DeutschlandRadio Berlin

Kalenderblatt vom 18. Juli 1997

 

Redaktion: Winfried Sträter                                        Manuskript: Annette Wilmes

 

Moderation:

Vor 50 Jahren: Am 18. Juli 1947 wurde das ehemalige Spandauer Festungsgefängnis mit 7 Kriegsverbrechern belegt, die ein Dreiviertel Jahr zuvor in Nürnberg verurteilt worden waren. (Am 1. Oktober 1946) 41 Jahre blieb das rote Backsteingebäude aus wilhelminischer Zeit Kriegsverbrechergefängnis unter der Bewachung der Alliierten, die sich turnusmäßig einmal im Monat ablösten. Die letzten 21 Jahre saß Rudolf Heß allein in dem riesigen Komplex, der zum größten Teil leerstand. Im Alter von 93 Jahren erhängte er sich. Schon einige Wochen später, im September 1987, wurde das Kriegsverbrechergefängnis abgerissen.

 

 

Regie:                                      Take 2

Jedes Wort dieses abwechselnd von den Richtern in vier Sprachen verlesenen Urteils zeugt von dem gewissenhaften Verantwortungsbewußtsein dieses Tribunals. Kein Mensch, der heute zum Beispiel das Ergebnis der objektiven Untersuchung der Tätigkeit der angeklagten Organisationen vernommen hat, kann behaupten, daß dieses Urteil von einem Gefühl der Rache, der Sieger getragen ist.

 

 

Autorin:                                    Markus Wolf, Prozeßbeobachter und Kommentator des Berliner Rundfunks am 30. September 1946 im Nürnberger Kriegsverbrecherprozeß.

21 Angeklagte saßen in Nürnberg auf der Anklagebank. Zwölf wurden zum Tode durch den Strang verurteilt. drei wurden freigesprochen. Die übrigen erhielten Gefängnisstrafen von 10, 15, 20 Jahren und „lebenslänglich“. Sie blieben zunächst in Nürnberg in Haft - bis zum Sommer 1947.

 

Zitator:                                     Berlin, Flughafen Gatow, 18. Juli 1947, 8.30 Uhr. Aus einer amerikanischen Militärmaschine klettern sieben Männer mit Handschellen gefesselt, bewacht. 

 

Autorin:                                    Inhaftiert wurden die Nazi-Kriegsverbrecher in einem ehemaligen Festungsgefängnis in Spandau. 1878/79 erbaut, mit 132 Einzel- und 5 Arrestzellen sowie 10 Sälen für je 40 Gefangene, diente der riesige Komplex bis 1919 ausschließlich als Militärgefängnis, später wurden auch Zivilgefangene darin eingesperrt. Im Dritten Reich diente es überdies als Untersuchungsgefängnis für politische Gefangene auf ihrem Weg in die Konzentrationslager.

Nach dem Zweiten Weltkrieg beschlagnahmten die vier Alliierten im November 1946 den roten Backsteinbau.

 

Zitator:                                     18. Juli 1947: Sie springen vom Wagen und werden numeriert in der Reihenfolge, in der sie durchs Gefängnistor gehen:

n   Reichsjugendführer und Reichsstatthalter von Wien Baldur von Schirach (20 Jahre Zuchthaus);

n   Großadmiral Erich Raeder (lebenslänglich);

n   Reichswirtschaftsminister Walther Funk (lebenslänglich);

n   Reichsaußenminister Konstantin von Neurath (15 Jahre);

n   Reichsrüstungsminister Albert Speer (20 Jahre),

n   Großadmiral Karl Dönitz (10 Jahre)

n   Hitlers Stellvertreter Rudolf Heß (lebenslänglich).

 

 

Autorin:                                    Für die sieben Häftlinge war ein Zellentrakt umgebaut worden. Der Rest des riesigen Komplexes stand leer. Bewacht wurden die Sieben turnusmäßig von den vier Alliierten. Am Ersten eines Monats bezog der Gefängnisdirektor der Aufsicht führenden Nation mit 70 Soldaten seinen Posten. Dazu kamen sieben Aufseher, ein Gefängnisarzt und ein Dutzend Angestellte.

 

Als in den Zeitungen veröffentlicht wurde, daß die Versorgung der „Spandauer Sieben“ 450.000 Mark im Jahr verschlang, war die Empörung in der Bevölkerung groß.

Gerade in den ersten Spandauer Jahren waren die Haftbedingungen hart. Die Gefangenen durften Besuch nur von engsten Familienangehörigen empfangen, 5 Minuten monatlich. Der Postempfang war auf einen Brief monatlich beschränkt, Zeitungen waren verboten. Es bestand Arbeitspflicht, im Sommer im Anstaltsgarten und im Winter Tütenkleben.

Anfang der 50er Jahre jedoch wurden die Haftbedingungen erleichtert. Es gab nun zum Beispiel eine Gefängnisbücherei, die Großadmiral Erich Raeder leitete.

 

Zitator:                                     Raeder versieht sein Amt mit derselben Gewissenhaftigkeit, mit der er seine Zelle stets peinlich sauber hält.

 

Autorin:                                    Aus Alters- und Krankheitsgründen wurden Erich Raeder,  Konstantin von Neurath und Walther Funk in den 50er Jahren vorzeitig aus der Haft entlassen. 1956 kam auch  Großadmiral Karl Dönitz frei; er hatte seine Freiheitsstrafe von 10 Jahren verbüßt. Die restlichen drei verbüßten ebenfalls ihre Strafen bis zum letzten Tag:

 

Zitator:                                     Häftling Nr. 1, Baldur von Schirach, Nr. 5, Albert Speer und Nr. 7, Rudolf Heß.

 

Autorin:                                    Der galt in Spandau von Anfang an als „enfant terrible“. Nach seiner Einlieferung grüßte er mit „Heil Hitler“ und ließ es erst bleiben, als er dafür bestraft wurde: Man setzte ihn auf Wasser und Brot. Seinem Führer blieb er also auch über dessen Tod hinaus offenbar treu ergeben - so, wie er früher schon junge Parteianwärter den Treue-Eid schwören ließ:

 

Regie:                                      Take 3

Ich schwöre Adolf Hitler ... (Parteianwärter)   unerschütterliche Treue   ...

Ich schwöre ihm ... ... (PA)   ... und den Führern, die er mir bestimmt, unbedingten Gehorsam. ... ... (PA)     

Treue diesem Eide sei Eures Lebens Inhalt.

 

 

Autorin:                                    Baldur von Schirach und Albert Speer waren während ihrer lange Haftjahre eher unauffällig. Vor allem Albert Speer gelang es, sich „einzurichten“. Er hielt sich fit durch die Arbeit im Garten, durch körperliche und geistige Betätigung. Ein Freund sorgte dafür, daß er auch von außen gut versorgt wurde. Hin und wieder bekam er Kaviar in den Knast geschmuggelt oder eine teure Dunhill-Pfeife. Er schien sich an den Luxus zu gewöhnen. Als Speer einmal den preisweiteren Preßkaviar erhielt, ließ er seinen Freund wissen:

 

Zitator:                                     In Zukunft nur noch Beluga, und zwar frisch!

 

Autorin:                                    Auf dem umgekehrten Wege gingen Tausende von Manuskript-Seiten nach draußen, Material, aus dem Speer nach seiner Entlassung publizierte: Die „Erinnerungen“ und die „Spandauer Tagebücher“.

Baldur von Schirach und Albert Speer wurden nach genau 20 Jahren Haft am 1. Oktober 1966 entlassen. Während von Schirach ein eher zurückgezogenes Leben bis zu seinem Tod im Jahr 1974 in Kröv an der Mosel führte, brachte sich Albert Speer durch seine 1969 erschienenen „Erinnerungen“ und weitere Veröffentlichungen rasch wieder ins öffentliche Gespräch. Er galt als der Mann der Reue, der Schuld auf sich nahm, obwohl er von den schlimmsten Dingen angeblich nichts gewußt hatte.

 

Zitator:                                     „Albert Speer  Das Ende eines Mythos - Die Aufdeckung seiner Geschichtsverfälschung. Speers wahre Rolle im Dritten Reich.“

 

Autorin:                                    Unter diesem Titel setzte sich der Historiker Matthias Schmidt Anfang der 80er Jahre kritisch mit Speer auseinander.

 

Zitator:                                     „Ein geradezu chamäleonhafter Opportunismus befähigte Albert Speer, unter den disparatesten äußeren Umständen drei außergewöhnliche Karrieren anzupacken und zu erstaunlichem Erfolg zu führen: als Architekt, als Rüstungsminister und als schriftstellernder Kronzeuge. Dabei stand er zunehmend im Rampenlicht, das er oft so wirkungsvoll zu steuern wußte wie die Scheinwerfer des von ihm erfunden Lichtdoms. Läßt man moralisch-ethische Wertungen außer acht, dann ist Speer für diese Leistung Genialität nicht abzusprechen, eine Genialität, die zeitlebens durch seinen Drang motiviert wurde, eine historische Gestalt zu werden und zu bleiben.“

 

Autorin:                                    Speer selbst konnte darauf nicht mehr antworten, da er 1981, ein Jahr vor Erscheinen dieses Buches, in London gestorben war.

Seit 1966, seit der Entlassung Speers und Schirachs, saß nur noch Rudolf Heß im Spandauer Kriegsverbrechergefängnis, 21 Jahre lang. Nach mehreren Selbstmordversuchen gelang es ihm am 18. August 1987, sich zu erhängen. Er war 93 Jahre alt geworden.  Das Kriegsverbrechergefängnis wurde einige Wochen später auf Veranlassung der Briten im September 1987 abgerissen.  

 

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