DeutschlandRadio Berlin

MerkMal

17. August 1950

 

 

 

 

Unendliche Geschichte

Die Auflösung der I.G. Farben

 

 

 

 

 

                             Manuskript:  Annette Wilmes 

                             Redaktion:    Winfried Sträter

 

 

 

Autorin:                    Als der Zweite Weltkrieg vorbei war und große Teile Deutschlands zerstört, ragte das riesige, weithin sichtbare Verwaltungsgebäude der IG Farben in Frankfurt am Main völlig unversehrt aus den Trümmern hervor. Von 55 IG-Betrieben in der amerikanischen Zone wurden nur zwei beschädigt. Die Amerikaner machten das IG-Farben-Hochhaus zu ihrem Stabsquartier.

 

Sprecher:                    In allen IG-Fabriken standen Maschinen, die nur für Kriegszwecke konstruiert waren. Über ein Dutzend Fabriken war ausschließlich zu Kriegszwecken erbaut worden. Aber keine von ihnen, mit Ausnahme von ein paar Anlagen in zwei Fabriken, war zerstört worden.

 

Regie:                    Take 1

Eine der ersten Maßnahmen müsste sein, dieses Verbrecherunternehmen IG-Farben endlich aus der Geschichte der deutschen Industrie zu streichen und IG-Farben in Auflösung aufzulösen und jetzt auch wirklich das, was dort an Vermögen ist, denen geben, denen es gehört, den Überlebenden der deutschen Zwangsarbeiter.

 

Autorin:                    Das sagt heute, nach über 50 Jahren, der Vizepräsident des internationalen Auschwitz-Komitees, Kurt Goldstein.

 

Sprecher:                     Am 30. November 1945 erließ der Alliierte Kontrollrat der vier Besatzungsmächte das Gesetz Nr. 9. Es enthielt den Befehl, alle Anlagen der IG-Farben zu beschlagnahmen, zu entmilitarisieren und zu entmonopolisieren.

 

Autorin:                     Die Zerschlagung des Rüstungskonzerns ließ sich jedoch nicht so schnell verwirklichen. Nur in den polnisch und sowjetisch besetzten Zonen, in denen etwa die Hälfte des Vermögens der IG Farben lag, wurden die Werke entweder demontiert oder unter die Verwaltung sowjetischer Militärbehörden gestellt.

Anders in den drei Westzonen. Im Herbst 1948 gab das von der bizonalen Verwaltung aus Engländern und Amerikanern gebildete „bipartite IG Farben Control Committee“ seinen ersten Bericht ab. Der Konzern sollte in 50 kleine Einheiten aufgeteilt werden. Auch als Frankreich der Kommission beitrat, änderte sich an dieser Absicht nichts.

 

Sprecher:                    Am 17. August 1950 erließ die Alliierte Hohe Kommission das Gesetz Nr. 35, das die Aufspaltung des Vermögens der IG Farben regelte und direkt an den alten Kontrollratsbeschluß aus dem Jahre 1945 anknüpfte.

 

Autorin:                    Das Schicksal des Mammutkonzerns mit seiner jahrzehntelangen Tradition schien besiegelt zu sein. Die Firmengeschichte, die Anfang des 20. Jahrhunderts begonnen hatte, schien ihrem Ende zuzugehen. Ein Rückblick:

 

Sprecher:                    Bereits 1903 schloss Carl Duisberg, Generaldirektor der Farbenfabriken Bayer in Leverkusen, die „großen Drei“ der deutschen Chemie-Industrie zu einer losen „Interessengemeinschaft“ – I.G. zusammen: Bayer, die Farbwerke Hoechst und die Badische Anilin & Soda-Fabrik (BASF). Die IG beschäftigte herausragende Chemiker, Techniker und Kaufleute; zu ihrer Führungsmannschaft gehörten die Nobelpreisträger Paul Ehrlich, Fritz Haber, Gerhard Domagk und Carl Bosch. In ihren Labors wurden Sulfonamide und die Ammoniak-Synthese entwickelt, aber auch tödliche Giftgase. Als sie im Ersten Weltkrieg auf Betreiben Fritz Habers eingesetzt wurden und 15.000 französische Soldaten mit verätzten Bronchien und Lungen auf dem Schlachtfeld starben, beging Habers Ehefrau Clara aus Protest gegen den Gaskrieg Selbstmord.

 

Autorin::                    1925 verwandelte Carl Bosch die lockere Gemeinschaft (der sich inzwischen noch weitere Unternehmen angeschlossen hatten), in einen straff organisierten Konzern: die „I.G. Farbenindustrie Aktiengesellschaft“, Bosch wurde Generaldirektor und Carl Duisberg Vorsitzender des Aufsichtsrats.

Obwohl das Unternehmen eine ungewöhnlich große Zahl jüdischer Direktoren und Wissenschaftler beschäftigte, taten sich die Werke ziemlich schnell mit den Nazis zusammen. 1937 mussten die Juden den Konzern verlassen, die restlichen Direktoren traten in die NSDAP ein. Carl Bosch verließ kurz vor seinem Tod im April 1940 Deutschland. Dass sein Lebenswerk von den Nazis missbraucht wurde, konnte er nicht ertragen. Carl Duisberg war bereits im März 1935 gestorben.

 

Regie:                    Take 2         

Polen hat heute nacht zum erstenmal auf unserem eigenen Territorium auch mit bereits regulären Soldaten geschossen. Seit 5.45 Uhr wird jetzt zurückgeschossen (Beifall), und von jetzt ab wird Bombe mit Bombe vergolten! (Beifall)

Regie:                     ausblenden

 

 

Sprecher:                    1. September 1939. Hitlers Expansionspolitik wurde zur neuen Geschäftsgrundlage des Konzerns. Die neuen Vorstandsmitglieder hatten keine Skrupel, im Zweiten Weltkrieg hinter der deutschen Wehrmacht in die überrannten Länder einzuziehen und sich die tschechische, polnische und französische Chemie-Industrie einzuverleiben.

 

Autorin:                    1940 übernahm die IG-Farben den Auftrag, für den Russlandfeldzug die Öl- und Buna-Produktion zu erweitern. Ein Standort für die neuen Fabrikanlagen wurde in Oberschlesien gefunden: in Auschwitz, in unmittelbarer Nähe des Konzentrations- und Vernichtungslagers.

Kurt Goldstein:

 

Regie:                    Take 3

Es war der Herr Heinrich Himmler, der am 1. März 1941 in Auschwitz war und dort dem damaligen Kommandeur des Lagers Auschwitz, dem SS-Verbrecher Höß, die Anweisung gegeben hat, alle Wünsche der IG-Farben zu erfüllen, und im Ergebnis dieser Wünsche wurde dann also das Buna-Werk dort geschaffen. Und über das Wirken von IG-Farben haben die Alliierten nach dem Krieg durch Sachverständige feststellen lassen, und ich zitiere wörtlich aus den Feststellungen der Sachverständigen:

Ohne die IG-Farben mit ihren riesigen Produktionsstätten, ihrer weitreichenden Forschung und vielfältigen technischen Erfahrung sowie ihrer umfassenden Konzentration wirtschaftlicher Macht wäre Deutschland im September 1939 nicht in der Lage gewesen, seinen Angriffskrieg zu beginnen. Das heißt, da ist festgeschrieben durch die Alliierten, welche unheilvolle Rolle die IG-Farben für Deutschland und für Europa und für die ganze Welt gespielt haben.

 

 

Autorin:                    Kurt Goldstein, der als Jude und Kommunist bereits 1933 vor den Nationalsozialisten geflohen war, später während des spanischen Bürgerkrieges in den Internationalen Brigaden kämpfte, danach in Frankreich interniert und schließlich nach Auschwitz deportiert wurde. Er überlebte das KZ und den Todesmarsch nach Buchenwald. Der gebürtige Dortmunder ging 1951 in die DDR, wo er Chefredakteur und später Intendant des Deutschlandsenders wurde, der „Stimme der DDR“. Heute lebt der 86jährige in Berlin.

 

Sprecher:                    Am 17. August 1950 erließ die Alliierte Hohe Kommission das Gesetz, das die Aufspaltung des Vermögens der IG Farben regelte und direkt an den alten Kontrollratsbeschluß aus dem Jahre 1945 anzuknüpfen schien.

 

Autorin:                    In den 5 Jahren seit Kriegsende hatte sich jedoch einiges ereignet, was die Entflechtung des Konzerns immer schwieriger machte. Von der Alliierten Hohen Kommission wurde Ende 1948 das deutsche Expertengremium mit dem Namen FARDIP (Farben Dispersal Panel) eingesetzt. So bekamen deutsche Industrielle und Bankiers die Möglichkeit, direkt in den Entscheidungsprozess einzugreifen. Im Juni 1950 legte FARDIP einen Plan vor, nach dem der Konzern in nur noch 22 Einheiten aufgeteilt werden sollte. Vor allem aber war die Gründung von drei Kerngesellschaften vorgesehen. Die waren weitgehend identisch mit den „großen Drei“ vom Beginn der Interessengemeinschaft: Bayer, Hoechst, und BASF.

 

Sprecher:                    Nach der Bildung der Regierung Adenauer übertrugen die Amerikaner die „Aufsicht“ über den IG-Farben-Entflechtungsausschuss den Deutschen, zuständig wurde Wirtschaftsminister Ludwig Erhard. Dieser gab die Verantwortung an seinen Ministerialdirektor Felix Prentzel weiter, einen alten IG-Farben-Mann. Von einer Aufteilung in kleine Einheiten war nicht mehr die Rede.

Das Gesetz der alliierten Hohen Kommission, das im August 1950 immer noch die Aufsplitterung in 50 kleine Firmen vorsah, schien hinter der politischen Entwicklung weit hinterherzuhinken.

 

Autorin:                    Hinzu kam der Ausgang des Nürnberger Prozesses vor dem amerikanischen Militärtribunal gegen 23 verantwortliche Mitarbeiter des IG-Farben-Konzerns. Lediglich 12 von ihnen wurden wegen der Teilnahme am Zwangsarbeiterprogramm verurteilt - zu Freiheitsstrafen, die zwischen anderthalb und 8 Jahren lagen.

Dieses überaus milde Urteil trug mit dazu bei, die Notwendigkeit, den Konzern zu zerschlagen, immer mehr in den Hintergrund treten zu lassen. Die Westalliierten wichen jedenfalls immer weiter von ihren Grundsätzen ab und stimmten schließlich der Aufteilung des Besitzes in drei Konzerne zu, die fast identisch waren mit den großen drei Gründer-Firmen der IG: Hoechst, Bayer, BASF. Damit folgten sie dem Vorschlag des deutschen Expertengremiums.

 

Sprecher:                    Am 25. Mai 1955 wurde die 1. Hauptversammlung der IG Farben nach dem Krieg abgehalten.  Etwas mehr als die Hälfte des einstigen IG Farben-Besitzes lag in der DDR. „Die IG-Farben-AG in Liquidation“ wurde gegründet, die es sich zur Aufgabe machte, Auslandsvermögen, das nach Kriegsende beschlagnahmt wurde, zurückzugewinnen. Bisher allerdings ohne Erfolg. Auch nach der Vereinigung ist es der „IG-Farben-AG in Liquidation“ nicht gelungen, früheren Besitz per Gericht einzuklagen.

 

Autorin:                    Kurt Goldstein, der Vizepräsident des internationalen Auschwitz-Komitees, wurde als KZ-Häftling in einem Nebenlager von Auschwitz unter mörderischen Bedingungen zur Arbeit in einer Kohlengrube gezwungen. Er hält es für einen Skandal, dass auch 50 Jahre nach dem Beschluss über die Auflösung der IG-Farben die Aktiengesellschaft „IG-Farben in Liquidation“ immer noch besteht, obwohl die meisten Zwangsarbeiter oder ihre Angehörigen bisher gar nicht oder völlig unzureichend entschädigt wurden.

 

Regie:                    Take 4

Wenn man ein vernünftiges tun wollte, dann müsste man das Geld dieser IG-Farben in Auflösung nehmen und müsste das in diesen Stiftungsfond geben und müsste möglichst zum Ende dieses Jahres das Geld auszahlen an die überlebenden Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter. Das wäre mal eine deutsche Tat, die dem deutschen Ansehen nützlich wäre und uns nicht wieder als die hässlichen Deutschen darstellen würde, die wir nach dem Zweiten Weltkrieg im Ergebnis der Nazi-Verbrechen waren.

 

 

Autorin:                    Ein anderer ehemaliger KZ-Häftling, der das eigens für das IG-Farben-Werk erbaute Konzentrationslager Monowitz bei Auschwitz überlebte, aber Zeit seines Lebens unter den Folgen des Lagers zu leiden hatte, heißt Hans Frankenthal. Er stammt aus Schmallenberg im Sauerland.

 

Regie:                    Take 5

Wir werden immer weniger. Das ist ja das, wo sich die Bundesrepublik so gut wie die Betriebe, die Zwangsarbeiter beschäftigt haben, die verlassen sich darauf, je länger wir es hinziehen, je länger wir es verzögern, je weniger brauchen wir zu entschädigen. Denn das regelt die Natur automatisch, wir sterben langsam weg.

 

 

Autorin:                    Hans Frankenthal ist Ende vergangenen Jahres im Alter von 73 Jahren gestorben. Auch er war im Auschwitz-Komitee aktiv und seit 1989 bei den sogenannten „Kritischen Aktionären“ der „IG-Farben in Liquidation“. Mit dem Erwerb von Aktien haben sich die Kritiker das Recht verschafft, auf den Aktionärsversammlungen auftreten zu können.

 

 

Regie:                    Take 6

Auf den Aktionärsversammlungen ist immer das, was wir verlangen: wir verlangen von IG-Farben in Abwicklung, das Vermögen, was am Tage der Abwicklung vorhanden war. Wir wollen dieses Geld in eine Stiftung einbringen und den Erhalt der Konzentrationslager Auschwitz und für Überlebende, die sich in großer Not befinden.

 

 

Autorin:         Das sagte der verstorbene Hans Frankenthal. Auch 50 Jahre nach dem alliierten Gesetz ist die IG-Farben immer noch nicht Geschichte.

 

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