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Kulturradio

Das Porträt:   Fritz Bauer

Anlass: Der Auschwitz-Prozess begann vor 40 Jahren

20.12.2003

 

Redaktion: Dörte Thormählen                          Manuskript: Annette Wilmes

 

Für die Moderation:                      Vor vierzig Jahren – am 20. Dezember 1963 -  begann in Frankfurt am Main der Auschwitz-Prozess, in dem ehemaliges SS-Wachpersonal, aber auch Ärzte und1 Apotheker angeklagt waren. Es war der bis dahin größte Schwurgerichtsprozess der deutschen Justizgeschichte. Niemals zuvor wurde so eingehend die schreckliche Wirklichkeit von Auschwitz belegt: 211 Überlebenden des zentralen Vernichtungslagers sagten aus .

Dass der Prozess 18 Jahre nach Kriegsende überhaupt noch zustande kommen konnte, ist vor allem Fritz Bauer zu verdanken, dem damaligen Generalstaatsanwalt in Hessen. Das nach ihm benannte Fritz Bauer Institut mit Sitz in Frankfurt bereitet aus Anlass des Jahrestages eine Gedenkausstellung vor, in der sowohl der wirkungsgeschichtliche Hintergrund des Verfahrens als auch seine politischen und kulturellen Folgen dargestellt werden. Auch Fritz Bauer selbst ist als Initiator des Prozesses ein Teil der Ausstellung gewidmet, die Ende März eröffnet wird.

Den engagierten Juristen porträtiert Annette Wilmes …

 

 

 

 

 

Autorin:                                           Fritz Bauer hatte sich schon vor dem Auschwitz-Prozess einen Namen gemacht.  Er war für Strafrechtsreformen eingetreten, für einen humanen Strafvollzug und für die Vergangenheitsbewältigung. Er wollte die Nazi-Verbrecher vor Gericht sehen, mit den Prozessen aber mehr erreichen als nur die Bestrafung der Täter.

 

 

Regie:                                             Take 1  (Fritz Bauer)

Ziel dieser Verfahren kann  nicht sein, lediglich rückwärts zu blicken. Es ist die Aufgabe dieser Strafverfahren, neue Werttafeln zu errichten und an der Zukunft mitzuarbeiten.

 

 

Autorin:                                           Fritz Bauer, wegen seiner jüdischen Herkunft und als engagierter Sozialdemokrat in der NS-Zeit selbst verfolgt, war schon maßgeblich daran beteiligt gewesen, Eichmann in Jerusalem vor Gericht zu stellen. Auch dass der Auschwitz-Prozess zustande kam, war hauptsächlich ihm zu verdanken, seinen hartnäckigen Recherchen, seinen guten Kontakten zu überlebenden Opfern und seinen jahrelangen gründlichen Vorbereitungen. Von Rachegedanken allerdings ließ er sich bei alldem nicht leiten, ihm ging es vielmehr um „die menschliche Gesinnung“. 

 

 

Regie:                                             Take 2 (Fritz Bauer)

Sie muss sich, glaube ich, wie ein Vogel Phoenix aus der Hölle von  Auschwitz erheben und in unserem Auschwitz-Prozess deutlich werden. Nicht mit zu hassen, mit zu lieben bin ich da, hat der Dichter gesagt. Das sollte in diesem Prozess gelernt werden.

 

 

Autorin:                                           In den späten fünfziger und auch noch in den sechziger Jahren war Fritz Bauer eine Ausnahmeerscheinung in der Bundesrepbulik, vor allem unter Juristen. Denn viele ehemalige Nazi-Richter und Staatsanwälte waren längst wieder in Amt und Würden. Bauer wurde wegen seiner Aktivitäten wüsten Beschimpfungen ausgesetzt. Daran und an die zunehmende Verbitterung  Fritz Bauers erinnert sich Conrad Taler, pensionierter Rundfunkredakteur, der damals als junger Journalist den Auschwitz-Prozess beobachtete.

 

Regie:                                             Take 3  (Conrad Taler)

Seine Verbitterung rührte aus der Enttäuschung darüber, dass ihn seine nächsten politischen Freunde, er war ja Sozialdemokrat, nicht unterstützt haben.

 

 

 

Autorin:                                           Angegriffen wurde Bauer auch von der CDU. Zum Beispiel auf einer Veranstaltung des Landesjugendrings in Rheinland-Pfalz von einem jungen Abgeordneten – dessen Bild Conrad Taler noch genau vor Augen hat: dunkelhaarig, Pfeifenraucher.  

 

Regie:                                             Take 4  (Conrad Taler)

Der den Fritz Bauer während dieser Diskussion sehr massiv attackiert hat. Fritz Bauer war eine ehrwürdige Erscheinung, das war ein weißhaariger Herr, und da stand so ein junger Mann, der war so knapp dreißig, der ihm dann gesagt  hat, es sei doch noch viel zu früh für ein abschließendes Urteil über den Nationalsozialismus. Und das war der spätere Bundeskanzler Helmut Kohl.

 

 

Autorin:                                           Fritz Bauer hat unter den Anfeindungen gelitten. Auch der Verlauf des Auschwitz-Prozesses hat ihn nicht unberührt gelassen. Vor allem das Verhalten der Angeklagten, die sich ohne ein Zeichen der Reue die erschütternden Aussagen der überlebenden Zeugen anhörten, setzte ihm zu. Fritz Bauer zur Zeit des Auschwitz-Prozesses in den 60er Jahren:

 

 

Regie:                                             Take 5  (Fritz Bauer)

Die Welt würde aufatmen, nicht nur die Staatsanwälte in Frankfurt, ich glaube, Deutschland würde aufatmen und die gesamte Welt und die Hinterbliebenen derer, die in Auschwitz gefallen sind, und die Luft würde gereinigt werden, wenn endlich einmal ein menschliches Wort fiele.

 

Autorin:                                           Ein weiterer von Bauer geplanter Prozess gegen die Teilnehmer einer reichsweiten Justizkonferenz von 1941, den Erfüllungsgehilfen der „Euthanasie“ – Morde, fand nie statt.  Denn am 1. Juli 1968 starb Fritz Bauer in seiner Wohnung in Frankfurt am Main im Alter von nur 65 Jahren.

 

 

Für die Moderation:                      Der Auschwitz-Prozess dauerte 20 Monate. Im August 1965 wurden von den 20 Angeklagten 17 verurteilt, zu lebenslangen und zeitlich begrenzten Freiheitsstrafen. Drei wurden mangels Beweisen freigesprochen. Conrad Taler hat in diesem Jahr - 2003 - im Papyrossa-Verlag ein Buch mit seinen Prozessberichten herausgegeben unter dem Titel „Asche auf vereisten Wegen“.

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