Deutschlandfunk

 

Podium am 31.1.2001

Redaktion: Peter Lange                      Manuskript: Annette Wilmes

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Regie:                                      Take 1 (Kempner)

Es war eine groß angelegte Gnadenarie, die da begann. Geld war auch dahinter, und dieser Ansturm wurde immer stärker. Wenn die Leute hingerichtet werden oder wenn sie nicht bald losgelassen werden, dann würde der Antisemitismus wieder rauskommen. Ja, der war doch gar nicht so schlimm.

 

 

Autorin:                                    Robert Kempner, stellvertretender Chefankläger in Nürnberg, erinnert sich an die Zeit Anfang der 50er Jahre nach Abschluss der Kriegsverbrecher-Prozesse.

 

Regie:                                      Take 2

Der McCloy hat sich die größte Mühe gegeben, durch diesen Wust durchzugehen, und dann immer mehr, dann kam die außenpolitische Situation: Korea, Aufrüstung.

 

 

Autorin:                                    John Mc Cloy, von dem Robert Kempner gerade sprach, war 1949 von Präsident Harry S. Truman zum ersten amerikanischen Hohen Kommissar in Deutschland berufen worden. Sein Name steht für die westlichen Hilfen beim Wiederaufbau einer deutschen Demokratie nach dem Zweiten Weltkrieg und für die Annäherung der Bundesrepublik an den Westen.

 

Regie:                                      Take 3  (John McCloy)

Nachdem ich drei Jahre als Hoher Kommissar der Vereinigten Staaten für Deutschland gedient habe, werde ich sehr bald heimkehren.

 

 

Autorin:                                    Während der drei Jahre, in denen sich John McCloy in Deutschland aufhielt, musste er sich immer wieder mit dem Drängen der westdeutschen Öffentlichkeit auseinandersetzen, die Inhaftierten der Nürnberger Kriegsverbrecher-Prozesse freizulassen. Einige sind schon im Laufe des Jahres 1950 freigekommen, darunter der Industrielle Friedrich Flick oder der Diplomat Ernst von Weizsäcker. Aber immer noch sitzt die Mehrzahl in der von den Amerikanern kontrollierten Haftanstalt in Landsberg am Lech ein.

Ende Januar 1951 ringt sich John McCloy zur Begnadigung durch:

 

Zitator:                                     In einer sehr großen Anzahl von Fällen sind die Strafen erleichtert worden. Strafen wurden ermäßigt, wo immer ein rechtmäßiger Grund für Milde vorhanden zu sein schien. Erleichterungen wurden gewährt, wenn Urteilssprüche in keinem richtigen Verhältnis zu Strafen standen, die in anderen Fällen für Verbrechen ähnlicher Art verhängt worden waren. 

 

Autorin:                                    Der Nürnberger Hauptkriegsverbrecherprozess 1945/46 war noch unter der Regie der vier Siegermächte geführt worden. In den Nürnberger Nachfolgeprozessen hatten die Amerikaner exemplarisch Verbrechen der Medizin, der Justiz, der Wirtschaft, der Wehrmacht, der SS und der Diplomaten angeklagt. 12 Verfahren, in denen sich die Eliten des NS-Staates verantworten mussten. 

 

Die grauenvollsten Taten waren dabei zur Sprache gekommen, zum Beispiel die Menschenversuche der KZ-Ärzte oder die Massenmorde in den besetzten Gebieten. Trotzdem hatten die wegen Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit Verurteilten eine starke Lobby – Politiker quer durch alle Parteien und vor allem aber auch die Kirchen machten sich bei den Alliierten für die Gefangenen stark. Ihre Bemühungen wurden von Juristen flankiert, die juristische  Schwachpunkte und Widersprüche in der alliierten Rechtsprechung offen legten  und dadurch den Druck erhöhten. Besonders aktiv war Otto Kranzbühler, Verteidiger von Friedrich Flick und Alfried Krupp von Bohlen und Halbach.

 

Regie:                                      Take 4

Da werden Angeklagte aufgrund von Urkunden verurteilt, die sie nie gesehen haben, oder die überhaupt nicht Gegenstand des  Verfahrens waren. Namen und Daten werden mit schwer  wiegenden Konsequenzen verwechselt. Schriftsätze der Anklage werden im Urteil wörtlich mit allen Irrtümern abgeschrieben. Durchweg lassen die Urteile erkennen, dass die Richter mit der Fülle des Stoffs einfach nicht fertig geworden sind.

 

 

Autorin:                                    Am 7. Januar,  also drei Wochen vor McCloys Gnadenentscheidung, demonstrierten etwa 3000 Menschen in Landsberg für die Begnadigung der zum Tode Verurteilten.

Demonstriert wurde für die Täter. Für die Opfer setzte sich kaum jemand ein – weder für die überlebenden Juden noch für die Zwangsarbeiter. Ingo Müller, Strafrechtslehrer in Hamburg, Autor des Buches “Furchtbare Juristen”:

 

Regie:                                      Take 5

Die Stimme gab es praktisch nicht. Allein schon, weil die mundtot gemacht wurden. Die vielleicht stärkste Organisation der Opfer, die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes, war Anfang der 50er Jahre schlicht als staatsfeindlich erklärt worden, waren Verfassungsfeinde. Die Opfer des “Dritten Reichs” waren eben auch die Opfer des Kalten Krieges.

 

 

Autorin:                                    Als John McCloy am 31. Januar 1951 seinen Gnadenerlass verkündet, kommen auf einen Schlag 32 Verurteilte frei, darunter Alfried Krupp, verurteilt vor allem wegen Ausplünderung und der Beschäftigung von Sklavenarbeitern, die in unmenschlicher Weise behandelt worden waren.

Die Freilassung Krupps wird in der bundesrepublikanischen Öffentlichkeit mit großer Freude registriert. Dass die Firma Krupp Hitlers Machtergreifung unterstützt und die deutsche Industrie nach Nazi-Prinzipien organisiert hatte, dass Krupp zu den großen Profiteuren der Aufrüstung gehörte, das alles hat die Öffentlichkeit längst verdrängt.

 

Von den in den Nürnberger Prozessen verurteilten Kriegsverbrechern werden 1951 die meisten entlassen. Die meisten Todesurteile aus den Nachfolgeprozessen werden durch John McCloys Gnadenerlass in Haftstrafen umgewandelt. Aber bei sieben Todesurteilen bleibt der US-Hochkommissar hart: Keine Gnade für Einsatzgruppen- und –kommandoführer wie Paul Blobel, Werner Braune, Erich Naumann und Otto Ohlendorf,  verantwortlich für die Ermordung zahlreicher Juden, Zigeuner, Geisteskranker und Kommunisten.

John Mc Cloy in seinem Gnadenerlass:

 

Zitator:                                     Sie haben die unbarmherzige Liquidation aller derer, die in den besetzten Gebieten möglicherweise Gegner des Nazismus hätten sein können, durchgeführt.

 

Autorin:                                    Am 7. Juni 1951 werden die letzten sieben Todesurteile vollstreckt.

Aber selbst für die schlimmsten Mörder hat es von deutscher Seite Eingaben bei den Amerikanern gegeben. Der frühere Nürnberger Ankläger Robert Kempner:

 

Regie:                                      Take 6

Und ich fand es als sehr trauriges Zeichen, je schwerer der Betreffende belastet war, umso mehr Briefe und Gesuche gingen für den ein.

 

 

Autorin:                                    Auch nach den Hinrichtungen in Landsberg gehen die Verhandlungen weiter. Sie konzentrieren sich vor allem auf die Wehrmachtsoffiziere, die wegen Kriegsverbrechen verurteilt worden waren und in den Gefängnissen der drei Westalliierten inhaftiert sind; in Wittlich unter französischer, in Werl unter britischer und in Landsberg unter amerikanischer Kontrolle. Bundeskanzler Adenauer am 6. April 1951 im  Deutschen  Bundestag:

 

Regie:                                      Take 7

Ich bitte diese Gefangenen und zwar alle, davon überzeugt zu sein, dass die deutsche Bundesregierung alles das tut, was in ihrer Kraft steht, um das Los der Gefangenen zu erleichtern und ihnen bald möglichst die Freiheit wieder zu verschaffen.

 

 

Autorin:                                    Die Westalliierten, vor allem die USA, sind unter dem Druck des Kalten Krieges sehr an der Wiederbewaffnung Deutschlands interessiert. Das macht sie in der Kriegsverbrecherfrage angreifbar. Bei den Verhandlungen nutzt Adenauer diesen Schwachpunkt der Verhandlungspartner aus und bringt immer wieder das Problem der Kriegsverbrecher zur Sprache.

Schließlich geben die Alliierten nach und stellen ihr strategisches Interesse an einem Militärbeitrag der Bundesrepublik über die Wahrung der Prinzipien von Nürnberg.

 

 

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