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Ausstellung zum Auschwitz Prozess im Martin-Gropius-Bau

26.10.2004

Redaktion: Roland Schneider                          Manuskript: Annette Wilmes

 

Für die Moderation:                   Gestern wurde im Martin-Gropius-Bau eine Ausstellung zum Auschwitz-Prozess eröffnet, der vor vierzig Jahren  in Frankfurt am Main stattfand, der bis dahin größte Schwurgerichtsprozess der deutschen Justizgeschichte. Niemals zuvor wurde so eingehend die schreckliche Wirklichkeit von Auschwitz belegt: 211 Überlebende des zentralen Vernichtungslagers sagten aus .

Dass der Prozess 18 Jahre nach Kriegsende überhaupt noch zustande kommen konnte, ist vor allem Fritz Bauer zu verdanken, dem damaligen Generalstaatsanwalt in Hessen. Das nach ihm benannte Fritz Bauer Institut mit Sitz in Frankfurt hat in jahrelanger Arbeit aus Anlass des Jahrestages dieGedenkausstellung erarbeitet, in der sowohl der wirkungsgeschichtliche Hintergrund des Verfahrens als auch seine politischen und kulturellen Folgen dargestellt werden. Neben historischen Dokumenten sind auch Installationen zeitgenössischer Künstler zu sehen.

In einem einzigartigen Projekt wurden die Aussagen der Zeugen transkribiert und zusammen mit Protokollen und Dokumenten auf eine DVD-Rom gebrannt, die bald erscheinen wird, gemeinsame Herausgeber sind das Fritz-Bauer-Institut und das Staatliche Museum Auschwitz Birkenau.

 

Die Ausstellung ist noch bis zum 19. Dezember täglich außer Dienstags 10 bis 20 Uhr geöffnet. Der Ausstellungskatalog mit 872 Seiten kostet in der Ausstellung 45, danach 49.80 Euro. Pädagogische Materialien mit Zeugen-Aussagen Überlebender auf CD kosten 15 Euro.

 

 

Autorin:                                         Die museale Darbietung eines sperrigen Themas sei auf eindrucksvolle Weise gelungen, meinte Micha Brumlik, Direktor des Fritz-Bauer-Institutes.

 

Regie:                                            Take 1 (Micha Brumlik)

Sie werden sehen, dass diese Ausstellung im wesentlichen auch von Tönen lebt.

 

Autorin:                                           Die ersten Töne sind gleich zu Beginn der Ausstellung zu hören: in einer Klanginstallation  des serbischen Künstlers Bojan Šarčevič mit Sonatinen für Violine und Konzert von Franz Schubert.

 

Regie:                                            Take 2 (Atmo und Brumlik)

Die Idee ist, auf den Skandal aufmerksam zu machen, dass die KZ-Kommandanten sich zum Teil in einer von ihnen pervertierten deutschen Bildungstradition befunden haben und parallel zu den Morden sich mit klassischer Musik auseinandergesetzt haben.

 

Autorin:                                         Die eindringlichsten Ton-Dokumente sind jedoch die historischen Aufnahmen. Zur Gedächtnisstütze des Gerichts wurden im Auschwitz-Prozess die Aussagen der 211 überlebenden Zeugen ebenso aufgenommen wie die der Angeklagten, der Verteidiger und Staatsanwälte. Sie sollten nach dem Urteil gelöscht werden, kamen aber ins Hessische Staatsarchiv. In der Ausstellung, in abgeschirmten Kabinen, sind die Töne zu hören.  Einer der Überlebenden war Karl Lill, der einen der Angeklagten damals  beobachtet hatte:

 

Regie:                                            Take 3        (Karl Lill)                     0,45’’

Wie er mit seinem Gehilfen seine Gasmaske aufsetzte, die Zyklon-B-Büchse aufriss und den Inhalt in diese Stutzen hineinwarf. Und jedes Mal (stockt beim Reden) ein paar Sekunden später ein Schrei erstickt, gedämpft durch diese Betondecke, manchmal ein mehrhundertstimmiger Schrei, jedes Mal ein paar Minuten später quoll der braune oder braungelbe Qualm aus dem Schornstein.

 

 

Autorin:                                         Erst durch die Ton-Dokumente kann nachempfunden werden, wie die Atmosphäre im Gerichtssaal damals war, die Verzweiflung und die Qual der Überlebenden, das Schweigen und der  Zynismus der Angeklagten.

Dass der Prozess überhaupt zustande kam, war dem hessischen Generalstaatsanwalt Fritz Bauer zu verdanken, seinen hartnäckigen Recherchen, seinen guten Kontakten zu überlebenden Opfern und seinen jahrelangen gründlichen Vorbereitungen. Denn damals, in den 60er Jahren, wollte kaum jemand etwas von den NS-Verbrechen hören oder sehen.

Fritz Bauer war eine Ausnahmeerscheinung seiner Zeit. Auch das zeigt die Ausstellung, die im Frühjahr bereits in Frankfurt am Main zu sehen war, im Gallus-Haus, wo damals der Prozess stattfand.  Jetzt also ist sie am historischen Ort in Berlin zu sehen. Genau da, wo sich damals die Machtzentrale der Nationalsozialisten befand, wie Gereon Sievernich vom Martin-Gropius-Bau betont:

 

Regie:                                            Take 4 (Sievernich)

Es ist die ehemalige Kunstgewerbeschule, die mit dem Martin-Gropius-Bau, der damals das Kunstgewerbemuseum war, durch eine Brücke verbunden war, in dieser ehemaligen Kunstgewerbeschule hat Himmler die damals auch befindliche Kunstbibliothek exmittiert und das Gebäude wurde die zentrale Administration dessen, was wir nun im Auschwitz-Prozess und in der ich glaube 1000seitigen Urteilsbegründung nachlesen können.

 

Autorin:                                         Der Auschwitz-Prozess hat jedes Verharmlosen oder Leugnen der NS-Verbrechen für immer unmöglich gemacht.  Die Selbstaufklärung der Gesellschaft, wie sie Fritz Bauer beabsichtigt hatte, begann nach dem Prozess. Dokumente von Schriftstellern, Publizisten und Philosophen, zum Beispiel von Peter Weiß, Bernd Naumann, Hannah Arendt, Theodor Adorno, bezeugen auch dies in der Ausstellung.

 

 

 

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