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„Richter und Gerichtete“ –

Das Moabiter Kriminalgericht wird 100 Jahre alt

Eine Sendung von Annette Wilmes

 

 

 

 

 

 

 

 

                                                                        Redaktion: Magdalena Kemper

                                                                        Sendetag:  5. April 2006

                                                                        Sendezeit:  19:04 Uhr bis 19:30 Uhr

 

 

 

 

 

 

 

 

Take 1 Renate Möcke

Ich kam aus Süddeutschland und war noch gerade mit dem Studium fertig und hatte eigentlich nur Besuch gemacht hier in Berlin und hatte überlegt, ob ich nach Berlin wechseln soll, und bin also in dieses Gericht rein gekommen und das hat mich sofort vollständig erschlagen.

 

Autorin

Renate Möcke, Vorsitzende Richterin am Landgericht. Die promovierte Juristin arbeitet seit 25 Jahren im Kriminalgericht Moabit.

 

Take 2 Renate Möcke und Hans-Joachim Heinze

Also diese riesige beeindruckende Eingangshalle, die vielen Flure, die vielen Figuren an den Wänden und alles, das hat bei mir spontan den Eindruck ausgelöst, das Gebäude ist extra so gebaut worden, um jeden Bittsteller und jeden Angeklagten natürlich winzig mit Hut erscheinen zu lassen, dass er also vor Ehrfurcht erstarrt und überhaupt nicht mehr wagt, zu atmen, geschweige denn irgendetwas zu sagen und gar zu seinen Gunsten. Das war so der allererste Eindruck.

Heinze

Es ist schon imposant, es ist auch deutlich zu erkennen, dass wenn man dort reinkommt, der Angeklagte etwas klein werden soll, das ist von dem Architekten wohl auch so beabsichtigt gewesen, das soll Respekt einflößen, dieses Gebäude, und das tut es wirklich.

 

Autorin

Hans-Joachim Heinze, Vorsitzender Richter einer Schwurgerichtskammer am Landgericht und Generalstaatsanwalt a.D. . Der pensionierte Jurist arbeitete mehr als 30 Jahre im Gericht.

 

Take 3 Hans-Joachim Heinze und Helene Bode

Aber es ist architektonisch auch sehr schön, hat auch irgendwas Sakrales fast. Ich habe mich da eigentlich immer wohl gefühlt und kann nicht sagen, dass ich den Eindruck hatte, dass wirklich Leute verängstigt wurden allein dadurch, dass es das Gebäude war. Natürlich, wer dorthin kommt, hat möglicherweise  was zu befürchten. Aber das hängt nicht unbedingt mit dem Gebäude zusammen.

Bode

Da war ich Referendarin und war einer Jugendrichterin zur Ausbildung zugeteilt und bin in diese Vorhalle gekommen mit dieser breiten Treppe, habe ergriffen nach oben geguckt und bin dann zu der Richterin gegangen.

 

Autorin

Helene Bode betrat 1960 zum ersten Mal das Gerichtsgebäude in der Turmstraße.

 

Take 4 Helene Bode

Es war in positiver und negativer Weise sehr eindrucksvoll, einmal vom Gebäude her, zum anderen konnte man sich sehr gut  vorstellen, was da für Freiheitsstrafen so verhängt worden waren, und was für unglückliche Menschen da durch gegangen sind.

 

Autorin

1965 wurde Helene Bode Strafverteidigerin und vertrat dann vier Jahrzehnte diese unglücklichen Menschen. 

 

Take 5 Helene Bode

Ich habe eigentlich alles verteidigt, überwiegend arme Leute, die auch alle Straftaten, die es gibt, gemacht haben. Ich habe ganz wenige bessere Mandanten gehabt. Aber es waren kleine Eierdiebe, Totschläger, und ich habe auch relativ früh angefangen, Frauen zu verteidigen, die damals noch brutalst bestraft wurden, Beischlafdiebstahl von 4,50 Mark vier Jahre Zuchthaus.

 

Autorin

Am 17. April 1906 wurde das Neue Kriminalgericht in Moabit eingeweiht, Rathenower-Ecke Turmstraße, nördlich der großen Untersuchungshaftanstalt. Südlich lag das alte Kriminalgericht, das schon 1881 in Betrieb genommen wurde. Es war zu klein geworden, da nach einem neuen Gesetz alle Strafabteilungen der Berliner Amtsgerichte und Landgerichte in Moabit konzentriert werden sollten. Das Neue Kriminalgericht war also als Erweiterungsbau gedacht. Das alte Gericht wurde später abgerissen, weil es im Zweiten Weltkrieg von Bomben getroffen worden war.

Einer der ersten, die im neuen Gebäude vor Gericht standen, war der Schuster Wilhelm Voigt, der legendäre „Hauptmann von Köpenick“.

Er hatte in einer geliehenen Hauptmannsuniform den Bürgermeister von Köpenick festgenommen und die Stadtkasse „beschlagnahmt“. Am 1. Dezember 1906 wurde er zu einer vierjährigen Gefängnisstrafe verurteilt, wegen unerlaubten Tragens einer Uniform, Vergehens wider die öffentliche Ordnung, Freiheitsberaubung, Betruges und schwerer Urkundenfälschung. Er wurde in das Tegeler Gefängnis gebracht, das auch erst 8 Jahre alt war. Kaiser Wilhelm begnadigte ihn jedoch und Voigt verließ die Tegeler Anstalt nach knapp 2 Jahren Haft am 16. August 1908. In einer Tonaufzeichnung bedankte er sich bei den Berlinern für die zahlreichen Sympathiebekundungen, die ihn im Gefängnis erreicht hatten:

 

Take 6 Wilhelm Voigt

Sie haben dadurch meinem Herzen wohlgetan und mir die Schwere Last erleichtert. Durch die Gnade seiner Majestät bin ich der Freiheit und dem Leben wiedergegeben.

Frei bin ich ja nun wohl geworden, aber ich fürchte mich und bitte Gott, mich davor zu bewahren, noch einmal vogelfrei zu werden. ...

Und nun bitte ich Sie, mich auch weiter in gutem Andenken zu halten. ...

mit herzlichem Gruß ... Wilhelm Voigt.

 

Autorin

Der Schuster Wilhelm Voigt in seiner Dankes-Botschaft an die Berliner Bevölkerung.

 

Atmo 1 unter den folgenden Text, bis unter Take 8

Zunächst Straßengeräusche, dann Stimmen, Klacken, Hall, Geräusche in der Vorhalle

 

Autorin

Das Hauptportal in der Turmstraße trägt die Aufschrift Kriminalgericht, darunter der Kopf der Justitia, darunter die Waage.

 

Take 7 Friedhelm Enners

Hier in dem Gebäude ist sowohl das Amtsgericht als auch das Landgericht untergebracht, die Staatsanwaltschaft sitzt ebenfalls hier. Es ist hier das größte deutsche Gericht.

 

Autorin

Friedhelm Enners, Strafverteidiger, ist häufig in Moabit. Wir befinden uns in der Vorhalle, an einem riesigen Drehkreuz aus Metall kontrolliert ein Wachtmeister die Ausweise. Schnell bildet sich eine Schlange.

 

Take 8 Friedhelm Enners

Hier werden die Besucher und die Schöffen und die Zeugen zunächst kontrolliert, sie müssen ihren Ausweis mitbringen und eventuell ihre Ladung. Die hier tätigen Anwälte, insbesondere Richter, Angestellte, Staatsanwälte, die können durch einen Sondereingang gehen, einen Diensteingang, sie zeigen dann nur ihren Dienstausweis, der berechtigt dann, hier durch das Tor zu gehen.

 

Atmo 2 unter Take 8, dann hochziehen, unter Autorin

Autorin

Die anderen aber müssen eine kleine Treppe hinauf zur nächsten Kontrolle.

Atmo 2 wieder hochziehen

Beamtin: Ausweis bitte, wir gucken bei Ihnen in die Tasche rein, und sonst alles rausnehmen was Metall ist, Klacken, piepen, und denn ... fertig, jetzt können Sie durchgehen. Schritte, Hall.

unter Autorin legen

 

Autorin

Mit einem Metallsuchgerät prüft die Beamtin, ob doch noch etwas in der Kleidung versteckt ist. Es soll verhindert werden, dass Bomben oder Waffen ins Gebäude gelangen. Nur Polizeibeamte passieren mitunter schwer bewaffnet die Kontrolle.

Die gewaltige Eingangshalle ist knapp 30 Meter hoch und 27 Meter breit. An den Treppenaufgängen sind Frauenfiguren in Sandstein angebracht. Justitia - die Gerechtigkeit - ist unter ihnen, aber auch die Streitsucht, die Friedfertigkeit, die Religion, die Lüge und die Wahrheit. Im Kriminalgericht Moabit geschieht eben mehr als Gerechtigkeit.

 

Take 9 Gerhard Jungfer

Ich war 17 Jahre alt und hatte einen Termin beim Jugendrichter wegen eines Verkehrsvorfalles. Ich betrat das Kriminalgericht von der Turmstraße aus und stand plötzlich in der großen Halle. Ich war erschlagen. Mein Gefühl war: du hast keine Chance.

 

Autorin

Gerhard Jungfer, auch er inzwischen ein bekannter Strafverteidiger, erinnert sich.

 

Take 10 Gerhard Jungfer

Es ging alles gut, aber das Gefühl der Mächtigkeit dieser Halle und der Kleinheit des Besuchers hat mich eigentlich nie mehr richtig losgelassen und hat, wenn ich das richtig sehe, dazu geführt, dass ich dachte, irgendwie muss man in diesen Hallen bestehen. Und vielleicht war dies ein Grund, warum ich später Strafverteidiger wurde und mich dann mit dem Gebäude und den Menschen, die darin arbeiteten und den Fällen, die darin zu behandeln waren, beschäftigt habe.

 

Autorin

Gerhard Jungfer, im Hauptberuf Strafverteidiger, sammelte viele Bücher, inzwischen eine ganze Bibliothek, über das Kriminalgericht Moabit.

 

Zitator

Es gibt wenige Gerichtsstätten mit gleich persönlicher Note in der Welt. Der Stadtteil hat dem Gebäude seinen Namen gegeben. Das Gebäude hat den Sinn des Namens umgeprägt und ihn zum geflügelten Wort gemacht. Das Wort ist dann seiner Bestimmung gemäß durch alle Lande getragen worden. „Moabit“ ist heute für alle Welt der kollektive Begriff für eine ganze Anzahl mit der deutschen Strafjustiz in Verbindung stehender Dinge. „Moabiter Justiz“, „Moabiter Richter“, er war schon in Moabit“, ein „Moabiter Junge“ usw. sagt man und wird in Paris und London ebenso wie in Rixdorf verstanden.

 

Autorin

Das schrieb Franz Hoeniger 1908. Unter den Autoren, deren Texte Gerhard Jungfer sammelte, sind Architekten, die über die besondere Bauweise Moabits berichten, aber vor allem Gerichtsberichterstatter, die nicht nur über die Prozesse, sondern auch immer wieder über das Gebäude schrieben.

 

Take 11 Gerhard Jungfer

Wenn wir die Zeitungen der Kaiserzeit und der Weimarer Republik durchsehen, finden wir in einer Breite, die wir heute gar nicht mehr kennen, die Prozesse geschildert und mit Zeichnungen versehen. Und natürlich gab es auch beim Verlassen der Verhandlungssäle Fotografen, die die Beteiligten aufnahmen, und dies alles wurde ausführlichst dokumentiert. Es gibt zum Beispiel Fälle, in denen die Plädoyers von Verteidigern über viele, viele Spalten in den Fortsetzungen wiedergegeben wurden.

 

Autorin

Das gilt vor allem für die Zwanziger Jahre, in denen auch Gabriele Tergit ihre Prozessberichte schrieb, meist für das „Berliner Tageblatt“. 1931, als ihr erster Roman erschien – „Käsebier erobert den Kurfürstendamm“ – wurde sie berühmt. Heute erinnert man sich wieder an sie. Am Potsdamer Platz ist eine kleine Straße nach ihr benannt: die Gabriele-Tergit-Promenade.

Der Berliner Publizist Jens Brüning, der ihre Gerichtsreportagen und Feuilletons 1984 und 1999 herausgab, lernte Gabriele Tergit 1979 kennen. Als er sie interviewte, war sie  85 Jahre alt und hatte gerade ihre Lebenserinnerungen abgeschlossen:

 

Take 12 Gabriele Tergit

Dass ich mit den Gerichtsberichten angefangen habe, hat ja eigentlich damit zusammengehangen, dass man Gerichtsberichte gebraucht hat. Erfunden hat das ja der Sling, ohne dass der Sling sich hingesetzt hätte und aus einem Gerichtsbericht ein Kunstwerk gemacht, hätten wir alle nicht diesen Beruf ergriffen.

 

Autorin

Ihr großes Vorbild Sling, der eigentlich Paul Schlesinger hieß, veröffentlichte seine Gerichtsreportagen, Glossen und Feuilletons in der Vossischen Zeitung.

Sling schrieb über Mörder, Betrüger und kleine Diebe, über „Richter und Gerichtete“, so lautet auch der Titel eines Buches, das 1928 – kurz nach seinem Tod – mit einem Vorwort von Gustav Radbruch und Jahrzehnte später, 1969, noch einmal von Robert Kempner herausgegeben wurde. Sling schrieb über das Kriminalgericht:

 

Zitator

Lautlosigkeit ist eine der unheimlichen Komponenten der Moabiter Atmosphäre. Der prunkvolle Treppenbau mit seinem öden und ungefühlten Schmuck von sandsteinernen Allegorien ist fast immer menschenleer. Zuweilen zieht ein Trüppchen Zeugen die Stufen empor, staut sich vor einer Saaltür. Ein paar Anwälte huschen in ihren Talaren über die Korridore, oder ein Staatsanwalt wird aus seinem Amtszimmer, wohin der sich während der Beratung des Gerichts zurückgezogen hat, geholt. Mal tönt die Stimme eines Wachtmeisters, der eine Sache, einen Zeugen aufruft. …

Sonst aber Schweigen, garantiert durch das Vorhandensein von zwei inneren Treppensystemen, deren Existenz eigentlich erst im Gerichtssaal selbst in Erscheinung tritt. Das eine System führt die Zuschauer von der Straße her, das andere die inhaftierten Angeklagten auf verschwiegenen Wegen vom Untersuchungsgefängnis direkt in den Gerichtssaal. Wird im Saal mal eine sofortige Verhaftung verfügt: Eine Tür öffnet sich, eine Gestalt ist verschluckt.

 

Autorin

„Der berühmte Gerichtsberichterstatter – Sling“, schrieb Gabriele Tergit, „mit dem ich das Glück hatte, fast vier Jahre lang durch Moabit zu wandern“. 1928 starb Sling plötzlich an einem Herzanfall.

Gabriele Tergit schrieb über Heiratsschwindler, über Transvestiten, über Mörder und Gotteslästerer und immer wieder über Frauen, die gegen Paragraph 218 verstoßen hatten, den Abtreibungsparagraphen; über eine junge, unglückliche Mutter, die ihr neugeborenes Kind getötet hatte.

Anfang der dreißiger Jahre mehrten sich Prozesse ganz anderer Art. Prozesse gegen Fememörder und „völkische Helden“ spiegeln die Verrohung der Sitten in der Weimarer Republik wider. 1933 waren die Nazis dann an der Macht. Gabriele Tergit erinnerte sich 1981:

 

Take 13 Gabriele Tergit

Ich hatte dauernd über Nazi-Prozesse berichtet und war also vor allen Dingen dem Sturm 33 ein Dorn im Auge, weil ich dessen Totschlagekünste mitgeteilt habe. Und wie ich also, am 4. März in der Nacht um drei ungefähr klingelte es Sturm an unserer Wohnungstür und mein Mann rief, nicht aufmachen! Und diese zwei Worte haben mich gerettet.

 

 

Autorin

Der Überfall auf die Gerichtsreporterin, ihren Mann und ihren vierjährigen Sohn verlief glimpflich. Der Denkzettel hatte jedoch seine Wirkung. Gabriele Tergit, jüdischer Herkunft, verließ am nächsten Tag, am 5. März 1933, Berlin.

Sie lebte zunächst in Prag, zog 1934 mit der Familie nach Palästina und 1938 schließlich nach London, wo sie 1982 starb.

Nicht nur die Gerichtsreporterin, auch Strafverteidiger mussten Moabit verlassen: Max Alsberg, Erich Frey, Alfred Apfel, Rudolf Olden und viele andere, vor allem jüdische Anwälte. Hans Litten, der Anfang der 30er Jahre Hitler als Zeugen in die Enge trieb, wurde nach dem Reichstagsbrand am 27. Februar 1933 verhaftet. Nach einem Leidensweg durch mehrere Konzentrationslager und schwersten Folterungen nahm er sich 1938 in Dachau das Leben.

 

Take 14 Karin Schubert

Die Zeit der Herrschaft der Nationalsozialisten gehört zu den dunkelsten Kapiteln in der deutschen Vergangenheit, selten gab es eine Gesellschaft, die mehr von Hass und Intoleranz gegenüber all dem geprägt war, was von ihr als Abweichung von der gesellschaftlichen Norm definiert worden ist. Erbarmungslos gingen die Nationalsozialisten gegen alles vor, was von ihnen als abartig  oder entartet eingestuft worden ist.

 

Autorin

Die Berliner Justizsenatorin Karin Schubert eröffnete im März 2004 eine Ausstellung über das Schicksal Homosexueller in Berlin von 1933 bis 45 im Foyer des Kriminalgerichts. Auch hier in Moabit wurden Männer wegen ihrer Homosexualität zu Gefängnisstrafen verurteilt. Von 1935 an wurde jedoch die Gestapo zuständig, die Homosexuelle wie politische Gegner verfolgte.

In Berlin wurden zu dieser Zeit zwei Sondergerichte eingeführt, die im Gebäude des Kriminalgerichts tagten. Sie waren zuständig für Verstöße gegen das so genannte Heimtückegesetz. Abgeurteilt wurden politische Witze und spöttische Bemerkungen über Hitler.

Was wirklich in Moabit geschah, welche Urteile zur Zeit des Nationalsozialismus gefällt wurden, darüber ist nicht viel bekannt. Nach der Errichtung des Volksgerichtshofs 1934, der in der Bellevue-Straße im Bezirk Tiergarten tagte, hatten die Nazis ihr ganz besonderes Terrorinstrument.  Viele aus politischen oder rassistischen Gründen Verfolgte wurden auch von der Gestapo verhaftet und in die KZs gebracht, gefoltert und ermordet. Die ordentliche Gerichtsbarkeit, der die Nazis ohnehin misstrauten, brauchten sie nicht mehr.

 

Atmo 3 Trompete – bei der Ausstellungseröffnung

Autorin

Die Ausstellung in Moabit über die Verfolgung Homosexueller im Nationalsozialismus ist längst wieder abgebaut. Eine neue Ausstellung wird vorbereitet, mit Zeichnungen des Justizzeichners, Karikaturisten und Malers Philipp Heinisch. Sie soll am 26. April eröffnet werden, während eines Festakts zum 100jährigen Jubiläum des Kriminalgerichts. Rückblicke, Einblicke und Ausblicke lassen auch kritische Töne zu.  Denn in Moabit hat sich einiges verändert.

 

Take 15 Helene Bode

Wir können natürlich heute und wir konnten auch vor vierzig Jahren den Mund schon weiter aufmachen und waren schon in gewisser Weise gleich berechtigt und mussten also nicht mehr katzbuckeln, wenn wir das nicht wollten. Wir haben auch schon klarmachen können, dass wir Rechte von Menschen und nicht von Untieren da vertreten. Also ich denke, das hat sich geändert, und es hat sich weitgehend verändert, positiv verändert durch die Apo-Zeit. Denen verdanken wir unendlich viel.

 

Autorin

Sagt Helene Bode, die in den vergangenen 40 Jahren in Moabit als Strafverteidigerin wirkte. Auch Hans-Joachim Heinze, Vorsitzender Richter einer Schwurgerichtskammer am Landgericht und Generalstaatsanwalt a.D., sieht das so.

 

Take 16 Hans-Joachim Heinze

Es war zur damaligen Zeit ja wirklich so, dass die Richter wie Götter auf ihren Thronen saßen. Die Angeklagten mussten stehen, die Zeugen mussten stehen, das hat sich Gott sei Dank alles zum Guten gewandelt. Und ich denke, solche Aktionen wie damals von Herrn Teufel, die haben sicher zum Nachdenken geführt und die Diskussion angestoßen, ob das wirklich so notwendig war, dass also die Richter da gewissermaßen auf einem Thron saßen.

 

Autorin

Richter Heinze hat in seiner Zeit als Vorsitzender einer Schwurgerichtskammer viele interessante und Aufsehen erregende Prozesse geführt. Seine Kammer verurteilte zum Beispiel das Boxer-Idol Gustav Scholz, der seine Frau erschossen hatte, wegen fahrlässiger Tötung zu einer Freiheitsstrafe von drei Jahren.

In einem anderen Fall stand ein Polizeibeamter vor Gericht, der einen 18jährigen Schüler von hinten erschossen hatte. Der Schüler hatte gemeinsam mit seinen Freunden in einem Gebrauchtwarenladen Lederjacken stehlen wollen. Als sie erwischt wurden, flohen sie. Der Polizeibeamte verlor die Nerven und schoss. Hans-Joachim Heinze erinnert sich gut an den Prozess, der im Sommer 1983 in Moabit verhandelt wurde.

 

Take 17 Hans-Joachim Heinze

Weil es das einzige Urteil war, in dem ich vom Bundesgerichtshof aufgehoben worden bin. Es war also folgendes, es hatte sich in Deutschland eingebürgert, dass ein Polizist, der in Ausübung des Dienstes die Waffe zieht, wenn das nicht in Ordnung war, zumindest doch immer in einem so genannten Notwehr-Exzess gehandelt hat. Das heißt also, er hat irrtümlich eine Notwehrsituation angenommen und in dieser Notwehrsituation dann auch noch überreagiert.

Und in dem Verfahren war es aber so ganz offensichtlich, dass das ein Polizist war, der unerfahren war, der die Nerven verloren hatte und dem haben wir dann diesen Putativ-Notwehr-Exzess nicht zugebilligt, sondern ihn wegen Totschlag in einem minder schweren Fall zu einer Freiheitsstrafe verurteilt. Das Urteil hat Furore gemacht.

 

Autorin

Während der Gerichtsverhandlung im August 1983 zeigte sich ein selten buntes Bild in den sonst so grauen Moabiter Fluren: Grüne, gelbe, rote Haare, in Stacheln oder irokesenhaft kunstvoll frisiert. Die Freunde des erschossenen Schülers beobachteten die Gerichtsverhandlung. Nach der Urteilsverkündung – zweieinhalb Jahre Freiheitsstrafe wegen Totschlags – waren sie total überrascht, damit hatten sie nicht gerechnet.

 

Take 18 Pibos Freunde

Freundin: Ich finde auch, dass der Richter endlich mal ein Richter war, der keinen Schiss hat, obwohl zwei Jahre 6 Monate für ein Menschenleben unkorrekt sind. Aber endlich mal ein Richter, der unparteiisch ist und auch keine Angst hat vor irgendwelcher Öffentlichkeit.

Freund: Ich finde auch, das Urteil ist so man kann nicht sagen, ist gut, man kann nicht sagen, ist schlecht, ist halt so, dass es die höchste Strafe ist bisher für einen Bullen, der irgendjemand umgebracht oder so. Die Rede von dem Richter war auch nicht so schlecht. Dass man so gesehen hat wie dieser Bullenapparat funktioniert, dieses  Absprechen und diese Verlogenheit und alles.

 

Autorin

Tatsächlich hatte Richter Heinze in der mündlichen Urteilsbegründung die „Kameraditis“ der Polizeibeamten, die ihren Kollegen decken wollten, scharf gerügt.

 

Take 19 Hans-Joachim Heinze

Das darf natürlich nicht dazu führen, dass falsche Angaben vor Gericht gemacht werden und dieses Verfahren hat übrigens dann auch noch Nachspiele gehabt, indem gegen Polizeibeamte wegen Meineids oder uneidlicher Falschaussage vor Gericht ermittelt wurde. Und es gab sogar auch, wenn ich mich recht erinnere, Verurteilungen.

 

Autorin

Aber der Bundesgerichtshof hob das Urteil auf. Der Polizist wurde im Wiederholungsprozess von einer anderen Schwurgerichtskammer in Moabit wegen fahrlässiger Tötung zu einem Jahr Freiheitsstrafe auf Bewährung verurteilt und durfte den Dienst mit der Waffe wieder antreten.

Trotzdem ist Hans-Joachim Heinze davon überzeugt, dass das Urteil seiner Kammer und die deutlichen Worte in der Urteilsbegründung nicht ohne Wirkung geblieben sind.

 

Take 20 Hans-Joachim Heinze

Es gab später Urteile, in denen nicht mehr so schematisch dieser Grundsatz, Polizist, der im Dienst schießt, handelt immer im Putativ-Notwehr-Exzess, dass dieser Grundsatz dann doch nach und nach aufgegeben wurde. Und es gab später ähnliche Urteile, wie das, das wir damals gemacht hatten.

 

Atmo 4 Justizwachtmeisterin

In der Strafsache P… die Prozessbeteiligten bitte

 

Autorin

In Moabit arbeiten etwa 400 Justizwachtmeisterinnen und -wachtmeister. Einer von ihnen, Wolfgang Niedworok, tut hier seit 1977 seinen Dienst. 1. Justizhauptwachtmeister ist seine korrekte Dienstbezeichnung.

 

Take 21 Wolfgang Niedworok

Es gibt natürlich wahnsinnige Unterschiede in den Prozessen. Die langweiligen, die Verkehrssachen, Berufungen, die spannenden, die großen, Mielke, Honecker, Arno Funke habe ich zum Beispiel gemacht, das ist natürlich spannend. Aber im Prinzip ist doch jede Verhandlung ein bisschen anders und man muss sich doch immer wieder drauf einstellen, auf Publikum, auf den Richter, auf die Zuhörer, auf den Angeklagten, also es ist doch schon immer ein bisschen Umstellung.

 

Autorin

Justizwachtmeister Niedworok hat auch schon brenzlige Situationen erlebt:

 

 

 

Take 22 Wolfgang Niedworok

 

Da ging es mal um einen Mord zwischen zwei türkischen Familien, da hat der Angeklagte von der gegnerischen Partei die Mutter angezündet und die ist dann verbrannt. Da waren natürlich zwei verfeindete Familien im Gerichtssaal. Und wie es so kommt, das eine Wort gibt das andere, ich kann kein türkisch, auf jeden Fall gingen die da beide aufeinander richtig los, aber richtig dolle. Und ich hatte das Glück, ich war zwar alleine im Saal, mit einer Haftsache eben, da war noch ein Kriminalbeamter, der war vorher als Zeuge gehört worden, der war zufällig noch im Saal, der hat mir noch geholfen. Das Drücken auf den Alarmknopf, und dann kommen einem natürlich eine Minute oder anderthalb Minuten, bis die Kollegen kommen, ewig vor.

Autorin

Wie gefährlich ist es, im Kriminalgericht zu arbeiten? Im Großen und Ganzen, sagt Renate Möcke, Vorsitzende Richterin am Landgericht und seit 25 Jahren in Moabit, fühle sie sich sicher.

 

Take 23 Renate Möcke

In allen Sitzungssälen, die irgendwie zur Straße reichen, sind ganz hohe schusssichere Glasfenster, also noch vorgebaut. Dann hat jeder Richtertisch einen Alarmknopf. Das heißt also, wenn irgendjemand in der Hauptverhandlung doch versucht, irgendwelche Dummheiten zu machen, sind in Nullkommanix, wirklich in allergrößter Geschwindigkeit 20 Wachtmeister im Saal, weil der Alarm geht durchs ganze Haus und es rennen alle Wachtmeister herbei, die es hören konnten, und es gehen automatisch sofort alle Außentüren zu, so dass also auch Fluchtmöglichkeiten sehr eingeschränkt sind. Wenn dann hier nicht mal jemand flieht, was durchaus auch mal vorkommt, dann ist es schon was ganz spektakuläres.

 

Atmo 5 Stimmen, Saalwachtmeister (In der Strafsache X die Prozessbeteiligten bitte eintreten!)  Schritte, Aktenwagen ... unter den Text legen

 

Autorin

Etwa 2600 Menschen gehen in Moabit täglich ein und aus: Richter und Richterinnen,  Rechts- und Staatsanwälte und -anwältinnen, Justizwachtmeister und Wachtmeisterinnen. Dazu kommen Dolmetscher, Zeugen, Schöffen und andere Prozessbeteiligte. Auch Zuschauer und Pressevertreter finden sich in dem kolossalen Gemäuer ein. Nur die inhaftierten Angeklagten werden, wie schon vor hundert Jahren, dem Blick der Öffentlichkeit entzogen, von Wachtmeistern durch geheime Gänge geführt. Von der imposanten Architektur dieses Gerichts bekommen sie nichts mit.

 

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