgültig reagiert. Für die war das Thema irgendwie erledigt. Das dritte Reich war längst Vergangenheit und es gab andere Probleme. Und das hat die wenigsten berührt.

 

SPRECHERIN            Conrad Taler ist 76 Jahre alt. 40 Jahre nach Beginn des Auschwitz-Prozesses hat er seine Prozessberichte von damals noch einmal veröffentlicht, unter dem Titel: „Asche auf vereisten Wegen“.

 

TAKE                            Conrad Taler
Bei denen, die als Meinungsbildner tätig sind, hat der Auschwitz-Prozess schon fortgewirkt. Es hat ja viele Veröffentlichungen im Anschluss an den Prozess gegeben. Der Peter Weiß hat eine dramatische Fassung des Prozessgeschehens auf die Bühne gebracht, mit dem Ergebnis, dass er zusammen mit dem Erwin Piscator Hunderte von Drohbriefen bekommen hat wegen dieser Geschichte. Und Auschwitz hat seit dem Prozess einen Stellenwert, Auschwitz ist sozusagen das Synonym für alle Verbrechen, die die Nazis begangen haben. Es besteht allerdings auch die Gefahr, dass Auschwitz zu einer leeren Worthülse wird, dass die nachgewachsenen Generationen überhaupt nicht mehr wissen, was Auschwitz war. Und vor allen Dingen, wie es dazu kommen konnte. Denn Auschwitz hatte ja eine lange Vorgeschichte gehabt. Und die Leute, die dort beteiligt waren, haben das ja nicht zwangsweise gemacht, das war für sie eine ganz selbstverständliche und normale Geschichte. Und ich sehe darin nur eine Bestätigung, dass sie innerlich damit einverstanden waren. Die Juden galten eben als minderwertig, und dass man sie dort zusammengetrieben und getötet hat, das war normal. Es wurde auch befohlen, und deshalb hat man das gemacht, ohne noch darüber nachzudenken.

 

SPRECHERIN            Dass Auschwitz nicht zu einer leeren Worthülse wird, dafür wollen vor allem die wenigen noch lebenden Zeitzeugen sorgen. Kurt Julius Goldstein, Spanienkämpfer, Auschwitz- und Buchenwaldhäftling, hat ein Buch geschrieben mit dem Titel „Wir sind die letzten – fragt uns“. Heute noch geht der 89-jährige Ehrenpräsident des Internationalen Auschwitz-Komitees in die Schulen, um über die Verbrechen der Nationalsozialisten zu berichten.

 

TAKE                            Kurt Julius Goldstein
Und stoße immer wieder für mich selbst auf die Schwierigkeit, das, was dort an täglichen Verbrechen gegen einzelne Menschen begangen wurde, in Worte zu fassen und ich erleb bei jungen Menschen, bei Schülerinnen und Schülern, wie sie das versuchen nachzuempfinden, wie tief sie das berührt.

 

SPRECHERIN            Als im Auschwitz-Prozess das Unfassbare zur Sprache kam, waren die meisten Anwesenden erschüttert, die Mitglieder des Schwurgerichts, die Staatsanwälte, die Zuhörer und Journalisten. Zeugen brachen zusammen. Nur die Angeklagten schien das nicht zu berühren.

 

TAKE                            Kurt Julius Goldstein
Das ist das, was denen, die eben da gewesen sind, ob das Fritze Kaul war, ob das Karl Lill, der als Zeuge da war, das Auftreten der Angeklagten, diese völlige Empfindungslosigkeit, also Menschen, die jeden Tag Häftlinge umgebracht haben, denen sie nie begegnet waren, aber die Menschen waren wie sie selbst. Aber das war eben für sie das, was die Nazis in diesem schrecklichen Veit-Harlan-Film, das war Ungeziefer. Wir waren Ungeziefer. Als wir dort in Auschwitz ankamen, da wurde uns eine Nummer auf den Arm gemacht und damit waren wir als menschliche Existenzen erledigt. Wir waren nur noch Ausbeutungsobjekte. Das also tagtäglich zu erleben, das kann man gar nicht beschreiben.

 

SPRECHERIN            Und doch wurde und wird immer wieder versucht, das zu beschreiben. Dabei hat auch der Auschwitz-Prozess geholfen, sagt Conrad Taler.

 

TAKE                            Conrad Taler
Nach dem Auschwitz-Prozess konnte niemand mehr behaupten, dass es diese Verbrechen nicht gegeben hat.
Der Prozess hat sicher einen Sinn gehabt, obwohl manche Erwartungen, die der Initiator des Prozesses, der Generalstaatsanwalt Fritz Bauer damit verknüpft hatte, nicht in Erfüllung gegangen sind. Ich erinnere mich an einen Vortrag, den er einige Monate nach Prozessbeginn in Frankfurt gehalten hat, in dem er davon gesprochen hat, dass der Auschwitz-Prozess auch politisch aufklären soll, und zwar aufklären über die Hintergründe, die dazu geführt haben, dass die Deutschen sich diesem Manne Hitler ausgeliefert haben und die dann zu diesen schlimmen Verbrechen geführt haben. Und Fritz Bauer hatte damals schon Zweifel gehabt, ob dieser Wunsch in Erfüllung gehen wird. Er sprach damals, nachdem die Angeklagten sich geäußert hatten zu den Vorwürfen, von einer unbußfertigen Verschwörung des allgemeinen Nichtwissens, gegen die man einfach nicht ankommt. Und diese unbußfertige Verschwörung des Nichtwissens war ja nicht nur bei den Angeklagten anzutreffen, sondern an dieser Verschwörung waren viele beteiligt, die nicht wahrhaben wollten, was von 33 bis 45 passiert ist.

 

SPRECHERIN            Und das war auch nach dem Auschwitz-Prozess 1965 nicht schlagartig vorbei. Anfang und Mitte der 60er Jahre wollte die Allgemeinheit immer noch nichts von den Nazi-Verbrechen wissen, meint Conrad Taler.

 

TAKE                            Conrad Taler
Es gab den Kalten Krieg zwischen Ost und West, es gab die Drohungen mit Atombomben, mit Wasserstoffbomben, die Menschen waren verängstigt, und alle haben gedacht, dass der dritte Weltkrieg vor der Tür steht. Da haben solche Verfahren nicht die tiefe Wirkung haben können, wie sie eigentlich zu erwarten gewesen wäre, wenn das Umfeld anders ausgesehen hätte.

 

SPRECHERIN            Dennoch wird von Historikern dem Prozess eine große Bedeutung zugemessen. Norbert Frei, Inhaber des Lehrstuhls für Neuere und Neueste Geschichte an der Ruhr-Universität Bochum, konstatiert:

 

TAKE                            Norbert Frei
Ich denke, dass der Auschwitz-Prozess gesellschaftlich gesehen eine wichtige Weichenstellung markiert. Das war ja auch das Ziel, das Fritz Bauer verfolgt hat, eine Selbstaufklärung der deutschen Gesellschaft über das, was da im Osten, wie man gerne sagte, geschehen war.

 

SPRECHERIN            Vor allem das außerordentlich starke Interesse der Medien habe dazu beigetragen, meint Norbert Frei.

 

TAKE                            Norbert Frei
Das war im Grunde genommen das Neue, natürlich hatte auch der Eichmann-Prozess in Jerusalem eine publizistische Resonanz und eine Resonanz in den Tageszeitungen in Deutschland gebracht. Aber im Unterschied zu damals war es jetzt wirklich so, dass Korrespondenten der großen Zeitungen, ich denke insbesondere an die Frankfurter Allgemeine Zeitung, aber auch die Stuttgarter Zeitung, wenn ich es richtig im Kopf habe, sehr qualitätsvoll, sehr gehaltvoll Tag für Tag aus dem Gerichtssaal berichtet haben. Hinzu kommen noch andere Dinge. Es waren systematisch hessische Schulklassen, die in den Gerichtssaal geführt worden sind von ihren engagierteren Lehrern, um einen Tag lang mit zu erleben dort. Und natürlich nach Ende des Prozesses darf man nicht vergessen, die große Präsenz, die Peter Weiss, die Ermittlung gehabt hat.

 

                                       MUSIKAKZENT

 

ZITATOR 1                   Ricorda cosa ti hanno fatto in Auschwitz.

 

SPRECHERIN            Zu dieser Komposition für Tonband und Stimmen hat sich Luigi Nono von Peter Weiss' Oratorium "Die Ermittlung" inspirieren lassen. In elf Gesängen - wie dem Gesang von der Rampe, dem Gesang vom Lager, dem Gesang vom Phenol oder vom Zyklon B - hat Peter Weiss die Zeugenaussagen aus dem Prozess in verteilten Rollen von Schauspielern lesen lassen. Erwin Piscator führte das Stück an der Freien Volksbühne in Westberlin auf, in Ostberlin wurde es in der Volkskammer von Schauspielern und Politikern gelesen. Im Westdeutschen Rundfunk gab es eine Hörspielfassung. Der Prozess wurde schlagartig zum Gegenstand der Feuilletons, und zwar in Ost und West. In der DDR-Fernsehsendung „Treffpunkt Berlin“ diskutierten am 3. November 1965 der Schriftsteller Hermann Kant, der Verleger Klaus Gysi, der Kulturredakteur Klaus Höpke und der Publizist Günther Zweudrat unter der Leitung von Karl-Eduard von Schnitzler:

 

TAKE                            „Treffpunkt Berlin“
Dass dieses Stück ‚Die Ermittlung’, ein Stück über den Auschwitz-Prozess, in der DDR aufgeführt und in prominentem Kreise, Aufsehen erregenden Kreise gelesen wurde, das ist eigentlich nur natürlich, das ist kein Wunder, aber in der Bundesrepublik ist das, meine ich, eine große Tat, denn es ist unzweifelhaft ein Beitrag zur Bewältigung der Vergangenheit.

 

SPRECHERIN            Vergangenheitsbewältigung fand ja – zumindest von offizieller Seite – in der Bundesrepublik bis dahin kaum statt. Eine Tatsache, die sich die Führung der DDR in ihrer Argumentation gegen den kapitalistischen Nachbarstaat zu Nutzen machte. Der Auschwitz-Überlebende und spätere Rundfunkintendant der „Stimme der DDR“, Kurt Julius Goldstein:

 

TAKE                            Kurt Julius Goldstein
Wir haben ja, die DDR hat ja den Hitler-Faschismus als einen Verantwortungsbereich der Bundesregierung gesehen. Da ist ja auch was Wahres dran. Die Bundesregierung unter Adenauer hat ja doch alles getan, um die Aufarbeitung der Verbrechen des Nationalsozialismus zu verhindern. Aber Richard von Weizsäcker hat als erster deutscher führender Staatsmann deutliche Worte im Mai 1985 zum Hitler-Faschismus gesagt. Und es ist ja auch eine Tatsache, dass Leute, die an den Verbrechen der Nazis unmittelbar beteiligt waren, solche hohen Funktionen haben konnten in der Bundesrepublik wie Herr Globke, der ja Adenauers rechte Hand war, aber der auch mit derselben rechten Hand die Rassengesetze der Nazis von 1935 geschrieben hat. Also, wenn es nicht einen solchen Mann wie den sozialdemokratischen Generalstaatsanwalt von Hessen, Fritz Bauer, gegeben hätte, hätte es auch 1964 in der Bundesrepublik noch keinen Auschwitz-Prozess gegeben.

 

SPRECHERIN            Das meint Kurt Goldstein. Der Historiker Norbert Frei aus Bochum, Autor des Buches „Vergangenheitspolitik“, bestätigt diese Sicht der Dinge:

 

TAKE                            Norbert Frei
Der Auschwitz-Prozess und überhaupt die Tatsache, dass Prozesse in Westdeutschland wieder in Gang gekommen sind, verdankt sich in einer gewissen Weise auch dem Einfluss aus der DDR. Auch das negative Image, das dann die westdeutsche Justiz bei dem kritischeren Teil der deutschen Bevölkerung dann doch sich erworben hat, verdankt sich propagandistisch gezielten und langen propagandistischen Beeinflussungsversuchen aus der DDR. Etwa diese Kampagne gegen Hitlers Blutrichter in Adenauers Diensten, das ist in seiner Bedeutung, in seiner mittelfristigen Bedeutung, doch nicht zu unterschätzen. Natürlich hat die DDR damit nicht das Ziel verfolgt, eine Reinigung der westdeutschen Justiz herbeizuführen. Es war ein agitatorisches Instrument im kalten Krieg. Aber es hat Wirkung auf Teile der westdeutschen, der kritischer werdenden, insbesondere jungen Öffentlichkeit gehabt. Insofern wird man sagen müssen, die haben auch diesen Auschwitz-Prozess, diese Veränderungen im Westen, beobachtet.

 

SPRECHERIN            Das Urteil im Auschwitz-Prozess wurde in der DDR ebenfalls entsprechend kommentiert. „Die Chance, ein erstes Kapitel zur Bewältigung der Vergangenheit im deutschen Westen aufzuschlagen, ist vertan“ sagte Martin Radmann in seinem Abendkommentar auf der „Berliner Welle“:

 

TAKE                            Martin Radmann
Darum hat in den 20 Monaten des Auschwitz-Prozesses in Frankfurt die SS-Verteidigung immer offener und immer zynischer Massenmord zu rechtfertigen versucht, wie es inzwischen in anderen westdeutschen Mordprozessen längst zur Tagesordnung gehört. Zum Beispiel im Treblinka-Prozess, in dem sage und schreibe ein Verteidiger es bereits wagte, seinen Mandanten wegen seiner humaneren Tötungsmethode zu loben, weil er nämlich mehr als 300 Menschen durch Genickschuss umgelegt hatte.

 

SPRECHERIN            Tatsächlich haben die Angeklagten, aber vor allem auch ihre Verteidiger, immer wieder Anlass zu solchen Kommentaren und Polemiken geboten. Conrad Taler, der damals das Prozessgeschehen als Journalist verfolgte, erinnert sich:

 

TAKE                            Conrad Taler
Die Verteidiger haben von Anfang an versucht, den ganzen Auschwitz-Prozess als das Ergebnis einer Verschwörung von Auschwitz-Häftlingen darzustellen. Und bei dieser Verschwörung sollen die Kommunisten im Hintergrund die Fäden gezogen haben. Und einer der Verteidiger, ich glaube, es war Herr Laternser, hat den Auschwitz-Prozess sogar als Schauprozess bezeichnet, wogegen sich der Gerichtsvorsitzende in seinem Schlusswort noch mal ausdrücklich verwahrt hat.

 

SPRECHERIN            Hans Laternser war es auch, der - im Sinne seiner Mandanten - der Selektion an der Rampe eine ganz besondere Interpretation gab. In seinem Abschlussplädoyer betonte er, dass der Befehl Hitlers lautete, sämtliche Juden innerhalb des deutschen Machtbereichs zu ermorden. Daraus schloss er:

 

TAKE                            Hans Laternser
Die Selektion auf der Rampe in Birkenau führte also in Wahrheit zu einer Verminderung der an sich geplanten und befohlenen vollständigen Vernichtung. Das Auswählen von Personen, die ins Lager kommen sollten, war demnach eine Handlung, die dem Plan, sämtliche Juden in Europa zu vernichten, jedenfalls die ausgewählten Personen entzogen hat. Insoweit wurde also der Mordplan nicht durchgeführt. Sehen Sie, man kann sogar die Meinung vertreten, dass der Selekteur dann dem einen oder dem anderen sogar ein Lebensretter war, wenn er ihn von der Gaskammer ausgenommen haben sollte, insoweit also die Durchführung des Befehls von Hitler verhindert hat.

 

SPRECHERIN            Der Selekteur als Lebensretter – diese abstruse Sicht der Dinge konnte nicht ohne Widerspruch bleiben. Es gab im Prozess einen direkten Widersacher Laternsers: Friedrich Karl Kaul, der Hinterbliebene der Opfer als Nebenkläger vertrat. Der prominente Rechtsanwalt aus der DDR meldete sich immer wieder zu Wort, vor allem, wenn es darum ging, die Zeugen vor allzu rüden Angriffen der Verteidiger in Schutz zu nehmen. Im Rundfunk der DDR sagte er in einer Aufnahme von 1964:

 

TAKE                            Friedrich Karl Kaul
Jeder Angeklagte bedarf eines Verteidigers, aber in welcher Form geradezu nationaler Würdelosigkeit ein Teil der Verteidiger versuchte die Zeugen der Unglaubwürdigkeit zu überführen, spottet einfach jeder Beschreibung. Ich habe dagegen Einspruch eingelegt. Und ich habe zu Beginn gesagt, dass ich das keineswegs aus irgendwelchen polemischen Gründen tue, sondern dass ich es für eine nationale Würdelosigkeit halte, sich Zeugen, Ausländern, Bürgern eines ausländischen Staates, die jahrzehntelang, ein halbes Jahrzehnt, durch das Verbrechen deutscher Mörder Unendliches gelitten haben, in einer derartigen Form vor Gericht behandelt.

 

SPRECHERIN            Nicht nur die Verteidiger, vor allem auch die Angeklagten selbst zeigten keinerlei Verständnis für die schwierige Situation der Opfer. Sie schienen sich keiner Schuld bewusst zu sein. Conrad Taler, damals Prozessbeobachter:

 

TAKE                            Conrad Taler
Es hieß eben, die Juden sind an allem Schuld. Das Denken nahmen uns andere ab. So haben die versucht, sich aus der Affäre zu ziehen, und das ging bis hin zum Adjutanten des Lagerkommandanten, der noch nicht einmal gewusst haben will, dass dort Selektionen an der Rampe stattgefunden haben, wo die Ankömmlinge gleich sortiert worden sind nach Arbeitsfähigen, die man noch ausgebeutet hat, und nach den nicht Arbeitsfähigen, die dann gleich zur Vergasung geführt worden sind.

 

SPRECHERIN            Die einzige Regung, die die Angeklagten zeigten, war Selbstmitleid. Reue kannten sie nicht.

 

TAKE                            Conrad Taler
Nein, bis zum Schluss hat kein einziger Reue gezeigt, die haben sich nur selbst Leid getan. Dass sie so spät nach Kriegsende noch mal gerade stehen sollten für das, was sie getan haben.

 

SPRECHERIN            Auch Fritz Bauer, ohne den der Prozess in Frankfurt wohl niemals zustande gekommen wäre, konnte das Verhalten der Angeklagten nur schwer ertragen:

 

TAKE                            Fritz Bauer
Ich muss Ihnen sagen, die Welt würde aufatmen, nicht bloß die Staatsanwälte in Frankfurt, ich glaube, Deutschland würde aufatmen und die gesamte Welt und die Hinterbliebenen derer, die in Auschwitz gefallen sind, und die Luft würde gereinigt werden, wenn endlich einmal ein menschliches Wort fiele.

 

                                       MUSIKAKZENT

 

SPRECHERIN            Der hessische Generalstaatsanwalt Fritz Bauer hatte sich von der Gerichtsverhandlung in Frankfurt mehr versprochen als von einem normalen Strafprozess. Er wollte nicht nur, dass endlich über die Taten und ihre Hintergründe in aller Ausführlichkeit öffentlich geredet wird, er wollte auch, dass aufgeklärt wird über Rassismus und Antisemitismus, darüber, wie eine totalitäre Herrschaft entsteht. Er wollte für die Zukunft erreichen, dass sich Gräueltaten wie in Auschwitz nie mehr wiederholen.

 

TAKE                            Fritz Bauer
Ziel der Verfahrens kann nicht sein, lediglich rückwärts zu blicken. Es ist die Aufgabe dieser Strafverfahren neue Werttafeln zu errichten und an der Zukunft mitzuarbeiten. Aus Deutschlands Schutt und Asche ist ein neuer Staat und eine neue Wirtschaft erwachsen. Auch eine neue menschliche Gesinnung ist notwendig. Sie muss sich, wie ich glaube, wie ein Vogel Phoenix aus der Hölle von Auschwitz erheben und in unserem Auschwitz-Prozess deutlich werden. Wir meinen damit den Gedanken der Gleichheit aller, die Menschenantlitz tragen, Vorurteilsfreiheit und Toleranz gegenüber jedermann. Nicht mit zu hassen, mit zu lieben bin ich da, hat der Dichter gesagt. Das sollte in diesem Prozess gelernt werden.

 

SPRECHERIN            Diese Lehre wurde aus dem Auschwitz-Prozess nicht gezogen, jedenfalls nicht unmittelbar danach. Fritz Bauer war insofern seiner Zeit weit voraus. Conrad Taler:

 

TAKE                            Conrad Taler
Als Fritz Bauer aus der Emigration nach Deutschland kam, hat er sich ja sehr rasch einen Namen gemacht als Modernisierer des Strafrechts und des Strafvollzugs. Als er damals vor dem Landesjugendring in Rheinland-Pfalz einen Vortrag gehalten hat über die Wurzeln nationalsozialistischen Handelns, wurde dieser Vortrag gedruckt als kleine Broschüre, und der Landesjugendring wollte diese Schrift an den Schulen des Landes Rheinland-Pfalz verteilen. Das hat der damalige Kultusminister Orth verboten, weil die Schrift einseitig sei. Und es hat im Anschluss daran heftige Debatten auch im Landtag gegeben. Und die jungen Leute haben darauf gedrängt, dass der Orth sich mit dem Fritz Bauer mal unmittelbar auseinandersetzt. Es sollte also ein Streitgespräch stattfinden in Bad Kreuznach, zu dem aber der Kultusminister selbst nicht erschienen ist. Er hat zwei junge CDU‑Abgeordnete geschickt, einer davon, ein Pfeifenraucher mit dunklem Haar, ich sehe ihn noch deutlich vor mir, der den Fritz Bauer während dieser Diskussion sehr massiv attackiert hat, und ich möchte fast sagen, er hat ihn rüde angegriffen. Ich habe mich damals sehr unwohl gefühlt, und mir war das alles peinlich, denn der Fritz Bauer war eine ehrwürdige Erscheinung, das war ein weißhaariger Herr, und da stand so ein junger Mann, der war so knapp dreißig, der ihm dann gesagt hat, es sei doch noch viel zu früh für ein abschließendes Urteil über den Nationalsozialismus. Und das war der spätere Bundeskanzler Helmut Kohl.

 

SPRECHERIN            Fritz Bauer wurde damals sehr angefeindet, was ihn zunehmend verbitterte.

 

TAKE                            Conrad Taler
Seine Verbitterung rührte weniger aus den Erfahrungen bei der Vorbereitung des Prozesses, sondern aus der Enttäuschung darüber, dass ihn seine nächsten politischen Freunde, er war ja Sozialdemokrat, nicht unterstützt haben. Als er damals in seinem berühmten Interview die Meinung vertreten hat, er sei nicht sicher, ob nicht ein neuer Hitler in Deutschland wieder eine Chance hätte wegen des latenten Antisemitismus, da ist als erster der Sprecher des SPD-Vorstandes Franz Barsig über ihn hergefallen, ehe die anderen nachgezogen haben.

 

SPRECHERIN            Mit dem, was Bauer erreichte, hätte er zufrieden sein können. Durch den Auschwitz-Prozess kam zwanzig Jahre nach Kriegsende endlich eine Debatte über die Ursachen des Nationalsozialismus in Gang. 1968, drei Jahre nach dem Urteil, starb Fritz Bauer plötzlich an Herzversagen. Der von ihm ebenfalls intensiv vorbereitete Prozess gegen die Organisatoren der „Euthanasie“-Morde kam nicht mehr zustande.

 

MUSIKAKZENT


Es dauerte noch einmal dreißig Jahre, bis Fritz Bauer die Anerkennung gezollt wurde, die ihm zu Lebzeiten verwehrt blieb. 1995 wurde in Frankfurt am Main das Fritz-Bauer-Institut gegründet.

 

ZITATOR 1                   Das Institut trägt den Namen des ehemaligen hessischen Generalstaatsanwalts Fritz Bauer, des demokratischen Justizreformers und Initiators der Frankfurter Auschwitz-Prozesse. Fritz Bauer verstand die NS-Prozesse als Selbstaufklärung der deutschen Gesellschaft in den Bahnen des Rechts. Mittels der juristischen Aufarbeitung der NS-Verbrechen wollte er „Gerichtstag halten über uns selbst und über die gefährlichen Faktoren in unserer Geschichte“. Das Fritz Bauer Institut ist dem geistigen und politischen Erbe Fritz Bauers verpflichtet.

 

SPRECHERIN            40 Jahre nach dem Frankfurter Auschwitz-Prozess zeigt das Fritz-Bauer-Institut im März 2004 eine Ausstellung über das Gerichtsverfahren, seine Ursprünge und seine Wirkungen. Die Historikerin Irmtrud Wojak, stellvertretende Direktorin des Instituts und Fritz-Bauer-Biografin, hat die Ausstellung konzipiert.

 

TAKE                            Irmtrud Wojak
Es wird keine reine Leseausstellung werden, also kein Buch an der Wand, wenngleich es sicherlich viel Textmaterial gibt, insofern, als es einen 430-stündigen Tonbandmitschnitt gibt, der im Fritz-Bauer-Institut in einem großen Forschungsprojekt transkribiert worden ist, und dieser O-Ton, also die Stimme der Überlebenden, spielt natürlich in der Ausstellung eine sehr große Rolle, insofern, als wir Zeugenaussagen ausgewählt haben, um einerseits die Lagerwirklichkeit darstellen zu können, also das, was über Auschwitz in dem Prozess erstmals berichtet worden ist. Und auf der anderen Seite, um natürlich auch zu zeigen, wie mit Hilfe der Zeugenaussage die individuelle Schuld der Angeklagten nachgewiesen werden konnte. Also insofern ist es kein reines Buch an der Wand, wenngleich natürlich Dokumente gezeigt werden auf den entsprechenden Tafeln, Fotomaterial, wir haben ein großes Fotoarchiv vom Prozess und es gibt einen Fotografen, der fast alle Überlebenden fotografiert hat in eindrucksvollen Porträtaufnahmen, die dort erstmals in einer großen Ausstellung gezeigt werden.

 

SPRECHERIN            13 Künstler aus west- und osteuropäischen Staaten, aus Amerika und Israel wurden eingeladen, sich an der Ausstellung zu beteiligen. Irmtrud Wojak hebt noch einen anderen Aspekt hervor: Die Wirkung des Auschwitz-Prozesses unter dem Gesichtspunkt des „Kalten Krieges“, der gewissermaßen auch im Gerichtssaal ausgetragen wurde.

 

TAKE                            Irmtrud Wojak
Auf der anderen Seite muss man vielleicht auch hervorheben, dass der Auschwitz-Prozess eine Möglichkeit geschaffen hat, eben diesen Ost-West-Konflikt in Teilen auch zu überwinden. Denn gerade Fritz Bauer hat sich bemüht, den Kontakt zur Generalstaatsanwaltschaft in der DDR aufrechtzuerhalten. Es ist zum Austausch von juristischem Dokumentenmaterial gekommen, die wichtig waren für den Prozess, und, was auch als Teil der Geschichte des Kalten Krieges zu werten ist, der damals aufgebrochen worden ist, es ist zu einem Ortstermin des Gerichts in Auschwitz gekommen, was auch mit auf Initiative von Fritz Bauer zurückzuführen ist, aber insbesondere auch von Henry Ormond, der als Nebenkläger im Prozess aufgetreten ist.

 

SPRECHERIN            Der Auschwitz-Prozess hat ohne Frage schon in den 60er Jahren gewirkt. Auch, trotz aller Enttäuschungen und Anfeindungen, im Sinne Fritz Bauers.

 

TAKE                            Fritz Bauer
Wenn etwas befohlen wird, sei es Gesetz oder Befehl, was rechtswidrig ist, was also im Widerspruch steht mit den ehernen Geboten etwa, den zehn Geboten, dann musst du nein sagen. Ich formuliere die Sache jetzt mal ziemlich brutal. Man hat in Deutschland den Heldenmut an der Front gefeiert. Es gab Mut und Courage in jeder Richtung gegenüber dem äußeren Feind. Man hat völlig übersehen, dass die Zivilcourage, der Mut vor dem Feind, im eigenen Volk genauso groß, wahrscheinlich größer ist und nicht weniger verlangt wird. Dass es ehrenhaft ist, dass es Pflicht des Einzelnen ist, auch in seinem eigenen Staat für das Recht zu sorgen. Und deshalb ist es das A und O dieser Prozesse, ihr hättet nein sagen müssen.