Deutschland Radio Berlin

Kalenderblatt

20. Dezember 2003

Der Auschwitz-Prozess begann vor vierzig Jahren

 

Redaktion: Winfried Sträter                               Manuskript: Annette Wilmes

 

 

 

Regie:                                            Take 1    0,08’’

Man ist furchtbar hart geworden in Auschwitz. So hart, dass man manchmal Angst gehabt hat, ob man wieder ins normale Leben zurückfindet.

 

 

Autorin:                                         Hermann Langbein, Zeuge im Auschwitz-Prozess.

 

Regie:                                            Take 2     0,28’’

Ich habe Frauen gesehen, die glücklichsten waren die, es waren einzelne darunter, die wahnsinnig geworden sind. Ich habe kleine Kinder gesehen, Neugeborene. Und ich habe dann die Leichenkammer gesehen, die anschließend hinten bei dem Block war, und dort war ein Berg von Leichen, Kinderleichen, und dazwischen waren die Ratten.

 

 

Autorin:                                          Der Auschwitz-Prozess begann am 20. Dezember 1963 in Frankfurt am Main, 18 Jahre nach Kriegsende.

 

Regie:                                             Take 3 (Norbert Frei)  0,06’’

Ich denke, dass der Auschwitz-Prozess gesellschaftlich gesehen eine wichtige Weichenstellung markiert.

 

 

Autorin:                                          Norbert Frei, Professor für Neuere und Neueste Geschichte an der Ruhr-Universität Bochum, zur Vorgeschichte des Prozesses:

 

Regie:                                             Take 4   0,31’’

Da muss man sagen, dass anders als wir es lange wussten, die Opfer, die Überlebenden und ihre Verbände, in der Tat neben Fritz Bauer, der ja als hessischer Generalstaatsanwalt hier eine führende Rolle spielte, doch auch sehr beteiligt waren, um diesen Prozess vorzubereiten, indem sie einfach versucht haben, über ehemalige Häftlinge die Namen und dann am Ende auch die Wohnorte von Tätern zu finden und dies den Justizbehörden mitzuteilen.

 

 

Autorin:                                          Vor allem Hermann Langbein, der wegen seiner Gegnerschaft zum Nationalsozialismus nach Auschwitz verschleppt worden war, setzte sich unermüdlich dafür ein, dass der Prozess zustande kommen konnte.

 

Regie:                                             Take 5 (Langbein)   0,30’’

Es gab vor allem einen Kreis von Frauen, die sehr wichtige Zeugen waren, weil sie als Häftlingsschreiberinnen in der politischen Abteilung tätig waren. (…) Das waren fast alle Jüdinnen, deutsch sprechende, junge, die am Leben geblieben sind, obwohl sie als Geheimnisträger, …und die hatten mehr gesehen als viele andere, die hatten bei den Vernehmungen Protokolle zu führen, die Vernehmungen waren Folterungen.

 

 

Autorin:                                         Eine dieser Zeuginnen war Maryla Rosenthal. Sie sagte aus über den Angeklagten Wilhelm Boger. Der Gestapo-Mann war bekannt für seine besonders perfiden Foltermethoden beim Verhör. Er benutzte ein Gestell, auf dem seine Opfer festgebunden, misshandelt und manche auch getötet wurden; die so genannte “Boger-Schaukel“ oder „Sprechmaschine“. Maryla Rosenthal:

 

Regie:                                            Take 6   0,42’’

Dann ist er ganz nahe zu ihnen gekommen, ganz zum Gesicht, mit seinen Blicken durchbohrt und wenn er absolut nicht sprechen wollte, hat er gesagt: „Jetzt kommst Du aber zu der Sprechmaschine“. Und dann sind die beiden raus gegangen. Ich kann mich nicht entsinnen, ob es eine, eine Stunde, ob es zwei Stunden waren. Jedenfalls, der Häftling wurde auf einer Bahre zurückgetragen. Ich hab’ ihn nie erkannt, nie mehr. Nach dieser Stunde oder nach diesen zwei Stunden. Er hat nicht mehr wie ein Mensch ausgesehen. Er konnte nicht stehen, er konnte nicht reden, ich dachte, das ist schon ein toter Mensch.

 

 

Autorin:                                         Insgesamt wurden 357 Zeugen vernommen. Die überlebenden ehemaligen Häftlinge berichteten über die schändlichsten Gräueltaten. Conrad Taler, der den Prozess damals als junger Journalist verfolgte, später Redakteur bei Radio Bremen wurde, erinnert sich:

 

Regie:                                            Take 7  0,28’’

Mir ist besonders stark in Erinnerung eine Geschichte, in der eine Zeugin von den Kindern erzählt hat, die ins Lager gebracht worden sind und die zur Vergasung gefahren worden sind. Das waren Dinge, die gingen allen unter die Haut, und in einem meiner Berichte führe ich an, dass die Frauen unter den Schöffen da die Tränen auch nicht zurückhalten konnten, weil das so furchtbar gewesen ist.

 

 

Autorin:                                         Zuschauer waren fassungslos oder weinten, Zeugen brachen zusammen, auch Richter und Staatsanwälte blieben nicht ungerührt. Nahezu regungslos zeigten sich allein die Angeklagten.

 

Regie:                                            Take 8 (Taler)  0,24’’

Ich möchte sagen, dass die fast teilnahmslos gewirkt haben. Und wenn sie dann gefragt worden sind, was sie zu sagen haben zu dieser oder jener Aussage, dann haben sie entweder gesagt, der lügt oder das stimmt alles nicht, oder der Zeuge irrt sich. Das war eine generelle Linie bei den Angeklagten, dass sie durchweg geleugnet haben, was sie getan haben.

 

Autorin:                                         Auf der Anklagebank saßen 22 Männer, ehemalige Mitglieder des SS-Wachpersonals und ein Funktionshäftling, aber auch Sanitäter, Ärzte, ein Apotheker. 17 von ihnen wurden im August 1965 zu lebenslangen, einige auch zu zeitlich begrenzten Freiheitsstrafen verurteilt, drei wegen mangelnder Beweise freigesprochen. Zwei schieden vor dem Ende des Prozesses aus, einer starb, einer wurde verhandlungsunfähig krank.

Generalstaatsanwalt Fritz Bauer hatte sich von dem Prozess mehr als die Bestrafung der Täter versprochen.

 

Regie:                                            Take 9 (Fritz Bauer)  0,35’’

Ich war vorhin in einem Café und habe gefrühstückt. Am Nebentisch saß eine Frau, vielleicht 35, 40, und wie sie den Kaffee getrunken hat, da rutschte der Pullover nach oben, und ich sah die Auschwitz-Nummer. Und das ist doch eine der Tatsachen, die uns durch Mark und Bein gehen müssen. Da ist eine junge Frau, sie lebt, gestempelt wie ein Tier. Wir alle in Deutschland müssen doch erkennen, es gibt Grenzen, die jeder sieht, fühlen muss, habt Achtung vor den Mitmenschen. Also solche Dinge dürfen nicht mehr geschehen, da darfst du nicht mitmachen.

 

 

Autorin:                                         „Gerichtstag halten über uns selbst“ – das wollte Fritz Bauer. So umfassend wie im Auschwitzprozess wurde das Herrschaftssystem der Nationalsozialisten vorher nie beschrieben. Bis heute gilt das Prozessgutachten des Historikers Hans Buchheim als Standardwerk und wurde unter dem Titel „Anatomie des SS-Staates“ auch einer breiteren Öffentlichkeit bekannt.

Der Auschwitz-Prozess hat jedes Verharmlosen oder Leugnen der NS-Verbrechen für immer unmöglich gemacht.

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