Deutschland Radio Berlin

Kalenderblatt

21.5.1998

Vor 50 Jahren:

Vertreter der Kirchen fordern Abmilderung der Nürnberger Urteile und einen Schlußstrich unter die NS-Vergangenheit

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Redaktion: Winfried Sträter                          Manuskript: Annette Wilmes

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Moderation:                              Am 21. Mai 1948 gab der katholische Weihbischof von München, Johannes Neuhäusler, vor der Presse bekannt, daß die amerikanische Militärregierung den zahlreichen Protesten gegen die Prozeßführung in den Kriegsverbrecherprozessen stattgegeben habe. Die Zahl der Todesurteile sei ebenso wie zahlreiche Gefängnissstrafen verringert worden. Mehrere Angeklagte seien nachträglich freigesprochen worden. 

Theophil Wurm, evangelischer Landesbischof von Württemberg, wollte, daß alle Verfahren einer zweiten Instanz unterbreitet würden.

In Nürnberg waren zu diesem Zeitpunkt noch längst nicht alle Urteile in den 12 Nachfolgeprozessen gesprochen worden. Nach den Ärzten und den Juristen im Jahre 1947 standen 1948 noch Verantwortliche der SS, der Wehrmacht sowie der  Wirtschaft und Diplomatie vor dem amerikanischen Militärtribunal.

Vor allem Vertreter der beiden großen Kirchen wandten sich gegen die Prozesse. Die Nürnberger Prozesse im Spiegel ihrer Zeit,

ein Kalenderblatt von Annette Wilmes

 

Zitator:                                     Die Richter von Nürnberg bedeuten eine Etappe in der Weltrechtsentwicklung, denn sie zeigen den internationalen Rechtsbrechern, den jetzigen und als Warnung allen künftigen, daß die Willkür der Staatsmänner und internationalen Abenteurer der Politik ihre Schranken findet im Völkerrecht und in den Gesetzen der Menschlichkeit. Hier liegt die zukunftsweisende Bedeutung des Nürnberger Prozesses.

 

Autorin:                                    Hans Mayer, Autor der Zeitschrift des Republikanischen Richterbundes „Die Justiz“, in einem Kommentar im Radio Frankfurt/Main vom 2. Oktober 1946, unmittelbar nach der Verurteilung der Hauptkriegsverbrecher. Der Prozeß war in der Weltöffentlichkeit mit großem Interesse verfolgt worden. Auch die Nachfolgeprozesse, insgesamt 12, wurden anfangs noch als sehr wichtig für die Aufarbeitung der verbrecherischen Vergangenheit angesehen.

 

Bereits 1948 schlug die Stimmung jedoch um. Die deutschen Zeitgenossen wollten nicht  wahrhaben, wie wichtig die Nürnberger Prozesse für die Aufarbeitung ihrer Vergangenheit waren.

Professor Joachim Perels, Mitherausgeber der Vierteljahresschrift „Kritische Justiz“, resumiert rückblickend:

 

Zitator:                                     Die gesamten Nürnberger Nachfolgeprozesse stießen in der politischen Öffentlichkeit - von der „Zeit“ bis zu den Kirchen - überwiegend auf entschiedene Ablehnung. Sie wurden aus der angemessenen moralischen und rechtlichen Wahrnehmung verbannt.

 

Autorin:                                    Vor allem aus Kichenkreisen waren laute Proteste gegen die Nürnberger Prozesse zu vernehmen. Am 22. Mai 1948 schrieb die „Süddeutsche Zeitung“:

 

Zitator:                                     Der evangelische Landesbischof für Württemberg, Theophil Wurm, wandte sich in einem Brief an den stellvertretenden amerikanischen Hauptankläger in Nürnberg, Prof. Robert M. Kempner, gegen die angeblich durch Dokumente belegte Tatsache, daß bei den Kriegsverbrecher-Prozessen „verbrecherische Methoden und abscheuliche Quälereien“ zur Erpressung von Aussagen und Geständnissen angewandt worden sein sollen.

(...)  In einem der „Süddeutschen Zeitung“ zugeleiteten Antwortschreiben Professor Kempners wird betont, daß es in Nürnberg keine verurteilten Kriegsverbrecher, die erpreßte Geständnisse abgelegt haben, gäbe, da fast ausnahmslos überhaupt keine Geständnisse abgelegt worden seien.

 

Autorin:                                    In demselben Zeitungsartikel wird auch der katholische Weihbischof Dr. Neuhäusler erwähnt, der sich bereits am 21. Mai 1948 mit Erfolgen brüstete: Die amerikanische Militärregierung habe den zahlreichen Protesten gegen die Prozeßführung nachgegeben.

Und Hans Lilje, Bischof der größten lutherischen Landeskirche Deutschlands, forderte 1949 einen Schlußstrich:

 

Zitator:                                     Der Augenblick ist gekommen, mit der Liquidation unserer Vergangenheit zu einem wirklichen Abschluß zu kommen. Ich spreche nicht von der wichtigsten psychologischen Erkenntnis, daß es vier Jahre nach dem Abschluß des Krieges keinen rechten Sinn mehr hat, noch immer nach Vergeltung zu rufen. ... Wir haben von Gott eine Frist bekommen für die Klärung unserer eigenen Vergangenheit. Nach menschlichem Urteil ist diese Frist vorbei. ... Es kann ein tiefes Verständnis des Glaubens der Christen an die Vergebung der Sünden sein, wenn sich unsere Blicke von der Vergangenheit abwenden und entschlossen in die Zukunft richten.

 

Autorin:                                    Bischof Hans Lilje, 1949.

 

Den Stimmungsumschwung 1948/49 und seine juristischen Folgen verdeutlicht eine Episode bei den Nürnberger Prozessen.

Damals hatte der noch junge Journalist Gerhard Leo herausgefunden, daß in das IG-Farben Werk  Leverkusen auch Kinder zur Zwangsarbeit verschleppt worden waren. Viele von ihnen starben wegen der schlimmen Bedingungen. 

Auf Leos  Artikel war der Nürnberger Chefankläger Telford Taylor aufmerksam geworden. Der junge Mann  wurde nach Nürnberg zitiert und sollte dort als Zeuge im IG-Farben-Prozeß aussagen.

Die journalistische Recherche wurde nachvollzogen und juristisch wasserdicht gemacht. Im Keller des Arbeitsamtes Opladen wurden zum Beispiel Arbeitsbücher von 6-12jährigen Kindern beschlagnahmt. „Sklavenarbeit für Kinder im IG-Farbenwerk Leverkusen“ - so sollte der neue Anklagepunkt im Nürnberger Prozeß heißen.

Dazu kam es jedoch nicht mehr. Gerhard Leo erinnert sich:

 

Regie:                                      Take 1 

Eines Tages, das war schon im Spätsommer 1948, empfingen mich meine amerikanischen Partner sehr betreten und sagten mir, sie hätten neue Instruktionen aus Washington bekommen, die die bisherigen Befehle für die Nachfolgeprozesse völlig veränderten. Und zwar sollte man die Urteile so abfassen und so gestalten, daß eine Zusammenarbeit zwischen diesen Konzernen oder auch den Generalen für die Zukunft eben nicht ausgeschlossen sei.

 

 

Autorin:         Tatsächlich wurde eine ganze Reihe verurteilter NS-Täter begnadigt oder vorzeitig aus der Haft entlassen. Sehr viele machten wieder Karriere in ihren alten Berufen. All das zeichnete sich schon 1948 ab.

 

 

 

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