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DeutschlandRadio Berlin, ZeitFragen

5. Dezember  2004, 15.05 Uhr

Der Anwalt als Unternehmer

Juristen passen sich der Dienstleistungsgesellschaft an

Eine Sendung von Annette Wilmes

 

 

 

 

 

 

Take 1  (Heussen)

Ein gutes Anwaltsbüro muss funktionieren wie ein gutes Restaurant, da muss man gerne hingehen. Aber wer geht schon in seinen Konflikten gerne irgendwo hin. Trotzdem muss man das schaffen.

 

 

Spr. v. Dienst

Der Anwalt als Unternehmer. Juristen passen sich der Dienstleistungsgesellschaft an.

Eine Sendung von Annette Wilmes.

 

Take 2  (Prieß)

Unsere Unternehmensphilosophie ist ein hoher fachlicher Anspruch: Agieren an der Spitze des Marktes.

 

Autorin

Es gibt in Deutschland etwa 130 000 Rechtsanwälte, Tendenz steigend. Der einzelne Anwalt in einer Kleinstadt, die Familienrechtsanwältin in Berlin, das Anwaltsbüro, das schon seit Jahren einen festen Mandantenstamm hat, sie alle spüren die veränderte Marktlage. Es wird immer schwieriger, sich zu behaupten. Nur die ganz großen, international agierenden Anwaltsfirmen, wie Freshfields Bruckhaus Deringer, bleiben davon unberührt.

 

Take 3 (Prieß)

550 Anwälte in Deutschland, das ist eine Größenordnung, die hätte man sich vor zehn Jahren überhaupt nicht vorstellen können.

 

 

Autorin

Dr. Hans-Joachim Prieß ist einer von 2500 Anwälten, die weltweit unter dem Dach von  Freshfields Bruckhaus Deringer arbeiten, in Deutschland 550.

 

Take 4 (Prieß)

Als ich mich um eine Anstellung als Anwalt bewarb, 1988, hatten die größten deutschen Kanzleien etwas über dreißig Anwälte. Da hätte man schon hundert Anwälte für undenkbar gehalten, ganz zu schweigen von 600.

 

 

Autorin

Hans-Joachim Prieß ist in der renommierten Sozietät als einer von 165 deutschen Partnern im Zollrecht tätig, außerdem Vorsitzender der Sektorgruppe „Vergaberecht“. Hier geht es um Rechtsstreitigkeiten bei der Vergabe von Aufträgen, wenn sich zum Beispiel einer der Bieter benachteiligt fühlt.

 

 

 

Take 5 (Prieß)

Wir haben hier ein Bieterkonsortium beraten und vertreten bei der fehlgeschlagenen Flughafenprivatisierung Berlin mit den ganzen Streitverfahren in der Folge auch. Das war ein extrem komplexes, schwieriges Verfahren, was auch rechtspolitisch in dem Bereich von großer Bedeutung gewesen ist, aber natürlich auch für das Bundesland Berlin. Und aus dem Bereich Zoll ein Beispiel ist unsere Beratung der mexikanischen Regierung bei den Verhandlungen über das Freihandelsabkommen zwischen Mexiko und der Europäischen Union.

 

 

Musik Doldinger

 

Autorin

Ob eine Anwaltskanzlei gut funktioniert und sich auf dem Markt behaupten kann, hat mit ihrer Größe nichts zu tun. Jedenfalls kann es nicht darum gehen, immer nur größer und größer werden zu wollen.

 

Take 6 (Heussen)

Nein, das lässt ja schon der Markt nicht zu. Wenn Sie in diese Statistiken und Strukturbilder mal reingucken, werden Sie feststellen, dass es eine ganz kleine Spitze gibt von maximal 10 Tausend Anwälten von den 130 Tausend, die wir in Deutschland haben, die diese Art von Geschäft überhaupt machen können. Das sind so die größten 100 Kanzleien ungefähr.

 

 

Autorin

Professor Benno Heussen, der zu den führenden Anwälten auf dem Gebiet der Informationstechnologie gehört, dessen Büro mit Sitz in München, Frankfurt am Main, Stuttgart und Berlin ebenfalls international agiert.

 

Take 7

Dann gibt’s darunter zwei sehr starke Mittelschichten, das sind so Sozietäten zwischen 30 und 100 Anwälten, zu denen wir ja gehören. Die alleroberste Schicht macht im wesentlichen internationales Geschäft. Und der Kern, sagen wir mal das Rückgrat der deutschen Anwaltschaft, sind Sozietäten zwischen 2 und 30 Anwälten. Die Strafrechtler zum Beispiel werden nie große Sozietäten bilden, die größten strafrechtlichen Sozietäten sind vielleicht 8 oder 10 Anwälte, weil die ständig in Interessenkonflikte kommen. Die müssen einzeln bleiben. Wenn sie aber im internationalen Transaktionsgeschäft tätig sind, Mergers and Acquisitions, wie man so sagt, M und A Geschäft, dann kommen sie ohne 100, 120, 150 Anwälte nicht aus, das bedingt die Art des Geschäfts.

 

 

Atmo 1 (Amtsgericht Tempelhof-Kreuzberg)

Schritte, Hall, Türschlagen, unter den Text

 

Autorin

Amtsgericht Tempelhof-Kreuzberg. Hier werden Zivilsachen mit niedrigem Streitwert verhandelt, die Höchstgrenze liegt bei 5000 Euro, von großen Transaktionsgeschäften keine Spur. Gleich beginnt der Prozess, in dem Felix Ginthum einen Mandanten vertritt, der verklagt wurde, 300 Euro zu zahlen. Dessen Produkt, das Dach für ein Cabrio, sei nicht in Ordnung  gewesen. Der Mandant fühlt sich in seiner Handwerker-Ehre verletzt und will nicht zahlen.

 

Take 8  (Ginthum)

Es geht eigentlich nicht um besonders viel Geld, aber mein Mandant nimmt die Sache sehr ernst, weil es ihn beruflich betrifft und weil er beruflich gekränkt ist, wenn er diese 300 Euro zahlen sollte. Und Sie haben die Richterin erlebt, die einfach sagt, Hälfte-Hälfte. Und mein Argument dagegen zu sagen, das Recht kann man doch nicht so ganz ökonomisieren. Auch wenn es tatsächlich wirtschaftlich unsinnig ist, dass sich eine Vorsitzende am Amtsgericht jetzt noch in drei bis vier Terminen damit beschäftigt, Beweisaufnahmen macht und wir Kollegen uns ständig Schriftsätze schicken.

 

 

Autorin

Ein Fall, der dem Anwalt nicht viel einbringt, weil die Gebühren sich nach dem Streitwert richten.

Seit knapp zwei Jahren ist Felix Ginthum als Anwalt zugelassen. Um sich selbständig machen zu können, hat er  an einem Businessplan-Wettbewerb teilgenommen. Das schien zunächst Erfolg versprechend zu sein:

 

Take 9

Der Business-Plan-Wettbewerb diente für uns nur dazu, das unternehmerische Handeln, das unternehmerische Denken zu lernen. Weil wir Juristen in unserer Ausbildung eher gelernt haben, Sachverhalte  rückblickend analytisch, also normativ zu beurteilen, und das unternehmerische ist uns halt einfach nicht in die Wiege gelegt worden. Dazu haben wir halt die ganzen Angebote, Business-Plan-Wettbewerb, wahrgenommen. Ob das jetzt um Marketing oder Geschäftsplanideen geht. Das war auch sehr wichtig.

 

 

Autorin

Noch kann Felix Ginthum nicht als Anwalt existieren. Bis es soweit ist, muss er sich notfalls einen Nebenjob suchen.

 

Musik Doldinger, darauf:

Take 10 (Wesser)

Man kann Angst davor haben, dass am Monatsende das Konto nicht gedeckt ist, dass man die Miete nicht bezahlen kann, man kann Angst haben, dass man seine Mitarbeiter nicht bezahlen kann, man kann Angst haben, dass die Mandanten ausbleiben, man kann Angst haben davor, dass man Fälle verliert, dass man mit Fällen überfordert ist.

 

 

Autorin

Auch Marc Wesser ist Berufsanfänger.

 

Take 11 (Wesser)

Man kann auch Angst haben davor, dass man praktisch noch keine Berufserfahrung hat als Berufsanfänger, wir hatten die Angst nicht, als wir Anfang 2002 angefangen haben, wir sind ins kalte Wasser gesprungen und das war uns alles nicht bewusst, wir haben die Probleme, die auf uns hätten zu kommen können, mit denen wir vielleicht auch zum Teil täglich konfrontiert waren, gar nicht so richtig wahrgenommen und waren dann halt im Wasser und sind geschwommen und bisher muss ich sagen, schwimmt die Kanzlei, sie schwimmt gut und schwimmt immer besser.

 

 

Autorin

Marc Wesser eröffnete mit zwei Kollegen, die er aus dem Studium kannte, seine Kanzlei in einem ehemaligen Laden in Berlin-Wilmersdorf.

 

Take 12 (Wesser)

Wir hatten ursprünglich mal das Ziel, so eine klassische Feld- Wald und Wiesenkanzlei zu sein. Das hat sich jetzt mit der Zeit ein bisschen weiter eingeengt, und wir haben uns intern spezialisiert, der eine Kollege macht Strafrecht und Ordnungswidrigkeiten, der zweite Kollege macht Verwaltungsrecht, und ich mache allgemeines Zivilrecht. Das heißt also, alles was mit Verträgen zu tun hat, mit der Vertragsdurchsetzung, Beitreibung von ausstehendem Geld und solche Dinge. Auch ein bisschen Gesellschaftsrecht. Das geht immer mehr in diese Richtung.

Wir beraten inzwischen hauptsächlich kleinere Firmen, kleinere Unternehmen, und sind damit ganz zufrieden. Wir würden uns gar nicht mehr darum bemühen wollen, Laufkundschaft in großer Menge in unseren Laden zu ziehen.

 

 

Autorin

Wegen möglicher Laufkundschaft hatten sich die jungen Juristen ursprünglich den Laden, ein ehemaliges Autogeschäft, ausgesucht. Durch große Schaufenster können Passanten den auszubildenden Fachangestellten und den Anwälten bei der Arbeit zuschauen.

 

Atmo 2 (Büro Wesser)

Telefonklingel, Auszubildende:  Schönen guten Tag, Rechtsanwälte Tümmler, Wesser, Lenz, mein Name ist Tiecks, Geräusche, Akte rausholen, Schritte nach oben

darauf:

Take 13 (Wesser)

Gerichtsverfahren sind für viele Menschen, die dort betroffen sind, Extremsituationen, und da sieht man eben auch, dass manche Menschen Schicksalsschläge mit einer enormen Größe hinnehmen. Wir hatten beispielsweise ein Verfahren, da hat der Mandant das Verfahren zwar gewonnen, aber im Ergebnis eben trotzdem relativ viel verloren, weil er, um es etwas salopp zu sagen, von einem Insolvenzverwalter gelinkt wurde. Und dann hat er eben, das muss man sagen, mit großer Fassung dagestanden und sozusagen erst mal diese Situation ertragen, gut, wir schauen jetzt mal, was sich da noch machen lässt. Aber das ist eben doch eben menschlich sehr lehrreich.

 

 

Musik, Doldinger

 

 

 

Spr. v. Dienst (im Nachrichtenton)

Nach Auskunft der Rechtsanwaltskammern haben im Jahr 2003 etwa 15 Prozent der Berufsanfänger ihre Anwaltszulassung freiwillig zurückgegeben. Nach Ansicht des Deutschen Anwaltvereins nutzen zu viele junge Juristinnen und Juristen die Chance auf eine sinnvolle Berufsvorbereitung nicht. Sie  würden erst nach dem Zweiten Staatsexamen unsanft geweckt, wenn sie feststellen, dass sie auf den Richterberuf vorbereitet worden sind, aber mangels Alternativen den Anwaltberuf ergreifen müssten.

 

Take 14 (Julius)

Wenn jemand einen Schlossereibetrieb oder eine Bäckerei aufmacht, dann ist ihm vollkommen klar, dass er da Maschinen kaufen muss und dass er investieren muss. Und das scheint irgendwie für den Anwaltsberuf nicht zu gelten.

 

 

Autorin

Tobias Julius hat vor wenigen Monaten seine Zulassung als Rechtsanwalt erhalten.

 

Take 15 (Julius)

Da reicht das, wenn man sich einen Schreibtisch und einen Stuhl kauft und vielleicht noch ein paar Gesetzestexte. Und dann hat man eigentlich schon alles. Und dass man sich also auch durch solche Schulungen oder durch Fortbildung weiter qualifizieren kann oder sich überhaupt erst mal positionieren muss, dafür sind also die wenigsten bereit, Geld auszugeben.

 

 

Autorin

Tobias Julius hat nicht nur Jura studiert, sondern auch eine kaufmännische Ausbildung absolviert. Um sich als selbständiger Anwalt zu behaupten, ließ er sich etwas ganz besonderes einfallen. Er gründete einen Verein.

 

Take 16 (Julius)

Der Verein Leben ohne Schulden, LoS e.V., ist eine Insolvenzberatung, die im Wesentlichen Regelinsolvenzen und Privatinsolvenzen abwickelt. Das heißt, es gibt die gesetzliche Möglichkeit, dass sich ein Privatschuldner von seinen Schulden befreien lassen kann, wenn er sich also sechs Jahre wohl verhält, wohl, wie soll man sagen, Wohlverhalten an den Tag legt, ja. Und dazu bedarf es der Bescheinigung einer Restschuldbefreienden Stelle oder eben eines Rechtsanwalts oder Steuerberaters. Und wir können in dem Verein, in dem fast alle Mitglieder Rechtsanwälte sind, diese Bescheinigung entsprechend ausstellen.

 

 

Autorin

Das Büro konzentriert sich auf die Verbraucherinsolvenz, andere Rechtsberatung wird nicht angeboten.  Ein gutes Konzept, meint Tobias Julius. Trotzdem müssen seine Kollegen in Zukunft auf seine anwaltliche Mitarbeit verzichten. Denn er wurde Beamter in der Justiz, obwohl er kein Prädikatsexamen vorweisen konnte. Das kommt nur in Ausnahmefällen vor. Er hatte sich im Strafvollzug beworben, ein Bereich, der bei Juristen nicht besonders beliebt ist, der Julius aber schon lange interessiert. Seine Motivation und Kompetenz zählten mehr als Zensuren.

 

Musik Doldinger

 

Spr. v. Dienst  (im Nachrichtenton)

Jungen Anwältinnen und Anwälten fällt der Einstieg in das anwaltliche Berufsleben weiterhin schwer. Dies schließt die Bundesrechtsanwaltskammer aus einer von ihr erstellen jährlichen Statistik über die Zu- und Abgänge in den Anwaltsberuf. „Der Anteil der Berufsabbrecher ist gemessen an den Neuzulassungen (…)  beachtlich hoch. Dies bestätigt den Trend der Vorjahre“, so der Präsident der Bundesrechtsanwaltskammer Dr. Bernhard Dombek. Zurückzuführen ist diese Entwicklung nach Einschätzung des Anwaltspräsidenten auf die schwierigen wirtschaftlichen Startbedingungen.

 

Atmo 3 (Büro von Galen)

Telefon, männl. Stimme: Anwaltsbüro von Galen, Adler, guten Tag, ja, mmhh,

darauf

 

Take 17 (von Galen)

Es gibt einfach heutzutage sehr viele Anwälte, sehr viel mehr als noch vor 20 Jahren, so dass es einfach schwierig geworden ist, sich selbstständig niederzulassen nach dem zweiten bestandenen Examen, das wird so ohne weiteres nicht mehr möglich sein.

 

 

Autorin

Margarete Gräfin von Galen, Strafverteidigerin und ehrenamtlich Präsidentin der Berliner Rechtsanwaltskammer, sieht Probleme aber nicht nur bei den jungen Kollegen:

 

Take 18 (von Galen)

Was wir natürlich auch haben, sind Anwälte, die in Vermögensverfall geraten,  da gibt es auch eine zunehmende Zahl, das sind aber nicht unbedingt die jungen Kollegen, die vielleicht ein halbes oder ein Jahr tätig sind und dann plötzlich in Vermögensverfall geraten, das kann man nicht sagen, sondern in Vermögensverfall geraten sind häufig ältere Kollegen, die eben einen anderen Standard gewohnt sind und sich dann vielleicht auch teilweise verspekulieren auf der Basis ihres früheren Einkommens und plötzlich dann  merken, die Einkünfte gehen zurück, was dann unter Umständen zu Problemen führen kann. Im Bereich der jüngeren Anwälte können wir das nicht beobachten.

 

 

Autorin

Vermögensverfall bedeutet, dass ein Anwalt so hohe Schulden hat, dass er sie nicht mehr begleichen kann. In guten Zeiten ist er hohe Verpflichtungen eingegangen. Jetzt ist er nicht mehr in der Lage, das Geld zu erwirtschaften. Er hat sich nicht an den veränderten Markt anpassen können.

 

Take 19 (Heussen)

1987 hatten wir noch den klassischen Markt, dann hat das Urteil des Bundesverfassungsgerichts, das ja das Berufsrecht aus den Angeln gehoben hat, auch die Werbung erlaubt hat und so weiter, die Situation völlig geändert, die überörtliche Sozietät ist entstanden, das sind ja gerade 20 Jahre her, nicht mal ganz. In diesen 20 Jahren konnte sagen wir mal ein junges Büro, was 1973 gegründet ist, für uns war das eine Öffnung unserer Chancen, für andere sind die Chancen weniger geworden, das ist ganz klar.

 

 

Autorin

Benno Heussen, Vorstandsmitglied im Deutschen Anwaltverein, Autor zahlreicher Veröffentlichungen zum Thema Anwaltsmanagement, Honorarprofessor an der Universität Hannover und – vor allem –  Rechtsanwalt, seit 1973 in der eigenen Kanzlei. Auch für ihn ist das Denken als Unternehmer nicht von Anfang an selbstverständlich gewesen.

 

Take 20 (Heussen)

In dem Büro, wo ich gelernt habe, das war Gritschneder in München, da hat selbstverständlich auch kein Anwalt nur im Traum daran gedacht, über Honorare mit den Mandanten zu sprechen, das machte allenfalls der Bürovorsteher, und der machte auch die Rechnung. Die Anwälte haben sich mit Geld  nicht beschäftigt, weil auch genügend Aufträge da waren. Ich muss persönlich sagen, ich habe das immer sehr elegant gefunden und … das Honorargespräch fällt mir heute auch noch nicht leicht, geht vielen Kollegen so. In England ist es ja so, in alten Zeiten wurde das Geld hinten in die Robe gesteckt von den Mandanten, der im Gerichtssaal hinter dem Anwalt saß, damit der Anwalt, hatte drei Pfund genommen, hinten rein, je nachdem, wie gut der plädiert hat, viel oder wenig, ne. Und der Anwalt vorne hat gar nicht gemerkt, wie hoch sein Honorar ausfällt, der merkte nur, wie seine Robe immer schwerer wird. Das sind eigentlich die Zustände, die wir alle gerne wieder hätten. Aber leider Gottes sind wir nun Service-Unternehmer geworden, wenn auch, muss ich sagen, mit vorgehaltener Pistole. Aber wir müssen’s lernen.

 

 

Musik Doldinger, darauf

Atmo 4 (Filmausschnitt Liebling Kreuzberg)

Krug: Guten Tag, ich heiße Liebling und bin Rechtsanwalt und würde gern die Adresse von dem Gerichtsvollzieher Weidner haben.

Frau: Wozu wollen Sie die haben? Krug: Ich habe ein Urteil mit Vollstreckbarkeitsklausel. … Frau: Es gibt für die Vollstreckung bestimmte Zuständigkeiten. Und der für Britz kann nicht eben mal in Friedenau pfänden. Krug: Immerzu muss man was lernen, immerzu kommt was neues.

 

 

Autorin

Rechtsanwalt „Liebling Kreuzberg“ alias Manfred Krug aus der beliebten Anwaltsserie, die in den 1980er und 90er Jahren in der ARD ausgestrahlt wurde, hat seine liebe Mühe mit dem Beruf. Seine Fälle hatten hohen Unterhaltungswert. Aber auch im richtigen Leben gibt es merkwürdige Geschichten.

 

Take 21 (Enners)

Der Kaffeedieb, der mit Vorliebe immer in die Kaffeehäuser ging, Kaffee klaute und es auch so machte, dass er sofort erwischt wurde.

 

 

Autorin

Strafverteidiger Friedhelm Enners erzählt die Geschichte eines Mandanten, der immer wieder Kaffee klaute.

 

Take 22 (Enners)

Er stellte sich regelrecht vor die Überwachungskameras, einzig und allein mit dem Ziel, zu Beginn des Winters inhaftiert zu  werden, damit er dort in der Haftanstalt erst mal den vertrauten Rahmen wieder hatte, er die bestimmten Personen wieder mit denen verkehren konnte, entsprechende Ärzte ihn behandelt haben, und er dort in der Haftanstalt auch weil er als Hausarbeiter dort sehr beliebt und anerkannt war, dann seine Bestätigung gefunden hat.

Er kam immer zu uns, jahrelang kann man sagen, und war manchmal richtig enttäuscht, in einem Verfahren, da hat er zwei Monate bekommen und dann ganz empört gesagt, das ist mir zu wenig. Und man musste ihn darauf hinweisen, dass er letztlich sich nicht gegen ein Urteil wenden kann mit der Begründung, das Urteil sei zu milde.

 

 

Autorin

Das ist auch sicher nicht die Regel. Ganz anders zum Beispiel war es im Fall eines Mandanten, der wegen Steinwerfens bei der Randale am 1. Mai vom Amtsgericht zu zwei Jahren Freiheitsstrafe verurteilt wurde. Die Staatsanwaltschaft legte Berufung ein, weil sie das Strafmaß zu niedrig fand. Es kam nun zur Gerichtsverhandlung vor dem Landgericht.

 

Atmo 5 (Kriminalgericht Moabit)

Straßengeräusche, vor dem Gerichtsportal, Enners: dort oben steht  Kriminalgericht, das ist das hier für Berlin zentral zuständige Strafgericht, hier in dem Gebäude ist sowohl das Amtsgericht als auch das Landgericht untergebracht, die Staatsanwaltschaft sitzt ebenfalls hier, es ist hier das größte deutsche Gericht.

Straßengeräusche

darauf

 

 

Autorin

Das Kriminalgericht Moabit wird durch eine Schleuse betreten, Besucher, Schöffen und Zeugen werden kontrolliert. Nur die Richter, Staatsanwälte, Rechtsanwälte und Justizangestellten dürfen den Diensteingang benutzen.

 

Atmo 6 (Moabit Eingangshalle)

Hall, Schritte, Aktenwagen, Stimmen, Treppensteigen

unter den Text

 

Autorin

In der mächtigen Haupthalle, in der drei riesige Steintreppen münden, fühlt sich jeder Angeklagte und jeder Zeuge gleich ganz klein, was durch die wilhelminische Bauweise wohl auch bezweckt werden sollte – Kurt Tucholsky hat das eindrucksvoll beschrieben. Friedhelm Enners geht ins Anwaltszimmer, gibt seinen Mantel ab, nimmt seine Robe und begibt sich zum Sitzungssaal.

 

Take 23 (Enners und Oberstaatsanwalt)

Enners: Sie sehen da bereits schon den Gegner, den Herrn Oberstaatsanwalt, der Abteilungsleiter der Abteilung 81, ist der Sitzungsvertreter der Staatsanwaltschaft, mit dem werde ich mich nun duellieren müssen. Aber ein sehr fairer und juristisch qualifizierter Kollege, guten Morgen. OSTA: Habe die Ehre. Enners: es geht um eine Strafmaßberufung der Staatsanwaltschaft, betrifft einen Vorfall vom 1. Mai 2003.

 

 

Autorin

In der ersten Instanz war der Angeklagte zu 2 Jahren ohne Bewährung verurteilt worden, was der Staatsanwaltschaft nicht ausreichte. Sie hatte drei Jahre und neun Monate beantragt.

 

Take 24 (Enners)

Eine Strafe, die bei den erheblichen, erheblichen Vorbestrafungen, die der Angeklagte in dem Register zu verzeichnen hat, mehr als sachgerecht und noch als milde anzusehen ist. Die Tatvorwürfe, die vom Gesetz her schon mit einer Mindeststrafe von sechs Monaten bedroht sind, von denen er mehrere begangen hat bei seinen Tatausführungen, das heißt, mit Steinen auf Menschen geworfen, was ein besonders gefährlicher Umstand ist, darüber hat der Herr Verteidiger tunlicherweise nichts gesagt, was ich aus seiner Position heraus durchaus nachvollziehen kann …

 

unter den Text und ausblenden

 

Autorin

So ging es noch eine ganze Weile weiter, Plädoyers auf dem Gerichtsflur, bevor die Verhandlung überhaupt begonnen hatte.

 

darauf

Atmo 7  (Gerichtsflur)

Hall, Türen, Schritte, Saalwachtmeisterin: In der Strafsache H… die Prozessbeteiligten bitte.

 

Autorin

Das Gericht ließ sich schließlich von der Argumentation des Verteidigers überzeugen, die Strafe von zwei Jahren ohne Bewährung wurde nicht, wie der Staatsanwalt es gern gesehen hätte, erhöht.

Friedhelm Enners ist seit knapp 25 Jahren Strafverteidiger. Am liebsten vertritt er Mandate aus dem Bereich der Kapitaldelikte, also Mord, Totschlag, und andere Angriffe auf das Leben und die körperliche Unversehrtheit. Diese Delikte seien von der juristischen Palette her am interessantesten.

 

Take 25 (Enners)

Es gibt einfach so viele Nebengebiete, die man da beherrschen muss, die forensische Psychiatrie zum Beispiel, die Frage der Schuldfähigkeit, die Strafzumessungsdogmatik ist hoch interessant, in der Regel sind es ja Strafzumessungsverteidigungen, weil meistens schon feststeht, dass letztlich der Angeklagte auch das Tötungsdelikt begangen hat. Wie er denn bestraft wird, ist das interessante bei dem großen breiten Strafrahmen, der auf ihn zukommt. Es gibt im Sachbeweis sehr interessante Sachen, der Ballistik beim Schusswaffengebrauch, es gibt viele Nebengebiete, die einem da einfallen, die man beherrschen muss und dann austragen muss.

 

Atmo 8 (Gerichtsflur im Kriminalgericht)

Hall, Schritte, Stimmen, Saalwachtmeister: In der Strafsache O…, die Prozessbeteiligten bitte eintreten!

 

 

Autorin

In diesem Prozess wird ein Streit um 100 Euro verhandelt, der mit einem Toten endete. Zwei Männer sind wegen Totschlags angeklagt. Friedhelm Enners und seinem Verteidigerkollegen gelingt es, das Gericht davon zu überzeugen, dass die Angeklagten in Notwehr handelten.  Der Prozess endet mit Freispruch. Ein Erfolg für die Verteidigung.

 

Take 26 (Enners)

Seine Erfolge darf man nicht verschweigen, man lebt ja davon, dass man auch durch seine gute Arbeit weiter empfohlen wird. Für den Strafverteidiger ist es genau so wichtig, nach außen zu gehen und sich zu präsentieren.

 

 

Autorin

Das sieht auch Kollege Ulrich Voget so, der mit Friedhelm Enners und einem dritten Anwalt seit vielen Jahren in einem Büro in Berlin-Neukölln zusammenarbeitet.

 

Take 27 (Voget)

Wir decken ab durch die drei Fachanwälte jeweils eine Spezialität, einer macht Strafrecht, Fachanwalt für Strafrecht, ich mache Fachanwalt für Arbeitsrecht, und der dritte macht Fachanwalt für Familienrecht. Und darüber hinaus decken wir einzelne damit zusammenhängende Gebiete ab, also Arzthaftungsrecht, Wohnungseigentumsrecht und außerdem noch anwaltliches Berufsrecht. Und Immobilienrecht.

 

 

 

 

Autorin

Eine Mischung, die bisher sehr gut funktioniert hat. Aber auch für diese Kanzlei ist es schwieriger geworden. Man muss mehr tun, als nur die Fälle abarbeiten, um das Büro am laufen zu halten.

 

Take 28 (Voget)

Aus der Ecke der Europäischen Union kommen eben Bestrebungen, den Anwaltsberuf viel stärker als Dienstleister, der in Konkurrenz zu anderen Dienstleistern steht, zu entwickeln, Und wenn man das zugrunde legt, muss der Anwalt sich am Markt behaupten und muss auch entsprechende Maßnahmen treffen.

Wir versuchen, in die Öffentlichkeit zu gehen und auch as Motto umzusetzen, tue was Gutes und rede drüber und nicht davon zu schweigen, wie wir es klassisch früher gemacht haben. Aber so eine Entwicklung ist ein weiter Weg.

 

 

Autorin

Zumal es nicht einfach sei, gegen ein falsches Anwaltsbild in der Öffentlichkeit anzukämpfen, sagt Voget.

 

Take 29 (Voget)

Ich denke, dass viele Anwälte mit dem, was sie leisten, nicht korrekt wahrgenommen werden, weil auch Erwartungen sehr verschiedenartig sind. Und ich denke, dass auch überzogene Vorstellungen sind, was die Anwälte angeblich für ein Geld verdienen, und dass das auch dem Berufsstand im Moment jedenfalls nicht gerecht wird, jedenfalls wenn man sich die Statistiken anguckt, die von der Bundesrechtsanwaltskammer erstellt wurden, die doch erheblich weniger ausgewiesen haben, als alle gedacht haben.

 

 

Spr. v. Dienst  (im Nachrichtenton)

Allensbacher Berichte. Institut für Demoskopie.

Der Arztberuf genießt in Deutschland seit langer Zeit ganz besonderes Ansehen. An zweiter Stelle auf der Liste hoch angesehener Berufe steht der Beruf des Pfarrers, dem von 39 Prozent der Bevölkerung ein ganz besonderes Ansehen attestiert wird. Die Berufe des Hochschullehrers und des Unternehmers rangieren an dritter und vierter Stelle auf der aktuellen Allensbacher Berufsprestige-Skala.

 

Autorin

Und direkt dahinter kommt schon der Rechtsanwalt. Das ist doch gar nicht so schlecht, deutlich im oberen Drittel.

 

Take 30 (Voget)

Beliebt ist der Beruf vielleicht bei denen, die sagen, ich würde ihn gerne ausüben, in dem Sinne hat er ein gutes Sozialprestige, aber konkret, wenn man Gespräche in der Bevölkerung mitkriegt, wird der Anwalt nicht gut behandelt oder nicht gut angesehen. Oder auch durch entsprechende Publikationen wird der Beruf ja auch schlecht geredet. Jeder Anwalt ein Betrüger und ähnliches, was ja auch manchmal so in der Öffentlichkeit kolportiert wird. Deshalb denke ich, das Sozialprestige abstrakt ist gut, aber so konkret wird sehr viel negativ doch auch geredet.

 

 

Musik Doldinger

 

Atmo 10 (Filmausschnitt Edel und Starck)

Felix: Ängste, Phobien, Depressionen, jeder zweite … jede zweite alleinstehende Frau leidet darunter. Sandra: Nur die Frauen? Felix: ist doch ganz klar, Frauen können nicht allein sein, das ist genetisch bedingt. Sandra: Ach, ich vergaß die Steinzeit, die Frauen saßen immer zusammen um das Feuer, während die Männer alleine gegen die Tiere und Unwetter gekämpft haben. Stimmts? Felix: Stimmt. Sandra: Falsch, Felix, es weiß doch jeder, dass Männer nicht alleine sein können. Felix: Die Zahlen sprechen aber dagegen. Sandra: Frauen reden eben über ihre Probleme, während Männer so lange saufen, bis sie’s vergessen haben. Deswegen sind sie statistisch nicht erfasst.

 

 

Autorin

Anwältinnen und Anwälte in Fernsehserien erfreuen sich ohne jeden Zweifel großer Beliebtheit. Zum Beispiel die schlagfertige Sandra Starck von SAT 1 mit ihrem Partner und Konkurrenten Felix Edel. Oder der schnodderige, faule Frauenheld Robert Liebling aus der ARD:

 

 

Atmo 9 ( Filmausschnitt Liebling Kreuzberg)

Krug: Um es noch mal ganz deutlich zu sagen, ich brauche jemanden, der meine Arbeit erledigt, und zwar im Gegensatz zu mir gewissenhaft und schnell. Anwalt: Und gern? Krug: Gewissenhaft, schnell und gern. Anwalt: Das ist genau das, was ich suche. Telefonklingel.

 

Take 31 (Erler)

Sie meinen Liebling Kreuzberg, ja, das ist aus der Vergangenheit, das ist was ganz feines gewesen, das hat viel Spaß gemacht.

Nein, das entspricht nicht dem  Anwalt. Mein Anwaltsbild ist ganz anders, doch mehr der arrogante Anwalt. Liebling Kreuzberg war ja doch mehr was legeres, lustiges. – Und Edel und Starck? – Ja, auch mit platten Alltagsproblemen, aber  unterhaltsam, nett. Ich glaube aber nicht, dass es dem Bild entspricht, kann ich mir nicht vorstellen.

Also ich finde sie sehr arrogant, muss ich dazu sagen, ich glaube, man kann sie doch sehr deutlich erkennen aufgrund ihrer Haltung und ihres äußeren Erscheinungsbildes.  Ich traue es mir zu. Der graue Anzug. Das Kostüm bei Damen. Man spottet das so. Ich glaube, da ist auch was dran.

 

 

Autorin

Christina Erler hat ihre ganz speziellen Erfahrungen mit Rechtsanwälten gemacht. Sie fühlte sich in einem Versicherungsfall nicht gut vertreten und wurde in ihrem Vorurteil gegen Anwältinnen und Anwälte bestätigt.

Einen ganz anderen Fall erlebte Ivo Splitt:

 

Take 32 (Splitt)

Da bin ich wirklich durch die Anwaltschaft gelaufen, da konnte mir keiner helfen. Und zwar war es noch zu DDR-Zeiten, und dich hatte einen Verkehrsunfall mit tödlichem Ausgang mit einem russischen Soldaten in der DDR. Damals waren da noch in Dallgow Döberitz da waren Kasernen der Russen, und da sind mir im Dunkeln zwei, wie sich später rausstellte, angetrunkene Soldaten der Sowjetarmee vors Auto gelaufen. Und dann brauchte ich einen Anwalt.

 

 

Autorin

Ivo Splitt musste mit der Tatsache fertig werden, einen Menschen totgefahren zu haben. Das allein dauerte Jahre. Um für sein schrottreifes Auto Ersatz zu bekommen, musste er gegen die DDR-Bürokratie ankämpfen, die den Fall einfach totschwieg. Jedenfalls erhielt Ivo Splitt weder am Unfallort noch an der DDR-Grenze irgendwelche Papiere oder Protokollnotizen. Man tat so, als habe der Unfall nie stattgefunden.

 

Take 33 (Splitt)

Kein Anwalt wusste so richtig, wie er daran gehen kann. Zu kompliziert, und ein Russe, und in der DDR, und dann auch noch mit einem Westberliner, also alles ganz schwierig. So blieb ich da auf der Strecke.

 

 

Autorin

Kein Anwalt konnte ihm helfen. In anderen, weniger spektakulären Fällen sah es dann anders aus.

 

Take 34

Es gibt gute Anwälte, es gibt schlechte Anwälte, es gute Ärzte, es gibt schlechte Ärzte. Es gibt gute Piloten, es gibt schlechte Piloten. Das ist ganz individuell. Also ich denke, dass einige Sachen, die Anwälte für mich getan haben, hätten besser laufen können, aber ich war noch nie so sauer über einen Anwalt, dass ich sagen würde, dem gehört jetzt die Lizenz entzogen oder der ist nun völlig unfähig, und deshalb müsste ich zur Anwaltskammer rennen, nee, das hatte ich noch nicht.

 

 

Autorin

Ein ganz besonderes Verhältnis Anwalt-Mandant entsteht zwischen dem Strafverteidiger und dem inhaftierten Angeklagten. Der Besuch in der Untersuchungshaftanstalt gehört zum Berufsalltag des Verteidigers.

 

Take 35 (Enners)

Man muss natürlich Mandanten nicht nur dort zur Besprechung aufsuchen, sondern auch betreuen, es gibt ja auch viele andere Dinge da zu regeln, Wohnungsauflösung, einfach die Herstellung des Kontaktes zur Außenwelt, also da ist eine regelmäßige Betreuung in der Untersuchungshaft schon sehr wichtig.

 

 

 

Autorin

Aber auch der Strafgefangene braucht mitunter einen Anwalt. Rechtsanwalt Friedhelm Enners an der Pforte der Justizvollzugsanstalt Tegel, der größten Anstalt Deutschland, in der etwa 1700 Männer ihre Strafe verbüßen.

 

Atmo 11 (JVA Tegel Pforte)

Enners: Jetzt müssen wir erst mal unsere Ausweise hinterlegen (Geräusche Kontrolle) Jetzt bekommen wir eine Passierkarte, damit können wir uns legitimieren und belegen, dass wir keine Inhaftierten sind, und werden dann wahrscheinlich auch wenn wir raus wollen aus der Anstalt entlassen… Beamter: Waffen, Drogen, Alkohol Enners: alles geben wir jetzt ab, besonders die Handys, nehmen wir uns ein Fach, alles sehr gut organisiert, (Geräusch Schleusentor)

darauf

 

 

Autorin

Die Justizvollzugsanstalt Tegel wurde am Anfang des 20. Jahrhunderts in Betrieb genommen. Neben den alten ehemaligen Zuchthausgebäuden, die immer noch in Betrieb sind, gibt es moderne Bauten, vor allem für die Gefangenen, die viele Jahre in Tegel verbringen müssen. Wie der Mandant von Verteidiger Enners.

 

Atmo 12 (JVA Tegel Anstaltsgelände)

(Beamter kommt, Schlüsselklappern) Guten Morgen, Teilanstalt 5, (Schlüssel),

Enners: Jetzt werden wir hier abgeholt. Wir können uns nicht alleine hier bewegen,

jetzt werden wir durch geschlossen zur TA 5, (Schlüssel), Hier sind die Langzeitgefangenen untergebracht, die Lebenslänglichen, hier ist die SV-Station, die Sicherungs- und Verwahrstation. (Schlüssel)

Beamter: Herr Passagier, holen Sie mir bitte Herrn Teske! Der muss hinten sein, hinten in der Wäscherei.

 

 

Autorin

Reinhold Teske sitzt seit 22 Jahren hinter Gittern. Er will jetzt einen Wellensittich haben.

 

Take 36 (Teske)

Also für mich ist wichtig, weil ich wahrscheinlich zu 95 Prozent nicht mehr rauskomme, ich habe lebenslänglich, Schwere der Schuld und SV für Raubmord, Sicherungsverwahrung, und zwar weil ich die Tat im Urlaubsüberzug gemacht. Ich habe den Urlaub missbraucht und den Raubmord begangen. Jetzt habe ich hier eine Vollzugskonferenz gehabt, und da wurde mir schon klar, dass ich zu 95 Prozent keine Chance habe und wollte daher, da ich auch hier in einem Wohngruppenvollzug bin, hätte ich gerne einen kleinen Vogel gehabt, einen Wellensittich. Ich tue hier arbeiten von morgens halbfünf bis abends sechse in der Wäscherei hier, Anstaltswäscherei, Privatwäsche. Und habe an den Anstaltsleiter einen Antrag gestellt, dass er mir einen Wellensittich aushändigt. Aufgrund meiner Strafsituation, dass ich ja nichts bekommen kann, Ausgänge etc. hat man mir abgelehnt. Da bin ich bis vors Kammergericht gegangen, und die haben auch abgelehnt. Und dadurch habe ich natürlich hin und wieder Herrn Enners benötigt, um zu fragen, wie die Situation aussieht. Für mich hier in Tegel mit dem Vogel oder aber was mich noch betrifft, wenn ich mal Schwierigkeiten hier in der Anstalt habe. Dann muss man doch mal hin und wieder einen Anwalt haben, weil man ohne Anwalt denn nicht auskommt. Weil man sonst übern Leisten gezogen wird.

 

 

Autorin

Der Wellensittich wurde abgelehnt wegen Lärmbelästigung und wegen Versteckmöglichkeiten im Drahtkäfig. Anwalt Enners will es weiter versuchen, notfalls bis zum Bundesverfassungsgericht gehen. Immerhin gebe es schon Entscheidungen anderer Oberlandesgerichte, die einen Vogel im Strafvollzug erlauben.

 

Take 37 (Teske, Enners)

Wie draußen alles runtergeht, merkt man ja hier im Knast als erster, wie die Stimmung auch absinkt.

Enners: Wiedersehen Herr Teske, Teske: Tschüss Herr Enners, Wiedersehen.

 

 

Musik Doldinger

 

Atmo 13  (Regionalbahn)

darauf:

Autorin

Plettenberg im Sauerland erreicht man mit der Regionalbahn von Hagen nach Siegen.

wieder hochziehen:

Atmo 13 (Regionalbahn)

Lautsprecherstimme: Nächster Halt ist Plettenberg, Stimmen, Geräusche

 

Darauf:

Take 38 (Dilthey)

Ich habe mich vor ca. 22 Jahren selbständig gemacht, nachdem ich vorher ein Jahr bei einem Kollegen hier in Plettenberg gearbeitet habe.

Ich bin Einzelanwalt und vertrete somit im Prinzip alle Rechtsgebiete, muss allerdings einschränkend dazu sagen, Steuerrecht ist eine Sache, die ich grundsätzlich ablehne. Aber ansonsten wie ich glaube, dass es die meisten Einzelanwälte so machen, mache ich vom Verkehrsunfall über die Scheidung bis zu Strafrecht alles.

 

 

Autorin

In einer Kleinstadt – Plettenberg hat etwa 30 000 Einwohner, könne sich ein Einzelanwalt nicht spezialisieren, meint Armin Dilthey.

 

Take 39 (Dilthey)

Anwälte in der Kleinstadt müssen alles machen, aus wirtschaftlichen Gründen, das heißt, sie müssen nicht alles machen, aber sie müssen alle Rechtsgebiete vertreten. In der Großstadt gibt es die Spezialisierung. Und in großen Kanzleien machen manche Anwälte nur Familienrecht und da nur Unterhalt. Und das kann ein Einzelanwalt sicherlich nicht leisten.

 

 

Autorin

Die Probleme in der Kleinstadt sind nicht viel anders als in Berlin, München, Frankfurt oder Düsseldorf.

 

Take 40 (Dilthey)

In Plettenberg waren zu dem Zeitpunkt, als ich mich niedergelassen habe, vor ca. 22 oder 23 Jahren 9 Anwälte tätig, und wir sind heute meines Wissens 24 Anwälte. Die Jungkollegen haben immer das Problem erst einmal überhaupt auf den Markt zu kommen. Es dauert etwas, bevor überhaupt der Name bekannt ist, das habe ich selber vor 20 Jahren erfahren müssen. Ich bin inzwischen solange hier, dass mich das an sich nicht so stört, dass ein paar Kollegen mehr da sind als vor einigen Jahren. Aber grundsätzlich ist das Geschäft sicherlich genau wie in Berlin und in jeder anderen Stadt auch für den Anwalt schwieriger geworden. Hinzu kommt noch, dass ein anderes Rechtsberatungsgesetz verabschiedet worden ist, wonach die Chancen für die Anwälte sicherlich nicht größer werden.

 

 

Autorin

Armin Dilthey ist in Plettenberg aufgewachsen. Er studierte in Bonn und absolvierte seine Referendarzeit in Bremen. Er lernte die Vorzüge größerer Städte gegenüber der Provinz schätzen, vor allem auf kulturellem Gebiet. Eigentlich wollte er nie wieder nach Plettenberg zurückgehen.

 

Take 41 (Dilthey)

Dies ist dann durch einen, ja, glücklichen, unglücklichen Zufall trotzdem so geraten, nachdem ein Kollege hier in Plettenberg einen jungen Anwalt suchte und ich die Stelle angenommen habe. Und dann bin ich so in meiner Heimatstadt wieder hängen geblieben.

 

 

Autorin

Bereut hat er es aus beruflicher Sicht nicht.

 

Take 42 (Dilthey)

Ich sehe für die Arbeit sehr große Vorteile in einer Kleinstadt. Ich kenne hier alle Kollege, ich kenne die Richter, ich kenne die Rechtspfleger, mit denen ich zu tun habe. Das  heißt, wenn ich mit einem Kollegen telefoniere, ob ich mich auf ihn verlassen kann, ob ich gewisse Sachen mit ihm absprechen kann oder nicht. Das ganze Verhältnis hier in einer Kleinstadt ist sicher kollegialer unter den Anwälten und auch im Verhältnis zu den Richtern, als es in einer Großstadt überhaupt sein kann, weil man da eben bei der Vielzahl der Kollegen die Kollegen gar nicht alle kennen kann, mit denen man zu tun hat. Deshalb ist das Arbeiten in einer Kleinstadt sicherlich für einen Anwalt angenehmer als in einer Großstadt.

 

 

Autorin

Manchmal aber auch nicht. Zum Beispiel, wenn man nach einem heftigen Rechtsstreit  am nächsten Tag den Gegner des Mandanten, den man ja seit Jahren gut kennt,  auf der Straße trifft.

 

Take 43 (Dilthey)

Das kann sicherlich manchmal unangenehm sein, aber da muss man dann drüber stehen und muss selbstbewusst sein, um das Händeln zu können.

 

 

Autorin

Das kann Armin Dilthey. Selbst, als ihn abends beim Feierabendbier in der Kneipe ein Bekannter in komplizierten Rechtsfragen um Rat bittet und ihn einfach nicht in Ruhe lässt, behält er die Contenance und schlägt in aller Gelassenheit vor: „Ruf doch bitte im Büro an und mach einen Termin. Dann besprechen wir das Problem in aller Gründlichkeit.“

 

Atmo 14 (Filmausschnitt Liebling Kreuzberg)

Krug: Guten Tag, Herr Kollege, seien Sie nicht böse, dass ich Sie vorhin für einen Klienten gehalten habe. …

 

 

Autorin

Liebling Kreuzberg ist auch in Plettenberg bekannt.

 

Take 44 (Dilthey)

Also ich fand die Serie sehr amüsant, aber es entspricht sicher nicht der Wirklichkeit, ich nehme an, das wird so ähnlich sein wie bei den Arztserien, die gezeigt werden, dass die genauso wenig der Wirklichkeit entsprechen wie diese Serie und viele andere Anwaltsserien.

 

 

Autorin

Hier allerdings täuscht sich Armin Dilthey. Jurek Becker, der Autor des Drehbuchs, hat nämlich sehr gründlich in Berliner Anwaltsbüros recherchiert.

 

 

Take 45 (Grönheit)

Er hat praktisch eine Materialsammlung gemacht, und aus unserer Arbeit hier in der Hasenheide sind auch später viele Fälle verfilmt worden.

 

 

Autorin

Udo Grönheit ist seit 30 Jahren Anwalt in Berlin.

 

Take 46 (Grönheit)

Das waren teils Strafsachen, aus dem Wehrrecht ist auch ein Fall gewesen, es gab ein Raubverfahren, das verfilmt worden ist. Es war zum Beispiel auch ein Fall darunter, den ich auch persönlich noch in guter Erinnerung habe, wo es einfach darum ging, dass einer meiner türkischen Mandanten nicht auf dem Schlachthof arbeiten wollte und Schweinedärme säubern wollte, weil er als Muslim da ablehnende Gefühle dazu hatte. Und dieser Prozess ist wirklich, muss ich sagen, später in einem Film dann umgesetzt worden. Ich weiß auch diese Geschichte, dass mal ein Mietprozess war, in dem der Vermieter willkürlich die Wohnung leer geräumt hatte und dann alle aus dem Büro losgezogen waren und die Sachen wieder hoch getragen haben, das war auch so etwas, was in so einem Film dann wieder gegeben worden ist.

 

 

Autorin

Auch Robert Liebling, den schnodderigen Anwalt, der nicht immer gern arbeitet, dafür  aber manchmal außergewöhnliche Lösungen für seine Fälle findet, kann sich Udo Grönheit als reale Figur vorstellen.

 

Take 47 (Grönheit)

Ich bin auch so ein Mensch, der gern einen Umweg geht, wenn dieser Umweg schön ist. Also durchaus noch mal den Umweg durch den Park geht, wenn die Sonne scheint, oder noch mal auf dem Weg zur Sprechstunde bin, und ich weiß, da sitzen schon Leute im Wartezimmer, mich noch mal ein Viertelstündchen ins Café setze, da was trinke, um durchzuatmen. Ich kenne eine ganze Reihe von Kollegen, die so oder ähnlich drauf sind.

 

 

Autorin

Und wie ist es um die Seriosität bestellt? Liebling lässt manchmal fünfe gerade sein. Entspricht auch das dem realen Anwaltsbild?

 

Take 48 (Grönheit)

Ein Anwalt, der als Moralapostel durch die Gegend läuft, ist zumindest in einem Stadtteil wie in Kreuzberg fehl am Platze, was nicht heißt, dass der Anwalt sich nicht ans Gesetz halten muss.

 

 

Autorin

Udo Grönheit erinnert sich an eine Begebenheit aus seiner eigenen Anwaltsgeschichte. Damals verteidigte er einen Mandanten vor dem Amtsgericht in Hamm/Westfalen.

 

Take 49 (Grönheit)

Da war ein Mandant von mir angeklagt, Schallplatten gestohlen zu haben. Ich war damals noch ein ganz junger Anwalt, und mein Mandant war kaum jünger als ich. Die Geschichte lag dann schon anderthalb Jahre zurück, und wir hatten uns überlegt, die erkennen den doch gar nicht wieder. Aber wenn er dort auf der Anklagebank sitzt, dann wird natürlich die Zeugin sagen, der war das. Da hatte ich dem Mandanten dann vorher gesagt, als wir ins Gerichtsgebäude rein gegangen sind, hier, nehmen Sie meine Aktentasche und nehmen Sie meine Robe, und ich  gehe neben Ihnen her. Jetzt  kamen wir vor den Gerichtssaal, da saß die Belastungszeugin mit dem Ehemann, sie stieß den Ehemann mit dem Ellbogen in die Seite, zeigte auf mich und sagte, der ist es.

 

 

Autorin

Im Saal durfte der Mandant die Robe zwar nicht anbehalten. Aber immerhin erlaubte ihm die Richterin, sich neben seinen Verteidiger zu setzen.

 

Take 50 (Grönheit)

Dann wurde im Laufe des Prozesses die Zeugin hereingerufen und sah uns jetzt beide da nebeneinander sitzen. Da war sie so verwirrt und als sie dann gefragt wurde, wer ist es denn nun, sagte sie, das wisse sie nicht. Aufgrund dieser sehr überraschenden Situation wurde das dann ein Freispruch.

 

 

 

 

 

Autorin

Udo Grönheit ist Strafverteidiger, hat über die Jahre Tausende junger Menschen vertreten, die nicht zur Bundeswehr wollten, außerdem ist er versiert im Ausländer- und Asylrecht.

Das Anwaltsbüro wurde 1974 von ihm, einer Kollegin und einem Kollegen gegründet.

 

Take 51 (Grönheit)

Wir waren ein Anwaltskollektiv, so nannten wir uns damals. Und wenn ich es richtig in Erinnerung habe, waren wir auch das einzige Anwaltskollektiv, das die übrigen im Anwaltsbüro arbeitenden mit einbezogen hat. Also zum Beispiel verwirklicht hat, dass die Bezahlung nicht nach der Leistung in Anführungsstrichen, sondern nach dem Bedarf erfolgte. Es wurde jedem nach seinem Bedarf hier in diesem Büro bezahlt, und  das ist auch über einen Zeitraum von einem guten Jahrzehnt so gelaufen.

 

 

Autorin

Udo Grönheit denkt gern an die alten Zeiten zurück, an die Zeiten des politischen Aufbruchs. Überschüsse, die erwirtschaftet wurden, steckte das Anwaltskollektiv in Projekte, die es für sinnvoll hielt: zum Beispiel ein Stadtteilzentrum, in dem sich Bürgerinnen und Bürger kostenlosen Rat in gesundheitlichen und rechtlichen Fragen holen konnten.

Heute hat sich die wirtschaftliche Situation insgesamt verändert. Die vielen Neuzulassungen in der Anwaltschaft und die knapperwerdenden Finanzen wirken sich auch auf die Arbeit des Strafverteidigers aus.

 

Take 52 (Grönheit)

Ich denke, dass ich intensiver über die Finanzierung der Verteidigung nachdenke und das auch mit den Mandanten intensiver bespreche, als ich das früher gemacht habe. Früher ging das eigentlich mehr oder weniger automatisch, die gesetzlichen Gebühren, jetzt muss ich mir einfach überlegen, ist das ein Fall für eine Honorarvereinbarung, um die nötigen Kosten für das Büro rein zubringen. Also das spielt in die ganze Arbeit hinein.

 

 

Musik Doldinger

Atmo 15 (Büro Ossmann)

Telefonklingel, Angestellte: Rechtsanwältin Ossmann und Partner, Lindner, guten Tag. Ja, muss ich mal in den Kalender schauen, kleinen Augenblick bitte.

 

darauf:

 

Take 53 (Ossmann)

Dadurch, dass wir seit 20 Jahren dabei sind und ich von Anfang an Familienrecht gemacht habe und dann eben ausschließlich Familienrecht, aufgrund meiner Arbeit und aufgrund der Propaganda habe ich immer viel zu tun und genug zu tun.

 

 

Autorin

Heidrun Ossmann ist Fachanwältin für Familienrecht.

 

Take 54 (Ossmann)

Das bedeutet, dass man eben speziell geschult wird. Ich habe vor 10 Jahren genau meine Ausbildung gemacht und zwar spezielle Kurse dafür gemacht und eine Prüfung abgelegt. Ich beschäftige mich seitdem, also seit 10 Jahren ausschließlich mit dem Familienrecht. Da ich eine der ersten Anwältinnen überhaupt in Berlin war als Fachanwältin für Familienrecht habe ich einen enormen Andrang gehabt am Anfang, konnte der Arbeit gar nicht mehr Frau werden sozusagen. Und das hat sich bis heute auch so gehalten, bin ich sehr zufrieden mit.

 

 

Autorin

Vor allem Frauen lassen sich von Heidrun Ossmann in ihren Familienkonflikten beraten.

 

Take 55 (Ossmann)

Weil sich Frauen auch sehr häufig eine Anwältin aussuchen, es geht ja gerade in diesen familienrechtlichen Fällen um ganz intime Probleme, und da haben die meisten Frauen mehr Vertrauen zu einer anderen Frau und können auch viel besser alles erzählen. Und viele Frauen sind der Auffassung, dass andere Frauen oder Anwältinnen einfühlsamer sind und auch oftmals besser zuhören können.

 

 

Autorin

Wenn sich Paare trennen, die Kinder haben, wird es besonders schwierig.

 

Take 56 (Ossmann)

Bei den Kindern ist erst mal meine Rolle eine andere, da habe ich eine vermittelnde Position, wenn es um die elterliche Sorge geht, wenn es um das Umgangsrecht geht, es gibt ja mittlerweile auch den Anwalt des Kindes in Form des Verfahrenspflegers. Bei den Kindern geht es in der Regel darum, man muss das Wohl des Kindes im Kopf und im Auge behalten, und zwar muss man prüfen, wo sind die Kinder nach der Trennung am besten aufgehoben, wer kann den Kindern am besten Stabilität vermitteln, und das muss eben geprüft werden in diesem Verfahren.

 

 

Autorin

Die Kinder werden auch vor Gericht gehört, was oft sehr belastend für sie ist und eine besondere Sensibilität von allen Beteiligten erfordert. Kinder, die älter als 14 Jahre sind, haben ein entscheidendes Mitspracherecht, dann kommt es in erster Linie auf den Willen des Kindes an.

Heidrun Ossmann arbeitet in einer Sozietät mit zwei weiteren Anwälten.

 

Take 57 (Geimicke)

Wir hatten ganz zu Anfang, als wir angefangen haben, den Anspruch, dass jeder alles bearbeitet, mussten dann aber feststellen, dass das nicht zu halten war, und dann ist uns ja die Fachanwaltsordnung auch entgegengekommen, dann haben wir uns nacheinander spezialisiert, das heißt, mein Kollege ist Fachanwalt für Arbeitsrecht geworden, meine Kollegin Fachanwältin für Familienrecht, und ich habe nacheinander erst den Fachanwalt für Sozialrecht gemacht, und dann, der Fachanwalt ist sehr viel später erst gekommen, bin ich auch noch Fachanwalt für Strafrecht geworden.

 

 

Autorin

Dem Büro geht es gut. Auch die veränderte Situation auf dem Anwaltsmarkt hat sich in diesem Büro noch nicht negativ ausgewirkt, das bestätigt Strafverteidiger Jörg Geimecke eben so wie sein Partner, der Arbeitsrechtler Kai Jensen.

 

Take 58 (Jensen, Geimecke, Ossmann)

Jensen: Ich meine schon, dass wir alle von Anfang an vollbeschäftigt waren und sich daher die Veränderung auf dem Markt für uns nur sehr mittelbar negativ ausgewirkt  haben. Das lässt sich noch ganz gut verkraften. Ich sehe den allergrößten Vorteil in dieser Konstellation hier so etwa unter dem Motto „small is beautiful“ und auch im Hinblick auf eine sehr große Unabhängigkeit, die wir uns gegenseitig gewähren.

Geimecke: Das ist erstmal, dass ich mit Freunden aus dem Studium mir in jungen Jahren etwas zusammen vorgenommen habe und das auch wirklich verwirklicht habe. Wir haben uns über jedes neue Mandat gefreut, über jeden Sprung in der Finanzentwicklung, das war eine sehr, sehr schöne Zeit. Und jetzt ist es eindeutig, das hat den Vorteil, dass uns niemand sagt, was wir zu tun haben. Wir lassen uns gegenseitig sehr in Frieden, und wir haben keinen Chef, das ist schon sehr viel Wert.

Ossmann: Wir sollten noch  erwähnen, dass wir ganz tolle Angestellte haben, die ganz toll zu uns halten, die ihre Arbeit sehr gut und sehr zuverlässig machen und dass wir insgesamt ein gutes Team sind.

 

Musik Doldinger

 

Autorin

„Small is beautiful“ könnte auch das passende Motto für die Kanzlei von Änne Ollmann sein. Sie arbeitet als Anwältin alleine, unterstützt von einer Rechtsanwalts- und Notarfachangestellten. Änne Ollmann bearbeitet Familienrechts- und Strafrechtsfälle. Im Strafrecht steht sie allerdings in der Regel auf der Seite der Opfer von Straftaten, meistens Frauen, die Opfer einer Vergewaltigung wurden.

 

Take 59 (Ollmann)

Eines der Probleme ist sicherlich, dem Täter zu begegnen, das ist vor allem ein Problem bei diesen Beziehungsstraftaten, die wir ja auch häufig haben. Da eine Möglichkeit zu schaffen, dass der Täter Abstand zu halten hat, dass es keine Begegnungen mehr geben darf, das ist auch ein Teil der Tätigkeit dann der Anwältin. Und ansonsten, das kann man sich gut vorstellen, denke ich, es gibt immer dann Probleme, das Leben erst mal weiter zu bewältigen, das alltägliche, irgendwann mal über Therapien, die psychischen Probleme in den Griff zu kriegen.

 

 

Autorin

Änne Ollman kann sich nicht über zu wenig Arbeit beklagen. Das Büro läuft dennoch nicht so, wie sie es sich nach 16 Jahren Anwältinnentätigkeit wünschen würde.

 

 

Take 60 (Ollmann)

Wir sind ja freie Dienstleister sozusagen, merken, dass die Menschen weniger Geld haben, weniger zum Teil sich beraten lassen können, weil sie das Geld nicht mehr haben, und das  hat auch auf uns Auswirkungen, also ich muss immer mal wieder gucken, wie wir hier überleben, das ist mir nicht fremd, das Thema.

 

Autorin

Außerdem, das gibt sie unumwunden zu, hat sie sich lange Zeit gegen technische Veränderungen gewehrt. Der neue Computer und der e-mail-Anschluss wurden gerade erst installiert. Denn auch das Kleinstbüro darf den Anschluss an die Technik nicht verlieren, wenn es sich behaupten will, das hat die Anwältin begriffen.

 

Atmo 16 (Ladenbüro JuraXX)

Telefonklingel, Angestellte: JuraXX, Eugen Boss Rechtsanwaltsgesellschaft, mein Name ist Schrödel, schönen guten Tag. Guten Tag Herr Schulz, ja, worum geht es denn, Herr Schulz, da kann ich Ihnen einen Termin bei dem Rechtsanwalt Marcus Karl anbieten.

darauf:

 

Autorin

Auf hohem technischen Niveau basiert das Konzept, das der Dortmunder Rechtsanwalt Eugen Boss seit 2002 realisiert. Seine 12 Filialen in verschiedenen Großstädten sind über das Internet miteinander vernetzt. Die Anwaltsbüros sind in Läden zu ebener Erde untergebracht. So wird die Hemmschwelle herabgesetzt, wenn jemand Kontakt zum Anwalt aufnehmen will. In der Filiale am Berliner Wittenbergplatz arbeiten zwei Anwältinnen und zwei Anwälte. Ein Konzept, das aufgeht, meint jedenfalls Rechtsanwalt Marcus Karl, der im Sommer in die Eugen-Boss-GmbH als Gesellschafter eingetreten ist.

 

Take 61 (Karl)

Wie bei einem Friseur hängt bei uns außen dran die Preisliste in Anführungsstrichen. Das heißt, da sagen wir, in welchem Gebührenrahmen  sich eine Erstberatung bei uns bewegt zu den einzelnen Gebieten. Wenn man eine Frage hat und nicht genau weiß, worunter fällt das, stehen wir natürlich auch gern zur Verfügung und erläutern das noch kurz. Und dann kann der Mandant im Vorfeld  schon daraus seine Erkenntnis ziehen, was er zu bezahlen hätte.

 

 

Autorin

Die Preise für die Erstberatung sind sehr niedrig, so niedrig, dass es bereits einigen Ärger und ein paar Klagen von anderen Anwälten gegeben hat. Das Oberlandesgericht Hamm hat die Werbung mit den Niedrigstpreisen für unzulässig erklärt. Eugen Boss hofft auf eine anders lautende höchstrichterliche Entscheidung und macht weiter.

Für die Anwälte, gerade für die jungen, scheint das Konzept  einen soliden Einstieg in die Selbständigkeit möglich zu machen.

 

Take 62 (Karl)

Wir werden danach vergütet, was wir sozusagen bearbeiten. Und insofern fühlt man, da man ja auch noch selber Gesellschafter der Gesellschaft ist, fühlt man sich da auch bestimmt nicht ausgebeutet. Man tut alles für den eigenen Laden.

 

Musik Doldinger

 

Take 63 (Spieth)

Das Unternehmen kann auf eine lange, vielfältige Geschichte zurückblicken. Die ersten Ursprünge, wenn wir mit dem Namen Freshfields anfangen, gehen zurück auf das Jahr 1743.

 

 

Autorin

Freshfields Bruckhaus Deringer ist ein über Jahrhunderte gewachsenes Anwaltsunternehmen. In London hat die älteste und größte Kanzlei der Firma ihren Sitz, seit 1743, dort arbeiten knapp 1000 Rechtsanwälte. Heute gehört Freshfields Bruckhaus Deringer mit sechs Vertretungen zu den größten Anwaltskonzernen in Deutschland. Dr. Wolf Friedrich Spieth, Spezialist für Atom-, Bau- und Umweltrecht, kam vor sieben Jahren nach Berlin, wo die Anwaltsfirma 1990 ihr Büro eröffnete.

 

Take 64 (Spieth)

Ich habe im Bereich des Energie- und Umweltrechts in Düsseldorf gearbeitet und habe sehr früh Bereiche der Bundesregierung, insbesondere das Bundesfinanzministerium, aber auch die Treuhandanstalt begleitet bei den gestalterischen Fragen: Wie lösen wir die Umweltprobleme in Ostdeutschland, Bitterfeld, Leuna, Wismut, die Braunkohlesanierung oder den Abriss des Kernkraftwerkes in Greifswald. Für mich ausschlaggebend war dann der Wechsel aber der Bundesregierung nach Berlin in die alte und neue Hauptstadt. Und damit verbunden war die Erwartung, dass grade Themen wie Gesetzgebung, öffentliches Recht, neue Rechtsentwicklung hier eigentlich richtig sind, wenn wir die hier ansiedeln. Von daher bin ich dann mit einem Team von Düsseldorf nach Berlin vor sieben Jahren nach Berlin gekommen und habe das hier etabliert. Heute sind wir im Übrigen zwanzig Anwälte hier in Berlin, die sich nur mit diesen Themen befassen.

 

 

Autorin

2500 Anwälte arbeiten weltweit für Freshfields Bruckhaus Deringer. Das sind gigantische Dimensionen. Wer in einem solchen Konzern arbeitet, ist hoch spezialisiert. Aber er ist dennoch Rechtsanwalt. Wolf Friedrich Spieth:

 

Take 65 (Spieth)

Das Berufsbild des Anwalts hat sich aufgefächert in das herkömmliche, klassische Berufsbild, wie wir das schon immer kennen, das ist weiter geblieben, in den spezialisierten Anwalt, der in einer Boutique arbeitet, oder in mittelgroße Anwaltseinheiten, die ihre Kräfte bündeln, aber sehr stark lokal oder regional arbeiten, und eben in ein Anwaltsbild, wie es bei uns herrscht, international ausgerichtet, hoch spezialisiert, in Teams arbeitend. Das hat sich sehr weit auseinander gefächert. Den klassischen Anwalt gibt es weiterhin neben dem neuen Berufsfeld der internationalen Anwaltssozietät.

 

 

Autorin

Felix Ginthum und Marc Wesser als junge Zivilrechtsanwälte, Friedhelm Enners, Udo Grönheit und Jörg Geimecke als Strafverteidiger, Heidrun Ossmann als Familienrechtsanwältin, Änne Ollmann als Opfervertreterin, Benno Heussen, Wolf Friedrich Spieth und Hans-Joachim Prieß als Wirtschaftsanwälte, sie alle arbeiten auf Gebieten, die unterschiedlicher kaum sein können. Dennoch haben sie denselben Beruf. Sie sind nicht nur Juristen, sondern sie sind vor allem Anwälte.

 

Take 66 (Heussen)

Der wirkliche Unterschied zwischen Anwälten und anderen Juristen ist der, dass Anwälte Ansprüche anderer Leute durchsetzen, also eigentlich sich verhalten wie die bezahlten Landsknechte, die für fremde Interessen kämpfen. Und dazu brauchen sie Ideen, Phantasien, wie man das am besten macht, sie brauchen Durchhaltevermögen, dass sie die Sachen nicht vorzeitig fallen lassen, sie brauchen den Blick für das machbare und anders als die Landsknechte müssen sie gelegentlich auch für den Ausgleich sorgen. Das gilt absolut für alle Rechtsgebiete vom Strafrecht zum Zivilrecht, da gibt’s eigentlich keine Unterschiede. Jedes Rechtsgebiet ist Interessengesteuert.

 

 

Musik Doldinger

 

Atmo 17 (Büro Hermannplatz)

Telefonklingeln, männliche Stimme: Anwaltsbüro, schönen Tag, ja sehr gerne, wir sitzen direkt am Hermannplatz.

darauf:

 

Spr. v. Dienst

Der Anwalt als Unternehmer - Juristen passen sich der Dienstleistungsgesellschaft an

Eine Sendung von Annette Wilmes

Es sprachen:  Olaf Oelstrom   und die Autorin

Ton:    Andreas Krause

Regie: Steffi Ruh

Redaktion: Stephan Pape

Produktion: DeutschlandRadio Berlin 2004

 

Manuskripte und weitere Informationen zu unseren ZeitFragen-Sendungen finden Sie im Internet unter www.dradio.de

 

Und hier noch ein Hinweis: Am nächsten Sonntag hören Sie an dieser Stelle:

Vom Kulturgut zum Ramschartikel? Der Buchhandel im Umbruch