Deutschland Radio Berlin

Kalenderblatt

7. April 2000

Vor 15 Jahren:

Der Staatsrechtler Carl Schmitt stirbt in Plettenberg

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Redaktion: Winfried Sträter                               Manuskript: Annette Wilmes

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Für die Moderation:                       Der Name Carl Schmitt löst auch heute noch teils begeisterte, teils schroff ablehnende Reaktionen aus. Der Staatsrechtler, berühmt geworden in der Weimarer Zeit, wohl eher berüchtigt in der Nazi-Ära, starb heute vor 15 Jahren im  hohen Alter von fast 97 im sauerländischen Plettenberg, seiner Heimatstadt, in die er sich 1947 zurückgezogen hatte.

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Zitator 1:                                          „Totengräber der Weimarer Republik“ –

 

Zitator 2:                                          „Steigbügelhalter Hitlers“

 

Zitator 1:                                          „Chamäleon des Staatsrechts“

 

Zitator 2:                                          „Kronjurist der Nazis“

 

Autorin:                                            Das war Carl Schmitt in den Augen seiner Feinde.

 

Zitator 1:                                          „Einer der Großen des öffentlichen Rechts“ –

 

Zitator 2:                                          „Mensch mit faszinierender Ausstrahlung“ –

 

Zitator 1:                                          „Erlauchter Geist“ mit „großer Leuchtkraft“ –

 

Zitator 2:                                          „Ein scharfer Denker mit brillanten Formulierungen

 

Autorin:                                            Das war Carl Schmitt in den Augen seiner Freun-

                                                  de.

Berühmt wurde Carl Schmitt Ende der 20er Jahre mit seiner Schrift „Der Begriff des Politischen“.

 

Zitator 1:                                          Die spezifisch politische Unterscheidung, auf welche sich die politischen Handlungen und Motive zurückführen lassen, ist die Unterscheidung von Freund und Feind.

 

Autorin:                                            Carl Schmitt, 1888 im sauerländischen Plettenberg als Sohn eines katholischen Kaufmanns geboren, genoss eine humanistische Bildung, auf die er Zeit seines Lebens großen Wert legte.

Er studierte Jura in Berlin, München, Straßburg, wurde Professor zunächst in Greifswald, dann in Bonn, später in Berlin. Ende der zwanziger Jahre war er bereits einer der führenden antirepublikanischen Staatsrechtler.

 

Regie:                                             Take 1 (O-Ton „Das Dritte Reich in Dokumenten“)

(Sprecher) 30. Januar 1933. Berlin, Wilhelmstraße, Reichskanzlei, In erleuchteten Fenstern stehen grüßend Adolf Hitler, seit heute Reichskanzler, und der Reichspräsident von Hindenburg, der ihn berufen hat.

 

Autorin:                                            Am 30. Januar 1933 war das Ende der Weimarer Republik besiegelt, die Schmitt so verachtete. 40 Jahre später, im Januar 1973, erinnert er sich in einem Rundfunkgespräch:

 

Regie:                                             Take 2 (Schmitt)

Hitler betrachtete ja seine Ernennung zum Reichskanzler als Wunder, alle seine Freunde haben dieses Wunder gefeiert. Hitler glaubte jetzt, wie er sagte, an seinen Stern. Was in Wirklichkeit geschehen war, war folgendes: Es war der Selbstmord der Weimarer Verfassung, der aus Furcht vor einem gewaltsamen Tod begangenen worden ist.

 

 

Autorin:                                            Schmitt war am Untergang der Weimarer Republik nicht unschuldig. Als Reichskanzler von Papen im Juli 1932 die preußische Regierung stürzte, bestätigte Schmitt die Rechtmäßigkeit des Putsches in einem Gutachten. Mehr noch: Seine Schriften trugen während der ganzen Weimarer Zeit dazu bei, die demokratische Verfassung zu untergraben. Carl Schmitt wurde zu einem der wichtigsten ideologischen Vordenker der Nazi-Zeit, meint Ingo Müller, Strafrechtslehrer in Hamburg und Autor des Buches „Furchtbare Juristen“:

 

Regie:                                             Take 3

Carl Schmitt hat immer über den Notstand den Staat definiert.

 

 

Autorin:                                            Damit lieferte er den Nazis die Munition, um die Weimarer Verfassung zu beseitigen:

 

Regie:                                                           Take 4

Wenn man bedenkt, dass sämtliche Nazi-Grundgesetze immer die Not im Titel führten, also das Ermächtigungsgesetz hieß Gesetz zur Behebung der Not von Volk und Reich, oder die Notverordnung, die Reichstagsbrandverordnung vom 28. Februar 33.

 

 

Autorin:                                            Carl Schmitt war 1933 Berater des Generals Kurt von Schleicher. Schleicher war der Drahtzieher, der seit Ende der 20er Jahre an der Beseitigung der Republik arbeitete. Er war der letzte Reichskanzler vor Hitler und wurde am 28. Januar 1933 von Hindenburg  entlassen, um für Hitler den Weg freizumachen.

 

Regie:                                             Take 5

Ich war ja Berater und Freund von Schleicher. Die Situation für mich war die, ich war aus dem Rennen ausgeschieden, soweit ich überhaupt im Rennen war, als hintergründiger Berater. Schleicher war am 28., also Samstagmittag entlassen worden, auf eine für unseren Geschmack, also für die Freunde Schleichers, schmähliche und schändliche Weise.

 

 

Autorin:                                            Dennoch scheute sich Carl Schmitt anderthalb Jahre später nicht, die Mordtaten Hitlers nach dem sogenannten Röhmputsch gutzuheißen, denen auch sein Freund Kurt von Schleicher und dessen Frau zum Opfer fielen. Den von Hitler angezettelten Akt gesetzloser Blutjustiz rechtfertigte er mit seinem vielbeachteten Aufsatz:

 

Zitator 1:                                          Der Führer schützt das Recht

 

Autorin:                                            Schmitt hetzte auch offen gegen die Juden. Im Oktober 1936 organisierte Schmitt eine Fachkonferenz über

 

Zitator 1:                                          „Das Judentum in Rechts- und Wirtschaftswissenschaft“.

 

Autorin:                                            In seinem Referat sagte er:

 

Zitator 1:                                          Der Jude hat zu unserer geistigen Arbeit eine parasitäre, eine taktische und eine händlerische Beziehung ... Mit großer Findigkeit und schneller Witterung weiß er, das Rechte zu treffen. Das ist sein Instinkt als Parasit und echter Händler.

 

Autorin:                                            Schmitts antisemitische Ausfälle werden von seinen Freunden und Bewunderern als „Sündenfall“ bezeichnet und damit erklärt, dass er sich selbst habe schützen müssen. Als Emporkömmling und Parteineuling - er war erst am 1. Mai 1933 in die NSDAP eingetreten - wurde er von der SS angegriffen. Tatsächlich wurde er Anfang 1937 seiner Parteiämter enthoben. Er blieb aber – als Günstling Hermann Görings - Staatsrat und behielt seine Professur an der Berliner Universität. Von einer wirklichen Gefährdung kann kaum die Rede sein.

Nach dem Krieg wurde Carl Schmitt zunächst von den Russen, dann von den Amerikanern verhaftet, aber nicht angeklagt. 1947, aus der Zeugenhaft in Nürnberg entlassen, zog er sich in seine Geburtsstadt Plettenberg zurück. Sein Haus nannte er sein „San Casciano“ – so hieß auch das Exil von Machiavelli. Mit den Klassikern autoritären Staatsdenkens indentifizierte er sich gern. Bis  zu seinem Tod am 7. April 1985 empfing Schmitt in seinem San Casciano Freunde und Bewunderer. Plettenberg wurde für bestimmte Intellektuelle zu einem Wallfahrtsort.

 

Regie:                                             Take 6

Er ist ja immer so stilisiert worden zum Klassiker und  diesem Geistesadel. Das galt immer so’n bisschen als der Ritterschlag in der deutschen Staatsrechtslehrerschaft, wenn man in Plettenberg empfangen wurde. Das war ein bisschen wie mit dem König Midas, wen Carl Schmitt berührte, der galt als Intellektueller.

 

 

Autorin:                                            Ernst Jünger war sein Freund.  Aber auch Johannes Gross, der Philosoph Jacob Taubes und der spätere Bundesverfassungsrichter Wolfgang Böckenförde, SPD, standen mit ihm in Kontakt.  Je demokratischer unsere Gesellschaft wird, davon ist Ingo Müller überzeugt, desto stärker wird Schmitt abgelehnt.

 

Zitator 1:                                          Recht war für ihn primär ein Instrument von Macht, das er kalt analysierte und für Machtzwecke funktionalisierte.

 

Autorin:                                            Schrieb Kurt Sontheimer in der Wochenzeitung „Die Zeit“  aus Anlass von Schmitts Tod.

 

Zitator 1:                                          Wem die liberale, das heißt, die freiheitliche Demokratie am Herzen liegt, der braucht Carl Schmitt nicht.

 

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