Deutschland Radio Berlin

Kalenderblatt

16. Juli 2003

Fritz Bauer wurde vor 100 Jahren geboren

 

Redaktion: Winfried Sträter                               Manuskript: Annette Wilmes

 

 

 

 

Regie:                                             Take 1

Ich habe den Fritz Bauer bei verschiedenen Gelegenheiten kennen gelernt, während Vorträgen, die er gehalten hat, während eines Streitgesprächs. Ich war damals auch ja noch sehr jung, und der Fritz Bauer in seiner kritischen Haltung stand mir irgendwie nahe.

 

Autorin:                                           Das sagt Conrad Taler, inzwischen pensionierter Rundfunkredakteur, der Anfang der 60er Jahre als freier Journalist arbeitete. Fritz Bauer, der hessische Generalstaatsanwalt, war verantwortlich für die Anklageerhebung im Auschwitz-Prozess, der 1963 bis 1965 in Frankfurt am Main stattfand. Damals sagte Fritz Bauer zum Prozessauftakt:

 

Regie:                                             Take 2

Ziel des Verfahrens kann  nicht sein, lediglich rückwärts zu blicken. Es ist die Aufgabe dieser Strafverfahren, neue Werttafeln zu errichten und an der Zukunft mitzuarbeiten. Aus Deutschlands Schutt und Asche ist ein neuer Staat und eine Wirtschaft erwachsen. Auch eine neue menschliche Gesinnung ist notwendig.

 

Autorin:                                           Fritz Bauer gehörte selbst zu den Verfolgten des Nazi-Regimes. Im April 1933 wurde der junge Jurist aufgrund seiner politischen Aktivitäten von der Gestapo verhaftet, in das KZ Heuberg und später in die Ulmer Strafanstalt gebracht, und erst Ende 1933 wieder entlassen. Er musste 1936 nach Dänemark flüchten, wo er in Kopenhagen - wie auch 1943 in Schweden - in politischen Exilkreisen aktiv wurde. Gemeinsam mit Willy Brandt gründete er in Schweden die Sozialistische Tribüne als theoretisches Organ der sozialdemokratischen Partei im Exil.

Nach der Befreiung kehrte Fritz Bauer 1945 nach Dänemark zurück und lebte bis 1949 in Kopenhagen. Dann remigrierte er mit Unterstützung Kurt Schumachers nach Deutschland. Ein Jahr später wurde er zum Generalstaatsanwalt am Oberlandesgericht in Braunschweig ernannt, 1956 zum hessischen Generalstaatsanwalt in Frankfurt am Main. Er war maßgeblich daran beteiligt, dass der Eichmann-Prozess in Jerusalem zustande kam. Und dann sorgte er dafür, dass die Täter von Auschwitz, Ärzte, Sanitäter, SS-Wachpersonal, in Deutschland vor Gericht gestellt wurden. Fritz Bauer, der selbst Opfer gewesen war, ließ sich als Chefankläger nicht von Rachegedanken leiten, er sprach vielmehr von einer „neuen menschlichen Gesinnung“.

 

Regie:                                             Take 3

Sie muss sich, glaube ich, wie ein Vogel Phoenix aus der Hölle von  Auschwitz erheben und in unserem Auschwitz-Prozess deutlich werden. Nicht mit zu hassen, mit zu lieben bin ich da, hat der Dichter gesagt. Das sollte in diesem Prozess gelernt werden.

 

Autorin:                                           Fritz Bauer, der verantwortlich für die Anklage war, aber nicht selbst in der Verhandlung auftrat,  wurde wegen des Prozesses angefeindet und war  wüsten Beschimpfungen ausgesetzt. Daran und an die zunehmende Verbitterung  Fritz Bauers erinnert sich Conrad Taler, der damals als junger Journalist den Auschwitz-Prozess beobachtete.

 

Regie:                                             Take 4

Seine Verbitterung rührte aus der Enttäuschung darüber, dass ihn seine nächsten politischen Freunde, er war ja Sozialdemokrat, nicht unterstützt haben. Als er damals die Meinung vertreten hat, er sei nicht sicher, ob nicht ein neuer Hitler in Deutschland wieder eine Chance hätte, da ist als erster der Sprecher des SPD-Vorstandes, Franz Barsig, über ihn hergefallen.

 

Autorin:                                           Fritz Bauer  hatte sich schon vor Beginn des Auschwitz-Prozesses einen Namen gemacht. Er war für Strafrechtsreformen eingetreten, für eine humanen Strafvollzug und für die Vergangenheitsbewältigung. Von all diesen Dingen wollte man in den 50er Jahren in der Bundesrepublik Deutschland nichts wissen. Nur bei einem Teil der Jugend kam der Jurist mit seinen fortschrittlichen Ideen gut an. Als der Landesjugendring in Rheinland-Pfalz einen Vortrag Bauers über die Wurzeln nationalsozialistischen Handelns an den Schulen verteilen wollte, hat das der damalige Kultusminister verboten. Daraufhin sollte ein öffentliches Streitgespräch in Bad Kreuznach stattfinden, zu dem aber der Kultusminister selbst nicht erschien, erinnert sich Conrad Taler:

 

Regie:                                             Take 5

Er hat zwei junge CDU-Abgeordnete geschickt, einer davon, ein Pfeifenraucher mit dunklem Haar, ich sehe ihn noch deutlich vor mir, der den Fritz Bauer während dieser Diskussion sehr massiv attackiert hat. Fritz Bauer war eine ehrwürdige Erscheinung, das war ein weißhaariger Herr, und da stand so ein junger Mann, der war so knapp dreißig, der ihm dann gesagt  hat, es sei doch noch viel zu früh für ein abschließendes Urteil über den Nationalsozialismus. Und das war der spätere Bundeskanzler Helmut Kohl.

 

 

Autorin:                                           Fritz Bauer hat unter den Anfeindungen gelitten. Auch der Verlauf des Auschwitz-Prozesses hat ihn nicht unberührt gelassen. Vor allem das Verhalten der Angeklagten, die sich ohne ein Zeichen der Reue die erschütternden Aussagen der überlebenden Zeugen anhörten, setzte ihm zu. Fritz Bauer sagte zur Zeit des Auschwitz-Prozesses in den 60er Jahren:

 

Regie:                                             Take 6

Ich muss Ihnen sagen, die Welt würde aufatmen, nicht nur die Staatsanwälte in Frankfurt, ich glaube, Deutschland würde aufatmen und die gesamte Welt und die Hinterbliebenen derer, die in Auschwitz gefallen sind, und die Luft würde gereinigt werden, wenn endlich einmal ein menschliches Wort fiele.

 

Autorin:                                           Mit dem Auschwitz-Prozess gewann die Auseinandersetzung mit dem Holocaust in Deutschland erstmals eine öffentliche Dimension.
Ein weiterer von Bauer geplanter Prozess gegen die Teilnehmer einer reichsweiten Justizkonferenz von 1941, den Erfüllungsgehilfen der „Euthanasie“ – Morde, fand nie statt.  Denn am 1. Juli 1968 starb Fritz Bauer in seiner Wohnung in Frankfurt am Main im Alter von nur 65 Jahren.

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